W. Lübcke, Märtyrer von Nazi-Gnaden

Verena Glanos und Joana Voss, Urteil im Mordfall Lübcke, Kulturzeit, 28.1.2021

Ade, Walter Lübcke

Verena Glanos und Joana Voss beginnen ihren Kulturzeit-Beitrag mit der Einblendung eines Zitats des Ermordeten:

„Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten.“ (im Original sogar in Großbuchstaben)

Im Anschluss daran behaupten sie:

Walter Lübcke zahlte sein Eintreten für Werte mit dem Leben.“

Was auffällt, ist die mangelnde Reflexionsbereitschaft: sowohl auf Seite des Ermordeten als auch auf Seite der ihn Glorifizierenden. Beiden Seiten sei gesagt: Für Werte eintreten ist kein Ausweis von Gut-heit (oder Bös-heit). Auch der Mörder hat Werte; und auch er möchte, dass es sich lohnt, in unserem Land zu leben

Also:

kommt es darauf an, die Werte, für die man/frau (jeweils) eintritt, a) zu bestimmen und b) zu begründen, und zwar — nach demokratischer Gepflogenheit — in einem (nach Möglichkeit herrschaftsfreien) Diskurs. Denn was die wahren Werte sind, steht nicht a priori fest und kann — nach Kant — durch reine spekulative Vernunft gar nicht a priori entschieden werden. — Wertsetzung ist, wenn sie überhaupt in der Macht der (reinen praktischen) Vernunft liegt, ein Akt der Freiheit. — Es ist also ein Diskursverfahren nötig. Doch diesen Diskurs verweigerte Lübcke und verweigern alle, die ihn zu einer Märtyrerfigur aufbauen.

— Ein Märtyrer mag (der zu Lebzeiten wenig bekannte Provinzpolitiker) Lübcke durchaus sein, aber das ist nicht die zunächst und hier entscheidende Frage.

Die Grundfrage lautet vielmehr: Welche Werte sind es, für die Lübcke eintritt?

Nun könnte man/frau wie die Autoren sagen:

„christliche Weltanschauung und flüchtlingsfreundliche Politik“.

Doch sind das überhaupt Werte? Und welche Bedeutung haben diese Werte in der deutschen Gegenwartsgesellschaft?

Dazu drei Anmerkungen:

1) Sind christliche Werte — wie immer sie konkret gefasst sein mögen — überhaupt mehrheitsfähig?

Dass das Christentum zunehmend an Bedeutung verliert — auch dank der hunderttausenden zugeströmten islamistisch sozialisierten Flüchtlinge und der Millionen türkischer und türkisch-kurdischer Einst-„Gastarbeiter“ und deren Nachkommen und Nachgezogenen — ist (völlig wertfrei betrachtet: der bloßen Anzahl nach) Fakt. Ob christliche Werte (überhaupt) noch mehrheitlich Relevanz besitzen, ist also fraglich. Fraglich ist folglich auch, ob diese Werte Politik (überhaupt noch) legitimieren, ja oktroyieren dürfen.

2) Ist flüchtlingsfreundliche Politik überhaupt ein Wert?

a) geschichtlicher Legitimierungsversuch:

Im altgriechisch-römischen Kontext — der ja gern pauschal (!) zur Werteabsicherung herhalten muss — mit Sicherheit nicht: In den griechischen Stadtstaaten waren nur Fremde, d.h. Griechen aus anderen Städten geduldet, wenn sie Steuern zahlten (!) und Barbaren, wenn überhaupt, nur als Sklaven. Im Imperium Romanum war das ähnlich. Da also die Begründung unter Verweis auf die griechisch-römische Tradition versagt, bleibt unter Bezug auf geschichtliche Legitimation nur der Rekurs aufs Christentum. Und dass christliche Herrscher des Mittelalters mit Nicht-Landsleuten, insbes. Nicht-Christen nicht gerade lieb und fürsorglich umgegangen sind, ist ebenfalls Fakt. Auch in der Moderne hat sich am Abgrenzungsgrundsatz grundsätzlich nichts geändert. Die Gründung und Selbstbehauptung der Nationalstaaten machte die Differenz zu den je anderen gar zur Voraussetzung. (Im Frei-Klein-Staat Bayern sagt man/frau gern: Mia san‘ mia.)

b) politischer Legitimierungsversuch:

Also bleibt statt geschichtlicher Legitimation nur der Blick auf die Politik der Vor- und Nach-Weltkriege-Zeit. Damit sind wir beim Lieblingsthema der Gutmenschen. Ein Guter zu sein, Gutmensch zu sein heißt für sie: aus dem Holocaust gelernt zu haben — in christlicher Diktion gesprochen confiteor: mea culpa, mea maxima culpa!! — und alles Nationale so weit möglich zu nihilieren und delegitimieren. Und so kommt es zu der bekannten Umwertung der Werte. Die Fremden und damit ihr Fremd-sein wird zum Wert an sich erhöht und erhält den Primat gegenüber dem ihm Entgegengesetzten, also dem Nicht-Fremden, dem Eigenen, das entsprechend abgewertet wird. (Wobei gar nicht darüber nachgedacht wird, was das Eigene denn überhaupt sein könnte!)

3) Wie demokratisch ist Lübckes Statement?

Das von den Autoren Glanos und Voss verkürzte Zitat Lübckes geht im Originalwortlaut wie folgt weiter:

„und wer diese Werte nicht vertritt, kann jederzeit das Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist.“

Typisch Gutmensch: Statt in einen Diskurs einzutreten, verweigert Gutmensch Lübcke den Diskurs. Noch schlimmer: Er wertet alle Deutschen, die nicht seiner Ansicht sind, als unwert ab, in Deutschland zu leben. Er will nicht mit ihnen reden, er will sie nicht sehen, er will nicht mit ihnen zu tun haben. Er will, dass sie das Land verlassen. Er will die Diktatur der Gutmenschen.

Welch ein Demokrat, der da hofiert wird.

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