Die Islamisten, die Gutmenschen und das Islamophobie-Sprachspiel

(Richard Gutjahr, „An Deiner Stelle würde ich mir in die Hose scheissen, dass meiner Tochter auch mal was passieren könnte.“, ZEIT, 18.1.2018, 6)

(Rassismusvorwürfe nach „Kameltreiber“-Rede, ZEIT online, 15.2.2018)

Journalist Richard Gutjahr, nach eigener Aussage „Augenzeuge des Terroranschlags in Nizza“, was in den sozialen Medien zum Teil vehement bestritten wird, leidet seit damals unter Angriffen von Truthern. Truther: das sind (nach Definition Gutjahr) „die Wortführer, die Verschwörungstheoretiker“, die meinen, nicht nur die Wahrheit zu kennen, sondern sie auch gegen all die, die sich gegen sie verschworen haben, durchsetzen zu müssen; sie wähnen sich im Recht, im Kampf des Guten gegen das Böse das Gute, für das sie stehen, durchsetzen zu dürfen, ja müssen.

Ein Schelm, der dabei nicht an den IS denkt oder an die diversen, zum Teil selbst ernannten, Islam-(Verbands-)Führer und die von ihnen Geführten, die sich, obschon sie untereinander zum Teil heillos zerstritten sind, in einem Punkt Einigkeit demonstrieren: Sie behaupten, von aufmüpfigen kuffār bedroht zu sein. Und so werfen sie all ihren Kritikern vor, auf islamistische Schandtaten, mit denen sie selbstredend nichts zu tun haben, islamophob (über-)zureagieren.

Dieser Vorwurf verfehlt seine Wirkung nicht. Kein Gutmensch, der ja per se multikulti eingestellt ist, der sich vorwerfen lassen will, islamophob zu sein. Denn islamophob ist doch das Gegenteil von multikulti. Gemäß des Grundsatzes Nicht sein kann, was nicht sein darf heißt das: Von Islamisten begangene Gräueltaten sind die Taten einzelner, fehlgeleiteter Individuen, Psychopathen. Alles halb so schlimm. Die Ausnahme ist lediglich die Bestätigung der Regel. Die Flüchtlinge mit ihrem Primitiv-Islam sind eine Bereicherung. Jawohl! Und wehe dem, der dem widerspricht: Der wird mit dem Vorwurf islamophob zu sein in die rechte Ecke gestellt. Schande über ihn!

Ganz anders die Gutmensch-Argumentation, wenn es darum geht einen, der der Gruppe der in der rechten Ecke Stehenden (per Vorverurteilung) bereits zugewiesen ist, sich unflätig äußert. Beispiel die Aschermittwoch-Rede des AfD-lers André Poggenburg, in der er

„Türken in Deutschland als „Kümmelhändler“ und „vaterlandsloses Gesindel“ bezeichnet. „Diese Kameltreiber sollen sich dorthin scheren, wo sie hingehören, weit, weit, weit, hinter den Bosporus, zu ihren Lehmhütten und Vielweibern. Hier haben sie nichts zu suchen und zu melden““ (ZEIT online)

Hier ist dann nicht mehr von einem Einzeltäter die Rede. Vielmehr wird das Verhalten dieses einzelnen und damit seine Widerlichkeit zu einem Vorwurf pars pro toto: AfDler per se sind böse. So äußerte sich beispielsweise

Aydan Özoğuz, die auch [!!] Integrationsbeauftragte der Bundesregierung ist [und deren Brüder bekennende Islamisten sind, was freilich nie erwähnt wird], warf Poggenburg vor, sich „außerhalb unserer demokratischen Grundordnung“ zu stellen. [Um dann zum Pauschalurteil überzuleiten:] „Der bürgerliche Putz der AfD bröckelt immer stärker, ihr Fundament ist braun“, sagte Özoğuz ebenfalls dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.“ (ZEIT online; im Original kein Fettdruck)

Dabei hätte Özoğuz durchaus die Möglichkeit gehabt, die AfDler als Gruppe anzugreifen: da das Publikum seinem Redner applaudierte und sogar „Abschieben!“ forderte.

Ach, was wären all die Meinungsführer von rechts wie links qua Amt ohne die, die ihnen wie Hammel hinterher traben und mit-blöken.

Über das weite Feld der Mitläufer schreibt Gutjahr:

„Der Großteil derer, die Truther- und Hass-Videos liken oder teilen, sind harmlose Mitläufer. Doch man sollte ihre Rolle nicht unterschätzen. Erst dadurch, dass sie den Hass weiterverbreiten, werden die Wortführer in die Lage versetzt, Macht über ihre Verleumdungsopfer zu gewinnen.“

Ach, ihr Gutmenschen, die ihr euch über die AfDler so herrlich in Rage reden könnt. — Eure Scheinheiligkeit ist mittlerweile so eklatant, dass euch immer weniger glauben: Nach Umfragen derzeit 15 Prozent für die AfD. Das habt ihr (mit) zu verantworten. Und je mehr ihr Probleme leugnet, schön redet, umettiketiert, desto mehr wächst die Gruppe derer an, die von euch rechts verortet wird und die dann bei nächster Gelegenheit per Wahlzettel gegen euch aufbegehren…

Am Fall Özoğuz kann man zudem lernen, wie frau trotz islamistischer Familien-Vorbelastung zur Sauberfrau wird. Gutjahr zeigt das Argumentationsmuster auf:

Argumentationstrick: sich selbst zum Opfer stilisieren

„Tatsächlich gelingt den Hass-Tätern ein erstaunlicher Trick, den ich schon oft bei meinen Bemühungen, mit den Mitläufern zu kommunizieren, beobachtet habe: die Anführer suggerieren ihren Anhängern, nicht Täter, sondern Opfer zu sein.

[Im Fall von Özoğuz geht das so: Ich bin eine (bekennende) Muslima. Habt mich gefälligst lieb, ihr kuffār! Und falls ihr mich nicht lieb habt, so sage ich euch geradeheraus: Das macht ihr nur, weil ich Muslima bin. Pfui! Ihr seid ja islamophob! Schande über euch! Möget ihr im Höllenfeuer schmoren, wie Allah es für euch vorbestimmt hat!! –– Sie sehen, es ist höchst belebend, sich aus der eigenen Opferrolle heraus echauffieren zu können:]

Das senkt die eigene Hemmschwelle und rechtfertigt Hetze als adäquate Selbstverteidigung gegen ein übermächtiges System.“

In Deutschland ist das System, gegen das die mehr oder weniger radikal-fanatischen Moslems aufbegehren, das der zahlenmäßig (noch) überlegenen dhimmi.

Doch zum Glück leben wir Menschen in der Ambivalenz und so gilt Hölderlins Aussage:

Wo aber Gefahr ist, wächst

das Rettende auch.

Und so könnten ja demnächst die Kirchen, die wegen Unterfüllung eigentlich geschlossen werden müssten, husch husch zu Moscheen umgerüstet, umfunktioniert werden. Das bringt Geld in die Kasse der Kirche und spart zudem Ausgaben des Staats. Welch win-win-Potenzial!

Wann werden wir es endlich schaffen, Jenseits von gut und böse zu kommen, um dann in einen herrschaftsfreien Diskurs eintreten zu können. –

Die alten Griechen waren da schon weiter. Ihre Götter waren per se ambivalent angelegt. Kein Schablonendenken in gut und böse, Gläubige und Ungläubige, Paradies und Höllenfeuer (wie im Koran). Und, Frau Özoğuz, die sie ja behaupten, Deutschland habe keine Kultur (außer Deutsch als Sprache), sei entgegnet: Schauen Sie sich mal um in unseren Städten und sie werden sehen…

Den Haupteingang der Universität Freiburg flankieren zwei Statuen: Homer und Aristoteles: Literatur und Wissenschaft fußend in der von den Vorsokratikern kreierten Geisteswelt: Das ist unsere, das ist europäische Kultur(-Tradition). Ihren geistlosen (Primitiv-)Islam (nebst Kodex: Heirat mit 9 Jahren, wie nun auch in der Türkei wieder erlaubt werden soll, Vielehe, Köpfen, Steinigen, etc. und Logik: Analogieschlüsse, die es jedem Taliban durch Zitieren irgendwelcher Koranstellen erlauben, eine Fatwa zu erlassen) brauchen wir wahrlich nicht zur Bereicherung.

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Michel Houellebecqs Bezug zu Schopenhauer (Nietzsche und Comte)

(Michel Houellebecq, In Schopenhauers Gegenwart, Aus dem Französischen von Stephan Kleiner, Köln, 22017)

Was mit Nietzsches Bekenntnis zu Schopenhauer als Erzieher — der dritten unzeitgemäßen Betrachtung (1874) — einst begann, von Horkheimer unter Bezug auf Die Aktualität Schopenhauers (1960) fortgeführt wurde, findet nun also in Michel Houellebecqs  Behauptung der Zeitgenossenschaft eine weitere Fortsetzung…

Für das Verständnis von Houellebecqs Romanen ist dabei vor allem das, den sechs Kapiteln vorgelagerte Bekenntnis bedeutsam. Kurz gesagt ist es Houellebecqs Denkweg:

Von Nietzsche zu Schopenhauer zu Comte

  1. Ausgangspunkt: Nietzsche

Zu Beginn gesteht Houellebecq:

„Was die Philosophie anging, wäre ich um ein Haar bei Nietzsche geblieben, obwohl unsere Beziehung eigentlich bereits gescheitert war. Ich fand seine Philosophie unmoralisch und abstoßend, aber seine Geisteskraft imponierte mir. […] in intellektueller Hinsicht musste ich mich ihm geschlagen geben.“ (8)

  1. Abkehr von Nietzsche und Zuwendung zu Schopenhauer

Die erste Erschütterung erfährt Houellebecqs Nietzsche-Begeisterung durch die Lektüre Schopenhauers;

  1. Abkehr von Schopenhauer und Zuwendung zu Comte

„etwa zehn Jahre später“ begegnete ihm Auguste Comte. Nun hieß die Frage:

„Schopenhauer oder Comte? Letztlich musste ich mich für eine Seite entscheiden, und so wurde ich schrittweise, begleitet von einer Art ernüchterndem Enthusiasmus, zum Positivisten und hörte damit sukzessive auf, Schopenhauerianer zu sein.“ (9)

Trotz der Zuwendung zu Comte ist für Houellebecq jedoch weiterhin

„Schopenhauers Geisteshaltung […] noch immer dazu geeignet […], allen nachfolgenden Philosophen als Vorbild zu dienen“. (10)

Dies ist der Grund für die Abfassung des vorliegenden Buchs.

Schopenhauers Einzigartigkeit: seine Methodik

Das Einzigartige, der Vorrang Schopenhauers besteht für Houellebecq darin, dass

„das Kernstück seiner [Schopenhauers] Philosophie, ihr wahres Grundprinzip, nicht dem Reich der Konzepte [entstammt]; es gründet ganz im Gegenteil auf einer einzigartigen Intuition, die ihrem Wesen nach künstlerischer Natur ist und vermutlich seit Mitte der 1810er-Jahre existiert.“ (34)

Kurz gefasst:

„das gesamte System [Schopenhauers] basiert [… auf der] Anwendung der Introspektion als metaphysische Untersuchungsmethode.“ (39)

St. Greenblatt über Poggio Bracciolinis Wiederentdeckung von Lukrez

Frog1(Stephen Greenblatt, Die Wende. Wie die Renaissance begann, Aus dem Englischen von Klaus Binder, 72011, München)

(Philipp Blom, Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, München, 42016)

Der Titel von Stephen Greenblatts Werk ist irreführend.

Denn die Renaissance wird nicht als eine neue Epoche gegen die Scholastik abgegrenzt. Lediglich ein einziges Ereignis, die Wiederentdeckung von LukrezDe rerum natura wird pars pro toto beleuchtet:

Greenblatts Die Wende leistet eine höchst faktenreiche und lesenswerte Rezeptionsgeschichte eines – sogar, sofern Greenblatt recht hat, des – Schlüsselwerks der Renaissance.

Denn Lukrez‘ Gedicht, so wird von Greenblatt behauptet, sei der Schlüssel dazu, dass es überhaupt gelang, die Tradition des epikureischen, empiristisch-materialistischen Weltverständnisses im zweiten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts – Greenblatt datiert Suche und Finden auf 1417 – wiederaufgegriffen und die atomistische Position erneut ins Spiel gebracht zu haben. Greenblatt macht dabei deutlich, dass es Bücherjägern wie dem Florentiner Poggio Bracciolini nicht um die Inhalte ging, sondern um sprachliche Brillianz der von ihnen wiederentdeckten klassisch-lateinischen Werke. Die(se) Humanisten suchten das Schöne in der Sprache. Sie suchten nach bestimmten Werken bestimmter Autoren, ihrer sprachlichen, nicht inhaltlichen, Meisterschaft wegen. Am Christentum und seiner Weltauslegung wollten sie (zumeist) nicht rütteln:

„Die von den Humanisten wiederentdeckten heidnischen Texte waren zwingend und lebensbejahend und zugleich vollkommen abseitig und verrückt. Nach Jahrhunderten fast völliger Vergessenheit waren sie dem Kreislauf des europäischen Denkens wieder eingeflößt worden und repräsentierten darum keine Kontinuität, waren auch keine einfache Rückerstattung, sondern bewirkten vielmehr tiefe Beunruhigung.“ (237)

Die ketzerischen „Zumutungen“ Lukrez‘ (194; im Original nicht fett gedruckt) benennt und kommentiert Greenblatt kurz:

  • Alles Seiende ist aus unsichtbaren Teilchen zusammengesetzt.“ (194)
  • Diese Elementarteilchen der Materie – die »Keine der Dinge« – sind ewig.“ (194)
  • Die Elementarteilchen sind unendlich in ihrer Zahl, aber begrenzt in Gestalt und Größe.“ (195)
  • Alle Teilchen bewegen sich in einer unendlichen Leere.“ (196)
  • Das Universum hat keinen Schöpfer oder Designer.“ (196)
  • Alle Dinge entstehen infolge geringer Abweichungen.“ (197)
  • Die zufällige Abweichung, der kleine Rock ist Ursprung auch des freien Willens.“ (197)
  • Die Natur experimentiert unaufhörlich.“ (198)
  • Das Universum wurde weder wegen noch für die Menschen erschaffen.“ (199)
  • Nicht das Schicksal der Gattung (geschweige denn das des Einzelnen) ist der Pol, um den sich alles dreht.“ (199)
  • Menschen sind nicht einzigartig“. (199)
  • Die menschliche Gesellschaft nicht mit einem Goldenen Zeitalter der Ruhe und der Fülle begonnen, sondern als natürlicher Kampf ums Überleben“. (200)
  • Die Seele ist sterblich“. (201)
  • Es gibt kein Leben nach dem Tod.“ (201)
  • Der Tod berührt uns nicht“. (202)
  • Alle organisierten Religionen sind abergläubische Täuschungen“. (202)
  • Religionen sind allesamt grausam.“ (202)
  • Es gibt eine Engel, keine Dämonen und Geister.“ (203)
  • Das höchste Ziel des menschlichen Lebens ist Steigerung des Genusses und Verringerung des Leidens.“ (203)
  • Nicht Leid ist das größte Hindernis auf dem Weg zur Lust, sondern Täuschung.“ (204)
  • Das Verstehen der Dinge und ihrer Natur weckt großes Staunen.“ (207)

Lukrez‘ Leser im 15. Jahrhundert reagierten unterschiedlich. Marsilio Ficino verbrannte seinen Kommentar zu dem von ihm zunächst hoch gepriesenen Gedicht, nachdem er

„wider zu Sinnen kam – will sagen, zu seinem Glauben zurück fand […].

Eine andere Reaktion war, Lukrez‘ poetischen Stil von seinen Ideen zu trennen. Das scheint auch Bracciolinis Verfahrensweise gewesen zu sein“. (229)

Inwiefern die Rezeption der Inhalte zur Scholastik-Kritik genutzt wurde, wird in Greenblatts Die Wende jedoch nur an einzelnen Personen paradigmatisch angerissen. Näher geht Greenblatt u.a. auf Thomas Morus (Utopia) (235ff), Giordano Bruno (241ff), Michel de Montaigne (252ff) und Galileo Galilei (263) ein.

Die weitere Rezeptionsgeschichte ist nur mehr angedeutet:

„Lukrez‘ Materialismus trug dazu bei, den Skeptizismus von Denkern wie Dryden oder Voltaire hervorzutreiben und zu untermauern, ebenso den vernichtenden Unglauben, wie er bei Diderot, Hume und vielen anderen Aufklärern zum Ausdruck kam.“ (271)

Insofern ist Greenblatts Buch zum Verständnis von Bloms Böse Philosophen unverzichtbar. Bei ihm heißt es über Lukrez:

„Die Denker der Aufklärung hatten ihren Lukrez gelesen und identifizierten sich oft mit ihm. Holbach übersetzte ihn ins Französische, und Diderot ließ sich in seiner Erzählung in Dialogform Le rêve de d’Alembert (D’Alemberts Traum) maßgeblich von ihm inspirieren. Beide sprachen über den alten Römer, als wäre er ein persönlicher Freund.“ (Blom, 197; im Original keine Hervorhebungen) …

Frog4

Dialogunkultur der Gutmenschen

Frog1(Stephen Greenblatt, Die Wende. Wie die Renaissance begann. Aus dem Englischen von Klaus Binder, München, 72012)

(Anne Will, „Man macht mit einer solchen Sendung eine Gratwanderung“, Interview: Iris Radisch, ZEIT online, 12.11.2016)

In seinem Buch Die Wende. Wie die Renaissance begann begründet Stephen Greenblatt die aporetische Struktur klassischer Dialoge (in der Tradition Platons) durch die prinzipielle Offenheit der Gespräche und der prinzipiellen Gleichrangigkeit der Argumente. Während die Sophisten darauf abzielten, ihre Wahrheit als die Wahrheit schlechthin zu verkünden, diskutierten Philosophen nach Vorbild Sokrates‘ als Freunde, denen es nicht darauf ankam, sich als Wissende gegen Unwissende abzugrenzen. Sokrates selbst sagte bekanntlich über sich: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Unter Bezug auf einige Textstellen Ciceros macht Greenblatt diese Intention des Dialogs als Unterhaltung unter Freunden deutlich:

Cicero möchte den Lesern seine Gedanken nicht als in einsamer Reflexion entstandenen, fertigen Traktat präsentieren; er präsentiert sie lieber im Austausch von Standpunkten und Ansichten unter gesellschaftlich und intellektuell Gleichen – in einem Disput, in dem er selbst nur eine kleine Rolle spielt und der keinen eindeutigen Sieger hat. […:]

Mit diesen Worten gingen wir auseinander, und zwar so, daß auf Velleius der Vortrag Cottas wahrer wirkte, während für mich die Äußerungen des Balbus mehr Ähnlichkeit mit der Wahrheit zu haben schienen.“

In diesem offenen Ende zeigt sich keine intellektuelle Bescheidenheit – Cicero war gewiss kein bescheidener Mann –, sondern ein Verhalten kultivierter Offenheit unter Freunden. Nicht die Schlüsse, zu denen man gelangt, der Austausch selbst transportiert den Großteil von Bedeutung und Sinn. Es ist vor allem die Diskussion, auf die es ankommt, die Tatsache, dass wir uns so einfach verständigen können, mit einer Mischung aus Witz und Ernsthaftigkeit, ohne abzugleiten in Geschwätz oder Beschimpfungen, stets Raum lassend für abweichende Ansichten. Dazu nochmals Cicero:

Es sei also diese Gesprächsführung … gelassen und nicht rechthaberisch, und sie besitze Charme. Auch schließe sie andere nicht aus, als ob sie in ihren Besitz eindrängen, sondern sie halte Abwechslung [der Redenden] in allen Dingen, besonders aber im gewöhnlichen Gespräch, für nicht unangemessen.

Die Dialoge, die Cicero und andere schrieben, waren, auch wenn die auftretenden Personen durchaus real waren, keine Nachschriften wirklicher Disputationen, sondern idealisierte Versionen von Gesprächen, wie sie an Orten wie der Villa [dei Papiri] in Herculaneum durchaus hätten stattfinden können. (79f; im Original keine Hervorhebungen)

Tja, das ist der Unterschied zur gegenwärtigen Dialogkultur Deutschlands: Da sind auf der einen Seite all die Gutmenschen, die sich als moralisch überlegen fühlen und voll Verachtung und Ekel in gleichgeschalteter politischer Korrektheit auf die herab blicken, die es wagen, gegen sie zu opponieren. Und da sind auf der andern Seite all die Wutbürger, die sich von der Mehrheit (der Gutmenschen), die die Diskursmacht hat, gegängelt und marginalisiert fühlen und ihrerseits aus Wut in Feindkategorien (z.B. die Presse als ausschließlich Lügenpresse) denken, vorverurteilen und diffamieren.

Dass die Gutmenschfraktion polemisiert, sich ihre Mitglieder in ihrer Polemik gegenseitig (pseudo-argumentativ) stützten, sich in ihrer ideologischen Festung einigeln und aus ihr heraus die vorgeblich dumm-rassistischen Wutbürger attackieren, zeigt der Auftritt des Universitätsprofessors Münkler in hart aber fair, 5.9.2016. Er argumentiert mit Statistiken, die zu Ende gedacht, nichts bzw. sogar das Gegenteil der behaupteten Folgerung aussagen. (siehe Münklers Scheinargumente) Ein Professor, der seine intellektuelle Macht zum Lügen nutzt, und niemand rechnet nach und/oder widerspricht. Ein öffentlich-rechtliches Trauerspiel!

Oder nehmen wir die Sendung Anne Will, 6.11.2016. Eine, immer dieselbe Islamisten, Nora Illi, vorzuführen und in der Talkrunde (erneut) zum Abschuss freizugeben, die, auch wenn sie es selbst so nicht sieht, nur eine Karikatur einer fundiert und gekonnt argumentierenden Islamistin ist, ist eine Farce. Ob die Mitdiskutanten z.B. Pierre Vogel ebenso leicht hätten abschießen können? Zumindest unter theologischer Rücksicht, wahrscheinlich aber auch methodologisch und rhetorisch sowieso wäre das viel, viel schwieriger, aber für den Zuschauer auch viel, viel interessanter geworden. Und dann darf Anne Will sich auch noch eine Seite lang in der ZEIT für ihre Beihilfe zur islamistischen Propaganda rechtfertigen. (siehe auch Anne Will hofiert Islamistin) Und wer interviewt sie? Eine Literaturkritikerin, Iris Radisch, die ihr höchst moderat-genehm-harmlose Fragen stellt und ihr in den Fragen immer auch schon Wege in die Rechtfertigung der Gutmenschposition Wills – Meinungsfreiheit muss Propaganda aushalten! – vorzeichnet. Will etikettiert die live eingeblendete und zudem laut verlesene IS-Propaganda Illis ex post flugs in „anstößige Inhalte“ um. Was für ein abgekartetes pseudokritisches Feigenblattgeplänkel. Arme ZEIT…

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Salazars „Sprache des Terrors“ des IS

Frog1(Philippe-Joseph Salazar, »Kampf der Symbole«, Im Gespräch mit Elisabeth von Thadden, ZEIT, 1.9.2016, 37)

(Philippe-Joseph Salazar, Die Sprache des Terrors. Warum wir die Propaganda des IS verstehen müssen, um ihn bekämpfen zu können, München 2016)

Im Interview formuliert Philippe-Joseph Salazar sein Hauptanliegen, das Projekt der Aufklärung fortzusetzen, wie folgt:

„Wir füllen die Ideen der Aufklärung nicht mehr substantiell aus. […] Wir haben sie zu Managementvokabeln verkommen lassen. [… Das] heißt zuerst, dass gegenwärtig in einem Staat wie Frankreich die Aufklärung offenbar nicht mehr stattfinden soll. Wir Bürger werden nicht informiert. Die heiklen Quellen werden von uns ferngehalten, ob durch staatliche Zensurpolitik, Beschwichtigen der Medien [Lügenpresse…] oder die geheimdienstliche Auswahl von zugänglichen Informationen. Wir werden nicht ernst genommen. Aber wir sind der Souverän. Lesen wir endlich die Quellen des Gegners! Unsere französischen Schullehrer sind doch alle dafür ausgebildet, Texte zu analysieren: Warum machen wir die Texte und Videos des Kalifats nicht zur Schullektüre,

[statt den Schülern und Schülerinnen Islamunterricht durch Organisationen wie Ditib anzubieten, die das Geschäft des IS betreiben, indem sie Aussagen treffen wie: Es gibt nichts Schöneres als Märtyrer zu sein/werden!]

um sie zu entdämonisieren, zu falsifizieren, ihre Widersprüche, Irrtümer und Manipulationen aufzudecken? Das ist und bleibt die beste Waffe, über die wir verfügen: uns auf die Urteilskraft zu verlassen und sie in Anspruch zu nehmen. Die schlechtestmögliche Verteidigung des Landes hingegen besteht darin, die Bürger für dumm zu halten.“

Doch die Gutmensch-Eliten machen exakt dieses. Qua gegenseitige Selbstermächtigung und gegenseitiges Schulterklopfen dominieren sie (Funktionäre, Parteigänger und Sympathisanten von – in Deutschland – CDU, SPD, Die Linke, die Grünen; FAZ, SZ, ZEIT…) den öffentlichen Diskurs in Presse und Fernsehen. Sie bestimmen die Diskursregeln und tragen für deren Exekution Sorge. Daher ist es schwierig, ihnen, diesen manichäisch vor-eingestellten Bevormundern (Wir sind die Guten und ihr seid die schlechthin, scheiß Bösen. Seht es doch endlich ein und kuscht gefälligst!) nicht genehme Informationen überhaupt zu beschaffen. – Zum Glück gibt es ein noch (!) weit gehend nicht-domestiziertes Internet und ab und an Anti-Pauschalisten (wie Juli Zeh, Markus Lanz…). –
Zudem ist es schier unmöglich, sich in den Diskurs einzubringen, ohne a priori aus der Schlechtmensch-Perspektive heraus als zum kleinen, großen oder gar absoluten Arschloch auserkoren (gegen das als das höchste Gute – bonum, τἀγαθά (Platon) – a priori Vorgegebene uns ins Göttliche Entrückte: To άξιον εστί Willkommenskultur!, und zwar: Gemäß der Maxime: Kαθ᾽ ἑαυτόν „Keine Obergrenzen!“) an-argumentieren zu müssen.

Leider konnten sich die – insbesondere radikalenAufklärer (siehe Philipp Bloms großartiges Buch hierzu) nicht durchsetzen… Und nicht nur das: Die Aufklärung (qua perennierender Imperativ über alle Generationen hinweg) scheint obsolet.

Letztlich sind wir Zombie-Christen (Emmanuel Todd) in der Ambivalenz stehen geblieben: Da die Sklavenmoral des Christentums, in der wir sozialisiert wurden, in unserem Unbewussten weiterlebt (wie Todd am Fall Frankreich zeigt), sind wir immer noch höchst empfänglich für Unterwerfungsappelle. (In der Hinsicht stehen wir dem IS weit näher als all die Gutmenschen wahrhaben wollen.)

Also sprach (schon) Nietzsche (siehe Vorrede Zarathustra): Die Bereitschaft sich (unter dem Imperativ der Gutmenschen – welcher Couleur auch immer!) zu versklaven ist in unserm Zeitalter (noch? zu?) stark ausgeprägt; der Wille zur Gegenwehr ist schwach und wird diskursethisch (zu Tode) nihiliert.

Ein einziges Bild eines einzigen toten Buben (Ailan Kurdi) genügt —: Und schon verfängt die alles, in toto nihilierende Mitleidsethik (Schopenhauer contra Nietzsche).

Das ist der Vorlauf in den Tod des anderen, des Fremden – sei es anonym (à la Albert Camus) oder benamt (à la Kamel Daoud) – SOWIE des europäischen Menschen.

Ihr seid Verächter EURER Freiheit! Ihr, die ihr da ruft:

Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!
Halleluja / Halelu Yah / Alhamdulillah! (Psalm 118:26) –;

sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum —;
egal, ob auf Deutsch, Jüdisch oder Arabisch…;

und wer nicht mitmacht, für den gelte: Rübe ab! —: Sei es nun bloß im Diskurs, oder gar existenziell:
Das allein sei die zur Wahl stehende Differenz;

amen.

(siehe auch: J. Zeh zu Merkels ‚Wir schaffen das.‘)

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Bestseller-„Philosoph“ Wilhelm Schmid über Houellebecq

Frog1(Wilhelm Schmid, »Ich hasse das Thema Glück mittlerweile«, Im Gespräch mit Iris Radisch, ZEIT, 23.12.2015, 50)

Noch so einer, der von der ZEIT als Philosoph tituliert wird, obwohl er Philosophie (lediglich) zu Zwecken des Broterwerbs, als τέχνη betreibt, so wie andere das Bäcker- oder Metzgerhandwerk. Wilhelm Schmid ist ein Klug-Quaker – in Platons Jargon: Ein Sophist, d.h. einer, der vom Verkauf seiner Weisheiten lebt. Zuletzt schrieb er seitenlang über Gelassenheit (vom Volk zum »Spiegel«-Jahresbestseller 2015 gekauft), doch ohne selbst gelassen zu sein (Philosoph als Beruf ohne Berufung). Das wird in seinen Äußerungen über Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung besonders deutlich:

„Houellebecq ist im Zynismus gelandet [Inwiefern??], da wird er auch sitzen bleiben bis zum Ende seiner Tage. [Warum?? Und selbst wenn: Warum ist das so schlimm, dass man darüber nicht gelassen hinwegsehen könnte?? Warum diese Abfälligkeit??] Ich beschäftige mich nicht damit. [Statt Gelassenheit Verdrängung. Und so ‘was soll Philosoph sein…] Der ist nicht zugänglich [Andere runterputzen, damit man selbst besser dasteht…], der fährt nach Bangkok, vögelt die Thailänderinnen [Welch‘ Sprachniveau… Und überhaupt: Stimmt das denn??] und beklagt zugleich, dass moderne Leute die Freiheit dazu haben. So etwas Bescheuertes.“

Das gilt demnach auch für Schmid. Denn auch er hat nichts außer Sex(-Optimierung) im Kopf:

„Es geht um die Spannweite zwischen Askese und Ekstase. Viele wollen nur die Ekstase. Aber nur, wenn man sich übt in etwas, sich auch diszipliniert verhält, auch etwas verzögern kann, hat man den besseren Sex. Es geht um Optimierung, nicht um Maximierung.“

So, so…

„Er ist zu feige und zu faul [Woher weiß Herr Schmid das?], eine andere Lebensform zu finden, sich mit dem Alltag zu beschäftigen, darum, wie man [!] Kinder aufzieht [Kommt bei Schmid auch nicht vor.], wie man [!] Essen macht [in Schmids Jargon: optimiert], wie man [!] lebt. [Heidegger würde Schmid vorwerfen, im Modus der Verfallenheit gefangen zu sein…] Er macht lieber große Theorien über den Untergang der westlichen Welt. [Immerhin hat er, im Gegensatz zu Schmid, erkannt, dass Sex nicht alles sein kann/darf. Und immerhin hat Houellebecq Ahnung von Literatur… Auch Schmid, übrigens, schrieb zuvor über SexOut…] Er ist ein Altachtundsechziger, der noch nicht auf dem Stand der Dinge ist.“

Soll wohl heißen im Gegensatz zu ihm, Wilhelm Schmid, der natürlich auf der Höhe der Dinge – welcher Dinge? Es geht doch wohl um Dasein, Existenz – ist, widmet er doch seine „ganze Arbeit der Neubegründung der Lebenskunst.“ Ja, Schmid habilitierte gar über Grundlegung zu einer Philosophie der Lebenskunst. Und was fällt ihm dazu Bahnbrechendes ein:

„Jeder Mensch macht auch transzendente Erfahrungen. Sie haben mit großer Wahrscheinlichkeit schon mal einen Sex erlebt, der Sie hinweggespült hat, das sind religiöse Momente.“

Dieses doch recht animalisch-triebhafte Verständnis von Glückseligkeit teilt Schmid übrigens mit dem Protagonisten aus Houellebecqs Unterwerfung, François. Worin also liegt der Unterschied?? Außer (vielleicht) darin, dass ersterer wohl eher auf Maximierung und letzterer definitiv auf Optimierung setzt. Welch‘ Differenz!! Welch‘ großartiger Philosoph, welch‘ großartige Philosophie, welch‘ Lebenskunstgenuss…

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Donatella Di Cesare: Antisemitismus in der deutschen Philosophie (von Luther zu Hitler)

Frog1(Donatella Di Cesare, Heidegger, die Juden, die Shoah, Frankfurt a. M., 2016)

Im zweiten Kapitel (47-109) ihres höchst lesenswerten Buchs thematisiert Donatella Di Cesare Die Philosophie und der Hass gegen die Juden (nachdem sie im ersten Kapitel – mit Titel Zwischen Politik und Philosophie – zunächst auf die neuere Heidegger-Rezeption eingegangen war.

Es ist erschreckend, bei Di Cesare nochmals nachzulesen/nachlesen zu müssen, wie sich der Antisemitismus nicht nur in der christlichen Religion – gerade in der Reform-Bewegung von Luther, „der als erster die Zerstörung des Judentums gefordert hatte“ (47) –, sondern auch bei Kant und im Deutschen Idealismus (bei Fichte und Hegel) und seiner (Radikal-)Kritik durch Schopenhauer und Nietzsche breitmachte.

Bereits Luther sah die Juden als verlogen und als unbekehrbare „innere Feinde“ an, die zu vernichten seien. (50) Di Cesare zitiert: „das man ire Synagoga oder Schule mit feur anstecke“… (52) Aus heutiger Sicht liest sich das wie die Vorwegnahme der Reichskristallnacht.

Es sind insbesondere die folgenden Zuschreibungen, die immer wieder erhoben und miteinander verquickt werden:

  • Das Judentum als religiös verlogen
  • Das Judentum als Nicht-Religion

Den Vorwurf, dass die Juden Lügner seien, erhebten neben Luther auch Kant, Schopenhauer und Nietzsche. (53) Als Grundlage hierfür nennt Di Cesare die Behauptung (der Hebraisten), dass „das Judentum kein echter Glaube sei.“ (58) Auch Kant ist dieser Auffassung. Di Cesare zitiert:

Das „Judentum […] ist eigentlich gar keine Religion, sondern bloß Vereinigung einer Menge Menschen, die, da sie zu einem besondern Stamm gehörten, sich zu einem gemeinen Wesen unter bloß politischen Gesetzen, mithin nicht zu einer Kirche formten“. (Kant, Die Religion innerhalb…; nach 64)

  • Das Judentum als Staat im Staat / die Juden als politisch verlogen
  • Das Judentum als innerer Feind

Des Weiteren wird das Judentum als das gänzlich Fremde und daher als nicht integrierbarer Fremdkörper in der (werdenden) deutschen Nation stigmatisiert:

„Das Judentum, jene sonderbare, fremde Religion, wird – von Herder bis zu Fichte – zur Religion einer fremden Nation. Dem theologischen folgt unmittelbar das politische Stigma. Die Juden werden als ein Volk angesehen, das einem anderen Kontinent [dem Orient] entstammt.“ (59; im Original keine Hervorhebungen)

Die unterstellte politische Verlogenheit wird (jüngst) u.a.auch von Emmanuel Todd herausgearbeitet:

„Wenn der andere von Natur aus anders ist, kann seine Assimilation nur ein Täuschungsmanöver, ein Trick, eine Lüge oder der Versuch sein, sich in eine gesunde Kultur einzuschleichen, um sie von innen heraus zu verderben.“ (Wer ist Charlie?, Aus dem Französischen von Enrico Heinemann, München 2016, 88)

Dabei wird der sonst gern ins Spiel gebrachte Grundsatz ex oriente lux auf die Juden gerade nicht (vs. in dubio pro reo) angewandt.

Luthers Verdikt, dass die Juden innere Feinde seien, werde, so Di Cesare, von denjenigen (wieder) aufgegriffen, die auf die „kompromisslose Durchsetzung des deutschen Nationalismus“ drängten. (60) So insbesondere von Fichte, der die jüdische Nation als einen Staat im Staate betrachtet und „zum ersten Mal die Idee einer jüdischen Weltverschwörung angedeutet“ habe. (60)

Grundlage dieser Auffassung könnte folgender, von Kant vertretener Argumentationsstrang sein:

Das Judentum bilde, so Kant, die „unterste Stufe“ in der Hierarchie aller „historischen Religionen“. (62) Dabei sei das „Judentum […] eigentlich gar keine Religion, sondern […] ein bloß weltlicher Staat [… mit dem] politische[n] Glaube[n…], ihn [den Staat] (bei Ankunft des Messias) wohl einmal wiederherzustellen.“ (Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen…, 789f; nach 64)

Ausschlaggebend für die Negativwertung des Judentums ist demnach also die Unterstellung, dass die Juden eigentlich einen eigenen Staat wollten, dies aber verleugneten, indem sie nur so täten als ob sie Bürger des deutschen Staates seien. [Vgl. Dolchstoßlegende]

Fichte war wohl der erste, der dann das Ariertum als Gegenbegriff in den Diskurs über das Judentum einbrachte, indem er einen ursprünglich arischen Christus von einem abkünftig asiatischen unterschieden (61) und diese Differenz politisch gedeutet habe:

„Für die Deutschen beansprucht Fichte sowohl das Recht, das Erbe dieses ursprünglichen Christentums anzutreten, als auch die Aufgabe, es zu arisieren und in eine politische Mission zu übertragen.“ (61)

  • Die Juden als Volk von Betrügern
  • Die Juden als Volk unredlicher Kaufleute

Warum Kant bei Di Cesare erst nach Fichte untersucht wird, ist in ihrem Buch nicht näher ausgeführt.

Ein Aspekt, der von Anfang an mit virulent war, wird von Kant gar anthropologisch verankert: Für Kant sind die Juden „eine Nation von [moralisch betrachtet] Betrügern“: (Kant; nach 67)

„Die unter uns lebenden Palästinenser [!!] sind durch ihren Wuchergeist seit ihrem Exil, auch was die größte Menge betrifft, in den nicht unbegründeten Ruf des Betruges gekommen. [… Sie seien als] eine Nation von lauter Kaufleuten zu denken, deren bei weitem größter Teil […danach trachte, seinen] Verlust durch die Vorteile der Überlistung des Volks, unter dem sie [die Kaufleute] Schutz finden, und selbst ihrer untereinander, ersetzen [zu] wollen.“ (Kant, Anthropologie in pragmatischer…, 517f; nach 66f)

  • Das Judentum als perfide
  • Das Judentum als Sklavenmoral

Hegel thematisiert – ob bewusst oder unbewusst, bleibt offen – dieselben Vorurteile wie Fichte. Hegel zufolge

bringe der Jude „die Verheißung, versteht sie aber nicht. Er verrät sie sogar, indem er auf seinem Unglauben gegenüber dem Glauben beharrt, den er nicht anerkennen kann. Deshalb die Anschuldigung der Perfidie.“ (71; Hervorhebung im Original kursiv)

Das Judentum sei der Dialektik des Zu-sich-selbst-kommens des Geistes (d.h. in Freiheit) nicht fähig:

„Auf den drei Stufen, auf denen es [das jüdische Volk] sich allmählich bildet, Abrahams Schnitt, dem Exodus aus Ägypten, der Auferlegung des Gesetzes durch Moses, stellt sich seine Freiheit dreimal als Sklaverei heraus.“ Doch: „für ein Volk, das auch in dem Moment, in dem es frei wird, sich weiter als Sklave bestimmt, kann es keine Hoffnung geben.“ (77)

Das Judentum habe, so die Schlussfolgerung, vor dem τέλος der Geschichte kapituliert.

  • Das Judentum als Urgrund der christlichen Sklavenmoral
  • Die Juden als die Fälscher alles Natürlichen

Für den sich zum Antichrist gemauserten Pfarrerssohn Nietzsche ist das „Christentum […] eine Erfindung der Juden.“ (89) Nietzsche wende sich daher nicht nur gegen das Christentum, weil es Sklavenmoral predige, sondern auch gegen das Judentum als die Grundlage der christlichen Sklavenmoral. Er „bezichtigt [die Juden], ihn [Jesus] hervorgebracht zu haben.“ (89) Ähnlich wie für Hegel sind für Nietzsche, so suggeriert Di Cesare, die Juden „in der Geschichte die Gestalt der Entfremdung selbst.“ (91) Denn „ihr Geist [habe] sich zum starren priesterlichen Codex versteinert“: (91)

Im Antichrist schreibt Nietzsche:

„Die Juden sind das merkwürdigste Volk der Weltgeschichte, weil sie, vor die Frage von Sein und Nichtsein eingestellt, mit einer vollkommen unheimlichen Bewusstheit das Sein um jeden Preis vorgezogen haben: dieser Preis war die radikale Fälschung aller Natur, aller Natürlichkeit, aller Realität, der ganzen inneren Welt so gut als der äußeren.“ (Nietzsche, Der Antichrist, §24; nach 100)

Damit sind die Juden als widernatürlich gebrandmarkt. In Anschluss an Nietzsche sahen die Nazis es dann als ihre geschichtliche Aufgabe, die (vorgeblich von den Juden betriebene) Umwertung alles Natürlichen in Widernatürlichkeit radikal zurückgängig zu machen: Durch Auslöschung der Fälscher:

„Der Nationalsozialismus hat sich berufen gefühlt, die uralte Wertordnung wiederherzustellen: Hatte das Judentum, auch in seiner letzten Version, und zwar im Christentum, die Natur gefälscht und so eine extreme Entartung verursacht, so sei es nun nötig, zur Natur zurückzukehren, die Umwertung rückgängig zu machen und die Verantwortlichen, die Fälscher, auszulöschen.“ (101)

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