ttt-Philosoph Precht doziert über den Sinn des Lebens

Richard David Precht, Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens, ttt, 21.6.2020

Anlässlich seiner neuesten Großtat, ein Buch über den Sinn des Lebens veröffentlicht zu haben, durfte Star-Philosöphchen Richard David Precht mal wieder seine quak-quak-Weisheiten einem sich als ach so erlaucht und Kultur-affin gerierenden Fernsehpublikum kundtun. Um dieses zum Kauf zu animieren, also es einerseits nicht zu überfordern und andererseits dessen Vorfreude-Appetit in die Länge zu ziehen, wurde der Prechtsche Vortrag in sechs Häppchen gestreckt serviert.

Kanapee 1

„Wir haben es mit zwei Linien zu tun. Die eine Linie ist: wir machen unser kapitalistisches System so weiter wie es bisher ist, also Super- und Turbokapitalismus-extensives Wachstum. Dann wird es dazu führen, dass wir in einer sehr überschaubaren Zeit die Erde restlos zerstört haben.

Welch grandios neue Erkenntnis!

Die andere Variante ist, wir schaffen es, den Menschen so zu verändern, dass er auf die Erde nicht mehr wie im bisherigen Maß angewiesen ist. Das heißt wir schaffen einen Übermenschen.

Wie? à la Nietzsche? — Wohl nicht, eher als: Nach-Mensch…

Das ist, was im Silicon Valley viele Leute beseelt. Es gibt viele große IT-Gurus im Silicon Valley, die genau das wollen: dass wir keine biologischen Lebewesen mehr sind, sondern dass wir unsere Intelligenz, unser Bewusstsein in Silizium pressen und dass wir auf alternativen Datenträgern überleben können.“

Cui bono? — Was aber, bittschön, hätten denn all die Silicon Valley-Unternehmen davon? Silizium, das von anderem Silizium Daten kauft? Wozu? Womit? — Welch absurdes Gefasel…

Kanapee 2

„Der große Treiber der digitalen Revolution ist es, noch in jene Bereiche vorzudringen, in die der Kapitalismus bislang nicht hat vordringen können. Das ist zum ersten die feine Unterwäsche des Bewusstseins mit Sensoren auf der Haut, Emotionen zu erforschen und dann sofort immer zu wissen, was jemand fühlt, was jemand denkt, um ihn mit allen erdenklichen Produkten voll zu knallen und versuchen an den Mann und die Frau zu bringen. Das ist im Moment der Haupttreiber der gesamten Entwicklung. Und dieser Treiber geht auf Expansion: auf mehr Konsum, auf mehr Verbrauch und so weiter. Das heißt, wir machen im Augenblick überhaupt keinen sinnvollen Gebrauch zum großen Teil von Künstlicher Intelligenz, sondern in weiten Bereichen weiterhin begehen wir Ressourcen-Raubbau.“

Wissen wir. Wo aber ist der Mehrwert der von Precht verkauften Weisheit? — Fehlanzeige.

Kanapee 3

„Wenn es aber irgendwann soweit ist, dass die Einstellung in eine Firma abhängig ist von der Expertise Künstlicher Intelligenz, wenn ich die Frage, ob ein Strafgefangener begnadigt wird, abhängig mache von dem, was eine Maschine errechnet, wie hoch die statistische Wahrscheinlichkeit ist, dass er wieder straffällig wird, wenn ich in eine Welt gehe, in der tatsächlich Roboterautos herumfahren, die nach „lebenswert“ die Menschen einschätzen, dann lebe ich tatsächlich in einer Welt, in der Freiheit sehr viel geringer ist als sie jetzt ist. Und ich denke, wir sollten dafür kämpfen, dass es zu einer solchen Welt nicht kommt.“

Richtig. Doch das ist unbestritten. Wozu also (nochmals) ausplaudern?

Kanapee 4

„Künstliche Intelligenz ist im weitesten Sinne vielleicht intelligent. Sie verfügt eigentlich überhaupt nicht über Verstand und nicht entfernt über Vernunft, und damit unterscheidet sie sich von menschlicher Intelligenz gravierend.

Ja, ist KI nun intelligent oder nicht? Und wenn ja, inwiefern?

Was sie unterscheidet ist, dass sie zu sich „ich“ sagt. Nur weil der Mensch emotional ist, sagt er zu sich ich. Das ist keine Intelligenzleistung, das ist eine ganz, ganz tief verwobene emotionale Leistung.

Ja, aber was ist dann Intelligenz überhaupt?

Wir haben ein Ich-Zentrum quasi, ein gefühltes ich-Zentrum. Das ist ein ganz großer Unterschied. Ein weiterer Unterschied ist, dass Menschen leben nicht so gerne in der Gegenwart.

Wenn dem so ist: Warum hängen wir dann so sehr an unserem Leben? Warum sorgen wir uns ständig, jeden einzelnen Augenblick? Warum haben wir Angst? insbesondere vor dem Tod?* —

Nur Islamisten (und ähnlich Ver-rückte) träumen vom Jenseits, vom Paradies: 72 Jungfrauen, die nach Gebrauch augenblicklich (!) wieder zu Jungfrauen werden. Welch großartig göttliche Perspektive…

Das unterscheidet uns völlig von künstlicher Intelligenz. Den größten Teil des Tages hängen wir Erinnerungen nach, machen uns Gedanken, was wir morgen machen, was wir in der Zukunft sein wird und so weiter.

Ja, aber Zukunft und Vergangenheit sind nur (je im Augen-blick) gewärtigend erschlossen, wobei „Existieren im wie immer entworfenen Sein-können primär zukünftig“ ist. (Heidegger, Sein und Zeit, §68a, Abschn. 5, S. 337)

Und weil wir so sind, sind wir auch fiktionsbedürftig. Menschen haben ein großes Interesse, gar nicht im Hier und Jetzt zu sein, sondern woanders zu sein. Und wenn man diese ganzen Aspekte des Ich, die Fiktionsbedürftigkeit, die Emotionalität sieht, dann kommt ein unglaublich faszinierendes Lebewesen am Ende dabei raus. Und damit verglichen ist Künstliche Intelligenz wirklich eine sehr, sehr bescheidene, auf ihre Art und Weise großartige Leistung,

Bescheiden, sprich gering / klein, und doch großartig: wie soll das zusammengehen?

aber doch nicht ansatzweise mit der menschlichen Leistung, all diese verschiedenen Impulse miteinander zusammen zu bringen und sowas hervorzubringen wie Glück oder wie Sinn überhaupt nicht vergleichbar.“

Als ein Anwärter auf einen Philosophie-Lehrstuhl einst seine Bewerbungsunterlagen vorlegte, studierte ein Berufungskommission-Mitglied dessen Publikationsliste, sah unter der Rubrik Bücher den Eintrag „Vom Sinn des Lebens“ und kommentierte süffisant: „Den wüsste ich auch gern.“ — Akademische Selbst-Diskreditierung pur.

Kanapee 5

„Das entscheidende am Menschen ist, dass menschlicher Wille von seiner Leiblichkeit ausgeht, und da die Roboter in dem Sinne keine physische Leiblichkeit haben, haben sie auch keinen Willen. Auch die Notwendigkeit eines solchen Willens besteht überhaupt nicht. Es ist ja tatsächlich so, dass der Mensch von seinem Willen gesteuert wird und nicht von seiner Intelligenz. Also von David Hume haben wir die wichtige Erkenntnis, dass die Willensimpulse letztlich darüber entscheiden, was wir tun, und dass der Verstand so etwas ist wie eine Marketingabteilung, die im Nachhinein legitimiert, was die Gefühle vorher entschieden haben.“

Statt Neues zu bieten, also Rückgriff auf Alt-Hergebrachtes, Hume…

Kanapee 6

„Also auf der einen Seite ist es nachvollziehbar, dass der Mensch sich qua Technik aus der brutalen Willkürherrschaft der Natur befreien wollte. Er hat aber den Fehler gemacht, sich der Natur so entgegenzusetzen, als hätte er mit ihr nichts mehr zu tun, als sei er eben das andere der Natur. Und das ist natürlich in der ökologischen Katastrophenzeit, in der wir leben und die auf uns zukommt,

Wieder mal Prechtsche coincidentia oppositorum, nur dass die Aufhebung ausbleibt…

ist das natürlich grundfalsches Denken. Wir müssen wieder lernen, dass wir ein Teil der Natur sind. Und wir müssen lernen, dass wir nicht näher mit Maschinen verwandt sind als mit der Natur, sondern dass wir in der Natur auch dann einbehalten sind, wenn wir über vielerlei technische Möglichkeiten verfügen. Und ich glaube, dieser neue Blick, und selbst wieder als Teil der Natur zu sehen, ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass wir diesen Planeten tatsächlich noch retten können.“

Auch das: nichts Neues.

Summa summarum: 6 neue Prechtsche Kanapees: wie immer adrett aufgebacken und süß verpackt, aber — nach Reinbeißen extrem inhaltsleer und fad.

(Ganz anders: Das Interview von Gert Scobel mit Björn Schuller über (angewandte) KI in der Corona-App auf Kulturzeit, 15.6.2020: präzise Fragen von Scobel, detaillierte und (wissenschaftlich/technisch) präzise Antworten von Schuller)

*Für Heidegger ist der Tod in die Daseins-Hermeneutik miteinzubeziehen (s. v. Herrmann, Transzendenz und Ereignis…, Würzburg 2019, S. 59), nicht aber das Nach-Tod-sein…

Kulturzeit feiert Christian Martys Lobpreisung der Idiotie

Cécile Schortmann im Gespräch mit Christian Marty über Narren in der Gegenwart, Kulturzeit, 5.6.2020

Hans Blumenberg, Das Lachen der Thrakerin. Eine Urgeschichte der Theorie, Frankfurt am Main 1987

Platon, Θεαίτητος

I

Die Verkündung:

„Kulturzeit-Gespräch mit Ideenhistoriker Christian Marty über die Rolle des Idioten und seine Übertragbarkeit und Bedeutung in der heutige Zeit.“

Wir gratulieren zu dem herrlichen Deutsch in obigem Satz.

II

Zur Begründung:

Auf die Frage: „Was macht für dich Kulturzeit aus“ antwortet Moderatorin Cécile Schortmann:

„… dass sie immer wieder Anspruch zeigt, dass sie Ansporn ist, die Auseinandersetzung geradezu fordert, dabei aber überhaupt nicht trocken ist, sondern immer wieder Lust macht auf Kultur und ihre verschiedenen Bereiche.“

Mittelmaß feiert Mittelmaß.

Das macht Lust! Also feiert die Kulturzeit denn (auch) Christian Marty, hurrah!, den frisch gekürten Hohepriester der Idiotie. Gilt es doch, nachdem die alten Götter mit Hölderlin pünktlich zu dessen 250. Geburtstag wieder mal (wie bereits in Denis Scheck empfiehlt: „Hölderlins Geister“ berichtet) ins Grab gefegt wurden, neue Götter zu etablieren. So also nun die Idiotie, der freilich – wie all den durch die Kultur-Bespaßungsindustrie hochgekochten: ach so super-modernen, ach so super-aktuellen Göttern und Göttinnen – nur höchst beschränkte Aufmerksamkeits-Zeit (sprich nach Maß(-einheit) einer einzigen Sendung) immanent ist. Mit Heidegger zu sprechen: Der Verfallenheit an das Man eignet das Besorgte in Abhängigkeit vom (vom Dasein aus gesehen) je-meinigen Neuigkeitsgrad: Das je Besorgte begegnet in der Alltäglichkeit im Modus der Verfallenheit. (Siehe Sein und Zeit, § 27) — Ein Zeitlichkeitsaspekt, der bei Heidegger gleichwohl zu wenig thematisiert wurde…

III

Das Gespräch:

Nachfolgend sei der Beginn des Interviews mit Marty wortgetreu widergegeben.

C. Sch.: „Sie sehen darin [im Idiotsein] eine aktuell notwendige Qualität. Wieso?“

Ch. M.: „Nun, wenn der Idiot derjenige ist, der nicht mitläuft, dann finde ich das natürlich eine super Sache. Ich finde schon, es ist eine sehr auszeichnende Sache, eine herausragende Qualität, wenn man nicht mitläuft, nicht mitmacht, auch die Fähigkeit besitzt, mal irgendwo quer zu stehen.“

Toll nicht? Dieses quasi-göttliche Reflexionsniveau!!

C. Sch.: „Wo besteht denn ihrer Meinung nach zu viel Mitläufertum?, zu viel Konformismus?“

Ch. M.: „Gut, ich meine, das ist eine sehr große Frage, nicht. Da kann man über viele Kontexte reden, zum Beispiel über politische Kontexte, ökonomische Kontexte, auch über kulturelle, akademische, wenn man so will, intellektuelle Kontexte. Ich denke, es gibt immer wieder Situationen, wo jemand zum Beispiel im politischen Umfeld nicht der Parteilinie treu ist; und dann heißt es dann gleich: o. k., also, das ist daneben, man soll nicht durchgehen lassen. Oder dann im ökonomischen Umfeld, wo jemand nicht mitmacht bei der Unternehmenslinie und zum Beispiel sich einer Effizienzmaxime nicht unterwerfen will. Also im akademischen, intellektuellen Milieu ist es meines Erachtens oftmals so, dass man eine bestimmte Linie verfolgen muss und wenn man das nicht tut, so kann man das zwar tun, doch ist es dann oft mit negativen Konsequenzen verbunden.“

IV

Die vermeintliche Erkenntnis:

Marty definiert den Idioten also als Nicht-Mitläufer.

Abgesehen davon, dass diese Definition mit dem aus der politischen Philosophie der Griechen stammenden Begriff nichts, aber auch gar nichts zu tun hat (siehe als einen Beleg das nachfolgende Blumenberg-Zitat), liefert der intellektuelle Milchbubi Marty nur Phrasengedresche. Mit Platon gesprochen:

„καὶ ταῦτα πάντ‘ οὐδ‘ ὅτι οὐκ οἶδεν, οἶδεν“ — Und [doch] weiß er nicht mal, dass er nicht weiß, über all das, worüber [er quakt]. (Theaitetos, 173e)

V

Zur Grundlegung der Theorie:

Konfrontieren wir nun Martys Gequake mit Blumenberg.

In Das Lachen der Thrakerin verfolgt er die Anekdote des in den Brunnen gefallen Proto-Philosophen Thales durch die Geschichte der abendländischen Kultur. Er beginnt mit Platon, da dieser uns die Anekdote (gem. Quellenlage) zum ersten Mal berichtet: Thales soll

„als er um die Sterne zu beschauen, den Blick nach oben gerichtet in den Brunnen fiel, eine artige und witzige thrakische Magd [eher: Sklavin…] verspottet haben“… (Theaitet, 174a; in der Übersetzung von Schleiermacher)

Dabei kommt er u. a. auf die Figur des Idioten/der Idiotin zu sprechen

„Plato liebte die Figur [der Thrakerin], die erst durch Tertullian als die des Idiota typisiert und durch Nikolaus von Cues zum Funktionär der docta ignorantia gemacht werden wird; der Sklavenknabe im »Menon« belegt es, die Figur des Pamphyliers im Schlussmythos der »Politeia« ein anderes Mal. Bei der Thrakerin geht es nicht nur um eine Art verständiger Unverständlichkeit.

Platonisch-sokratische Ironie pur!

Aus Thrakien kamen zwei benannte Figuren der hellenischen Welt: der Gott Dionysos mit dem Beinamen Chthonius, der Unterirdische, und der Sklave Äsop, der die Fabel mitbrachte, nach anderen ein Phryger.“ (Blumenberg, S. 34; im Original kein Fettdruck)

Aus dieser kurzen Passage erhellt zureichend die Differenz zwischen einem vom Kulturzeit-Mittelmaß zum Gott hochstilisierten Quacksalber und einem belesenen, sorgfältig und anspielungsreich argumentierenden Philosophie-Professor. Blumenberg zu lesen ist ein immerwährendes intellektuell-amüsantes Vergnügen. Marty zu hören ist Zeitverschwendung.

VI

Zur Schlichtheit der Seele:

Später, im Kapitel Umbesetzungen, geht Blumenberg ausführlicher auf Tertullian ein. Hier heißt es über die thrakische Magd:

„Sie nimmt etwas vorweg, was bei Tertullian an die Stelle der griechischen Autorität [der Philosophen] tritt: die ›schlichte Seele‹, seine anima idiotica„. (eb., 45)

Schlichte Seelen erkennen schlichte Seelen als ihresgleichen,

preisen sich in gegenseitiger Hochschätzung und

versichern sich denn gemeinsam ihres Götzen: Idiotie.

Hoch lebe das Kulturzeit-Team!

 

 

 

 

Nida-Rümelin fordert stoizistisches Dulden

Julian Nida-Rümelin, Das Virus und die Stoa, Kulturzeit, Corona-Tagebuch mit Julian Nida-Rümelin, 30.4.2020

„Wir schaffen das“ war eigentlich Gabriels Idee, WELT online, 1.9.2016

        Also sprach der vom Staat für das Lesen und Schreiben von philosophischem Klimbim reichlich alimentierte und sich folglich — in Gegensatz zu manch anderem Bürger — weder um seine derzeitigen noch künftigen Einkünfte auch nur die geringsten Sorgen machen müssende Philosophie-Professor aus München frohgemut, beflissen-lächelnd in die Kamera:

Möchte mich der Frage stellen, ob die antike, genauer gesagt die hellenistische Philosophie und Lebenspraxis der Stoa, des Stoizismus eine Hilfe sein kann in dieser Krise.

Bravo! Darauf haben wir gewartet!

Denn in der Tat: wir sprechen ja von stoischer Ruhe, stoischem Gleichmut. Aequam memento in rebus arduis servare mentem, ist ein schöner lateinischer Spruch, der da lautet: Man bewahre Gelassenheit in schwierigen Situationen.

Bravo! Darauf haben wir gewartet!!

Und in der Tat, es gibt so eine Art neo-stoizistische Tendenz, schon seit vielen Jahren, das mag mit der Unübersichtlichkeit zusammenhängen, mit der Globalisierung, mit dem Gefühl des Kontrollverlustes.

Doch: sorget euch nicht!

Und manche Menschen reagieren darauf, indem sie umso mehr darauf achten, dass sie Selbstkontrolle über ihr Leben, über ihre Gefühle, über ihre Praxis bewahren und sich einfügen in eine größere Ordnung, in einen strukturellen Zusammenhang, den sie selbst befürworten können.

Kommet heim, ihr Wähler, ihr Sünder, ihr Untertanen… in den Schoß der Partei, von Mutter Kirche, des Staates…!!

Also ich denke, der Kern der Stoa ist genau dieses: Kontrolle zu behalten über das, was mein eigenes Leben prägt oder genauer, das, was ich beeinflussen kann; und gegenüber all den Dingen, die ich nicht beeinflussen kann, eine Haltung des Gleichmuts einzunehmen.

Die Stoa hat als eine zentrale Orientierung die ἀπάθεια [apátheia]. Das ist aber nicht apathisch, sondern das ist eher die Fähigkeit, sich von eigenen Leidenschaften und vom eigenen Leiden so weit distanzieren zu können, dass man dann nicht Gefangener, nicht Getriebener, nicht Abhängiger wird dieser Gefühlsregungen, dieser Impulse, dieser Emotionalisierung usw.

Also: duldet! und unterwerft euch! Die erste Bürgerpflicht ist Ruhe!!

Was wir gegenwärtig als Begleitphänomen der Corona-Krise erleben, ist ja auch eine große Verunsicherung: Verunsicherung der Menschen, die bei allem Vertrauen in die Regierungen

Vertrauet!

und in die Institutionen

Vertrauet!!

und in die Wissenschaft

Vertrauet!!!

doch letztlich nicht wissen, wie es weitergeht, die sich Sorgen machen um ihre wirtschaftliche Existenz.

Doch: sorget euch nicht! Duldet! und unterwerft euch!!

Die Stoa empfiehlt nicht, all dies nicht ernst zu nehmen. Ernst-nehmen ja, aber kritisch und vernünftig die verschiedenen Optionen zu prüfen und sich nicht von Augenblicks-Impulsen allzu sehr beeinflussen zu lassen.

Unterwerft euch! Die erste Bürgerpflicht ist Ruhe!!

Das ist die stoizistische Geisteshaltung. Sie hat sich in den Wirren des späten römischen Imperiums sehr bewährt und sie könnte sich in der Corona-Krise wieder bewähren.

        Duldet! und unterwerft euch!! Die erste Bürgerpflicht ist Ruhe!!!

        Auf dass all ihr verzagten Bürger, die ihr — im Gegensatz zur Beamtenschaft und Politikerzunft — nicht wisst, wie ihr die nächsten Monate überstehen sollt, nicht aufmüpfig werdet!, nicht aufbegehrt!!

Der eigens für euch von der Kulturzeit angeheuerte Staatsphilosoph verordnet euch wahrhaft belebende Medizin: Seid frohgemut, trotz Untergang! Hosianna! Und wenn das nicht hilft: Vertraut auf SPD und Mutti! Die GroKo wird ‘s schon richten. Erinnert euch an 2015: „Wir schaffen das!“ war das Credo: zuerst von Sigmar Gabriel, dann auch von Mutti, Pastorentochter der Nation.

        Und dann: werden Kohls „blühende Landschaften“ endlich überall in Deutschland sprießen. — Und wenn doch nicht hier, dann doch jenseits: im Paradies.

Also: duldet und hoffet, ihr Einfältigen! Denn nur euer ist das Himmelreich!

Zum Begriff ‚Geister‘ bei Hölderlin – Kritik von Otts „Hölderlins Geister“

Karl-Heinz Ott, Hölderlins Geister, München 2019

Michael Köhlmeier, Das große Sagenbuch des klassischen Altertums, München, 202019

I

Karl-Heinz Otts Buch, eine der Neuerscheinungen zu Hölderlins 250. Geburtstag, setzt sich zum Ziel, Hölderlins Geister zu benennen und wohl auch zu deuten. Einige Seiten vor dem Schluss seines Buchs schreibt Ott:

„Ums Deuten kommt man nicht herum, es geschieht von allein. Jedes Lesen setzt Assoziationen frei; wir haben sie nicht im Griff, sie schweifen in tausenderlei Richtungen.“ (230)

Diesem Konzeptionsprinzip des Aus- und Abschweifens entsprechend ist Otts Buch aufgebaut. Er kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, aufs Blättchen… Alles in steter Bewegung, ohne Halt, zerschwafelt und zerfaselt; und am Ende bleibt dem Leser nur ein Chaosbrei aus Zitaten, von Rück-, Vor- und Querverweisen, Anspielungen und Deutungsanrissen. Ein Gewoge, hin und her, ohne erkennbaren Faden.

II

Der Titel „Hölderlins Geister“ bereits ist schlecht gewählt. Denn er erinnert fatal an Goethes Gedicht „Zauberlehrling“, in dem es heißt:

„Die ich rief, die Geister,

Werd‘ ich nun nicht los.“

Geht es Ott doch nicht um das Anrufen von Geistern zu einem bestimmten Zauberzweck. Die Auseinandersetzung mit den Geistern erfolgt unter anderen, gleichwohl vagen, in der Schwebe gehalten Rücksichten.

III

Hier (einige) Geister-Stellen aus Otts Buch (ohne Gewähr auf Vollständigkeit) – zunächst geordnet nach dem Fortlauf des Buchs:

  • „die große Gleichheit der Geister […] in Freiheit. Monotheismus und Polytheismus sollen sich nicht nur vertragen, sie sollen eins sein.“ (18)
  • In Hölderlins „vereinigungsseligen Kosmos […] beflügelt sein Weingott die Geister, doch stets mit heiligem Ernst. Von Delirien keine Spur, von Barbarei schon zweimal nicht.“ (37)
  • Wieland stellt fest, dass die Einbildungskräfte sprießen wie selten zuvor, aller Aufklärung zum Trotz. Man sehnt sich nach Geistern und nach Phänomenen, die alle Vernunft übersteigen.“ (51)
  • „Liberale Geister kennen keine männliche Standhaftigkeit, sie schwanken und wanken. Baeumler verabscheut den Liberalismus als weibische Kultur.“ (76)
  • „Von nichts ist bei Hölderlin mehr die Rede als von der Einigkeit und Gleichheit der Geister, nach nichts sehnt er sich mehr.“ (162)
  • Hölderlin im Hyperion: „Von Kinderharmonie sind einst die Völker ausgegangen, die Harmonie der Geister wird der Anfang einer neuen Weltgeschichte sein.“ (179)
  • Hölderlin im Gedicht Hymne an die Jugend: „In der Jugend Strahlen sonnen / Ewig alle Geister sich.“ (223)
  • Der letzte Absatz des Buchs lautet: „Ein bisschen steht um die alte Burse herum noch immer die Zeit still, nicht nur bei Nacht. Hört man Schritte hallen durch die Stille, hört man auch noch anderes. […] Es sind Geister, die nichts von Geistern an sich haben. Gespenster ohne Gespenstisches. Anwesenheit könnte man dazu sagen. Anwesenheit aus naher Ferne, von was auch immer.“ (236)

IV

Diese acht Aussagen ließen sich ex post wie folgt ordnen:

In der Auseinandersetzung mit und gegen Kant entstehe, so Ott, ein neues Bedürfnis nach Metaphysik, nach dem, was die Vernunft übersteigt. (3) Diesem Zeitgeist entsprechend habe Hölderlin seine Einbildungskräfte darauf konzentriert, einen jenseitigen Kosmos der Geister zu entwerfen. Dieser neu, besser: erneut zu schaffende Kosmos der Geister sei bei Hölderlin, so Ott, durch Anwendung der Gestaltungsprinzipien von Einigkeit und Gleichheit zu erreichen. (5) Dies setze – wider das Christentum – die Einheit von Monotheismus und Polytheismus voraus. (1) Diese Einheit wiederum könne aber nur durch den Weingott, sprich Dionysos, gestiftet werden. (2) Sobald durch ihn die Einheit verwirklicht worden sei, wäre die Harmonie der Geister geschaffen, die den Anfang einer neuen Weltgeschichte einleitete. (6) Doch nur jugendliche Dichter vermöchten es, einen solchen Kosmos der Geister zu entwerfen. (7) — Doch was die Geister letztlich sind, bleibt bei Ott offen, (8) außer dass sie – politisch vereinnahmt – (nicht bräunlich, sondern) liberal seien (4):

„Die späten Hymnen […, so Ott] weisen tatsächlich ins Offene“ (227)

So endet das Buch, wie es begann: in geisterhaftem Spuk. Erkenntnisgewinn? Fehlanzeige; auch nach 236 Seiten ermüdendem Lesen nicht auszumachen.

V

Dabei gäbe es durchaus Ansatzpunkte der Bestimmung des Begriffs Geister, auf die Ott jedoch mit keinem Wort näher eingeht:

  • Die Vereinnahmung von Christus als letzten der griechischen Götter bei Hölderlin: Dazu gibt es reichlich Literatur. Insbesondere die Parallelen zwischen Christus und Dionysos sind reichlich diskutiert. Doch von Ott kein Wort dazu.
  • Der Große Pan ist tot“, heißt es (auch) bei Ott. (18) Stimmt. Gott Pan war der erste der griechischen Götter, die starben. (Er stank so sehr nach Ziege, dass die anderen Götter sich weigerten, ihn mitzunehmen, wenn sie auszogen, um von den Kräutern zu essen, die unsterblich machen. Und da er kein Unsterblichkeit erhaltendes Kraut mehr bekam: Pech gehabt.) Der letzte war Dionysos: „die Erlöserfigur in der griechischen Mythologie“. (Köhlmeier, 601)
  • Doch Dionysos wurde, laut Hölderlin, wiedergeboren in Christus, wie auch Ott behauptet. (164) Doch inwiefern? Auch dazu findet sich bei Ott kein Wörtchen. Kein Wörtchen zu den Evangelisten und dem Nachhall der altgriechischen Tradition in ihren Schriften… Kein Wort zum Bezug von Mythos und Logos.
  • Kein Hinweis auf das Zitat, mit dem Hegel seine Phänomenologie des Geistes schließt: „aus dem Kelche dieses Geisterreiches / schäumt ihm [dem absoluten Geist] seine Unendlichkeit“. Hegel zitiert hier die Schlusszeilen eines Gedichts (ohne Titel) aus Schillers Philosophischen Briefen, das im Abschnitt Gott steht, mit dem die Briefe schließen:

„Freundlos war der große Weltenmeister,

fühlte Mangel, darum schuf er Geister,

sel’ge Spiegel seiner Seligkeit.

Fand das höchste Wesen schon kein Gleiches,

aus dem Kelch des ganzen Wesenreiches

schäumt ihm die Unendlichkeit.“

  • Auch in den Räubern finden sich mehrere Stellen, die auf Hölderlin (vor)verweisen, z.B. der Ausdruck Harmonie der Geister. (Erster Akt, erste Szene) Doch Ott geht auf Ähnlichkeiten und Differenzen der Begriffswelt / Metaphorologie (Blumenberg) zwischen Hölderlin und seinen Jugendfreunden Hegel und Schelling ebenso wenig ein wie auf die zwischen Hölderlin und Schiller (von dem Hölderlin sich Unterstützung für das Publizieren seiner eigenen Gedichte erhoffte und dessen Werke er daher sehr genau studiert haben dürfte).
  • Besonders disqualifizierend ist folgende Aussage: „Im Übrigen wissen die Griechen noch nicht, dass es sich bei Dionysos und Apoll um ein klassisches Gegensatzpaar handelt. Das ist Nietzsches Erfindung.“ (36) Welch Blödsinn! Es war Gottvater Zeus selbst, der seine beiden Söhne, Dionysos und Apoll, zu den Herren über Delphi bestimmte. (Von Frühling bis Herbst herrschte Apoll und im Winter Dionysos.) Apoll war es, der sich im und über das Orakel offenbarte. Dionysos offenbarte nicht; er wirkte im Verborgenen, im Dunkeln. Nietzsches Erfindung bestand einzig darin, die beiden Wirkmächte des Verbergens und Entbergens der Natur und ihrer Geschöpfe auf die Welt der Kunst zu übertragen. Noch einmal Köhlmeier:

„Apoll und Dionysos verstanden sich wider Erwarten sehr gut. Warum? Weil sie sich ergänzten zu einem. Und das war die allergrößte Gefahr, die dem Zeus drohte, das hat er wohl nicht vorausgesehen. Nämlich zusammen – Apoll und Dionysos, dass Apollinische und das Dionysische –, zusammen waren sie unschlagbar.

Gemeinsam drängten sie den ganzen großen Götterhimmel schließlich zurück. Und in ihrer Verschmelzung gaben sie einer neuen, einer ungeheuer mächtigen Gottgestalt Charakter – nämlich Jesus Christus.“ (614f.)

VI

Wie heißt es bei Hölderlins Odendichter-Vorbild Pindar über die verschwatzten Gelehrten, über die sich sowohl vorher als auch danach Meister der Sprache (sehr hübsch die Xenien von Goethe und Schiller) ebenfalls köstlichst zu amüsieren wussten, so schön:

             μαθόντες δὲ λάβροι

παγγλωσσίᾳ κόρακες ὢς ἄκραντα γαρυέτων

Διὸς πρὸς ὄρνιχα θεῖον·

ihr Allwissen sei nur Krähengekrächze angesichts des göttlichen Vogels des Zeus. (2. Olymp. Ode, Vers 87ff.)

Denis Scheck empfiehlt: „Hölderlins Geister“

Karl-Heinz Ott: Hölderlins Geister, München 2019

Denis Scheck, Denis Scheck empfiehlt: „Hölderlins Geister“, Video, in Druckfrisch (ARD), 26.1.2020

Rüdiger Safranski, Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus. Biographie, München u. Wien, 2004

Martin Heidegger, „Andenken“, in Ders., Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung, Frankfurt a. M., 72012, S. 79-151

Also spricht Denis Scheck:

„Friedrich Hölderlin ist Deutschlands größter Dichter.

Wirklich?

Was ihn dazu macht, das untersucht Karl-Heinz Ott

der große Forscher, der Hölderlin-Kenner, der neue Literaturpapst gar? — Hurrah! Jubelt, ihr Dumpfbacken. Ein neuer Reich-Ranicki ist uns geboren! Erleuchte uns, oh du göttlicher Ott!

in seinem brillanten

Frohlocket, ihr geistig Armen, denn euer ist das Himmelreich

Essayband „Hölderlins Geister“. Friedrich Hölderlins Programm: nichts weniger als die antiken Götter zurück auf eine verwaiste Erde zu singen, die das Christentum in ein Jammertal verwandelt hat.

Altbekannt

Hölderlins Überzeugung: „Die Poesie… wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben.“

Altbekannt

Hölderlin führt den Fachidioten und den Mensch zusammen

Hölderlin will in seiner Dichtung die verloren gegangene Einheit wiederherstellen, das Band zwischen Menschen und Göttern neu knüpfen.

Altbekannt

Hölderlins Klage in seinem einzigen Roman „Hyperion“ über die Arbeitsteilung und das Fachidiotentum in den Köpfen ist die Klage aller Jungen bis heute: „Handwerker siehst du, aber keine Menschen. Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt umeinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?“

Altbekannt; alles, alles altbekannt.

Übrigens: Wie so vieles ist auch Hölderlins Kritik am Fachidiotentum von Schiller beeinflusst, worauf Rüdiger Safranski, anschließend obige Hölderlin-Passage zitierend, in seiner meisterhaft geschriebenen Schiller-Biographie hinweist:

„Den Antagonismus der Kräfte bezeichnet Schiller als das große Instrument der Kultur, im gesellschaftlichen Ganzen den Reichtum der menschlichen Wesenskräfte zu verwirklichen und ihn in der großen Masse der einzelnen zu verfehlen. In dieser Analyse wird Hölderlin den Schlüssel zum Verständnis seines Leidens an der Gegenwart finden.“ (Safranski, 412)

Wo aber ist das Neue, noch nicht Entdeckte?

Hölderlin musste für vieles herhalten

Mit großem Einsichtsreichtum,

haha: lediglich Zitat an Zitat reihend – ohne jeglichen Quellenverweis, das hat Gott Ott nicht nötig – doch dafür mit eigenem Zwischengequak

wortgewaltig

soll heißen: Phrasen dreschend

und mit schlagendem Witz

der nur wohlwollendsten Lesern erscheint

wandelt Karl-Heinz Ott auf Hölderlins Spuren

im Niemandsland

Ott interessiert sich in „Hölderlins Geister“

ausschließlich

für das Nachleben Hölderlins seit seiner Wiederentdeckung Anfang des 20. Jahrhunderts. Man hat aus Friedrich Hölderlin so ziemlich alles gemacht, was man mit einem Dichter machen kann. Die Nazis haben ihn als Barden des Tods fürs Vaterland instrumentalisiert. Die 68er feierten den Revolutionär Friedrich Hölderlin. Die DDR reklamierte den Systemumstürzler für sich, die Dissidenten den unangepaßten Freigeist, der sich allen Zwängen entzog.

Stimmt: All das spricht Ott in einem wirren Zitatenbrei an.

Was dabei völlig außen vor bleibt: Was versteht Hölderlin unter „Geistern“? Was seine Zeitgenossen: Schiller? Goethe? Inwiefern unterscheidet sich sein Ansatz von deren Auffassungen? Welche Bedeutung hat das Wort Geister in der Metaphorologie Hölderlins? Wie ist es eingewebt in sein Denken und Dichten?

So lange all das nicht geklärt ist, ist Otts Geschwafel sinnlos, bodenlos.

Ott hält Hölderlin lebendig

Ott hält Hölderlin lebendig,

Danke, aber dazu brauchen wir Otts pseudo-intellektuelles Gequake nicht.

in dem er zum Beispiel über den Gebrauch des Wortes „aber“ in Hölderlins Dichtung nachdenkt. „Immer wieder das Wörtchen Aber. Jedes Mal horcht man auf, wie Kinder. Jedes Aber lässt an die Bibel denken …“, so Ott.

Ganz große Leistung: abgekupfert von Heidegger – und was darüber hinaus geht: nur blaba.

Sicher gilt aber mit Friedrich Hölderlin bis heute: „Was bleibet aber,

auch bei diesem „aber“ gilt laut Ott und Scheck: ausschließlich an die Bibel denken!

stiften die Dichter.“

Inwiefern?

— Ganz anders die Interpretation Heideggers des Gedichts Andenken, dem obige 2 Zeilen entnommen sind:

Was bleibet aber

stiften die Dichter.

„>Andenken< ist eine einzige in sich gefügte Fuge des aber, die das Wort des Rätsels nennt, als welches das Reinentsprungene im Ursprung bleibt. Dichten ist Andenken. Andenken ist Stiftung. Das stiftende Wohnen des Dichters weist und weiht dem dichterischen Wohnen der Erdensöhne den Grund.“ (Heidegger, 151) —

Also vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue,

wirklich?

und

kaufen, äh

lesen Sie Karl-Heinz Otts „Hölderlins Geister“, erschienen im Hanser Verlag.“

Herzlichen Glückwunsch, liebe Zu-Ende-gelesen-Habende: Nun sind Sie fast genauso schlau oder blöd als vorher. Sie glauben es nicht? Machen wir den Test: Was von all dem Gequake Otts haben Sie denn behalten?

Und sofern Sie vor dem Lesen über ein wenig Vorbildung verfügt haben sollten: Was haben Sie denn Neues gelernt?

Nichts?

Freuen Sie sich: dann sind wir schon zu zweit…

Nida-Rümelins Gequake: Von der Schönheit der Demokratie


Die Schönheit der Demokratie, BR online, 21.5.2019

Nida-Rümelin: Kulturmanager und Sozialdemokrat, RP online, 23.11.2000

CDU-Mann will Steinmeier nach SPD-„Missgriff“ nicht mehr wählen, WELT online, 11.2.2017

Wilhelm Nestle, Vom Mythos zum Logos. Die Selbstentfaltung des griechischen Denkens, Stuttgart, ²1975

I

Also sprach Julian Nida-Rümelin, Lieblings-„Philosoph“ der Gutmenschzunft:

„Demokratie ist nicht die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit. Das ist ein Irrtum.

[Stimmt. Es müsste Herrschaft des Volkes heißen. Doch das würde ja Populismus, wenn nicht gar Nazi-Diktion bedeuten. Und dies Wording ist im Gutmenschsprech (politischer Korrektheit) bekanntlich den Bösen, den Aller Bösen, der AfD zugewiesen. Hurrah!]

Wofür haben wir Artikel 1-19 im deutschen Grundgesetz? Grundrechte, Rechte von Individuen, die diese gegen den Staat im Zweifelsfall geltend machen können. Das heißt: die Demokratie ist nicht Herrschaft der Mehrheit gegenüber der Minderheit, sondern eine Form, in der ich Regierungen unblutig ablösen kann.“

Als ob es nicht um Macht ginge, sondern herrschaftsfreie Diskursspielchen in einer Art aristophanischer „Vogelstadt „Wolkenkuckucksheim““ (Nestle, 469).

Wie (selbst) naiv bzw. (andere) verblödend ist das denn?

Dass unsere Demokratie längst zu einem Selbstbedienungsladen verkommen ist, ist besonders hübsch gerade an Äußerungen der Sozen abzulesen —; was besonders pikant ist, da Gutmensch Nida-Rümelin ja selbst bekanntlich „fest in der SPD verwurzelt“ ist. (RP; im Original alles in fett)

Hierzu 2 Fallgeschichten:

Fall 1

Als Frank-Walter Steinmeier im Februar 2017 zum Bundespräsidenten gekürt wurden, titelten die Genossen frohgemut-euphorisiert nach Gutsherrnart:

„Wir freuen uns auf den neuen sozialdemokratischen Schlossherrn“.

Nix Demokratie: Feudalismus!! Das ist das wahre Gesicht der Sozen!! Demokratie als Maske!!

Fall 2

Und als Franz Müntefering im März 2004 – mit bis dahin super-toll-grandios-unschlagbareren (haha) 95,1 Prozent der Delegierten-Stimmen zum SPD-Vorsitzenden gewählt wurde, rief er den Delegierten zu:

„Opposition ist Mist. Lasst das die anderen machen – wir wollen regieren“. (Welt)

Also sprach der Sieger den Delegierten zu, „die ihn für seine Rede begeistert feierten.“ (Welt)
Hat nicht lang gehalten, die Freude…

II

Und Nida-Rümelin fährt weiter fort:

„Ja, ohne Opposition keine Demokratie, und zwar eine Opposition, die sich nicht in kleinen Zirkeln formiert, sondern die sich öffentlich äußern kann, deren Vertreter nicht ins Gefängnis wandern, die Medien haben, die sie unterstützen, also Agora, ein Marktplatz der Meinungen, muss existieren. Die Leute wollen sich ein Urteil bilden. Das können sie nur, wenn sie die Alternativen kennenlernen und diese nicht stigmatisiert oder gar kriminalisiert werden, wie wir das jetzt gerade in der Türkei erleben.“

Tja, man/frau muss nicht missfällig auf die Türkei, auf Erdoğan schauen. Lenk nicht ab! Das ist extrem wohlfeil und simpel. Auch in Deutschland herrscht Diktatur: politische Korrektheit. Der zufolge sind gut und böse (manichäisch) eindeutig zugewiesen – nach dem Ausschlussprinzip (ex negativo): Gut ist alles, was nicht AfD (und ähnlich rechts) ist. Gutmenschen sind eben extrem schlichten, simplen Gemüts. Schubladisieren, nix denken…

III

Und Nida-Rümelin fährt in seiner Verkündung der Frohen Botschaft an die Tumben weiter fort:

„Nicht nur alle 4, 5 Jahre mal über eine Regierungsmannschaft entscheiden, sondern Anteil nehmen, schauen, was machen die eigentlich, kritisch zu reagieren, vielleicht sich selber zu engagieren, vielleicht selber zu kandidieren. Das ist die Schönheit der Demokratie. Gemeinsame Praxis. Wir nehmen teil an einem gemeinsamen Projekt, mit dem wir uns identifizieren können.“

Herrlich! Toll! Pathetik pur. Wie brauchen wir das!

IV

Also sprach schon Spielverderber, Aufklärer Heraklit:

„ὄνους σύρματ᾽ ἂν ἑλέσθαι μᾶλλον ἢ χρυσόν· ἥδιον γὰρ χρυσοῦ τροφὴ ὄνοις.“
Ärsche fläzen sich eher auf Stroh denn auf Gold. (Fragment 9) [Und Aristoteles kommentiert:] Denn Lust ist Goldes Nahrung den Ärschen.

So pfeifen ’s die Götter von den Dächern und

Quaken ’s die Fröschlein im Tümpel der Dumpfheit

Quak, quak, quak

 

Mord im Auftrag der Göttin Athene – Thea Dorns Krimi „Die Hirnkönigin“


Göttin Athene im Roman Hirnkönigin

Die Anrufung der Göttin Ἀθηνᾶ erfolgt erst spät im Text (auf S. 53). Zuvor hat (u.a.) die Frau des ersten Opfers das Wort. Ihr werden Zitate aus Hugo von Hofmannsthals Elektra (Kap. 2 u. 3) zugestellt. –Warum nicht einer der altgriechischen Dramatiker (im Original) zitiert wird, bleibt offen. — Zwei Mal spricht Elektra (danach auch noch Klytämnestra). (S. 24f) Doch die Elektra-(Klytämnestra-)Spur endet (spätestens) mit dem Selbstmord der Nicht-Mörderin.

Ab da an (spätestens) hat die Mordende, die Hirnkönigin Nike Schröder, das Sagen. Sie ist kein sich am Ehemann rächendes Weib. O nein: Sie ruft Athene an und mordet ihr zu Gefallen, zum Sieg über die Männer, Opferlämmer, die sie sich zur Beute nimmt.

Einschub: Die Hirnkönigin als Weiterentwicklung (der Heldin) des Romans Berliner Aufklärung

Athene kommt schon in Dorns erstem Roman, Berliner Aufklärung, vor:

„Der silberne Brieföffner, der am Griff in ein Relief der Göttin Athene auslief“, (S. 63)

wird zum Mordinstrument.

Über die später hiermit Ermordete, Rebecca, heißt es:

„Als Kind hatte sie [Rebecca] oft neben dem Schreibtisch ihres Vaters gestanden, wenn er mit diesem schweren Briefmesser die Seiten alter Folianten aufgeschnitten hatte. Sie war immer stolz gewesen, wenn er sie dann »meine kleine Athena« genannt hatte. Mit sieben konnte sie große Teile der Ilias und Odyssee auswendig, war mit den griechischen Göttern vertraut wie andere Kinder mit Rotkäppchen und den sieben Geißlein. Es hatte für sie unverrückbar festgestanden: Sie wollte Athene sein, die mutterlose Göttin des Krieges und der Weisheit.“ (S. 63)

Doch sie versagte: nahm ihre Opferrolle ergeben (passiv) an, statt (aktiv) zu morden:

„Ein ruhiger Tod. Ein stiller Tod. Sie hat sich nicht gewehrt. Alles blieb still.“,

sprach der (schwule) Mörder, der den Selbstmord seines (schwulen) Freundes rächte. (S. 193) Dem wurde Aphoristiker Nietzsche zum Verhängnis.

„WICHTIG NEHMEN ALLE DAS STERBEN, ABER NOCH IST DER TOD KEIN FEST. NOCH ERLERNTEN DIE MENSCHEN NICHT, WIE MAN DIE SCHÖNSTEN FESTE WEIHT.“ (Also sprach Zarathustra I, Krit. Studienausg., Bd. 4, S. 93, Z. 10-12; bei Dorn in Großbuchstaben mit geänderter Interpunktion)

Nicht eingearbeitet wird von Dorn das Motto Vom freien Tode, dem das Zitat entnommen ist:

„Stirb zur rechten Zeit: also lehrt es Zarathustra.“ (eb., Z. 4)

Auch die Enttarnung des Philosophieprofessorengequakes im Institutssumpf (einer Uni) als eitles Kokettieren kakophonen Froschgesangs: von jedem gegen jede(n), Position A gegen Position B, Mann gegen Mann, Frau gegen Mann, Homo gegen Homo, Lesbe gegen Schwulen, etc. – in der Hinsicht sind sie alle gleich: jede(r) dem/der andern ein Wolf (Plautus, Hobbes): Jede(r) der 54 Institutler bekam folglich einen Teil des ersten Opfers des Übermenschen säuberlich in sein/ihr Postfach gelegt – bleibt im (Hals-)Ansatz stecken. Von wegen: herrschaftsfreier Diskurs. Wie wär’s mit einem Preis für Habermas für konsequentestes Realitätsentfremdungsgeblödel. Schade, dass Sie nicht tiefer bohr(t)en, Frau Dorn…

Die persona Hirnkönigin

In der Hirnkönigin ist es dann soweit. Nike mordet im Auftrag der Kopfgeborenen.

(Im Roman Berliner Aufklärung hingegen bestraft die (lesbische) Heldin, Anja, (den schwulen „Übermenschen“ mit seinen „stahlblauen Augen“ (S. 186)) lediglich — in persona eines sadistisch Pseudo-Schwulen).

In der Hirnkönigin wird die (nun pur verkopfte, pur asexuelle) Heldin von Anfang an als Beutemacherin vorgestellt. (Ihr Lieblingsopfer sind intelligente, aber irrational Handelnde, sie als Frau begehrende Männer.)

Nach einem kurzen Verweis auf die Anfangszeile der Oyssee (Ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον, ὂς μάλα πολλὰ), um den Bildungs-/Rechtfertigungskontext Nikes anzureißen, werden von Nike die Eingangszeilen des xxvii. Homerischen Hymnus ΕΙΣ ΑΘΗΝΑΝ. zitiert (Z.1-6):

Παλλάδ᾽ ᾿Αθηναίην, κυδρὴν θεόν, ἄρχομ᾿ ἀείδειν,

γλαυκῶπιν, πολύμητιν, ἀμείλιχον ἦτορ ἔχουσαν,

παρθένον αἰδοίην, ἐρυσίπτολιν, ἀλκήεσσαν,

Τριτογενῆ, τὴν αὐτὸς ἐγείνατο μητίετα Ζεὺς

σεμνῆς ἐκ κεφαλῆς, πολεμήϊα τεύχε᾽ ἔχουσαν,

χρύσεα παμφανόωντα·

Nike (Nίκη) sieht sich und handelt als einer Siegesgöttin gleich. Sie versucht dem von ihrem (als Ζεύς-gleich) verehrten Vater, einem erblindeten, auf einen Rollstuhl angewiesenen, pensionierten Latein- und Griechisch-Lehrer, in sie eingepflanzten Ideal purer Geistigkeit zum Sieg zu verhelfen. Sie erlebt sich als Produkt seiner Erziehung, als (dessen) Kopfgeburt (ἐκ κεφαλῆς, wie es im Hymnus heißt).

„Und Nike Schröder ging hinab und trennte das greise Haupt ihres Vaters vom Rumpf und öffnete den Schädel und weinte, als sie die Höhle wiedersah, der sie vor neunzehn Jahren entsprungen war.“ (297)

Das von der körperlichen Hülle, res extensa, befreite Hirn, das sie all ihren Opfern entnimmt und in Einweggläsern konserviert, verkörpert für sie das Eigentliche des Menschen, bloßes res cogitans. (Bei Descartes reduziert auf die Amygdala.) Durch den Mord des (Begehrens des) Körpers ist das Geistige/der Geist zu befreien. Um an die Hirne heranzukommen, mordet sie. Die Körper macht sie sich zur Beute. Sie ist die Wiedergeburt der (Athene) Ageleie (ἀγελείη):

„»Ageleie ist kein Blumenname, du Dummkopf«, sagte sie leise [zu einem frisch Ermordeten]. »Ageleie heißt Beutemacherin.« (121)

Nike versteht sich demnach (auch) als μαῖα. (Ein Bezug zu Sokrates‘ Mäeutik, μαιευτική.) Sie will, dass die Hirne der von ihr Auserwählten zu sich selbst kommen, dass sie frei werden mögen, auf dass sie an und für sich selbst seien. (Phänomenologie des Geistes. Hegel pur). So wie auch für sie selbst gilt:

Sie war Hirn. Reines Hirn. Von Kopf bis Fuß.“ (63)

Unter Verweis auf Trump

I have a gut, and my gut tells me more sometimes than anybody else’s brain can ever tell me.” (Trump zitiert nach Dana Milbank, Washington Post online, 28.11.2018)

ist diese Position durchaus vernünftig

Gemordet wird von ihr (ab dann vornehmlich) während des Rezitierens einschlägiger Ilias-Stellen – auf Griechisch, φυσικά!, wenn auch ohne Verwendung griechischer Schriftzeichen (z.B. 4, 134ff) und Stellenangaben. Schade…

Doch das hat(te) auch sein Gutes. Um alle Stellen zu entdecken, las ich nun erstmals sowohl die Odyssee als auch die Ilias komplett und beschäftigte mich zudem auch noch mit den Hymnen und den Fragmenten der epischen Poesie.

(Spaß machte es auch, all die Stellen aus Goethe, Benn, Trakl,…, aufzusuchen und -zufinden.)

Hierfür besten Dank, Frau Dorn!

Ohne Sie wüsste ich gar nicht, dass die Ilias nur die Zeit zwischen dem Rückzug Achills vom Kampf und der Bestattung (des von ihm getöteten) Hektors umfasst. Wir lasen ja seinerzeit im Gymnasium nur die ersten paar Seiten… –– Mit Schaudern denk ich noch heute an die Stunden bei Oma St. und Onkel F. Die verdarben mir jegliches altphilologisches Lüstlein. Wie gut, dass es seinerzeit auch Pu gab!! Danke, mein Lehrer!!… (Nikes Vater scheint wie Pu fähig gewesen zu sein, Begeisterung entfachen zu können.) –– Interessant fand ich auch, dass die Odyssee bis auf den Kampf Odysseus‘ gegen die Freier (und die Zeit danach) – im Gegensatz zur Ilias – recht unblutig bleibt.

Was ich zudem nicht (mehr) erinnerte, ist, dass es (erst) Vergil war, der den Gründungsmythos Roms (mit) kreierte: der in der Aeneis den Untergang Troias schildert und den Flüchtling („profugus“, 2) Aeneas und die Seinen („nos Troia antiqua“, 375) zur Gründung Roms bestimmt(e). Sehr schön ist (dabei) Vergils Verbeugung vor dem Dichter der Odyssee – die Homer wohl zu Unrecht zugeschrieben wurde/ist –: Musa, mihi causas memora quo numine laeso (8) … Alles verweist auf alles…

Der Epilog des Krimis, der auf dem Flug von Frankfurt nach Athen spielt, schließt:

„»Haben Sie Verwandte in Athen?« [fragte der Sitznachbar.]

Sie legte den Kopf schief. »Gewissermaßen«, sagte sie. Und lächelte.“ (299)

Das Gefühl kenn‘ ich…

„Πού `ναι τα χρόνια ωραία χρόνια
που `χες λουλούδια μες στην καρδιά
πού `ναι η αγάπη γλυκιά μου αγάπη
να μας ζεστάνει στην παγωνιά“

(Άκος Δασκαλόπουλος, Πού `ναι τα χρόνια) gesungen u.a. von Γιώργος Νταλάρας

Nach Griechenland zu fahren ist für mich stets (auch) eine Reise in das Abkünftige Europas. Der Beginn von allem. ωραία χρόνια – wie in Erinnerung an eine einst Geliebte.

Dafür danke ich Frau Dorn besonders: Daran zu erinnern, von wo her Europa kommt. Und das heißt auch, sich/uns klar zu machen, welche Traumata, welche Kriege und Schlachten und Gesänge wir mit uns tragen. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.

Latein und Griechisch aus der Schule zu verbannen, ist ein Verbrechen. Den Haupteingang der Uni Freiburg flankieren (noch immer) die Herren Aristoteles und Homer. Doch bald wird es keine Jugendlichen mehr geben, die deren Schriften im Original lesen können. Und nachdem das erreicht ist, wollen unsere Bildungsgestalter wohl zudem erreichen, dass die beiden keinem mehr etwas sagen. Auf dass die künftigen Studierenden achtlos vorbeigehen mögen.

Der Dummen und nicht ganz-Dummen Wunsch ist es, dass auch alle andern möglichst dumm sein mögen, damit ihre Dummheit nicht länger als Mangel erscheine, keinem mehr unangenehm auffallen möge. Da kommt die Einflutung islamistisch-sozialisierter Flüchtlinge, die die Welt in Rechtgläubige (sie selbst) und kuffār (die sie aufnehmenden Willkommenskultur-ler) teilen, nach Europa gerade recht…

„Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.

Seht! Ich zeige euch   d e n   l e t z t e n   M e n s c h e n.

„Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern“ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.

Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht.“

(Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Zarathustra‘s Vorrede (Kap. 5), Bd. 4, S. 19, Z. 21-28)

Liegt die Wahrheit im Fragment, Frau Dorn?

 

Die Islamisten, die Gutmenschen und das Islamophobie-Sprachspiel

(Richard Gutjahr, „An Deiner Stelle würde ich mir in die Hose scheissen, dass meiner Tochter auch mal was passieren könnte.“, ZEIT, 18.1.2018, 6)

(Rassismusvorwürfe nach „Kameltreiber“-Rede, ZEIT online, 15.2.2018)

Journalist Richard Gutjahr, nach eigener Aussage „Augenzeuge des Terroranschlags in Nizza“, was in den sozialen Medien zum Teil vehement bestritten wird, leidet seit damals unter Angriffen von Truthern. Truther: das sind (nach Definition Gutjahr) „die Wortführer, die Verschwörungstheoretiker“, die meinen, nicht nur die Wahrheit zu kennen, sondern sie auch gegen all die, die sich gegen sie verschworen haben, durchsetzen zu müssen; sie wähnen sich im Recht, im Kampf des Guten gegen das Böse das Gute, für das sie stehen, durchsetzen zu dürfen, ja müssen.

Ein Schelm, der dabei nicht an den IS denkt oder an die diversen, zum Teil selbst ernannten, Islam-(Verbands-)Führer und die von ihnen Geführten, die sich, obschon sie untereinander zum Teil heillos zerstritten sind, in einem Punkt Einigkeit demonstrieren: Sie behaupten, von aufmüpfigen kuffār bedroht zu sein. Und so werfen sie all ihren Kritikern vor, auf islamistische Schandtaten, mit denen sie selbstredend nichts zu tun haben, islamophob (über-)zureagieren.

Dieser Vorwurf verfehlt seine Wirkung nicht. Kein Gutmensch, der ja per se multikulti eingestellt ist, der sich vorwerfen lassen will, islamophob zu sein. Denn islamophob ist doch das Gegenteil von multikulti. Gemäß des Grundsatzes Nicht sein kann, was nicht sein darf heißt das: Von Islamisten begangene Gräueltaten sind die Taten einzelner, fehlgeleiteter Individuen, Psychopathen. Alles halb so schlimm. Die Ausnahme ist lediglich die Bestätigung der Regel. Die Flüchtlinge mit ihrem Primitiv-Islam sind eine Bereicherung. Jawohl! Und wehe dem, der dem widerspricht: Der wird mit dem Vorwurf islamophob zu sein in die rechte Ecke gestellt. Schande über ihn!

Ganz anders die Gutmensch-Argumentation, wenn es darum geht einen, der der Gruppe der in der rechten Ecke Stehenden (per Vorverurteilung) bereits zugewiesen ist, sich unflätig äußert. Beispiel die Aschermittwoch-Rede des AfD-lers André Poggenburg, in der er

„Türken in Deutschland als „Kümmelhändler“ und „vaterlandsloses Gesindel“ bezeichnet. „Diese Kameltreiber sollen sich dorthin scheren, wo sie hingehören, weit, weit, weit, hinter den Bosporus, zu ihren Lehmhütten und Vielweibern. Hier haben sie nichts zu suchen und zu melden““ (ZEIT online)

Hier ist dann nicht mehr von einem Einzeltäter die Rede. Vielmehr wird das Verhalten dieses einzelnen und damit seine Widerlichkeit zu einem Vorwurf pars pro toto: AfDler per se sind böse. So äußerte sich beispielsweise

Aydan Özoğuz, die auch [!!] Integrationsbeauftragte der Bundesregierung ist [und deren Brüder bekennende Islamisten sind, was freilich nie erwähnt wird], warf Poggenburg vor, sich „außerhalb unserer demokratischen Grundordnung“ zu stellen. [Um dann zum Pauschalurteil überzuleiten:] „Der bürgerliche Putz der AfD bröckelt immer stärker, ihr Fundament ist braun“, sagte Özoğuz ebenfalls dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.“ (ZEIT online; im Original kein Fettdruck)

Dabei hätte Özoğuz durchaus die Möglichkeit gehabt, die AfDler als Gruppe anzugreifen: da das Publikum seinem Redner applaudierte und sogar „Abschieben!“ forderte.

Ach, was wären all die Meinungsführer von rechts wie links qua Amt ohne die, die ihnen wie Hammel hinterher traben und mit-blöken.

Über das weite Feld der Mitläufer schreibt Gutjahr:

„Der Großteil derer, die Truther- und Hass-Videos liken oder teilen, sind harmlose Mitläufer. Doch man sollte ihre Rolle nicht unterschätzen. Erst dadurch, dass sie den Hass weiterverbreiten, werden die Wortführer in die Lage versetzt, Macht über ihre Verleumdungsopfer zu gewinnen.“

Ach, ihr Gutmenschen, die ihr euch über die AfDler so herrlich in Rage reden könnt. — Eure Scheinheiligkeit ist mittlerweile so eklatant, dass euch immer weniger glauben: Nach Umfragen derzeit 15 Prozent für die AfD. Das habt ihr (mit) zu verantworten. Und je mehr ihr Probleme leugnet, schön redet, umettiketiert, desto mehr wächst die Gruppe derer an, die von euch rechts verortet wird und die dann bei nächster Gelegenheit per Wahlzettel gegen euch aufbegehren…

Am Fall Özoğuz kann man zudem lernen, wie frau trotz islamistischer Familien-Vorbelastung zur Sauberfrau wird. Gutjahr zeigt das Argumentationsmuster auf:

Argumentationstrick: sich selbst zum Opfer stilisieren

„Tatsächlich gelingt den Hass-Tätern ein erstaunlicher Trick, den ich schon oft bei meinen Bemühungen, mit den Mitläufern zu kommunizieren, beobachtet habe: die Anführer suggerieren ihren Anhängern, nicht Täter, sondern Opfer zu sein.

[Im Fall von Özoğuz geht das so: Ich bin eine (bekennende) Muslima. Habt mich gefälligst lieb, ihr kuffār! Und falls ihr mich nicht lieb habt, so sage ich euch geradeheraus: Das macht ihr nur, weil ich Muslima bin. Pfui! Ihr seid ja islamophob! Schande über euch! Möget ihr im Höllenfeuer schmoren, wie Allah es für euch vorbestimmt hat!! –– Sie sehen, es ist höchst belebend, sich aus der eigenen Opferrolle heraus echauffieren zu können:]

Das senkt die eigene Hemmschwelle und rechtfertigt Hetze als adäquate Selbstverteidigung gegen ein übermächtiges System.“

In Deutschland ist das System, gegen das die mehr oder weniger radikal-fanatischen Moslems aufbegehren, das der zahlenmäßig (noch) überlegenen dhimmi.

Doch zum Glück leben wir Menschen in der Ambivalenz und so gilt Hölderlins Aussage:

Wo aber Gefahr ist, wächst

das Rettende auch.

Und so könnten ja demnächst die Kirchen, die wegen Unterfüllung eigentlich geschlossen werden müssten, husch husch zu Moscheen umgerüstet, umfunktioniert werden. Das bringt Geld in die Kasse der Kirche und spart zudem Ausgaben des Staats. Welch win-win-Potenzial!

Wann werden wir es endlich schaffen, Jenseits von gut und böse zu kommen, um dann in einen herrschaftsfreien Diskurs eintreten zu können. –

Die alten Griechen waren da schon weiter. Ihre Götter waren per se ambivalent angelegt. Kein Schablonendenken in gut und böse, Gläubige und Ungläubige, Paradies und Höllenfeuer (wie im Koran). Und, Frau Özoğuz, die sie ja behaupten, Deutschland habe keine Kultur (außer Deutsch als Sprache), sei entgegnet: Schauen Sie sich mal um in unseren Städten und sie werden sehen…

Den Haupteingang der Universität Freiburg flankieren zwei Statuen: Homer und Aristoteles: Literatur und Wissenschaft fußend in der von den Vorsokratikern kreierten Geisteswelt: Das ist unsere, das ist europäische Kultur(-Tradition). Ihren geistlosen (Primitiv-)Islam (nebst Kodex: Heirat mit 9 Jahren, wie nun auch in der Türkei wieder erlaubt werden soll, Vielehe, Köpfen, Steinigen, etc. und Logik: Analogieschlüsse, die es jedem Taliban durch Zitieren irgendwelcher Koranstellen erlauben, eine Fatwa zu erlassen) brauchen wir wahrlich nicht zur Bereicherung.

Michel Houellebecqs Bezug zu Schopenhauer (Nietzsche und Comte)

(Michel Houellebecq, In Schopenhauers Gegenwart, Aus dem Französischen von Stephan Kleiner, Köln, 22017)

Was mit Nietzsches Bekenntnis zu Schopenhauer als Erzieher — der dritten unzeitgemäßen Betrachtung (1874) — einst begann, von Horkheimer unter Bezug auf Die Aktualität Schopenhauers (1960) fortgeführt wurde, findet nun also in Michel Houellebecqs  Behauptung der Zeitgenossenschaft eine weitere Fortsetzung…

Für das Verständnis von Houellebecqs Romanen ist dabei vor allem das, den sechs Kapiteln vorgelagerte Bekenntnis bedeutsam. Kurz gesagt ist es Houellebecqs Denkweg:

Von Nietzsche zu Schopenhauer zu Comte

  1. Ausgangspunkt: Nietzsche

Zu Beginn gesteht Houellebecq:

„Was die Philosophie anging, wäre ich um ein Haar bei Nietzsche geblieben, obwohl unsere Beziehung eigentlich bereits gescheitert war. Ich fand seine Philosophie unmoralisch und abstoßend, aber seine Geisteskraft imponierte mir. […] in intellektueller Hinsicht musste ich mich ihm geschlagen geben.“ (8)

  1. Abkehr von Nietzsche und Zuwendung zu Schopenhauer

Die erste Erschütterung erfährt Houellebecqs Nietzsche-Begeisterung durch die Lektüre Schopenhauers;

  1. Abkehr von Schopenhauer und Zuwendung zu Comte

„etwa zehn Jahre später“ begegnete ihm Auguste Comte. Nun hieß die Frage:

„Schopenhauer oder Comte? Letztlich musste ich mich für eine Seite entscheiden, und so wurde ich schrittweise, begleitet von einer Art ernüchterndem Enthusiasmus, zum Positivisten und hörte damit sukzessive auf, Schopenhauerianer zu sein.“ (9)

Trotz der Zuwendung zu Comte ist für Houellebecq jedoch weiterhin

„Schopenhauers Geisteshaltung […] noch immer dazu geeignet […], allen nachfolgenden Philosophen als Vorbild zu dienen“. (10)

Dies ist der Grund für die Abfassung des vorliegenden Buchs.

Schopenhauers Einzigartigkeit: seine Methodik

Das Einzigartige, der Vorrang Schopenhauers besteht für Houellebecq darin, dass

„das Kernstück seiner [Schopenhauers] Philosophie, ihr wahres Grundprinzip, nicht dem Reich der Konzepte [entstammt]; es gründet ganz im Gegenteil auf einer einzigartigen Intuition, die ihrem Wesen nach künstlerischer Natur ist und vermutlich seit Mitte der 1810er-Jahre existiert.“ (34)

Kurz gefasst:

„das gesamte System [Schopenhauers] basiert [… auf der] Anwendung der Introspektion als metaphysische Untersuchungsmethode.“ (39)

St. Greenblatt über Poggio Bracciolinis Wiederentdeckung von Lukrez

Frog1(Stephen Greenblatt, Die Wende. Wie die Renaissance begann, Aus dem Englischen von Klaus Binder, 72011, München)

(Philipp Blom, Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, München, 42016)

Der Titel von Stephen Greenblatts Werk ist irreführend.

Denn die Renaissance wird nicht als eine neue Epoche gegen die Scholastik abgegrenzt. Lediglich ein einziges Ereignis, die Wiederentdeckung von LukrezDe rerum natura wird pars pro toto beleuchtet:

Greenblatts Die Wende leistet eine höchst faktenreiche und lesenswerte Rezeptionsgeschichte eines – sogar, sofern Greenblatt recht hat, des – Schlüsselwerks der Renaissance.

Denn Lukrez‘ Gedicht, so wird von Greenblatt behauptet, sei der Schlüssel dazu, dass es überhaupt gelang, die Tradition des epikureischen, empiristisch-materialistischen Weltverständnisses im zweiten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts – Greenblatt datiert Suche und Finden auf 1417 – wiederaufgegriffen und die atomistische Position erneut ins Spiel gebracht zu haben. Greenblatt macht dabei deutlich, dass es Bücherjägern wie dem Florentiner Poggio Bracciolini nicht um die Inhalte ging, sondern um sprachliche Brillianz der von ihnen wiederentdeckten klassisch-lateinischen Werke. Die(se) Humanisten suchten das Schöne in der Sprache. Sie suchten nach bestimmten Werken bestimmter Autoren, ihrer sprachlichen, nicht inhaltlichen, Meisterschaft wegen. Am Christentum und seiner Weltauslegung wollten sie (zumeist) nicht rütteln:

„Die von den Humanisten wiederentdeckten heidnischen Texte waren zwingend und lebensbejahend und zugleich vollkommen abseitig und verrückt. Nach Jahrhunderten fast völliger Vergessenheit waren sie dem Kreislauf des europäischen Denkens wieder eingeflößt worden und repräsentierten darum keine Kontinuität, waren auch keine einfache Rückerstattung, sondern bewirkten vielmehr tiefe Beunruhigung.“ (237)

Die ketzerischen „Zumutungen“ Lukrez‘ (194; im Original nicht fett gedruckt) benennt und kommentiert Greenblatt kurz:

  • Alles Seiende ist aus unsichtbaren Teilchen zusammengesetzt.“ (194)
  • Diese Elementarteilchen der Materie – die »Keine der Dinge« – sind ewig.“ (194)
  • Die Elementarteilchen sind unendlich in ihrer Zahl, aber begrenzt in Gestalt und Größe.“ (195)
  • Alle Teilchen bewegen sich in einer unendlichen Leere.“ (196)
  • Das Universum hat keinen Schöpfer oder Designer.“ (196)
  • Alle Dinge entstehen infolge geringer Abweichungen.“ (197)
  • Die zufällige Abweichung, der kleine Rock ist Ursprung auch des freien Willens.“ (197)
  • Die Natur experimentiert unaufhörlich.“ (198)
  • Das Universum wurde weder wegen noch für die Menschen erschaffen.“ (199)
  • Nicht das Schicksal der Gattung (geschweige denn das des Einzelnen) ist der Pol, um den sich alles dreht.“ (199)
  • Menschen sind nicht einzigartig“. (199)
  • Die menschliche Gesellschaft nicht mit einem Goldenen Zeitalter der Ruhe und der Fülle begonnen, sondern als natürlicher Kampf ums Überleben“. (200)
  • Die Seele ist sterblich“. (201)
  • Es gibt kein Leben nach dem Tod.“ (201)
  • Der Tod berührt uns nicht“. (202)
  • Alle organisierten Religionen sind abergläubische Täuschungen“. (202)
  • Religionen sind allesamt grausam.“ (202)
  • Es gibt eine Engel, keine Dämonen und Geister.“ (203)
  • Das höchste Ziel des menschlichen Lebens ist Steigerung des Genusses und Verringerung des Leidens.“ (203)
  • Nicht Leid ist das größte Hindernis auf dem Weg zur Lust, sondern Täuschung.“ (204)
  • Das Verstehen der Dinge und ihrer Natur weckt großes Staunen.“ (207)

Lukrez‘ Leser im 15. Jahrhundert reagierten unterschiedlich. Marsilio Ficino verbrannte seinen Kommentar zu dem von ihm zunächst hoch gepriesenen Gedicht, nachdem er

„wider zu Sinnen kam – will sagen, zu seinem Glauben zurück fand […].

Eine andere Reaktion war, Lukrez‘ poetischen Stil von seinen Ideen zu trennen. Das scheint auch Bracciolinis Verfahrensweise gewesen zu sein“. (229)

Inwiefern die Rezeption der Inhalte zur Scholastik-Kritik genutzt wurde, wird in Greenblatts Die Wende jedoch nur an einzelnen Personen paradigmatisch angerissen. Näher geht Greenblatt u.a. auf Thomas Morus (Utopia) (235ff), Giordano Bruno (241ff), Michel de Montaigne (252ff) und Galileo Galilei (263) ein.

Die weitere Rezeptionsgeschichte ist nur mehr angedeutet:

„Lukrez‘ Materialismus trug dazu bei, den Skeptizismus von Denkern wie Dryden oder Voltaire hervorzutreiben und zu untermauern, ebenso den vernichtenden Unglauben, wie er bei Diderot, Hume und vielen anderen Aufklärern zum Ausdruck kam.“ (271)

Insofern ist Greenblatts Buch zum Verständnis von Bloms Böse Philosophen unverzichtbar. Bei ihm heißt es über Lukrez:

„Die Denker der Aufklärung hatten ihren Lukrez gelesen und identifizierten sich oft mit ihm. Holbach übersetzte ihn ins Französische, und Diderot ließ sich in seiner Erzählung in Dialogform Le rêve de d’Alembert (D’Alemberts Traum) maßgeblich von ihm inspirieren. Beide sprachen über den alten Römer, als wäre er ein persönlicher Freund.“ (Blom, 197; im Original keine Hervorhebungen) …

Frog4