Kulturzeit feiert Christian Martys Lobpreisung der Idiotie

Cécile Schortmann im Gespräch mit Christian Marty über Narren in der Gegenwart, Kulturzeit, 5.6.2020

Hans Blumenberg, Das Lachen der Thrakerin. Eine Urgeschichte der Theorie, Frankfurt am Main 1987

Platon, Θεαίτητος

I

Die Verkündung:

„Kulturzeit-Gespräch mit Ideenhistoriker Christian Marty über die Rolle des Idioten und seine Übertragbarkeit und Bedeutung in der heutige Zeit.“

Wir gratulieren zu dem herrlichen Deutsch in obigem Satz.

II

Zur Begründung:

Auf die Frage: „Was macht für dich Kulturzeit aus“ antwortet Moderatorin Cécile Schortmann:

„… dass sie immer wieder Anspruch zeigt, dass sie Ansporn ist, die Auseinandersetzung geradezu fordert, dabei aber überhaupt nicht trocken ist, sondern immer wieder Lust macht auf Kultur und ihre verschiedenen Bereiche.“

Mittelmaß feiert Mittelmaß.

Das macht Lust! Also feiert die Kulturzeit denn (auch) Christian Marty, hurrah!, den frisch gekürten Hohepriester der Idiotie. Gilt es doch, nachdem die alten Götter mit Hölderlin pünktlich zu dessen 250. Geburtstag wieder mal (wie bereits in Denis Scheck empfiehlt: „Hölderlins Geister“ berichtet) ins Grab gefegt wurden, neue Götter zu etablieren. So also nun die Idiotie, der freilich – wie all den durch die Kultur-Bespaßungsindustrie hochgekochten: ach so super-modernen, ach so super-aktuellen Göttern und Göttinnen – nur höchst beschränkte Aufmerksamkeits-Zeit (sprich nach Maß(-einheit) einer einzigen Sendung) immanent ist. Mit Heidegger zu sprechen: Der Verfallenheit an das Man eignet das Besorgte in Abhängigkeit vom (vom Dasein aus gesehen) je-meinigen Neuigkeitsgrad: Das je Besorgte begegnet in der Alltäglichkeit im Modus der Verfallenheit. (Siehe Sein und Zeit, § 27) — Ein Zeitlichkeitsaspekt, der bei Heidegger gleichwohl zu wenig thematisiert wurde…

III

Das Gespräch:

Nachfolgend sei der Beginn des Interviews mit Marty wortgetreu widergegeben.

C. Sch.: „Sie sehen darin [im Idiotsein] eine aktuell notwendige Qualität. Wieso?“

Ch. M.: „Nun, wenn der Idiot derjenige ist, der nicht mitläuft, dann finde ich das natürlich eine super Sache. Ich finde schon, es ist eine sehr auszeichnende Sache, eine herausragende Qualität, wenn man nicht mitläuft, nicht mitmacht, auch die Fähigkeit besitzt, mal irgendwo quer zu stehen.“

Toll nicht? Dieses quasi-göttliche Reflexionsniveau!!

C. Sch.: „Wo besteht denn ihrer Meinung nach zu viel Mitläufertum?, zu viel Konformismus?“

Ch. M.: „Gut, ich meine, das ist eine sehr große Frage, nicht. Da kann man über viele Kontexte reden, zum Beispiel über politische Kontexte, ökonomische Kontexte, auch über kulturelle, akademische, wenn man so will, intellektuelle Kontexte. Ich denke, es gibt immer wieder Situationen, wo jemand zum Beispiel im politischen Umfeld nicht der Parteilinie treu ist; und dann heißt es dann gleich: o. k., also, das ist daneben, man soll nicht durchgehen lassen. Oder dann im ökonomischen Umfeld, wo jemand nicht mitmacht bei der Unternehmenslinie und zum Beispiel sich einer Effizienzmaxime nicht unterwerfen will. Also im akademischen, intellektuellen Milieu ist es meines Erachtens oftmals so, dass man eine bestimmte Linie verfolgen muss und wenn man das nicht tut, so kann man das zwar tun, doch ist es dann oft mit negativen Konsequenzen verbunden.“

IV

Die vermeintliche Erkenntnis:

Marty definiert den Idioten also als Nicht-Mitläufer.

Abgesehen davon, dass diese Definition mit dem aus der politischen Philosophie der Griechen stammenden Begriff nichts, aber auch gar nichts zu tun hat (siehe als einen Beleg das nachfolgende Blumenberg-Zitat), liefert der intellektuelle Milchbubi Marty nur Phrasengedresche. Mit Platon gesprochen:

„καὶ ταῦτα πάντ‘ οὐδ‘ ὅτι οὐκ οἶδεν, οἶδεν“ — Und [doch] weiß er nicht mal, dass er nicht weiß, über all das, worüber [er quakt]. (Theaitetos, 173e)

V

Zur Grundlegung der Theorie:

Konfrontieren wir nun Martys Gequake mit Blumenberg.

In Das Lachen der Thrakerin verfolgt er die Anekdote des in den Brunnen gefallen Proto-Philosophen Thales durch die Geschichte der abendländischen Kultur. Er beginnt mit Platon, da dieser uns die Anekdote (gem. Quellenlage) zum ersten Mal berichtet: Thales soll

„als er um die Sterne zu beschauen, den Blick nach oben gerichtet in den Brunnen fiel, eine artige und witzige thrakische Magd [eher: Sklavin…] verspottet haben“… (Theaitet, 174a; in der Übersetzung von Schleiermacher)

Dabei kommt er u. a. auf die Figur des Idioten/der Idiotin zu sprechen

„Plato liebte die Figur [der Thrakerin], die erst durch Tertullian als die des Idiota typisiert und durch Nikolaus von Cues zum Funktionär der docta ignorantia gemacht werden wird; der Sklavenknabe im »Menon« belegt es, die Figur des Pamphyliers im Schlussmythos der »Politeia« ein anderes Mal. Bei der Thrakerin geht es nicht nur um eine Art verständiger Unverständlichkeit.

Platonisch-sokratische Ironie pur!

Aus Thrakien kamen zwei benannte Figuren der hellenischen Welt: der Gott Dionysos mit dem Beinamen Chthonius, der Unterirdische, und der Sklave Äsop, der die Fabel mitbrachte, nach anderen ein Phryger.“ (Blumenberg, S. 34; im Original kein Fettdruck)

Aus dieser kurzen Passage erhellt zureichend die Differenz zwischen einem vom Kulturzeit-Mittelmaß zum Gott hochstilisierten Quacksalber und einem belesenen, sorgfältig und anspielungsreich argumentierenden Philosophie-Professor. Blumenberg zu lesen ist ein immerwährendes intellektuell-amüsantes Vergnügen. Marty zu hören ist Zeitverschwendung.

VI

Zur Schlichtheit der Seele:

Später, im Kapitel Umbesetzungen, geht Blumenberg ausführlicher auf Tertullian ein. Hier heißt es über die thrakische Magd:

„Sie nimmt etwas vorweg, was bei Tertullian an die Stelle der griechischen Autorität [der Philosophen] tritt: die ›schlichte Seele‹, seine anima idiotica„. (eb., 45)

Schlichte Seelen erkennen schlichte Seelen als ihresgleichen,

preisen sich in gegenseitiger Hochschätzung und

versichern sich denn gemeinsam ihres Götzen: Idiotie.

Hoch lebe das Kulturzeit-Team!

 

 

 

 

Denis Scheck empfiehlt: „Hölderlins Geister“

Karl-Heinz Ott: Hölderlins Geister, München 2019

Denis Scheck, Denis Scheck empfiehlt: „Hölderlins Geister“, Video, in Druckfrisch (ARD), 26.1.2020

Rüdiger Safranski, Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus. Biographie, München u. Wien, 2004

Martin Heidegger, „Andenken“, in Ders., Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung, Frankfurt a. M., 72012, S. 79-151

Also spricht Denis Scheck:

„Friedrich Hölderlin ist Deutschlands größter Dichter.

Wirklich?

Was ihn dazu macht, das untersucht Karl-Heinz Ott

der große Forscher, der Hölderlin-Kenner, der neue Literaturpapst gar? — Hurrah! Jubelt, ihr Dumpfbacken. Ein neuer Reich-Ranicki ist uns geboren! Erleuchte uns, oh du göttlicher Ott!

in seinem brillanten

Frohlocket, ihr geistig Armen, denn euer ist das Himmelreich

Essayband „Hölderlins Geister“. Friedrich Hölderlins Programm: nichts weniger als die antiken Götter zurück auf eine verwaiste Erde zu singen, die das Christentum in ein Jammertal verwandelt hat.

Altbekannt

Hölderlins Überzeugung: „Die Poesie… wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben.“

Altbekannt

Hölderlin führt den Fachidioten und den Mensch zusammen

Hölderlin will in seiner Dichtung die verloren gegangene Einheit wiederherstellen, das Band zwischen Menschen und Göttern neu knüpfen.

Altbekannt

Hölderlins Klage in seinem einzigen Roman „Hyperion“ über die Arbeitsteilung und das Fachidiotentum in den Köpfen ist die Klage aller Jungen bis heute: „Handwerker siehst du, aber keine Menschen. Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt umeinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?“

Altbekannt; alles, alles altbekannt.

Übrigens: Wie so vieles ist auch Hölderlins Kritik am Fachidiotentum von Schiller beeinflusst, worauf Rüdiger Safranski, anschließend obige Hölderlin-Passage zitierend, in seiner meisterhaft geschriebenen Schiller-Biographie hinweist:

„Den Antagonismus der Kräfte bezeichnet Schiller als das große Instrument der Kultur, im gesellschaftlichen Ganzen den Reichtum der menschlichen Wesenskräfte zu verwirklichen und ihn in der großen Masse der einzelnen zu verfehlen. In dieser Analyse wird Hölderlin den Schlüssel zum Verständnis seines Leidens an der Gegenwart finden.“ (Safranski, 412)

Wo aber ist das Neue, noch nicht Entdeckte?

Hölderlin musste für vieles herhalten

Mit großem Einsichtsreichtum,

haha: lediglich Zitat an Zitat reihend – ohne jeglichen Quellenverweis, das hat Gott Ott nicht nötig – doch dafür mit eigenem Zwischengequak

wortgewaltig

soll heißen: Phrasen dreschend

und mit schlagendem Witz

der nur wohlwollendsten Lesern erscheint

wandelt Karl-Heinz Ott auf Hölderlins Spuren

im Niemandsland

Ott interessiert sich in „Hölderlins Geister“

ausschließlich

für das Nachleben Hölderlins seit seiner Wiederentdeckung Anfang des 20. Jahrhunderts. Man hat aus Friedrich Hölderlin so ziemlich alles gemacht, was man mit einem Dichter machen kann. Die Nazis haben ihn als Barden des Tods fürs Vaterland instrumentalisiert. Die 68er feierten den Revolutionär Friedrich Hölderlin. Die DDR reklamierte den Systemumstürzler für sich, die Dissidenten den unangepaßten Freigeist, der sich allen Zwängen entzog.

Stimmt: All das spricht Ott in einem wirren Zitatenbrei an.

Was dabei völlig außen vor bleibt: Was versteht Hölderlin unter „Geistern“? Was seine Zeitgenossen: Schiller? Goethe? Inwiefern unterscheidet sich sein Ansatz von deren Auffassungen? Welche Bedeutung hat das Wort Geister in der Metaphorologie Hölderlins? Wie ist es eingewebt in sein Denken und Dichten?

So lange all das nicht geklärt ist, ist Otts Geschwafel sinnlos, bodenlos.

Ott hält Hölderlin lebendig

Ott hält Hölderlin lebendig,

Danke, aber dazu brauchen wir Otts pseudo-intellektuelles Gequake nicht.

in dem er zum Beispiel über den Gebrauch des Wortes „aber“ in Hölderlins Dichtung nachdenkt. „Immer wieder das Wörtchen Aber. Jedes Mal horcht man auf, wie Kinder. Jedes Aber lässt an die Bibel denken …“, so Ott.

Ganz große Leistung: abgekupfert von Heidegger – und was darüber hinaus geht: nur blaba.

Sicher gilt aber mit Friedrich Hölderlin bis heute: „Was bleibet aber,

auch bei diesem „aber“ gilt laut Ott und Scheck: ausschließlich an die Bibel denken!

stiften die Dichter.“

Inwiefern?

— Ganz anders die Interpretation Heideggers des Gedichts Andenken, dem obige 2 Zeilen entnommen sind:

Was bleibet aber

stiften die Dichter.

„>Andenken< ist eine einzige in sich gefügte Fuge des aber, die das Wort des Rätsels nennt, als welches das Reinentsprungene im Ursprung bleibt. Dichten ist Andenken. Andenken ist Stiftung. Das stiftende Wohnen des Dichters weist und weiht dem dichterischen Wohnen der Erdensöhne den Grund.“ (Heidegger, 151) —

Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue,

wirklich?

und

kaufen, äh

lesen Sie Karl-Heinz Otts „Hölderlins Geister“, erschienen im Hanser Verlag.“

Herzlichen Glückwunsch, liebe Zu-Ende-gelesen-Habende: Nun sind Sie fast genauso schlau oder blöd als vorher. Sie glauben es nicht? Machen wir den Test: Was von all dem Gequake Otts haben Sie denn behalten?

Und sofern Sie vor dem Lesen über ein wenig Vorbildung verfügt haben sollten: Was haben Sie denn Neues gelernt?

Nichts?

Freuen Sie sich: dann sind wir schon zu zweit…

Donatella Di Cesare: Antisemitismus in der deutschen Philosophie (von Luther zu Hitler)

Frog1(Donatella Di Cesare, Heidegger, die Juden, die Shoah, Frankfurt a. M., 2016)

Im zweiten Kapitel (47-109) ihres höchst lesenswerten Buchs thematisiert Donatella Di Cesare Die Philosophie und der Hass gegen die Juden (nachdem sie im ersten Kapitel – mit Titel Zwischen Politik und Philosophie – zunächst auf die neuere Heidegger-Rezeption eingegangen war.

Es ist erschreckend, bei Di Cesare nochmals nachzulesen/nachlesen zu müssen, wie sich der Antisemitismus nicht nur in der christlichen Religion – gerade in der Reform-Bewegung von Luther, „der als erster die Zerstörung des Judentums gefordert hatte“ (47) –, sondern auch bei Kant und im Deutschen Idealismus (bei Fichte und Hegel) und seiner (Radikal-)Kritik durch Schopenhauer und Nietzsche breitmachte.

Bereits Luther sah die Juden als verlogen und als unbekehrbare „innere Feinde“ an, die zu vernichten seien. (50) Di Cesare zitiert: „das man ire Synagoga oder Schule mit feur anstecke“… (52) Aus heutiger Sicht liest sich das wie die Vorwegnahme der Reichskristallnacht.

Es sind insbesondere die folgenden Zuschreibungen, die immer wieder erhoben und miteinander verquickt werden:

  • Das Judentum als religiös verlogen
  • Das Judentum als Nicht-Religion

Den Vorwurf, dass die Juden Lügner seien, erhebten neben Luther auch Kant, Schopenhauer und Nietzsche. (53) Als Grundlage hierfür nennt Di Cesare die Behauptung (der Hebraisten), dass „das Judentum kein echter Glaube sei.“ (58) Auch Kant ist dieser Auffassung. Di Cesare zitiert:

Das „Judentum […] ist eigentlich gar keine Religion, sondern bloß Vereinigung einer Menge Menschen, die, da sie zu einem besondern Stamm gehörten, sich zu einem gemeinen Wesen unter bloß politischen Gesetzen, mithin nicht zu einer Kirche formten“. (Kant, Die Religion innerhalb…; nach 64)

  • Das Judentum als Staat im Staat / die Juden als politisch verlogen
  • Das Judentum als innerer Feind

Des Weiteren wird das Judentum als das gänzlich Fremde und daher als nicht integrierbarer Fremdkörper in der (werdenden) deutschen Nation stigmatisiert:

„Das Judentum, jene sonderbare, fremde Religion, wird – von Herder bis zu Fichte – zur Religion einer fremden Nation. Dem theologischen folgt unmittelbar das politische Stigma. Die Juden werden als ein Volk angesehen, das einem anderen Kontinent [dem Orient] entstammt.“ (59; im Original keine Hervorhebungen)

Die unterstellte politische Verlogenheit wird (jüngst) u.a.auch von Emmanuel Todd herausgearbeitet:

„Wenn der andere von Natur aus anders ist, kann seine Assimilation nur ein Täuschungsmanöver, ein Trick, eine Lüge oder der Versuch sein, sich in eine gesunde Kultur einzuschleichen, um sie von innen heraus zu verderben.“ (Wer ist Charlie?, Aus dem Französischen von Enrico Heinemann, München 2016, 88)

Dabei wird der sonst gern ins Spiel gebrachte Grundsatz ex oriente lux auf die Juden gerade nicht (vs. in dubio pro reo) angewandt.

Luthers Verdikt, dass die Juden innere Feinde seien, werde, so Di Cesare, von denjenigen (wieder) aufgegriffen, die auf die „kompromisslose Durchsetzung des deutschen Nationalismus“ drängten. (60) So insbesondere von Fichte, der die jüdische Nation als einen Staat im Staate betrachtet und „zum ersten Mal die Idee einer jüdischen Weltverschwörung angedeutet“ habe. (60)

Grundlage dieser Auffassung könnte folgender, von Kant vertretener Argumentationsstrang sein:

Das Judentum bilde, so Kant, die „unterste Stufe“ in der Hierarchie aller „historischen Religionen“. (62) Dabei sei das „Judentum […] eigentlich gar keine Religion, sondern […] ein bloß weltlicher Staat [… mit dem] politische[n] Glaube[n…], ihn [den Staat] (bei Ankunft des Messias) wohl einmal wiederherzustellen.“ (Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen…, 789f; nach 64)

Ausschlaggebend für die Negativwertung des Judentums ist demnach also die Unterstellung, dass die Juden eigentlich einen eigenen Staat wollten, dies aber verleugneten, indem sie nur so täten als ob sie Bürger des deutschen Staates seien. [Vgl. Dolchstoßlegende]

Fichte war wohl der erste, der dann das Ariertum als Gegenbegriff in den Diskurs über das Judentum einbrachte, indem er einen ursprünglich arischen Christus von einem abkünftig asiatischen unterschieden (61) und diese Differenz politisch gedeutet habe:

„Für die Deutschen beansprucht Fichte sowohl das Recht, das Erbe dieses ursprünglichen Christentums anzutreten, als auch die Aufgabe, es zu arisieren und in eine politische Mission zu übertragen.“ (61)

  • Die Juden als Volk von Betrügern
  • Die Juden als Volk unredlicher Kaufleute

Warum Kant bei Di Cesare erst nach Fichte untersucht wird, ist in ihrem Buch nicht näher ausgeführt.

Ein Aspekt, der von Anfang an mit virulent war, wird von Kant gar anthropologisch verankert: Für Kant sind die Juden „eine Nation von [moralisch betrachtet] Betrügern“: (Kant; nach 67)

„Die unter uns lebenden Palästinenser [!!] sind durch ihren Wuchergeist seit ihrem Exil, auch was die größte Menge betrifft, in den nicht unbegründeten Ruf des Betruges gekommen. [… Sie seien als] eine Nation von lauter Kaufleuten zu denken, deren bei weitem größter Teil […danach trachte, seinen] Verlust durch die Vorteile der Überlistung des Volks, unter dem sie [die Kaufleute] Schutz finden, und selbst ihrer untereinander, ersetzen [zu] wollen.“ (Kant, Anthropologie in pragmatischer…, 517f; nach 66f)

  • Das Judentum als perfide
  • Das Judentum als Sklavenmoral

Hegel thematisiert – ob bewusst oder unbewusst, bleibt offen – dieselben Vorurteile wie Fichte. Hegel zufolge

bringe der Jude „die Verheißung, versteht sie aber nicht. Er verrät sie sogar, indem er auf seinem Unglauben gegenüber dem Glauben beharrt, den er nicht anerkennen kann. Deshalb die Anschuldigung der Perfidie.“ (71; Hervorhebung im Original kursiv)

Das Judentum sei der Dialektik des Zu-sich-selbst-kommens des Geistes (d.h. in Freiheit) nicht fähig:

„Auf den drei Stufen, auf denen es [das jüdische Volk] sich allmählich bildet, Abrahams Schnitt, dem Exodus aus Ägypten, der Auferlegung des Gesetzes durch Moses, stellt sich seine Freiheit dreimal als Sklaverei heraus.“ Doch: „für ein Volk, das auch in dem Moment, in dem es frei wird, sich weiter als Sklave bestimmt, kann es keine Hoffnung geben.“ (77)

Das Judentum habe, so die Schlussfolgerung, vor dem τέλος der Geschichte kapituliert.

  • Das Judentum als Urgrund der christlichen Sklavenmoral
  • Die Juden als die Fälscher alles Natürlichen

Für den sich zum Antichrist gemauserten Pfarrerssohn Nietzsche ist das „Christentum […] eine Erfindung der Juden.“ (89) Nietzsche wende sich daher nicht nur gegen das Christentum, weil es Sklavenmoral predige, sondern auch gegen das Judentum als die Grundlage der christlichen Sklavenmoral. Er „bezichtigt [die Juden], ihn [Jesus] hervorgebracht zu haben.“ (89) Ähnlich wie für Hegel sind für Nietzsche, so suggeriert Di Cesare, die Juden „in der Geschichte die Gestalt der Entfremdung selbst.“ (91) Denn „ihr Geist [habe] sich zum starren priesterlichen Codex versteinert“: (91)

Im Antichrist schreibt Nietzsche:

„Die Juden sind das merkwürdigste Volk der Weltgeschichte, weil sie, vor die Frage von Sein und Nichtsein eingestellt, mit einer vollkommen unheimlichen Bewusstheit das Sein um jeden Preis vorgezogen haben: dieser Preis war die radikale Fälschung aller Natur, aller Natürlichkeit, aller Realität, der ganzen inneren Welt so gut als der äußeren.“ (Nietzsche, Der Antichrist, §24; nach 100)

Damit sind die Juden als widernatürlich gebrandmarkt. In Anschluss an Nietzsche sahen die Nazis es dann als ihre geschichtliche Aufgabe, die (vorgeblich von den Juden betriebene) Umwertung alles Natürlichen in Widernatürlichkeit radikal zurückgängig zu machen: Durch Auslöschung der Fälscher:

„Der Nationalsozialismus hat sich berufen gefühlt, die uralte Wertordnung wiederherzustellen: Hatte das Judentum, auch in seiner letzten Version, und zwar im Christentum, die Natur gefälscht und so eine extreme Entartung verursacht, so sei es nun nötig, zur Natur zurückzukehren, die Umwertung rückgängig zu machen und die Verantwortlichen, die Fälscher, auszulöschen.“ (101)

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