Zum Kuschen genötigt

(Alexandra Berlin, „Ein Syrer erklärt mir ganz ruhig: ‚Hitler ist bei uns ein Held‘, er weiß nicht, dass ich Jüdin bin“, ZEIT, 18.1.2018, 54)

Der letzte Absatz in Alexandra Berlins Erfahrungsbericht lautet:

„Mein Bruder war kürzlich auf eine Party eingeladen, zu der auch syrische Flüchtlinge kommen sollten. Kurz vorher rief die Gastgeberin an: ob er an dem Abend verschweigen könne, dass er Jude sei? Sie wolle auf ihrer Feier keinen Stress. Mein Bruder hat eingewilligt.“

In diesen wenigen Zeilen kann man/frau exemplarisch, aber wunderbar pointiert studieren, was in der Flüchtlingsdebatte schief läuft. Wenn die Gutmenschen sich entscheiden, Stellung beziehen sollten bzw. müssten, so entscheiden sie sich vornehmlich für das heile Welt-Spiel. Also sprach der Gutmensch:

Sind ja alle so süß, die ach so süßen Flüchtlinge. Probleme mit Antisemitismus? Nein, natürlich nicht! Wir und die, wir sind doch alle multikulti, voll tolerant. Und wenn mal doch nicht, so sind dies alles doch nur – zwar bedauerliche, aber doch höchst rare Einzelfälle. Wir wollen doch nicht pauschalisieren, nicht wahr? Nein, das könnt ihr mit uns nicht machen: uns Islamophobie vorwerfen. Ne, da sei der Teufel vor.

Und damit das ja auch so bleibt, wird alles, was den lieben Frieden stören könnte, a priori weggeblendet. Politisch korrekt weggefiltert. Das, was übrig bleibt, nennt man/frau dann euphemistisch gewendet herrschaftsfreien Diskurs. Und wieder mal gibt WillkommenskulturÜbermutti der Nation das Sprach-Setting vor:

Angela Merkel sagt zwar öffentlich, dass sie Antisemitismus unter Flüchtlingen nicht toleriere. Aber sie unternimmt nichts, um ihn zu bekämpfen. Es gibt kein Programm, noch nicht einmal eine ernsthafte Debatte.“ (im Original kein Fettdruck)

Aber bitte: wir sind doch tolerant.

Besonders traurig aber stimmt, dass bei diesem Unterwerfungs-Spiel mittlerweile auch die mitmachen und kuschen, gegen die gehetzt wird.

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Die Islamisten, die Gutmenschen und das Islamophobie-Sprachspiel

(Richard Gutjahr, „An Deiner Stelle würde ich mir in die Hose scheissen, dass meiner Tochter auch mal was passieren könnte.“, ZEIT, 18.1.2018, 6)

(Rassismusvorwürfe nach „Kameltreiber“-Rede, ZEIT online, 15.2.2018)

Journalist Richard Gutjahr, nach eigener Aussage „Augenzeuge des Terroranschlags in Nizza“, was in den sozialen Medien zum Teil vehement bestritten wird, leidet seit damals unter Angriffen von Truthern. Truther: das sind (nach Definition Gutjahr) „die Wortführer, die Verschwörungstheoretiker“, die meinen, nicht nur die Wahrheit zu kennen, sondern sie auch gegen all die, die sich gegen sie verschworen haben, durchsetzen zu müssen; sie wähnen sich im Recht, im Kampf des Guten gegen das Böse das Gute, für das sie stehen, durchsetzen zu dürfen, ja müssen.

Ein Schelm, der dabei nicht an den IS denkt oder an die diversen, zum Teil selbst ernannten, Islam-(Verbands-)Führer und die von ihnen Geführten, die sich, obschon sie untereinander zum Teil heillos zerstritten sind, in einem Punkt Einigkeit demonstrieren: Sie behaupten, von aufmüpfigen kuffār bedroht zu sein. Und so werfen sie all ihren Kritikern vor, auf islamistische Schandtaten, mit denen sie selbstredend nichts zu tun haben, islamophob (über-)zureagieren.

Dieser Vorwurf verfehlt seine Wirkung nicht. Kein Gutmensch, der ja per se multikulti eingestellt ist, der sich vorwerfen lassen will, islamophob zu sein. Denn islamophob ist doch das Gegenteil von multikulti. Gemäß des Grundsatzes Nicht sein kann, was nicht sein darf heißt das: Von Islamisten begangene Gräueltaten sind die Taten einzelner, fehlgeleiteter Individuen, Psychopathen. Alles halb so schlimm. Die Ausnahme ist lediglich die Bestätigung der Regel. Die Flüchtlinge mit ihrem Primitiv-Islam sind eine Bereicherung. Jawohl! Und wehe dem, der dem widerspricht: Der wird mit dem Vorwurf islamophob zu sein in die rechte Ecke gestellt. Schande über ihn!

Ganz anders die Gutmensch-Argumentation, wenn es darum geht einen, der der Gruppe der in der rechten Ecke Stehenden (per Vorverurteilung) bereits zugewiesen ist, sich unflätig äußert. Beispiel die Aschermittwoch-Rede des AfD-lers André Poggenburg, in der er

„Türken in Deutschland als „Kümmelhändler“ und „vaterlandsloses Gesindel“ bezeichnet. „Diese Kameltreiber sollen sich dorthin scheren, wo sie hingehören, weit, weit, weit, hinter den Bosporus, zu ihren Lehmhütten und Vielweibern. Hier haben sie nichts zu suchen und zu melden““ (ZEIT online)

Hier ist dann nicht mehr von einem Einzeltäter die Rede. Vielmehr wird das Verhalten dieses einzelnen und damit seine Widerlichkeit zu einem Vorwurf pars pro toto: AfDler per se sind böse. So äußerte sich beispielsweise

Aydan Özoğuz, die auch [!!] Integrationsbeauftragte der Bundesregierung ist [und deren Brüder bekennende Islamisten sind, was freilich nie erwähnt wird], warf Poggenburg vor, sich „außerhalb unserer demokratischen Grundordnung“ zu stellen. [Um dann zum Pauschalurteil überzuleiten:] „Der bürgerliche Putz der AfD bröckelt immer stärker, ihr Fundament ist braun“, sagte Özoğuz ebenfalls dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.“ (ZEIT online; im Original kein Fettdruck)

Dabei hätte Özoğuz durchaus die Möglichkeit gehabt, die AfDler als Gruppe anzugreifen: da das Publikum seinem Redner applaudierte und sogar „Abschieben!“ forderte.

Ach, was wären all die Meinungsführer von rechts wie links qua Amt ohne die, die ihnen wie Hammel hinterher traben und mit-blöken.

Über das weite Feld der Mitläufer schreibt Gutjahr:

„Der Großteil derer, die Truther- und Hass-Videos liken oder teilen, sind harmlose Mitläufer. Doch man sollte ihre Rolle nicht unterschätzen. Erst dadurch, dass sie den Hass weiterverbreiten, werden die Wortführer in die Lage versetzt, Macht über ihre Verleumdungsopfer zu gewinnen.“

Ach, ihr Gutmenschen, die ihr euch über die AfDler so herrlich in Rage reden könnt. — Eure Scheinheiligkeit ist mittlerweile so eklatant, dass euch immer weniger glauben: Nach Umfragen derzeit 15 Prozent für die AfD. Das habt ihr (mit) zu verantworten. Und je mehr ihr Probleme leugnet, schön redet, umettiketiert, desto mehr wächst die Gruppe derer an, die von euch rechts verortet wird und die dann bei nächster Gelegenheit per Wahlzettel gegen euch aufbegehren…

Am Fall Özoğuz kann man zudem lernen, wie frau trotz islamistischer Familien-Vorbelastung zur Sauberfrau wird. Gutjahr zeigt das Argumentationsmuster auf:

Argumentationstrick: sich selbst zum Opfer stilisieren

„Tatsächlich gelingt den Hass-Tätern ein erstaunlicher Trick, den ich schon oft bei meinen Bemühungen, mit den Mitläufern zu kommunizieren, beobachtet habe: die Anführer suggerieren ihren Anhängern, nicht Täter, sondern Opfer zu sein.

[Im Fall von Özoğuz geht das so: Ich bin eine (bekennende) Muslima. Habt mich gefälligst lieb, ihr kuffār! Und falls ihr mich nicht lieb habt, so sage ich euch geradeheraus: Das macht ihr nur, weil ich Muslima bin. Pfui! Ihr seid ja islamophob! Schande über euch! Möget ihr im Höllenfeuer schmoren, wie Allah es für euch vorbestimmt hat!! –– Sie sehen, es ist höchst belebend, sich aus der eigenen Opferrolle heraus echauffieren zu können:]

Das senkt die eigene Hemmschwelle und rechtfertigt Hetze als adäquate Selbstverteidigung gegen ein übermächtiges System.“

In Deutschland ist das System, gegen das die mehr oder weniger radikal-fanatischen Moslems aufbegehren, das der zahlenmäßig (noch) überlegenen dhimmi.

Doch zum Glück leben wir Menschen in der Ambivalenz und so gilt Hölderlins Aussage:

Wo aber Gefahr ist, wächst

das Rettende auch.

Und so könnten ja demnächst die Kirchen, die wegen Unterfüllung eigentlich geschlossen werden müssten, husch husch zu Moscheen umgerüstet, umfunktioniert werden. Das bringt Geld in die Kasse der Kirche und spart zudem Ausgaben des Staats. Welch win-win-Potenzial!

Wann werden wir es endlich schaffen, Jenseits von gut und böse zu kommen, um dann in einen herrschaftsfreien Diskurs eintreten zu können. –

Die alten Griechen waren da schon weiter. Ihre Götter waren per se ambivalent angelegt. Kein Schablonendenken in gut und böse, Gläubige und Ungläubige, Paradies und Höllenfeuer (wie im Koran). Und, Frau Özoğuz, die sie ja behaupten, Deutschland habe keine Kultur (außer Deutsch als Sprache), sei entgegnet: Schauen Sie sich mal um in unseren Städten und sie werden sehen…

Den Haupteingang der Universität Freiburg flankieren zwei Statuen: Homer und Aristoteles: Literatur und Wissenschaft fußend in der von den Vorsokratikern kreierten Geisteswelt: Das ist unsere, das ist europäische Kultur(-Tradition). Ihren geistlosen (Primitiv-)Islam (nebst Kodex: Heirat mit 9 Jahren, wie nun auch in der Türkei wieder erlaubt werden soll, Vielehe, Köpfen, Steinigen, etc. und Logik: Analogieschlüsse, die es jedem Taliban durch Zitieren irgendwelcher Koranstellen erlauben, eine Fatwa zu erlassen) brauchen wir wahrlich nicht zur Bereicherung.

Afghanische Mädels, die sich als Jungs ausgeben (müssen)

(Caterina Lobenstein, Royas neue Kleider, ZEIT, 1.2.2018, 6f)

Weit vorn in der ZEIT und über zwei Seiten erstreckt sich ein Artikel über ein „verkleidetes Mädchen“; (6) ein Artikel, der mit Politik, schon gar mit Welt bewegender Politik herzlich wenig, wenn nichts zu tun hat. Zwei Seiten für ein höchst marginales, nach Deutschland eingeschlepptes Rand-Phänomen. Schon seltsam, was Gutmenschen als bedeutsam ansehen. Der Artikel handelt von afghanischen Mädchen (Plural), die als Jungs ausgegeben werden. Ausführlichst geschildert aber wird ein einziger Fall. Und dieser könnte sogar weitgehend Fiktion sein:

„vieles, was Frau Samadi [alle Namen im Bericht/in der Erzählung sind anonymisiert] an diesem Abend erzählt, [ist] nur schwer oder gar nicht [zu] belegen. Es ist ihre ungeprüfte Sicht auf die Dinge.“ (7)

Großartig! Eine journalistische Großtat! Zwei Seiten in einer der angesehensten Zeitungen Deutschlands für ein (welt-)politisch gesehen höchst unbedeutendes, vielleicht sogar spinntisiertes Einzelschicksal.

Hauptakteurin neben dem Mädchen, vorgestellt als Roya Samadi, ist eine Grundschullehrerin, als Elisabeth Vogl bezeichnet, die zu einer Art Heldin des Integrationsalltags hochstilisiert wird. Hurra! Nicht nur, dass „sie im Herbst 2015 einwilligte, eine Klasse mit Flüchtlingskindern zu übernehmen“, „einen der schwierigsten Jobs, die es zur Zeit in Deutschland gibt“!! (6) Zudem erkannte sie als erste das Mädchen in den Jungenkleidern.

Vogl macht sich schlau und stößt auf das Buch

Afghanistans verborgene Töchter: Es geht darin um Mädchen, die sich als Jungs verkleiden. […] Das Buch erzählt von Mädchen, denen es verboten ist, das Haus zu verlassen. Die nicht Fahrrad fahren dürfen, nicht Fußball spielen, keinen Beruf erlernen – weil die Männer es ihnen nicht erlauben. Es geht darin außerdem um das Schicksal von Müttern, die keine Söhne gebären, sondern ausschließlich Töchter. In einigen afghanischen Familien gelten sie als ehrlos, werden von den Nachbarn bedroht und von ihren Männern verlassen. Einige dieser Mütter versuchen, ihre Ehre zu retten, indem sie den jüngsten Töchtern die Haare abschneiden und sie in Hosen kleiden. Sie machen aus ihnen Söhne.“ (6)

Liebe Frau Caterina Lobenstein, auch wenn es nicht in ihr Weltbild passt; — sie müssen gar nicht so weit reisen. Wenige hundert Kilometer außerhalb von Istanbul genügen, um bereits fündig zu werden.

Und auch wenn sie es nicht sagen, verdrängen und abstreiten wollen, Tatsache ist, dass diese Auffassung ur-islamisch ist. Ein wenig Nachhilfeunterricht gefällig??

Zum Bezug Mann:Frau heißt es im Koran klar und deutlich:

„doch haben die Männer einen gewissen Vorrang vor ihnen“, den Frauen. (Sure 2, 229)

Und was das Verhältnis Knabe:Mädchen anbetrifft, heißt es ebenso deutlich:

„Allah verordnet euch in Bezug auf eure Kinder: ein Knabe hat so viel als Anteil wie zwei Mädchen“. (Sure 4, 12)

Wieso regen Sie sich also auf? Alles ḥalāl.

Doch Vogl ist uneinsichtig, typisch kāfira eben:

„Lange fragte sich Vogl, warum Royas Eltern an einem Brauch festhielten, der in Deutschland keinen Sinn ergibt. Dann wurde ihr klar, dass Royas Familie den Brauch nicht aus Afghanistan mitgebracht hatte, sondern erst hier in Deutschland damit begann“. (7)

Denn unter den ach so süßen Flüchtlingen sind eben viele, wenn nicht die meisten, die ihre antiquierten, urzeitlich-primitiven Wertvorstellungen mitbringen und bei uns durchsetzen wollen.

Frau Samadi „erzählt, in ihrer Straße in Kabul hätten Männer gewohnt, die ihre ältesten Töchter heiraten wollten, gegen deren Willen. »Die Männer haben gesagt: Wenn wir was wollen, dann kriegen wir das.« Das sei der Moment gewesen, in dem sie und ihr Mann beschlossen hätten, aus Afghanistan zu fliehen.

Als Frau Samadi vom Hindukusch ins Alpenvorland kam, in das Flüchtlingsheim voller Afghanen, da ahnte sie nicht, dass sie auf Menschen treffen würde, die ganz ähnliche Vorstellungen haben wie jene, vor denen sie einst geflohen war.“ (7)

Tja, Frau Samadi, tut mir schrecklich leid! Aber das ist unsere Gutmensch-Multikulti-Politik. Der nach ist jede und jeder herzlich willkommen. Und alle Kulti sind gleichwertig und damit gleichberechtigt. Nix Leitkultur! Wir Gutmenschen sind für political correctness. Das müssen sie halt ertragen: tolerieren, eben. Sie haben die Wahl: Integration oder abhauen.

Doch auch hier kennen wir Gutmenschen einen Ausweg:

„Die ersten Zweifel [über Royas wahres Geschlecht] kommen Elisabeth Vogl an einem Tag im Februar 2017. Damals gehen unter den Schülern die Läuse um. [Die sind echt multikulti. Die machen keinen Unterschied zwischen Afghanen und Deutschen. Und doch:] Besonders hartnäckig halten sie sich bei den afghanischen Kindern. [Denn:] Sie leben alle in derselben Unterkunft, in einem Mehrfamilienhaus mit Gemeinschaftsbädern und Doppelstockbetten.“ (6)

Also: Die Gemeinschaftsbäder sind schuld! Soll heißen: Jeder afghanischen Flüchtlingsfamilie eine eigene Wohnung!! Auf Kosten des Steuerzahlers!! (Macht nix, sind eh nur kuffār.) Hurra!!

Und tatsächlich: Gegen Ende des Artikels darf Vogl die Gutmensch-Forderung par excellence verkünden:

„Helfen würde in Vogls Augen, wenn Royas Familie nicht auf engem Raum mit anderen Afghanen leben würde. Sondern in einer Wohnung mit deutschen Nachbarn.“ (7)

Wie?? Doch kein Multikulti-Einheitsbrei?? Und wieso sollen die Afghanen nun doch unter die scheiß kuffār?? Das ist Bevormundung, Diskriminierung! Wehrt Euch, Ihr Rechtgläubigen. Euer ist das Paradies. Warum nicht schon im Diesseits? Lasst die dhimmī bluten!

Michel Houellebecqs Bezug zu Schopenhauer (Nietzsche und Comte)

(Michel Houellebecq, In Schopenhauers Gegenwart, Aus dem Französischen von Stephan Kleiner, Köln, 22017)

Was mit Nietzsches Bekenntnis zu Schopenhauer als Erzieher — der dritten unzeitgemäßen Betrachtung (1874) — einst begann, von Horkheimer unter Bezug auf Die Aktualität Schopenhauers (1960) fortgeführt wurde, findet nun also in Michel Houellebecqs  Behauptung der Zeitgenossenschaft eine weitere Fortsetzung…

Für das Verständnis von Houellebecqs Romanen ist dabei vor allem das, den sechs Kapiteln vorgelagerte Bekenntnis bedeutsam. Kurz gesagt ist es Houellebecqs Denkweg:

Von Nietzsche zu Schopenhauer zu Comte

  1. Ausgangspunkt: Nietzsche

Zu Beginn gesteht Houellebecq:

„Was die Philosophie anging, wäre ich um ein Haar bei Nietzsche geblieben, obwohl unsere Beziehung eigentlich bereits gescheitert war. Ich fand seine Philosophie unmoralisch und abstoßend, aber seine Geisteskraft imponierte mir. […] in intellektueller Hinsicht musste ich mich ihm geschlagen geben.“ (8)

  1. Abkehr von Nietzsche und Zuwendung zu Schopenhauer

Die erste Erschütterung erfährt Houellebecqs Nietzsche-Begeisterung durch die Lektüre Schopenhauers;

  1. Abkehr von Schopenhauer und Zuwendung zu Comte

„etwa zehn Jahre später“ begegnete ihm Auguste Comte. Nun hieß die Frage:

„Schopenhauer oder Comte? Letztlich musste ich mich für eine Seite entscheiden, und so wurde ich schrittweise, begleitet von einer Art ernüchterndem Enthusiasmus, zum Positivisten und hörte damit sukzessive auf, Schopenhauerianer zu sein.“ (9)

Trotz der Zuwendung zu Comte ist für Houellebecq jedoch weiterhin

„Schopenhauers Geisteshaltung […] noch immer dazu geeignet […], allen nachfolgenden Philosophen als Vorbild zu dienen“. (10)

Dies ist der Grund für die Abfassung des vorliegenden Buchs.

Schopenhauers Einzigartigkeit: seine Methodik

Das Einzigartige, der Vorrang Schopenhauers besteht für Houellebecq darin, dass

„das Kernstück seiner [Schopenhauers] Philosophie, ihr wahres Grundprinzip, nicht dem Reich der Konzepte [entstammt]; es gründet ganz im Gegenteil auf einer einzigartigen Intuition, die ihrem Wesen nach künstlerischer Natur ist und vermutlich seit Mitte der 1810er-Jahre existiert.“ (34)

Kurz gefasst:

„das gesamte System [Schopenhauers] basiert [… auf der] Anwendung der Introspektion als metaphysische Untersuchungsmethode.“ (39)

Die Psychologie des IS

(Jan İlhan Kızılhan u. Alexandra Cavelius, Die Psychologie des IS. Die Logik der Massenmörder, Berlin, München, Zürich, Wien, 2016)

(Samuel Schirmbeck, Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen. Warum wir eine selbstbewusste Islamkritik brauchen, Zürich, 22016)

Aufgrund der vielen Fall-Geschichten, der zahlreichen mit (ehemaligen) IS-Kämpfern und Jesidinnen, denen die Flucht aus den Fängen ihrer IS-Sklavenhalter gelang, geführten Interviews ist die Psychologie des IS in diesem Buch von İlhan Kızılhan, einem Experten für transkulturelle Psychiatrie und Traumatologie, und Alexandra Cavelius, einer Journalistin, nicht deduktiv, aus einem theoretischen Konzept heraus, entfaltet. Dies erschwert es, aus den aus den Fallgeschichten entwickelten, hie und da gezogenen Schlüssen und verallgemeinernden Aussagen eine Systematik zu destillieren.

Grundkonzept

Im Kapitel „Interview mit dem IS-Terroristen Abu Dschihad: Wie ein Henker erklärt, was richtig auf der Welt ist“ (58-102), entfalten die Autoren auf wenigen Seiten anhand dieses einen, als Paradigma dienenden Falls die Psychologie des IS.

Laut den Autoren ist der IS dem entsprechend vor allem Manifestation des Protests und der Rebellion von Jugendlichen in islamisch geprägten Gesellschaften gegen die als „schwach“ erlebten Väter, die Patriarchen ihrer traditionell patriarchalischen Gesellschaften, in denen sie aufwuchsen/aufwachsen. Als moralisch und politisch „schwach“ erlebt werden dabei nicht nur die eigenen Väter, sondern auch der Staat als Über-Vater:

„Der Vater, der als Symbol für einen mündigen Staat steht, kann den Kindern, seinen Bürgern, keinen ausreichenden Schutz und keine Perspektive bieten, weil er selbst schwach, möglicherweise korrupt und in einer Doppelmoral lebend, keine wirkliche Vorbildfunktion mehr erfüllt.“ (83)

Regression in die gute alte Zeit: Der Ur-Islam als Ideal von Gemeinschaft

Folglich wenden sich viele Jugendliche von ihrem als „schwach“ erlebten Staat ab und suchen nach einem Gegenentwurf an Stärke. Zugleich manifestiert sich im Erlebnis der Schwäche der Autoritäten auch das Erleben der eigenen Schwäche.

IS-Rekrutierer sind daher gezielt auf der Suche nach Jugendlichen/Heranwachsenden, die labil, nicht-festgestellt sind. Bekanntermaßen findet die Rekrutierung u.a. vornehmlich in Gefängnissen statt, indem (einstige) Gesetzesbrecher, Kämpfer-gegen, Kämpfer der Destruktion zu (künftigen) Kämpfern-für, zur Wiedererrichtung eines Gottesstaats umgepolt werden:

„Das führt dazu, dass sich viele junge Menschen auf der Suche nach einem islamischen Ideal fast romantisch nach der »alten Zeit« sehnen, ohne wirklich zu wissen, was in Überlieferungen und Geschichtsbüchern darüber berichtet wird. Auf diese Weise sind die Einhaltung der islamischen Regeln und die alte Art, sich nach islamischer Tradition zu kleiden, wieder »modern« geworden. Sie folgen einer Idee, die geprägt ist durch die patriarchalische, arabisch-islamische Vision des »Ur-Islams« aus den Anfangsjahren um 622.“ (83)

Daher wollen die IS-Fanatiker den Ur-Islam re-institutionalisieren. Der Gottesstaat ist keine Utopie, ist nicht etwas (völlig) Neues, sondern zielt im Gegenteil auf die Wiedererrichtung, auf den Sprung in den Anfang. (Wobei wir seit Herklit bereits wissen, dass es nicht möglich ist, zweimal in denselben Fluss zu steigen.) Es handelt sich um eine regressive Bewegung, die die Jetztzeit als Verfall und den einstigen Anfang als Ideal ansieht:

„Die IS-Banden […] wollen eine neue Kultur mit einer neuen Jahresrechnung beginnen und alles zurück auf »null« stellen.“ (95)

in den Köpfen dieser dem IS verfallenen Jugendlichen

„findet eine ideologische Neuorientierung statt. Die jungen Leute sind davon überzeugt, den schwachen Vater [und ihre vormals eigene Schwäche] durch ihre eigenen Aktivitäten zu ersetzen und gleichzeitig dadurch Traditionen und Werte, die ein starker Vater ursprünglich verkörpert hat [und verkörpern sollte] gegen den Feind zu schützen und zu bewahren.“ (84)

Hierdurch kommt es zu einer Umwertung der Werte, einer Art negativer Dialektik:

  • In der Selbstwahrnehmung…

„Die eigene Person wird idealisiert, aus dem Versager von einst, dem Marginalisierten und Perspektivelosen, wird der überlegene Befreier der menschlichen Ehre.“ (357)

  • … und dadurch im gesellschaftlichen Rang:

„Ab sofort gilt nicht mehr der [schwache] Vater, sondern der junge [starke] Terrorist, der bereit ist für seine Ideale im Krieg zu sterben, als das neue Vorbild.“ (85)

Das gilt auch für die IS-Bräute. Eine von ihnen drückt ihre damalige IS-Hochstimmung so aus:

Wir „berauschten uns an dem Gefühl, Teil einer auserwählten Gemeinschaft zu sein.“ (373)

Beibehalten wird dabei das „Fundament der patriarchalischen Macht“ (87) in einem Klima der Angst:

Islamic Angst

Den Autoren zufolge war in der urislamischen Gesellschaft der Tod und damit die Angst vor dem Tod allzeit gegenwärtig. Der Tod markierte die Schwelle zwischen einem stets gefährdeten Leben und dem Jenseits:

„Unterschwellig herrschte eine tiefe Existenzangst in der islamischen [Ur-]Gesellschaft. Diese Angst äußerte sich paradoxerweise in einer Todessehnsucht. Das Verstümmeln der Feinde, das Mitschleppen ihrer Köpfe oder Körperteile, wie Ohren und Nasen, sind nur einige Beispiele dieser krankhaften Morbidität aus dem 7. Jahrhundert. Der Tod war im Leben stets gegenwärtig.“ (405)

Je mehr das Leben als bedrohlich erlebt wurde, desto stärker wurde die Sehnsucht nach dem Gegenteil. Das Jenseits wurde entsprechend aufgewertet und zu einem Sehnsuchtsort. Der Tod wurde und wird gesucht, um das Jammertal des Lebens hinter sich lassen und ins Paradies eingehen zu können. Im Koran heißt es dazu:

  • „und wer Allah und seinem Gesandten gehorcht, den führt Er in Gärten ein, durch die Ströme fließen; darin sollen sie weilen; und das ist die große Glückseligkeit.“ (Sure 4,14; diese Paradiesbeschreibung, nur ausführlicher, findet sich bereits in Sure 2,26)

    und

  • „Sprich: »Wenn die Wohnstatt im Jenseits bei Allah nur für euch ist unter Ausschluss der anderen Menschen [!], dann wünschet den Tod, wenn ihr wahrhaft seid.«“ (Sure 2, 95)

Heute erleben und inszenieren sich die IS-Kämpfer als gottgefällige Krieger. Sie führen Krieg (dschihād) u.a. gegen die eigenen Regierungen. Doch so wie diese setzen auch sie auf Gewalt (gemäß dem Gebot Gleiches mit Gleichem zu vergelten):

„Diktatoren und Militärregimes im Mittleren Osten verzichten nur auf Gewalt, wenn die Schwachen gehorchen. Und die Schwachen gehorchen nur, weil sie Angst vor der Gewalt der Diktatoren haben.“ (259)

Erst aus Angst vor den Mächtigen zeigen die Untertanen

„Ehrfurcht und Respekt. Das erleichtert dem IS, den Menschen seine islamisierte Ideologie nahezubringen, da sie dem alten Erziehungsmuster nicht allzu fremd ist.“ (87)

Um die neue „hierarchische Ordnung“, die Über-Ich– bzw. Gott-Fixierung, anschließend zu zementieren, wird den IS-Kämpfern „jegliche Art von Individualität und Autonomie“verweigert: (88)

„Persönliche Wünsche werden im IS förmlich abgetötet, es geht immer um das Interesse der »Umma«, der islamischen Gesellschaft.“ (88)

Die IS-Anhänger leben zwar aus Kant-ischer Sicht in selbstverschuldeter Unmündigkeit, erleben diese aber als Befreiung:

Selbstunterwerfung als Befreiung (von der Angst)

IS-Anhänger halten an der patriarchlichen Gesellschaftsordnung fest, nur dass sie das Führungspersonal austauschen: Nicht mehr die (eigenen schwachen) Väter, sondern die IS-Herrscher erteilen nun die Befehle. Ihnen haben sich die Kämpfer zu unterwerfen Zur Minderung eigener Angst/Ohnmacht:

„Wer sich unterwirft, braucht keine Angst vor Repressionen oder negativen Konsequenzen zu haben. Die jungen Leute nehmen das [real existierende IS-]System nicht nur als von Gott gegeben hin, sondern sie identifizieren sich damit.“ (88)

IS-Anhänger definieren sich also vornehmlich durch Gegnerschaft, durch Ablehnung. Diese Haltung rechtfertigen sie aus ihrem narzistischen Selbstverständnis (165), aus moralischer Überlegenheit, die sie aus der Gegnerschaft generieren und die ihrer Auffassung nach dadurch gegeben sei, dass nur sie „allein im Besitz der Wahrheit und über alle anderen Menschen erhaben“ seien. (165) Denn sie allein seien die wahren Hüter des Seins: des Islam, nämlich des Ur-Islam als des Ideals des Islam, der von Gott gegründeten und gelebten Ur-Gemeinschaft, also der einzig wahren Gemeinschaft der Gläubigen (umma).

Das Frauenbild des IS

Dem Selbstunterwerfungsgebot gegenüber der IS-Führung korrespondiert das Selbstermächtigungsgebot gegenüber Frauen, insbesondere ungläubigen Frauen wie den Jesidinnen, die zu Sklaven degradiert und als solche gehalten werden.

Empirische Grundlage des Buchs sind, laut Aussage der Autoren, u.a. über 1400 Interviews mit Frauen in IS-Geiselhaft. (206) Einige, besonders drastische Fälle wie es scheint, werden im Buch detailliert geschildert. Doch nicht nur der IS praktiziert sein auf eigenem Minderwertigkeitsempfinden fußendes Frauenverständnis.

Zum Thema Sexualität im Islam schreiben die Autoren unmissverständlich:

„Bis heute ist Sexualität im Islam [allgemein!] stark vom frühmittelalterlichen Vorbild Mohammeds und dessen Frauenbeziehungen geprägt.“ (209; im Original kein Fettdruck)

Und da hilft auch alles Leugnen und Schönreden nicht, ihr Gutmenschen.

„Die Frau gilt als Verführerin, die ihr sexuelles Verlangen schwerer als der Mann zügeln kann.“ (213) Hieraus resultiere, „dass die Frau ihre Weiblichkeit verbergen muss, damit der Mann ihr nicht zum Opfer fällt.“ (214)

Also: Im Grunde müßte mann/frau den Islam als solchen auf die Coach legen…

Selbstaufwertung durch exzessive Gewalt

Aggression erleichternd wirkt auf die IS-Klientel also, dass sie sich in einer Bedrohungssituation wähnen, bzw. faktisch (aufgrund des von den USA ausgerufenen war on terror) sogar sind, z.B. durch die Besetzung Afghanistans und Iraks durch die USA, die – und dazu scheint ihnen jedes Mittel recht zu sein – eine andere, un-islamistische Gesellschaftsordnung anstreben. (92)

Als innere Feinde sieht der IS also die schwachen Väter und die Nicht-Sunniten; als äußere Feinde sieht er die Kreuzritter, die die muslimische Welt erneut besetzen und unterjochen wollen. Aus der erlebten Schwäche (der Väter) heraus und um diese zu kompensieren entwickelt die Terrormiliz „Wut und Hass auf die Ungläubigen und Kreuzfahrernationen“: (351)

„die Grausamkeit soll wie ein Medikament gegen die[… erlebte] Kränkung helfen.“ (352)

Auch der IS strebt die Endlösung an.

„Die Vernichtung richtet sich dabei selektiv gegen jene Personen, die sich dagegen [gegen die Rückkehr zum Ur-Islam] wehren. Wie zu Zeiten des Propheten Mohammed in Medina legitimiert der IS diese rohe Gewalt gegen Andersgläubige und Andersdenkende.“ (95)

Klar und deutlich sprechen die Autoren aus, was unsere Islamverbände und all die in ihrer Multikulti-Höhle gefangenen Gutmenschen wider alle Fakten nicht wahrhaben wollen, dumm-dreist leugnen:

„Leider aber ist schon seit der Entstehung des Islams ein tiefes und fundamentales Gewaltpotenzial im strukturellen Kern dieser Religion angelegt.“ (162)

Allein in Sure 2 des Koran ist im Grunde nur, ausschließlich von gottesfürchtigem vs. frevelhaftem Handeln die Rede und von (qualvoller bzw. demütigender) Strafe des Feuers gegen die Ungläubigen und Frevler in 27 der 287 Verse explizit die Rede (Verse 8, 11, 25, 40, 82, 86, 87, 91, 97, 105, 115, 127, 160, 162, 163, 166, 167, 168, 175, 176, 179, 202, 207, 212, 218, 258, 276).

Insbesondere die immer wieder gern bemühte Floskel des ach so friedlichen, friedvollen und friedliebenden Islam ist schlechthin Euphemismus pur:

„Im Islam ist die Geschichte der Enthauptungen so alt wie die Religion selbst. So soll Mohammed in seiner ersten Biografie »As-sîra an-nabawiyya« laut Ibn Ishaq (704-768 n. Chr.) und anderer Autoren offenbart haben, dass nach der Schlacht in Medina bis zu 900 Gefangenen der Kopf abgeschlagen wurde. Die meisten Enthauptungen soll Ali, Schwiegersohn des Propheten Mohammed, vollzogen haben.“ (247; im Original kein Fettdruck)

Die Autoren zitieren zudem eine Stelle aus der Sure Mohammad, in der es heißt:

„Begegnet ihr im Krieg Ungläubigen, schlagt ihnen die Köpfe ab (…) wenn Allah wollte, hätte er sich auf andere Weise an ihnen gerächt [Gebot der Blutrache!]; er will aber damit die einen von euch durch die anderen prüfen. Und diejenigen, die auf Allahs Weg getötet werden, wird er ihre Werke nicht fehlgehen lassen.“ (Sure 47,5; zitiert nach Kızılhan u. Cavelius, 248)

Später zitieren die Autoren auch den Vers:

„Und tötet sie (die Ungläubigen), wo immer ihr sie trefft…“ (Sure 2, 191; zitiert nach Kızılhan u. Cavelius, 406)

Pathologisch wird die Aggression zudem, wenn sie sich zu einer appetitiven steigert:

„Diese Form der Aggression muss sich nicht immer durch Angst und Bedrohung rechtfertigen, sondern entsteht unter anderem auch durch Lustempfinden. […] Je deutlicher Menschen in einer an Glücksmomenten armen Umwelt merken, dass Gewalt ihnen zu einem Überlegenheitsgefühl und einem Lustgewinn verhilft, desto häufiger werden sie diese Aggression ausüben und desto eher suchen sie diesen erregenden Zustand“. (93)

Das Köpfen wird im IS gar zum alleinigen Wertmaßstab eines „Kämpfers“:

„IS-Emir ist automatisch derjenige geworden, der mindestens sechzehn Menschen geköpft hatte.“ (277)

Nicht zuletzt durch die Auszeichnung von Gewalt gegenüber anderen gelingt es denen, die sich als unterdrückt empfinden, „sich aus der eigenen Bedeutungslosigkeit in die Position des Mächtigen zu katapultieren.“ (348)

Fazit

Die Psychologie des IS ist eine Psychologie des Ur-Islam, wie er insbesondere im Koran verfasst wurde. Und da der heute praktizierte Islam lediglich ein abkünftiger Modus des Ur-Islam ist, zeigt der gelebte IS-Islam paradigmatisch auf, was uns droht, wenn wir den islamistischen Tendenzen, die sich u.a. auch aus Gutmenschentum und political correctness bei uns breit machen, (immer weiter) nachgeben. Dies lässt sich in Samuel Schirmbecks Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen, au détail nachlesen…