Houellebecqs „Unterwerfung“ zu Ende gedacht: Sansals „Das Ende der Welt“

Frog1(Iris Radisch, Letzte Tage der Menschheit, ZEIT, 31.3.2016, 33)

Boualem Sansal schildert in seinem Roman Das Ende der Welt

„eine Glaubensdiktatur im Jahr 2084“;

„es gibt nur noch den Propheten und seine willenlosen Untergebenen.“ (Radisch) —

Michel Houellebecq ging in seinem, im letzten Jahr publizierten Roman nicht so weit in die Zukunft. Er begnügte sich mit einem Blick auf Frankreich im Jahr 2022.

In Iris Radischs lesenswertem Artikel sind insbesondere folgende Stellen als Paradigmen intellektuell-politischen Versagens hervorzuheben:

  • Variante a) Angsthasen-Duckmäusertum

Sansal sollte für die Körber-Stiftung einen „Essay über die Welteroberungspläne des Islamismus“ schreiben. Doch die Stiftung lehnte die Veröffentlichung ab,

„weil der Autor [Sansal] sich weigerte, ihn [seinen Essay] abzumildern. An einer zentralen Stelle des Essays heißt es: »Auch in Europa ist es mit der Meinungsfreiheit nicht weit her, sobald es um den Islam geht. Die bloße Erwähnung des Begriffs würgt jede Diskussion im Keim ab oder lässt sie auf Phrasen und Allgemeinplätze des politisch Korrekten zusteuern.« Der abgelente Essay erschien schließlich unter dem Titel Allahs Narren im Merlin Verlag.“ (im Original keine Hervorhebungen)

  • Variante b) Freiheitsheld-Glorifizierung

„Bis heute kann er [Sansal] nicht fassen, dass Helmut Kohl die Islamisten, die [im algerischen Bürgerkrieg] täglich Tausende umbrachten, für Freiheitskämpfer hielt, in Deutschland aufnahm und unterstützte.“ (im Original keine Hervorhebungen)

  • Variante c) Neue Heimat: Islamisten-Willkommens- und -Förderprogramm

Sansal: „Die Kanzlerin selbst hat alle eingeladen. Und die Deutschen stimmen ihr zu.“ Denn: Leute, die „ein komfortables Leben leben[, können…] das Leid und das Elend [anderer] schwer ertragen.“

„In Deutschland, Frankreich und Belgien gibt es [nach Meinung Sansals] überall Ghettos, das sind abgeschottete Mini-Republiken mit eigenen Clan-Chefs, eigenen Steuern und eigenen Gesetzen. Man hat Moscheen gebaut und an den guten, den sanftmütigen Islam geglaubt. Aber das ist ein naiver und gefährlicher Intellektuellentraum.“ (im Original keine Hervorhebungen)

Frog4

 

 

Advertisements

Angst der Franzosen vor einem Sieg Le Pens

Frog1(Elisabeth von Thadden, Noch eine Zukunft, ZEIT, 31.3.2016, 37)

(Joseph Hanimann, „Und sagen Sie nicht, Sie hätten es nicht gewusst“, SZ online, 17.3.2016)

Michel Houellebecq prophezeit in seinem Roman Unterwerfung die Liaison von François Bayrou, des ewigen Bewerbers um das Amt des Staatspräsidenten Frankreichs (seit 2002), mit der Muslimbruderschaft:

„Kurz nach vierzehn Uhr schlug dann die Nachricht wie eine Bombe ein: UMP, UDI und PS hatten sich darauf geeinigt, eine Regierungsvereinbarung für eine »erweiterte republikanische Front« zu unterzeichnen und schlossen sich dem Kandidaten der Bruderschaft der Muslime an.“ (129)

Dem setzt Michel Wievorka in Séisme (Erdbeben) die Befürchtung eines Wahlsiegs von Marine Le Pen entgegen:

„Ein Jahr ist es her, da hatte der Schriftsteller Michel Houellebecq in seinem Roman Unterwerfung als ein satireschwarzes Gedankenexperiment erzählt, wie sich im Jahr 2022 die männliche Academia mit Gewinn dem Islam an den Hals wirft“. (von Thadden)

Wievorka reagiert mit dem

„Plot einer Zukunft Frankreichs […], faktensatt: Le Pen an der Macht!“ (von Thadden)

Neu ist dieses Phänomen, French Angst freilich nicht:

„Vorsorgliches Halluzinieren: Comiczeichner, Soziologen und Schrifsteller malen sich ein Frankreich unter Marine Le Pen aus. Die Furcht davor geistert seit Jahren durch den öffentlichen Diskurs.“  (Hanimann)

Hanimann nennt neben Wievorka:

  • den Comicband La Présidente, „eine Politfiktion über das Ergebnis der nächsten Präsidentschaftswahlen in Frankreich“ von François Durpaire und Farid Boudjellal.
  • einen Comic von Charlie Hebdo-Herausgeber LaurentRissSourisseau und Richard Malka, der demnächst erscheinen soll.
  • eine Novellensammlung von Arnaud Vivant als Herausgeber, die ebenfalls mit der Hypothese von Le Pen als nächster Staatspräsidentin spielt.

Hanimanns Fzit:

„Ein so unterhaltsames wie hilfloses Beben geht durchs Land.“

Frog4