G. Kepel zum Ursprung des Begriffs „haram“

Frog1(Gilles Kepel u. Antoine Jardin, Der Terror in Frankreich. Der neue Dschihad in Europa, Aus dem Französischen von Werner Damson, München, 2016)

„Das Wort »Marrane« kommt aus dem spanischen marrano, was Schwein bedeutet, das wiederum aus dem arabischen Wort mahram stammt und laut Scharia haram, nicht erlaubt ist“. (267)

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Göttliche Vorsehung: Nur Froschgesang

Frog1(Stephen Greenblatt, Die Wende. Wie die Renaissance begann, Aus dem Englischen von Klaus Binder, 72011, München)

„Wie konnte jemand, der auch nur über einen Funken Verstand verfügte, an die Idee der Vorsehung glauben, an diese kindische Vorstellung, die jeder vernünftigen Erfahrung und Beobachtung Erwachsener widersprach? Christen konnten nichts anderes sein als ein Rat von Fröschen, die in ihrem Teich hocken und mit allem, was ihre Lungen hergeben, quaken: »Für unser Heil wurde die Welt erschaffen.«“ (108; im Original keine Hervorhebung)

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Gründung Salonikis (ca. 310 v. Chr.)

Frog1(James Romm, Der Geist auf dem Thron. Der Tod Alexanders des Großen und der mörderische Kampf um sein Erbe, Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber, München 2016)

Über die Gründung Salonikis schreibt James Romm (in seinem lesenswerten Buch über den Kampf um Alexanders Erbe):

„Unter den Überlebenden des Hungerinfernos von Pydna [316 v. Chr.] hatte Kassander eine Halbschwester Alexanders des Großen gefunden. Thessalonike, eine Tochter Philipps aus der Verbindung mit einer griechischen [!!] Frau namens Nikesipolis. In dem Gerangel um die Nachfolge Alexanders war Thessalonike bis dahin unsichtbar geblieben, obwohl sie ledig und noch im gebärfähigen Alter war. Kassander ergriff diese unverhoffte Chance und heiratete Thessalonike umgehend. […]

 

Kassander machte sich daran, Erben zu zeugen. Er war entschlossen, dass die Monarchie durch ihn weiterleben würde […]

 

Kassanders lange Erfolgssträhne hielt an: Thessalonike sollte ihm in den kommenden Jahren drei Söhne gebären, Knaben, die mindestens zu einem Teil noch Argeadenblut in den Adern hatten […]. Den Namen seiner Frau verwendete er zur Benennung einer von ihm gegründeten Stadt auf makedonischem Boden, als Zeichen der Dankbarkeit für Ihre Passivität [!!] und Fruchtbarkeit. Die Stadt lebt und gedeiht bis heute: Thessaloniki, im Norden Griechenlands.“ (300f; im Original keine Hervorhebungen durch Fettdruck)

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320 v. Christus: Die Juden werden Teil europäischer Geschichte

Frog1(James Romm, Der Geist auf dem Thron. Der Tod Alexanders des Großen und der mörderische Kampf um sein Erbe, Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber, München 2016)

James Romm datiert den Einzug der Juden in die europäische Geschichte auf die Zeit der Eroberung Jerusalems durch Ptolemaios (320 v. Chr.). Ausdrücklich weist er dabei darauf hin, dass die Juden damals aufgrund des Sabbat-Gebots keinen Widerstand leisteten. Zudem betont er die Bedeutung jüdischen Einflusses auf die Entwicklung Alexandrias als (Kultur-)Hauptstadt Ägyptens unter Ptolemaios:

„Ptolemaios [wusste] eine Menge über die Juden, genug, um deren eigene religiöse Praktiken gegen sie zu verwenden. Er hatte erfahren, dass ihr Kalender in Wochen zu je sieben Tagen eingeteilt war und dass es in jeder Woche einen Sabbat gab, an dem jegliche Arbeit ruhte und auch das Tragen von Waffen untersagt war. Ptolemaios plante deshalb, seinen Einmarsch in Jerusalem auf einen Sabbat zu legen. Die Juden hielten sich an ihre alten Vorschriften und rührten keine Hand gegen ihn. Ptolemaios feierte einen unblutigen Sieg und erweiterte sein Herrschaftsgebiet um eine reiche neue Provinz. Alexandria, Ptolemaios‘ neue Hauptstadt, begann sich mit jüdischen Gefangenen und Migranten zu füllen und wurde bald das pulsierendste Zentrum jüdischen Lebens außerhalb Jerusalems.

 

So hielten die Juden Einzug auf der Bühne der europäischen Geschichte: als fromme Toren, die ein Feldherr Alexanders besiegte, weil sie nicht gegen die Gesetze von Moses verstoßen wollten.“ (208; im Original keine Hervorhebungen)

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St. Greenblatt über Poggio Bracciolinis Wiederentdeckung von Lukrez

Frog1(Stephen Greenblatt, Die Wende. Wie die Renaissance begann, Aus dem Englischen von Klaus Binder, 72011, München)

(Philipp Blom, Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, München, 42016)

Der Titel von Stephen Greenblatts Werk ist irreführend.

Denn die Renaissance wird nicht als eine neue Epoche gegen die Scholastik abgegrenzt. Lediglich ein einziges Ereignis, die Wiederentdeckung von LukrezDe rerum natura wird pars pro toto beleuchtet:

Greenblatts Die Wende leistet eine höchst faktenreiche und lesenswerte Rezeptionsgeschichte eines – sogar, sofern Greenblatt recht hat, des – Schlüsselwerks der Renaissance.

Denn Lukrez‘ Gedicht, so wird von Greenblatt behauptet, sei der Schlüssel dazu, dass es überhaupt gelang, die Tradition des epikureischen, empiristisch-materialistischen Weltverständnisses im zweiten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts – Greenblatt datiert Suche und Finden auf 1417 – wiederaufgegriffen und die atomistische Position erneut ins Spiel gebracht zu haben. Greenblatt macht dabei deutlich, dass es Bücherjägern wie dem Florentiner Poggio Bracciolini nicht um die Inhalte ging, sondern um sprachliche Brillianz der von ihnen wiederentdeckten klassisch-lateinischen Werke. Die(se) Humanisten suchten das Schöne in der Sprache. Sie suchten nach bestimmten Werken bestimmter Autoren, ihrer sprachlichen, nicht inhaltlichen, Meisterschaft wegen. Am Christentum und seiner Weltauslegung wollten sie (zumeist) nicht rütteln:

„Die von den Humanisten wiederentdeckten heidnischen Texte waren zwingend und lebensbejahend und zugleich vollkommen abseitig und verrückt. Nach Jahrhunderten fast völliger Vergessenheit waren sie dem Kreislauf des europäischen Denkens wieder eingeflößt worden und repräsentierten darum keine Kontinuität, waren auch keine einfache Rückerstattung, sondern bewirkten vielmehr tiefe Beunruhigung.“ (237)

Die ketzerischen „Zumutungen“ Lukrez‘ (194; im Original nicht fett gedruckt) benennt und kommentiert Greenblatt kurz:

  • Alles Seiende ist aus unsichtbaren Teilchen zusammengesetzt.“ (194)
  • Diese Elementarteilchen der Materie – die »Keine der Dinge« – sind ewig.“ (194)
  • Die Elementarteilchen sind unendlich in ihrer Zahl, aber begrenzt in Gestalt und Größe.“ (195)
  • Alle Teilchen bewegen sich in einer unendlichen Leere.“ (196)
  • Das Universum hat keinen Schöpfer oder Designer.“ (196)
  • Alle Dinge entstehen infolge geringer Abweichungen.“ (197)
  • Die zufällige Abweichung, der kleine Rock ist Ursprung auch des freien Willens.“ (197)
  • Die Natur experimentiert unaufhörlich.“ (198)
  • Das Universum wurde weder wegen noch für die Menschen erschaffen.“ (199)
  • Nicht das Schicksal der Gattung (geschweige denn das des Einzelnen) ist der Pol, um den sich alles dreht.“ (199)
  • Menschen sind nicht einzigartig“. (199)
  • Die menschliche Gesellschaft nicht mit einem Goldenen Zeitalter der Ruhe und der Fülle begonnen, sondern als natürlicher Kampf ums Überleben“. (200)
  • Die Seele ist sterblich“. (201)
  • Es gibt kein Leben nach dem Tod.“ (201)
  • Der Tod berührt uns nicht“. (202)
  • Alle organisierten Religionen sind abergläubische Täuschungen“. (202)
  • Religionen sind allesamt grausam.“ (202)
  • Es gibt eine Engel, keine Dämonen und Geister.“ (203)
  • Das höchste Ziel des menschlichen Lebens ist Steigerung des Genusses und Verringerung des Leidens.“ (203)
  • Nicht Leid ist das größte Hindernis auf dem Weg zur Lust, sondern Täuschung.“ (204)
  • Das Verstehen der Dinge und ihrer Natur weckt großes Staunen.“ (207)

Lukrez‘ Leser im 15. Jahrhundert reagierten unterschiedlich. Marsilio Ficino verbrannte seinen Kommentar zu dem von ihm zunächst hoch gepriesenen Gedicht, nachdem er

„wider zu Sinnen kam – will sagen, zu seinem Glauben zurück fand […].

Eine andere Reaktion war, Lukrez‘ poetischen Stil von seinen Ideen zu trennen. Das scheint auch Bracciolinis Verfahrensweise gewesen zu sein“. (229)

Inwiefern die Rezeption der Inhalte zur Scholastik-Kritik genutzt wurde, wird in Greenblatts Die Wende jedoch nur an einzelnen Personen paradigmatisch angerissen. Näher geht Greenblatt u.a. auf Thomas Morus (Utopia) (235ff), Giordano Bruno (241ff), Michel de Montaigne (252ff) und Galileo Galilei (263) ein.

Die weitere Rezeptionsgeschichte ist nur mehr angedeutet:

„Lukrez‘ Materialismus trug dazu bei, den Skeptizismus von Denkern wie Dryden oder Voltaire hervorzutreiben und zu untermauern, ebenso den vernichtenden Unglauben, wie er bei Diderot, Hume und vielen anderen Aufklärern zum Ausdruck kam.“ (271)

Insofern ist Greenblatts Buch zum Verständnis von Bloms Böse Philosophen unverzichtbar. Bei ihm heißt es über Lukrez:

„Die Denker der Aufklärung hatten ihren Lukrez gelesen und identifizierten sich oft mit ihm. Holbach übersetzte ihn ins Französische, und Diderot ließ sich in seiner Erzählung in Dialogform Le rêve de d’Alembert (D’Alemberts Traum) maßgeblich von ihm inspirieren. Beide sprachen über den alten Römer, als wäre er ein persönlicher Freund.“ (Blom, 197; im Original keine Hervorhebungen) …

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