Göttliche Vorsehung: Nur Froschgesang

Frog1(Stephen Greenblatt, Die Wende. Wie die Renaissance begann, Aus dem Englischen von Klaus Binder, 72011, München)

„Wie konnte jemand, der auch nur über einen Funken Verstand verfügte, an die Idee der Vorsehung glauben, an diese kindische Vorstellung, die jeder vernünftigen Erfahrung und Beobachtung Erwachsener widersprach? Christen konnten nichts anderes sein als ein Rat von Fröschen, die in ihrem Teich hocken und mit allem, was ihre Lungen hergeben, quaken: »Für unser Heil wurde die Welt erschaffen.«“ (108; im Original keine Hervorhebung)

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Die Flüchtlinge und die Zunahme des Terrors

Frog1(Elif Shafak, Der Geruch des Paradieses, Aus dem Englischen von Michaela Grabinger, Berlin 2016)

Auch wenn uns die Gutmenschen einreden wollen, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Zunahme moslemischer Flüchtlinge und der Zunahme islamistischen Terrors gebe: Die Fakten sprechen dagegen:

  1. In Ländern ohne nennenswerten islamischen Bevölkerungsanteil gab es bislang keinen einzigen Terroranschlag!! (Siehe Polen…)
  2. Seit der verfassungswidrigen!! Flutung Deutschlands mit hunderttausenden Flüchtlingen aus fast ausschließlich moslemisch bevölkerten Ländern (Syrien, Afghanistan, Tunesien…) stieg die Zahl der Gefährder und der islamistisch motivierten Terroranschläge in Deutschland sprunghaft an.

Der Grund für Punkt 2 ist darin zu sehen, dass Moslems in muslimisch geprägten Ländern bislang nicht gelernt haben und kaum Bereitschaft zeigen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. (Siehe u.a. sprunghafter Anstieg der Ehrenmorde, Gewalt gegen Frauen, Forderung der Wiedereinführung der Todesstrafe… in der Türkei seit Erdoğans Machtübernahme; siehe auch Auspeitschen, Köpfen, Steinigen… in Ländern, die die Scharia immer noch/wieder praktizieren: Saudi-Arabien, Iran…) Insbesondere Sunniten tendieren dazu, Andersgläubige als minderwertig und vernichtenswert anzusehen: Es ist doch auffällig, dass Selbstmordanschläge (fast) ausschließlich von Sunniten begangen werden und nur die Konvertiten als gewaltverherrlichend auffallen, die sich zum sunnitischen Islamismus (SalafismusIS…)  bekennen…

Zudem: An den Türken auf deutschem Boden (und ihrer überproportional hohen Erdoğan-Hörigkeit) kann man/frau wunderbar studieren, was es heißt, Menschen anderer Nation en masse aufzunehmen (und sie  Enklaven bilden zu lassen bzw. sie sogar darin zu bestärken, um dies dann als Multikulti-Großtat preisen zu können): Die Spannungen des Herkunftslands werden selbstredend mit importiert und über Generationen in der Fremde vererbt und (insbesondere in Abschottung) weiter kultiviert…

Und auch aus religiösen Gründen ist die Integrationsbereitschaft nicht sonderlich ausgeprägt: Für einen wahren Moslem ist nur verbindlich, was Koran und hoca sagen…

Eine Vermittlung zwischen Säkularen und den mehr und mehr erstarkenden Religiösen ist selbst in der Türkei kaum noch bzw. gar nicht mehr in Sicht. Über den Riss, die schier unüberwindliche Kluft in der türkischen Gesellschaft schreibt Elif Şafak in ihrem jüngst übersetzten Roman:

„Die Gesellschaft hatte sich in unsichtbare Gettos aufgeteilt. Istanbul glich weniger einer Metropole als einer Flickenstadt aus voneinander abgeschotteten Communitys. [sic] Man war entweder »streng religiös« oder »streng säkular«, und diejenigen, die sich noch irgendwie in beiden Lagern gesehen und mit dem Allmächtigen ebenso leidenschaftlich auseinandergesetzt hatten wie mit der Gegenwart, waren entweder verschwunden oder auf gespenstische Weise verstummt.“ (145)

Dass das restriktive Beharren auf die eigene Position als die allen andern überlegene auch in der Fremde weiterlebt: Das ist der Wille Erdoğans:

 „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ (Köln, 10.2.2008)

Schon vergessen??

Fazit: All das ficht Gutmenschen freilich nicht an. Doch wer den Vorwurf erhebt, dass AfD-ler per se postfaktisch eingestellt seien, muss zugleich zugestehen, dass dies für all die naiv-dümmlich-realitätsfremden Gutmenschen erst recht gilt. Denn die AfD ist nur die Reaktion auf das (ursächliche) Gutmenschengelaber: Ohne Gutmenschengelaber keine AfD:

Der Spuk wär‘ schnell vorüber…

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Endzeitdrohung: M. Elsbergs „Black Out“ vs. F. Schätzings „Der Schwarm“

Frog1(Marc Elsberg, Black Out, München, 232013; blanvalet 38029)

(Frank Schätzing, Der Schwarm, Frankfurt a.M., 272016; Fischer 16453)

(Dirk Althaus, Zeitenwende: Die postfossile Epoche. Weiterleben auf dem Blauen Planeten, Murnau a. Staffelsee, 2007)

Beide Romane sind Bestseller; es sind dicke Schmöker (Schwarm: 989 bzw. Black out: 800 Seiten); in beiden bedroht ein — mächtiger, vielleicht sogar übermächtiger — Gegner die westliche Welt; beide Gegner wollen die Regression:

Regressionsphantasien sind nichts Neues; sie finden sich zahlreich in der Literatur, z.B. bei Gottfried Benn

Bei Frank Schätzing lauert der Schwarm, eine nicht-menschliche Spezies, in den Tiefen der Meere: Sie will ihr Habitat wieder für sich allein haben und alles Menschengemachte, alle Menschen in ihm vernichten. Marc Elsbergs Feinde hingegen sind Menschen: Es sind radikale Antikapitalisten, denen fast alle Mittel recht sind, um die westliche Welt zurück zum Naturzustand zu bringen…

Beide Romane sind zudem wissenschaftlich fundiert; ihre Zivilisationskritik ist science fiction. Dirk Althaus, einer derer, die die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels von der fossilen zur postfossilen Gesellschaft thematisier(t)en, weist in Die postfossile Epoche (mehrmals) explizit in auf Schätzings Der Schwarm hin:

„Das [Schätzings Der Schwarm] ist lesenswert zum Verständnis der Menschenrolle in der Welt, denn was von Schätzing auf tausend Romanseiten komprimiert wurde, geschieht auf Milliarden Seiten in der Realität. Es stellt sich wieder die Frage, ob wir mit der Zähmung des Feuers einen falschen Weg gewählt haben.“ (Althaus, 76)

In beiden Romanen geht es um Steuerung: Bei Schätzing geht es um die Steuerung von Lebewesen —

„Diese Gallerte beispielsweise: Sie […] steuert andere Lebewesen, indem sie ihre neuronalen Netze befällt.“ (Schätzing, 576) —;

Bei Elsberg hingegen geht es um die Steuerung von technischem Equipment. Elsberg konkretisiert die Anfälligkeit zunehmend smarter Technologien in der Energiewirtschaft für gezielte Angriffe durch IT-Saboteure. Doch kombiniert wird diese Technikkritik auch bei ihm durch eine Zivilisationskritik. Die fällt in seinem Roman ambivalent aus: Zum einen geht es (zumindest einigen Radikalinskis unter) den Saboteuren um „eine Rückkehr in vorindustrielle Lebensformen“, (Elsberg, 595) die von ihren Befürwortern entsprechend positiv bewertet wird. Zum andern zeigt Elsberg dystopisch den Rückfall in ein homo homini lupus-Verhalten als das Verhaltensparadigma, dem gemäß die Bevölkerung (als die Menge aller Individuen mit ihren jemeinigen Partikularinteressen) wohl reagieren wird, wenn ihre Grundversorgung über mehr als zwei Wochen hinweg nicht mehr sichergestellt werden kann.

Ganz anders handeln — so wird von den Wissenschaftlern (unter den Protagonisten), die die fremde Spezies untersuchen, vermutet — die Akteure, die die Freiheit von allem, was nicht ihre Lebensform ausmacht, wiedererlangen wollen:

„Schwarmwesen […] opfern Millionen […] zur Erreichung ihrer Ziele. Der Einzelne gilt ihnen nichts.“ (Schätzing, 672)

Diese Wesen, Schwarmwesen, sind, so suggeriert Schätzing, den Menschen und ihrer Technik weit überlegen. Der Mensch kann sie nicht besiegen, nur überlisten — und selbst das nur

„um einen Aufschub zu erwirken, vielleicht sogar [irgendwann mal so] etwas wie gegenseitiges Verstehen“ —: (Schätzing, 972)

Indem der Mensch so tut als sei er wie sie, die Schwarmwesen:

„Welch eine Zumutung für die Krone der Schöpfung!“ (Schätzing, 972)

Doch immerhin enden beide Romane mit Waffenstillstand und sogar „Hoffnung“ (Schätzing, 986) bzw. Sieg (über die Saboteure) (bei Elsberg).

Doch in beiden Fällen wurde die Gefahrenabwehr teuerst erkauft: Schätzings „Apokalypse“ gipfelt im „Absturz des Schelfs“ (Schätzing, 425) und der (weltweiten) Zerstörung fast aller Küstenstädte des umliegenden Festlands (eb., 433); bei Elsberg bricht die komplette Stromversorgung zusammen, und es kommt u.a. zu Reaktorunfällen in den sabotierten Regionen. (In beiden Romanen sind die attackierten Regionen vornehmlich Europa und die USA.)

Zudem ist das (halbwegs) ins Positive gewendete Ende auch bei Elsberg lediglich vorläufig: Auch in seinem Roman bleibt offen, ob tatsächlich alle Saboteure und alle Schadsoftware-Programme entdeckt und eliminiert/neutralisiert wurden…

Fazit: Technik ist ambivalent: Je mehr wir sie nutzen, um uns zu entlasten, desto anfälliger werden wir (und desto unsolidarischer reagieren wir), sollte sie versagen/zerstört werden… Schon jetzt schieben wir von uns: menschengemachte Probleme vor uns her, die uns irgendwann auszulöschen drohen, z.B. der radioaktive Müll, die Klimaveränderung…

Bleibt nur der beiden Autoren Trost: Ausgesprochen in Hölderlins berühmten Zeilen:

„Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“ (Patmos)

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B. Köpfer und P. Mathews: Leben im IS

Frog1(Benno Köpfer u. Peter Mathews, Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten, Roman, München, 2016)

Wie in den meisten Romanen ist auch in diesem über die Organisation des IS wenig zu erfahren. Das ist erstaunlich bzw. schade, da einer der beiden Autoren, Benno Köpfer, laut Buchumschlag „als wissenschaftlicher Analyst beim Verfassungsschutz mit an der Bekämpfung islamistischen Terrors“ arbeite.

(Nebenbei sei angemerkt, dass einer der im Buch genannten Orte, Adapazarı, falsch (als Adaypazari) wiedergegeben ist, (130) obwohl über den zweiten Autor, Peter Mathews, gesagt wird, dass er „sich mit der Geschichte des Islam und der Türkei über viele Jahre beschäftigt“ habe…)

Über den auf syrisch-irakischem Boden real existierenden IS erfährt man/frau lediglich hinlänglich bekannte Gräuelgeschichten. Erwähnt, zum Teil detailliert erzählt werden insbesondere die Exekution mittels Köpfen und Kreuzigen, das Halten von (jesidischen) minderjährigen Sexsklavinnen und Kamikaze-Kampfeinsätze, an denen Freiwillige teilnehmen, zum Teil ohne zu wissen, dass sie zu Kanonenfutter auserkoren wurden…

Es ist zu vermuten, dass es die Absicht des Buchs ist, Jugendliche abzuschrecken: Auf dass sie sich vom IS und von den diversen salafistischen Koran-Exegeten und erfahren-erfolgreichen Rekrutierern – im Christentum werden diese Menschenfischer genannt – fernhalten und nicht auf des IS‘ (vornehmlich martialische) Propaganda hereinfallen mögen…

Das könnte gelingen: Denn die Radikalisierung des Protagonisten, Kadir, erfolgt zum einen (zwar fiktional, aber) plausibel und einfühlsam – durch Eintauchen in und Schreiben aus der Weltsicht eines „normalen“ (Durchschnitts-)Jugendlichen – auf seinem Weg, wie er sagt:

„vom Multi-Kulti-Kuschelkurs [ u.a. über Knast-Erfahrungen] zum Terrorismus“. (195)

Zum andern ist die Erzählung (pseudo-)faktisch nachvollziehbar, indem Bezüge u.a. zur mittlerweile verbotenen Organisation Die wahre Religion hergestellt werden: Die Erzählung der Radikalisierung spielt in deren Umfeld. Der Name Die wahre Religion wird dabei mehrmals wiederholt. (ab 42) Spärlich, aber immerhin angesprochen wird zudem die Aktion Lies! als – auch der Öffentlichkeit mittlerweile bekannte häufige – Zwischenstation auf dem Radikalisierunspfad. (259) Zudem werden weitere Organisationen wie Salafi Media (194) und Personen wie der (ehemalige) Rapper Abu Talha al-Almani (Denis Cuspert alias Deso Dogg), (63) sowie die Hassprediger Abu Dawud und Abu Ibrahim des mittlerweile verbotenen (Moschee-)Vereins Millatu Ibrahim erwähnt und in die Ausarbeitung einbezogen. (110)

Fazit:

Als Roman für Jugendliche wohl durchgehend spannend, grausig, aber auch kenntnisreich und informativ; doch halbwegs Vorgebildeten kaum/nichts Neues bietend…

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Bodo Kirchhoffs Novelle „Widerfahrnis“ in Nachfolge Albert Camus‘

Frog1(Bodo Kirchhoff, Widerfahrnis, Frankfurt war. M., 2016)

(Edmund Husserl, Philosophie als strenge Wissenschaft, Frankfurt war. M., Nachdruck der Logos-Ausgabe, 1965)

(Albert Camus, Der Fremde, In neuer Übersetzung von Uli Aumüller, Berlin, 2011)

Am 17. Oktober 2016 erhielt Bodo Kirchhoff den Deutschen Buchpreis für sein – von ihm als Novelle bezeichnetes – Werk Widerfahrnis.

Das Buch ist routiniert und gekonnt geschrieben, wie von Kirchhoff nicht anders zu erwarten. Doch es bietet – anders als Nominierung, Auszeichnung und auch Gattungsbezeichnung vermuten lassen – literarisch kaum Außergewöhnliches. Erzählt wird alltägliche Widerfahrnis: (Vor allem) das Kennenlernen, die spontan beschlossene, nur wenige Tage dauernde gemeinsame Italienreise (zu Frühlingsbeginn, „Ende April“ (6)) und die Trennung von zwei älteren Menschen: Einer Dame (Leonie Palm), die früher einen Hutladen und eines Herrn (Reither), der vormals einen Verlag besaß (den er im Herbst zuvor „liquidiert“ hatte). (6) Kurz gefasst: Erzählt wird von zweien „die Pleite gemacht haben“, (59) die (zumindest) mit ihrem Erwerbsleben abgeschlossen haben.

Der Begriff Widerfahrnis selbst wird von Kirchhoff (erst nach der Hälfte des Buchs) wie folgt erläutert/eingeführt:

„und fast wäre seine Hand in ihr Haar gegangen, nach all der Umarmung im Bett eigentlich legitim, eine Morgenzärtlichkeit. Stattdessen bat er sie, die Augen zu schließen und nicht nachzudenken, nur zu sagen, was ihr durch den Kopf geht. Und sie schloss die Augen, zwei gereizte Fältchen dazwischen. Was mir durch den Kopf geht – Widerfahrnis.

Und warum gerade das?

Muss ich das wissen? Sie griff sich die Tasche und lief damit Richtung Bad; Reither zog sich an. Im Grunde hatte er es geahnt, das Überrollende in dem Buch, schon als er von seiner zu ihrer Wohnung hinter ihr her gegangen war, über einen neuen Umschlag nachdachte. Aber Widerfahrnis, das war mehr als die vergessene Heimsuchung – da muss man nur hinhören, nur hinsehen, dann ist es die Faust, die einen unvorbereitet trifft, mitten ins Herz, aber auch die Hand, die einen einfach an die Hand nimmt – ein Titel, den er wohl hätte gelten lassen.“ (159)

Als Nebendarsteller fungieren (nebst zwei „Empfangsfeen“ (39) mit Migrationshintergrund, die das eingeschneite Auto anschieben und damit die Reise überhaupt erst in Fahrt bringen), lediglich zwei Fremde: Flüchtlinge: Ein Mädchen und ein (vormals) Fischer (Taylor) aus Lagos (sowie dessen nicht näher charakterisierte Kleinfamilie).

Die Ausgangskonstellation ist insofern ähnlich der in Albert CamusDer Fremde. Ebenso wie der Fremde in Camus‘ Werk nicht näher charakterisiert wird und der Protagonist, der ihn erschießt, angeklagt und zum Tode verurteilt wird, sich den Ereignissen gegenüber relativ unbeteiligt, emotionslos verhält, lassen sich auch die beiden Hauptprotagonisten in Kirchhoffs Novelle treiben. Die Ereignisse widerfahren ihnen. Sie widerstehen nicht; sie revoltieren nicht. Sie sind Getriebene; sie lassen sich vom Strom der Ereignisse treiben, fort und fort treiben.

Im Fall der Protagonistin wird dieses Verhalten immerhin im Nachhinein (auf der letzten Seite) durch den Vorlauf in deren Krebstod erklärt:

„Bliebe jetzt nur noch zu klären, womit die Geschichte, die ihm [Reither] noch immer das Herz zerreißt, enden sollte“. Nämlich: „als der Erzähler ein Paket aus Triest erhielt, Absender die Adresse einer Pension, und in dem Paket die Strohmelone [die sie während der Reise trug] und eine Karte, auf der stand, dass ein Hut als Bedeckung für den rasierten Kopf ein zu billiger Trick sei“… (224)

In dieser Hinsicht ist Kirchhoffs Widerfahrnis ebenso wie Camus‘ Der Fremde ein Vorlaufen in den Tod (Heidegger). Die Protagonisten agieren weit gehend reaktiv. Sie sind den Ereignissen verfallen:

„Aber wenn nichts Unerwartetes mehr auf uns zukommt, dann sind wir tot.“ (22)

Und der Erzähler beobachtet ganz im Stil eines Phänomenologen, wie Husserl einst forderte und praktizierte:

„im immanenten Schauen dem Fluß der Phänomene nachschauend“… (Philosophie als strenge Wiss., Abschn. 51, S. 37)

Widerfahrnis entwirft damit in und mit der Erzählung eine extrem fatalistische Botschaft.

Dass der in dieser Novelle zugrunde gelegte, unerhörte Entwurf von Dasein zudem sogar mit einem Literaturpreis ausgezeichnet/gepriesen wird, kann/könnte als Symptom/Ausdruck der Ohnmacht gesehen werden, die Europa derzeit erfasst. (Z.B. Hans-Werner Sinn verortet den Krisenkomplex Europa gar als ein Widerfahrnis-Bündel, dem er den Titel Der schwarze Juni gibt.) Keine schöne Vision… (Erst recht nicht seit Trumps Triumph…)

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Die Gutmenschen feiern sich selbst: Verleihung des Friedenspreises an C. Emcke

Frog1(Carolin Emckes Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2016, Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., 2016)

Anfangen

Carolin Emckes Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2016 – Der Text folgt dem gesprochenen Wort. [Wie auf der Homepage des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels widergegeben:]

I.

Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus…

Angedeutete Perspektivwechsel in der Hierarchie-Bewegung:

  • Wissender/Eltern/Über-Ich (oben), Dummchen/Kind/Ich (unten): Aus der top-down – wird eine bottom-up-Hinwendung, die in der Einnahme der Kanzel, in dieser Rede (ex cathedra) mündet.

All die ersten Jahre, seit der Auszeichnung an George F. Kennan 1982, schaute ich die Verleihung des Friedenspreises von unten nach oben: Meine Eltern hatten eigenwilligerweise nur zwei Fernseh-Sessel, Kinder mussten sich unterhalb arrangieren und so lag ich auf dem Teppich und hörte gebannt die Reden der Preisträger.

  • Mann (oben), Frau (unten)

Soll wohl heißen: Schaut her; ich hab‘ es sogar als Frau geschafft, auf Euch herabzusehen. (Endlich…) Kriecht vor mir, ihr Würmer.

Ich sage »Preisträger«, denn die ersten dreizehn Jahre, die ich von unten nach oben blickte, waren es ausschließlich Männer. Auch als ich längst eine eigene Wohnung hatte, behielt ich dieses Ritual bei: Ich betrachtete den Friedenspreis vom Fußboden aus. Irgendwie schien das auch angemessen zu sein. Seit der Preisverleihung an David Grossman saß ich dort, wo Sie jetzt sitzen.

  • Selbstinszenierung als Rebellin

Letztes Jahr noch bin ich mit einem Freund am Vorabend der Verleihung nachts in den Festsaal im Frankfurter Hof geschlichen, um die Tischordnung für das Festessen zu manipulieren… (wobei wir peinlicherweise erwischt wurden) und jetzt das hier…

Soll wohl heißen: Es tut gar nicht not zu rebellieren: Es gibt effektivere Methoden – auch für Frauen – die Perspektive zu wechseln (und die Kanzel zu erobern…)

Meine Damen und Herren, ich bedanke mich beim Stiftungsrat des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels für diese Auszeichnung. Sie erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und

einem glücklichen Staunen.

  • Selbstinszenierung: Die (Pseudo-)Überraschte
  • Selbstinszenierung: Die (Pseudo-)Bescheidene,
  • Selbstinszenierung: Die, die das Wir-Gefühl betont existenzial (allgemein)…

Niemand wächst allein. Einige, die vor mir hier an dieser Stelle standen, waren für mein Denken existentiell. Die Werke vieler Friedenspreisträger*innen, aber auch die Begegnung mit manchen haben mich zu der gemacht, als die ich heute vor Ihnen stehe: Martin Buber und Nelly Sachs, David Grossman und Jorge Semprún, und in besonderer Weise Jürgen Habermas und Susan Sontag. Nach ihnen in einer Reihe zu stehen, lässt mich diesen Preis weniger als Auszeichnung denn als Aufgabe begreifen.

… und im Schreiben (speziell)…

Niemand schreibt allein. Zwei Menschen waren für mein Schreiben unverzichtbar und ihnen möchte ich ausdrücklich danken: der Photograph und Freund Sebastian Bolesch, der mich über 14 Jahre auf allen Reisen ins Ausland begleitet hat und ohne den kein Text so entstanden wäre. Und mein Verleger und Lektor Peter Sillem vom S. Fischer Verlag, der mich seit dem ersten Manuskript über alle Zweifel hinwegträgt und ohne den kein Buch so erschienen wäre. Vielen Dank.

… und so tut, als ob sie nicht begreife, dass der Rekurs auf das Wir als Mittel zum Zweck der Abgrenzung intendiert ist.

II.

Wir: Das impliziert immer auch…

Nicht alle, aber viele, die vor mir hier standen, haben nicht allein als Individuen, sondern sie haben auch als Angehörige gesprochen. Sie haben sich selbst verortet in einem Glauben oder einer Erfahrung, in der Geschichte eines Landes oder einer Lebensform – und darauf reflektiert, was das heißt, als chinesischer Dissident, als nigerianischer Autor, als Muslim, als Jüdin hier in der Paulskirche zu sprechen, in diesem Land, mit dieser Geschichte.

… eine Perspektive der Ab- und Ausgrenzung einzunehmen: Identität ist ohne Differenz nicht zu haben…

Für diejenigen, die hier oben, mit dieser Perspektive sprechen durften, bedeutete es oft auch, aus und von einer besonderen Perspektive zu erzählen. Sie wurden ausgezeichnet, weil sie sich für ein universales Wir einsetzten –

… und das impliziert immer auch: Wir: Das sind die Guten (woraus folgt: Alle andern: Das sind die Bösen).

und doch haben sie oft auch als Angehörige einer bedrängten Gruppe, eines marginalisierten Glaubens, einer versehrten Gegend gesprochen.

Doch dieser Aspekt wird ausgeblendet: Im Rekurs/Rückzug auf das jemeinig pseudo-idyllische Für-sich-sein.

Das ist durchaus bemerkenswert, denn es ist keineswegs gewiss, was das heißt: angehörig oder zugehörig zu sein.

Das moderne hebräische Wort für »angehören«, »shayach«, stammt ursprünglich aus dem Aramäischen – ist gleichsam zugewandert, aus einer Sprache in eine andere, um dann ironischerweise die Bezeichnung für „Angehörigkeit“ zu bilden. Das Wort shayach verweist auf nichts anderes. Anders als die meisten anderen Begriffe im Hebräischen birgt es in sich keine Anteile eines anderen. Es gehört gleichsam sich selbst. Etwas als shayach zu bezeichnen, bedeutet: es ist relevant, angemessen, wichtig. Das wäre eine schöne Spur: sich zugehörig zu zählen zu einem Glauben oder einer Gemeinschaft, hieße: ich bin für diese Gemeinschaft relevant, in ihr zähle ich als wichtiges Element.

Aber Angehörigkeit lässt sich auch in die andere Richtung denken: nicht nur ich bin für diese Gemeinschaft wichtig, sondern auch der Glaube für mich. Jüdisch zu sein oder katholisch oder muslimisch, das macht etwas aus. Es strukturiert mein Denken, meine Gewohnheiten, meinen Tag.

Doch der folgende Satz verrät, dass Identität (der einen) zugleich immer auch Differenz (zu den andern) mit setzt:

Almosen zu geben, das gehört zu den einen, wie das Beten bei Tisch oder das Anzünden der Kerzen zu den anderen.

Im Deutschen kennt der Begriff »gehören« mehrere Verwendungen: i) jemandes Besitz zu sein, aber auch ii) Teil eines Ganzen zu sein, zu etwas zu zählen, sowie iii) »gehören« als an einer bestimmten Stelle passend zu sein und iv) für etwas erforderlich zu sein.

  • Selbstinszenierung: Die Fragende I:

Bin ich, wenn ich fromm bin, im Besitz des Glaubens? Ist Religiosität etwas, das mir gehört? Oder ist Glaube etwas, das sich im und durch das Hadern bestätigt? Was heißt also an-gehören in Bezug auf den Glauben? Gehört mir mein Glaube oder gehöre ich dem, an den ich glaube?

Damit ist noch nicht einmal berührt, ob diese Angehörigkeit etwas ist, zu dem es sich bewusst entscheiden lässt. Ab wann jemand zu einer Kirche oder Gemeinschaft gehört, das lässt sich festmachen an den jeweiligen Riten der Aufnahme. Aber ab wann der Glaube zu einer Person gehört, das ist weniger eindeutig.

Ganz ohne Heidegger scheint’s wohl nicht zu gehen: Zunächst Identität und Differenz; jetzt der (existenzialhermeneutische) Imperativ: Werde, was Du bist!

Hatten mich die Passionen und Kantaten von Bach nicht schon durchdrungen und von innen heraus geformt, bevor ich von einem Glaubensbekenntnis auch nur wusste? Gehörte das nicht zu mir, und das heißt: bildete das nicht schon eine Voraussetzung für die, die ich werden sollte, bevor ich mich überhaupt zu einer Gemeinschaft hätte zugehörig erklären können?

Nun kennt das Wort »Angehörigkeit« keine Schattierungen. Es suggeriert eine einheitliche Empfindung. Als ob es uns immer gleich relevant sei, jüdisch oder protestantisch oder muslimisch zu sein. Als ob es sich an jedem Ort gleich anfühlte, kurdisch zu sein oder polnisch oder palästinensisch. Als ob es nicht in unterschiedlichen Situationen ganz unterschiedlich prägnant sein könnte. Mein Freund, der Regisseur Nurkan Erpulat, hat einmal auf die Frage, was es für ihn bedeute, muslimisch zu sein, geantwortet: »Das kommt auf den Kontext an.«

Manchmal ist die argentinische Herkunft besonders deutlich im glücklichen Blick auf die leuchtend lilafarbenen Blüten der Jacaranda. Aber manchmal ist sie besonders deutlich fern von dort, in Berlin, wenn ein Hubschrauber über der Stadt nicht von einem Militär-Putsch kündet, sondern nur von einem Stau – und die eingeübte Angst eine Weile braucht, bis sie sich verzieht.

Für manche wird das eigene Judentum besonders spürbar, wenn sie die Süße von Äpfeln mit Honig an Rosh ha’shana schmecken. Für andere dagegen, wenn sie in der Paulskirche sitzen und einer Rede zuhören müssen, in der das furchtbare Leid der eigenen Angehörigen von einem Menschheitsverbrechen, an das bis heute zu erinnern ist, zu einer bloßen »Moralkeule« verstümmelt wird. Ich kann hier nicht stehen, ohne an diesen nicht nur für Ignaz Bubis furchtbar schmerzlichen Moment in der Geschichte des Preises zu erinnern.

  • Selbstinszenierung: Die Fragende II:

Ist Zugehörigkeit also etwas, das aufscheint im Zusammensein mit anderen oder etwas, das aufscheint, wenn man als einziger aus einer Gemeinschaft herausfällt? Weil die jüdische Perspektive als eine, die zu dieser Gesellschaft gehört, einfach ausgeblendet wird. Ist Zugehörigkeit also mit Glück oder mit Trauer verbunden? Ist zugehörig, wer als zugehörig erkannt wird und ist anders zugehörig, wem diese Anerkennung verweigert wird?

Wem gehört also dieses An-gehören – einem selbst oder den anderen? Gibt es das nur in einer Form oder in verschiedenen? Und vor allem: wieviele Kontexte und Verbindungen können für mich in diesem Sinne relevant und wichtig sein? Wieviele Schnittmengen gibt es von Kreisen, in denen ich passend bin und aus denen ich mich als Individuum zusammensetze?

  • Selbstinszenierung/-offenbarung: Die Lesbin:

Ich bin homosexuell und wenn ich hier heute spreche, dann kann ich das nur, indem ich auch aus der Perspektive jener Erfahrung heraus spreche: also nicht nur, aber eben auch als jemand, für die es relevant ist, lesbisch, schwul, bisexuell, inter*, trans* oder quer zu sein. Das ist nichts, das man sich aussucht, aber es ist, hätte ich die Wahl, das, was ich mir wieder aussuchte zu sein. Nicht, weil es besser wäre, sondern schlicht, weil es mich glücklich gemacht hat.

Als ich mich das erste Mal in eine Frau verliebte, ahnte ich – ehrlich gesagt – nicht, dass damit eine Zugehörigkeit verbunden wäre. Ich glaubte noch, wie und wen ich liebe, sei eine individuelle Frage, eine, die vor allem mein Leben auszeichnete und für andere, Fremde oder gar den Staat, nicht von Belang. Jemanden zu lieben und zu begehren, das schien mir vornehmlich eine Handlung oder Praxis zu sein, keine Identität.

Der Anspruch/Imperativ: Auf Mitgliedschaft im Gutmenschkreis: Anders sein zu dürfen und trotzdem zu den Guten gezählt zu werden…

Es ist eine ausgesprochen merkwürdige Erfahrung, dass etwas so Persönliches für andere so wichtig sein soll, dass sie für sich beanspruchen, in unsere Leben einzugreifen und uns Rechte oder Würde absprechen wollen. Als sei die Art, wie wir lieben, für andere bedeutungsvoller als für uns selbst, als gehörten unsere Liebe und unsere Körper nicht uns, sondern denen, die sie ablehnen oder pathologisieren. Das birgt eine gewisse Ironie: Als definierte unsere Sexualität weniger unsere Zugehörigkeit als ihre.

… soll nicht nur für Lesben, sondern auch für Muslime gelten – in manichäistischer Positionierung: Wir, die Guten: Das sind die Islamfreunde; alle andern: Das sind die Islamfeinde:

Manchmal scheint mir das bei der Beschäftigung der Islamfeinde mit dem Kopftuch ganz ähnlich. Als bedeute ihnen das Kopftuch mehr als denen, die es tatsächlich selbstbestimmt und selbstverständlich tragen.

  • Selbstinszenierung: Ich als Teil einer von mehreren unterdrückten Minderheiten, als Teil des Gutmenschen-Kreises:

So wird ein Kreis geformt, in den werden wir eingeschlossen, wir, die wir etwas anders lieben oder etwas anders aussehen, dem gehören wir an, ganz gleich, in oder zwischen welchen Kreisen wir uns sonst bewegen, ganz gleich, was uns sonst noch auszeichnet oder unterscheidet, ganz gleich, welche Fähigkeiten oder Unfähigkeiten, welche Bedürfnisse oder Eigenschaften uns vielleicht viel mehr bedeuten. So verbindet sich etwas, das uns glücklich macht, etwas, das uns schön oder auch angemessen erscheint, mit etwas, das uns verletzt und wund zurücklässt. Weil wir immer noch, jeden Tag, Gründe liefern sollen dafür, dass wir nicht nur halb, sondern ganz dazugehören. Als gäbe es eine Obergrenze für Menschlichkeit.

Es ist eine merkwürdige Erfahrung:

  • Selbstinszenierung: Die Fragende III:

Wir dürfen Bücher schreiben, die in Schulen unterrichtet werden, aber unsere Liebe soll nach der Vorstellung mancher Eltern in Schulbüchern maximal »geduldet« und auf gar keinen Fall »respektiert« werden?

Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht?

Manchmal frage ich mich, wessen Würde da beschädigt wird: unsere, die wir als nicht zugehörig erklärt werden, oder die Würde jener, die uns die Rechte, die uns gehören, absprechen wollen?

Verweis auf die Universalität der Menschenrechte:

Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel. Niemand verliert seine Rechte, wenn sie allen zugesichert werden. Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden. Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird. Zuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentwürfen, sozialen Praktiken oder religiösen Überzeugungen dürfen keine Rolle spielen. Das ist doch der Kern einer liberalen, offenen, säkularen Gesellschaft.

Differenz wird zugegeben, ist zuzugestehen:

Verschiedenheit ist kein hinreichender Grund für Ausgrenzung.

Ähnlichkeit keine notwendige Voraussetzung für Grundrechte.

Es leben die Paralleluniversen! (der Multikulti-Apologeten):

Das ist großartig, denn es bedeutet, dass wir uns nicht mögen müssen. Wir müssen einander nicht einmal verstehen in unseren Vorstellungen vom guten Leben. Wir können einander merkwürdig, sonderbar, altmodisch, neumodisch, spießig oder schrill finden.

Um es für Paulskirchen-Verhältnisse mal etwas salopp zu formulieren: ich bin Borussia Dortmund-Fan. Ich habe, nun ja, etwas weniger Verständnis dafür, wie man Schalke-Fan sein kann. Und doch käme ich nie auf die Idee, Schalke Fans das Recht auf Versammlungsfreiheit zu nehmen.

»Die Verschiedenheit verkommt zur Ungleichheit«, hat Tzvetan Todorow einmal geschrieben, »die Gleichheit zur Identität.« Das ist die soziale Pathologie unserer Zeit: dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identität und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.

Deswegen haben die, die vor mir hier standen und wie ich von dieser merkwürdigen Erfahrung der Zugehörigkeit zur Nichtzugehörigkeit gesprochen haben, doch beides betont: die individuelle Vielfalt und die normative Gleichheit.

Die Freiheit, etwas anders zu glauben, etwas anders auszusehen, etwas anders zu lieben, die Trauer, aus einer bedrohten oder versehrten Gegend zu stammen, den Schmerz der bitteren Gewalterfahrung eines bestimmten Wirs – und die Sehnsucht, schreibend eben all diese Zugehörigkeiten zu überschreiten, die Codes und Kreise in Frage zu stellen und zu öffnen, die Perspektiven zu vervielfältigen und immer wieder ein universales Wir zu verteidigen.

 

III.

Zur Zeit grassiert ein Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa. Pseudo-religiöse und nationalistische Dogmatiker propagieren die Lehre vom »homogenen Volk«, von einer »wahren« Religion, einer »ursprünglichen« Tradition, einer »natürlichen« Familie und einer »authentischen« Nation. Sie ziehen Begriffe ein, mit denen die einen aus- und die anderen eingeschlossen werden sollen. Sie teilen willkürlich auf und ein, wer dazugehören darf und wer nicht.

Alles Dynamische, alles Vielfältige an den eigenen kulturellen Bezügen und Kontexten wird negiert. Alles individuell Einzigartige, alles, was uns als Menschen, aber auch als Angehörige ausmacht: unser Hadern, unsere Verletzbarkeiten, aber auch unsere Phantasien vom Glück, wird geleugnet.

Inkonsequenz und Selbstwiderspruch: Gutmenschen, die sich selbst als Gutmenschen sehen, aber nicht wollen, dass sie von den andern, den Bösmenschen, als solche bezeichnet werden:

Wir werden sortiert nach Identität und Differenz, werden in Kollektive verpackt, alle lebendigen, zarten, widersprüchlichen Zugehörigkeiten verschlichtet und verdumpft.

Die Definition der (latenten) Bösmenschen:

Sie stehen vielleicht nicht selbst auf der Straße und verbreiten Angst und Schrecken, die Populisten und Fanatiker der Reinheit, sie werfen nicht unbedingt selbst Brandsätze in Unterkünfte von Geflüchteten, reißen nicht selbst muslimischen Frauen den hijab oder jüdischen Männern die Kippa vom Kopf, sie jagen vielleicht nicht selbst polnische oder rumänische Europäerinnen, greifen vielleicht nicht selbst schwarze Deutsche an – sie hassen und verletzen nicht unbedingt selbst. Sie lassen hassen.

Unterstellung: Nur die andern sind voll Ressentiments und Vorurteilen; Gutmenschen sind (qua Gegenteil) nicht so:

Sie beliefern den Diskurs mit Mustern aus Ressentiments und Vorurteilen, sie fertigen die rassistischen Product-Placements, all die kleinen, gemeinen Begriffe und Bilder, mit denen stigmatisiert und entwertet wird, all die Raster der Wahrnehmung, mithilfe derer Menschen gedemütigt und angegriffen werden.

  • Selbstinszenierung als Opfer (der Bösmenschen)

Dieser ausgrenzende Fanatismus beschädigt nicht nur diejenigen, die er sich zum Opfern sucht, sondern alle, die in einer offenen, demokratischen Gesellschaft leben wollen. Das Dogma des Homogenen, Reinen, Völkischen verengt die Welt. Es schmälert den Raum, in dem wir einander denken und sehen können. Es macht manche sichtbar und andere unsichtbar. Es versieht die einen mit wertvollen Etiketten und Assoziationen und die anderen mit abwertenden. Es begrenzt die Phantasie, in der wir einander Möglichkeiten und Chancen zuschreiben.

Der folgende Satz, obwohl (zunächst) universalistisch formuliert…

Mangelnde Vorstellungskraft und Empathie aber sind mächtige Widersacher von Freiheit und Gerechtigkeit.

… relativiert/unterstellt: Gutmenschen sind empathisch; Bösmenschen sind das Gegenteil:

Das ist es eben, was die Fanatiker und Populisten der Reinheit wollen: sie wollen uns die analytische Offenheit und Einfühlung in die Vielfalt nehmen. Sie wollen all die Gleichzeitigkeiten von Bezügen, die uns gehören und in die wir gehören, dieses Miteinander und Durcheinander aus Religionen, Herkünften, Praktiken und Gewohnheiten, Körperlichkeiten und Sexualitäten vereinheitlichen.

Sie wollen uns weißmachen, dass es das nicht gäbe, Verfassungspatriotismus und demokratischen Humanismus. Sie wollen Pässe als Ausweise der inneren Verfasstheit missdeuten, nur um uns gegeneinander auszuspielen. Das hat auch etwas Groteskes: Jahrzehntelang hat diese Gesellschaft geleugnet, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein, jahrzehntelang wurden Migrantinnen und Migranten und ihre Kinder und Enkel als »Fremde« angesehen, nicht als Bürgerinnen und Bürger, jahrzehntelang wurden sie behandelt als gehörten sie nicht dazu, als dürften sie nichts anderes sein als Türken – und jetzt wirft man ihnen vor, sie wären nicht deutsch genug und besäßen einen zweiten Pass?

Das zeigt nur die Scheinheiligkeit der Integrationsdebatte: Multikulti, das Befürworten des Zugleichs von Parallelweltuniversen, ist zwar a priori nicht auf Integration hin intendiert, doch die Faktizität mangelnder Integration(sbereitschaft) wird abgewertet: wird als Fiktion/Unterstellung der Bösmenschen (am von den Gutmenschen als überlegen unterstellten Gutmensch-Paradigma) diffamiert.

Die Familie meiner Mutter ist vor dem Krieg ausgewandert nach Argentinien. Alle in ihrer Familie besaßen zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Pässe, mal einen argentinischen, mal einen deutschen, manchmal beide. Ich habe sie zuhause bei mir aufgehoben: den Pass meines Großvaters, den mir mein Onkel geschenkt hat, und den meiner Mutter. Meine Nichte Emilia, die heute hier ist und die wie alle ihre Geschwister in den USA geboren ist, hat auch einen amerikanischen Pass. Mehrsprachig waren und sind alle.

  • Selbstinszenierung: Die Fragende IV:

Aber glauben die Neonationalisten wirklich, irgendjemand in meiner Familie wäre weniger demokratisch gewesen, hätte deswegen weniger Respekt vor der Freiheit jedes Einzelnen und dem Schutz menschlicher Würde? Glauben die wirklich, der Pass sage etwas aus über die eigene Abneigung gegen Verrohung und die Bereitschaft, sich demokratisch für eine offene Gesellschaft zu engagieren – und zwar, egal wo?

Gutmenschvermutung: Die Flüchtlinge, das sind die wahren Demokraten…

Ich vermute eher, alle, die einmal vertrieben wurden, die Flucht oder auch nur Migration kennen, alle, die an verschiedenen Orten in der Welt sich zuhause fühlen, alle die mit Heimweh oder Fernweh geplagt sind, alle, die die verschiedenen Klangfarben der Ironie und des Humors lieben, die sich abwechseln und vermischen, wenn man die Sprache wechselt, alle, die Kinderlieder erinnern, die die nächste Generation nicht mehr kennt, alle, die die Brüche der Gewalt und des Kriegs miterlebt haben, alle, denen die Furcht vor Terror und Repression unter die Haut gezogen ist, wissen doch um den Wert stabiler rechtstaatlicher Institutionen und einer offenen Demokratie. Vielleicht sogar etwas mehr als diejenigen, die noch nie darum bangen mussten, sie zu verlieren.

… doch die Bösmenschen wollen das nicht wahrhaben/ignorieren und sogar dagegen hetzen:

Sie wollen uns einschüchtern, die Fanatiker, mit ihrem Hass und ihrer Gewalt, damit wir unsere Orientierung verlieren und unsere Sprache. Damit wir voller Verstörung ihre Begriffe übernehmen, ihre falschen Gegensätze, ihre konstruierten Anderen – oder auch nur ihr Niveau. Sie beschädigen den öffentlichen Diskurs mit ihrem Aberglauben, ihren Verschwörungstheorien und dieser eigentümlichen Kombination aus Selbstmitleid und Brutalität. Sie verbreiten Angst und Schrecken und reduzieren den sozialen Raum, in dem wir uns begegnen und artikulieren können.

Sie wollen, dass nur noch Jüdinnen und Juden sich gegen Antisemitismus wehren, dass nur noch Schwule gegen Diskriminierung protestieren, sie wollen, dass nur noch Muslime sich für Religionsfreiheit engagieren, damit sie sie dann denunzieren können als jüdische oder schwule »Lobby« oder »Parallelgesellschaft«, sie wollen, dass nur noch Schwarze gegen Rassismus aufbegehren, damit sie sie als »zornig« diffamieren können, sie wollen, dass sich nur Feministinnen gegen Machismo und Sexismus engagieren, damit sie sie als »humorlos« abwerten können.

In Wahrheit geht es gar nicht um Muslime oder Geflüchtete oder Frauen. Sie wollen alle einschüchtern, die sich einsetzen für die Freiheit des einzigartigen, abweichenden Individuellen.

Deswegen müssen sich auch alle angesprochen fühlen.

Appell an die Gutmenschen: Dagegen Widerstand zu leisten!

Deswegen lässt sich die Antwort auf Hass und Verachtung nicht einfach nur an »die Politik« delegieren. Für Terror und Gewalt sind Staatsanwaltschaften und die Ermittlungsbehörden zuständig, aber für all die alltäglichen Formen der Missachtung und der Demütigung, für all die Zurichtungen und Zuschreibungen in vermeintlich homogene Kollektive, dafür sind wir alle zuständig.

Was wir tun können?

»Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden«, schrieb Hannah Arendt in der Vita Activa, »und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.«

Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen. Wir können sprechen und handeln. Wir können die Verantwortung auf uns nehmen.

  • Selbstinszenierung als Minderheit: Die Bösmenschen sind auf dem Vormarsch:

Und das heißt: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt.

Plädoyer: Es gilt anzufangen:

Dazu braucht es nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen. Wir können hinausgehen und etwas unterbrechen. Wir können neu geboren werden, in dem wir uns einschalten in die Welt. Wir können das, was uns hinterlassen wurde, befragen, ob es gerecht genug war, wir können das, was uns gegeben ist, abklopfen, ob es taugt, ob es inklusiv und frei genug ist – oder nicht.

Wir können immer wieder anfangen, als Individuen, aber auch als Gesellschaft. Wir können die Verkrustungen wieder aufbrechen, die Strukturen, die uns beengen oder unterdrücken, auflösen, wir können austreten und miteinander suchen nach neuen, anderen Formen.

Wir können neu anfangen und die alten Geschichten weiterspinnen wie einen Faden Fesselrest, der heraushängt, wir können anknüpfen oder aufknüpfen, wir können verschiedene Geschichten zusammen weben und eine andere Erzählung erzählen, eine, die offener ist, leiser auch, eine, in der jede und jeder relevant ist.

Das geht nicht allein. Dazu braucht es alle in der Zivilgesellschaft. Demokratische Geschichte wird von allen gemacht. Eine demokratische Geschichte erzählen alle. Nicht nur die professionellen Erzählerinnen und Erzähler. Da ist jede und jeder relevant, alte Menschen und junge, die mit Arbeit und die ohne, die mit mehr und die mit weniger Bildung, Dragqueens und Pastoren, Unternehmerinnen oder Offiziere, Rentnerinnen und Studenten, jede und jeder ist wichtig, um eine Geschichte zu erzählen, in der alle angesprochen und sichtbar werden. Dafür stehen Eltern und Großeltern ein, daran arbeiten Erzieher und Lehrerinnen in den Kindergärten und Schulen, dabei zählen Polizistinnen und Sozialarbeiter sowie Clubbesitzerinnen und Türsteher. Diese demokratische Geschichte eines offenen, pluralen Wir braucht Bilder und Vorbildern, auf den Ämtern und Behörden ebenso wie in den Theatern und Filmen – damit sie uns zeigen und erinnern, was und wer wir sein können.

Wir dürfen uns nicht nur als freie, säkulare, demokratische Gesellschaft behaupten, sondern wir müssen es dann auch sein.

Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.

Selbstwiderspruch: Das Plädoyer für Säkularisierung…

Säkularisierung ist kein fertiges Ding, sondern ein unabgeschlossenes Projekt.

… gilt eben nicht universal: Die Parallelwelt des (fundamentalistischen/reinen) Islams lehnt dies ab. Die Flüchtlinge, vorgeblich die wahren Demokraten, sind fast ausschließlich sunnitisch. Sie trennen zwar wie Gutmensch Emcke die Welt in Gut (Gläubige) und Böse (Ungläubige), aber säkular eingestellt sind sie deswegen noch lange nicht, im Gegenteil…

Demokratie ist keine statische Gewissheit, sondern eine dynamische Übung im Umgang mit Ungewissheiten und Kritik.

Eine freie, säkulare, demokratische Gesellschaft ist etwas, das wir lernen müssen. Immer wieder. Im Zuhören aufeinander. Im Nachdenken über einander. Im gemeinsamen Sprechen und Handeln. Im wechselseitigen Respekt vor der Vielfalt der Zugehörigkeiten und individuellen Einzigartigkeiten. Und nicht zuletzt im gegenseitigen Zugestehen von Schwächen und im Verzeihen.

Ist das mühsam? Ja, total. Wird das zu Konflikten zwischen verschiedenen Praktiken und Überzeugungen kommen? Ja, gewiss. Wird es manchmal schwer sein, die jeweiligen religiösen Bezüge und die säkulare Grundordnung in eine gerechte Balance zu bringen? Absolut. Aber warum sollte es auch einfach zugehen?

Wie tröstlich:

Wir können immer wieder anfangen.

Was es dazu braucht?

Nicht viel: etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern, damit es häufiger geschieht, dass wir alle sagen:

Alles ist relativ…

Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus.

… das gilt auch für die Einteilung in Gut und Böse. Doch eine Perspektive jenseits von Gut und Böse (wie unter Nietzsche) einzunehmen, daran scheitern die Gutmenschen rein prinzipiell. Diese Perspektive kennen sie nicht und sie wollen sie auch nicht.

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Peter Sloterdijk zur Vollverschleierung („Schelling-Projekt“)

Frog1(Peter Sloterdijk, Das Schelling-Projekt. Bericht, Berlin, 2016)

Im Schelling-Projekt lässt Peter Sloterdijk seine Figur Guido Mösenlechzner in einer e-mail (an Peer Sloterdijk, Kurt Silbe, Desiree zur Lippe und Beatrice von Freygel vom 15.3.2015, 10:12) in einer Art Ausweitung der Kampfzone (Michel Houellebecq) schreiben:

„Man muß bedenken: In manchen Weltgegenden will man die Frauen seit einiger Zeit wieder dichter verhüllen als je zuvor. […] Man leugnet ihren Anspruch auf Straßensichtbarkeit. Wenn man Frauen jenes Kulturkreises den Kopftuchzwang auferlegt, beweist das ja, daß eine enge Verwandtschaft von Kopfhaar und Schamhaar unterstellt wird. Für eine nennenswerte Fraktion der arabischen Männer gleicht das Gesicht der Frau einer erweiterten Schamgegend und das Haupthaar einem Genitalwald.

Als Ethnologe muß man sich also fragen, ob dies nicht zu einer Vulvisierung des weiblichen Antlitzes führt. Ich entschuldige mich für den ungeschickten Neologismus. Er besagt, man verhüllt, was man verehrt, und verhüllt am dichtesten, was man begehrt und vermutlich nie besitzen wird.

[…] Die ganzverhüllte arabische Frau wird auf einen Schlitz reduziert. Der Seh-Schlitz macht ihren Weltzugang aus. Das heißt, wann immer eine Burka-Frau einen Mann ansieht, wird die Vulva des Ostens visuell aktiv. […]

Selbstverständlich bin ich dagegen, daß man den Frauen im Osten die Kleider vom Leib reißt. […] Ich trete dafür ein, Spielräume offen zu halten, in denen Frauen von überall aus Freiheit zeigen, wovon die Menschheit träumt, wenn sie sich fragt, woher sie kommt und wohin sie geht.“ (81f)

Frog4

Hakan Günday liest aus seinem Roman „Flucht“

Frog1(Hakan Günday, Flucht, München, 2016)

(HAKAN GÜNDAY – LESUNG, Depot, Programm-Vorankündigung)

(„Flucht“ von Hakan Günday, ttt, 4.9.2016)

(Luise Sammann, Als würde er seinen Ekel vor der Welt erbrechen, Deutschlandradio Kultur (online), 30.8.2016)

Am 20. September 2016 beantwortete Hakan Günday im „Theater im Depot“, Dortmund Fragen zu seinem 2013 auf Türkisch erschienenen achten Roman Daha und las daraus (zum Abschluss der Veranstaltung die Einleitungspassage) vor. Hannes Krauss stellte den Roman inhaltlich (verkürzt) vor und stellte die Expertenfragen an den Autor. Oliver Kontny las eine Passage (S. 77-82) auf Deutsch vor und übersetzte – wie stets – gekonnt souverän.

Gündays Antworten gingen kaum über das hinaus, was in einer ttt-Sendung in Interview-Einblendungen bereits gesagt hatte (Link s.o.) und die (z.T. zumindest) von Luise Sammann in ihrem Beitrag widergegeben sind (Link s.o.).

Im Folgenden ist der Ankündigungstext der Veranstaltung des Depots kommentiert widergegeben: (Doch: Der Roman ist in seiner Struktur so komplex gebaut, dass diese Kommentare zum Wesentlichen kaum vorzudringen vermögen…)

„Eine Veranstaltung der Reihe „Ausgebootet. Macht & Subversion in der Literatur“

[Inwiefern dies im Roman eine Rolle spielt, blieb unbeantwortet.]

und in Kooperation mit dem Interkulturellen Bildungszentrum e. V.

Gazâ

[„mein Name mag Gazâ sein, Glaubenskrieg …“ (16; im Original kein Fettdruck) Doch:

„Der Überlebenskampf des Guten gegen das Böse, der angeblich bis zur Apokalypse fortdauerte, war der größte Betrug an der Menschheit.“ (20) „Es ging darum, gehorsame Hunde gegen gehorsame Hunde aufzustacheln!“ (21)]

ist neun Jahre alt, als er vom Beruf seines Vaters erfährt:

[Besser: Von seinem Vater in dessen Schleusergeschäft als Hilfskraft eingespannt und eingearbeitet wird. Das Geschäft wird ihm bis dahin wohl nicht ganz verborgen geblieben sein:

„Als Mutter starb, war die Reihe an mir, in das freigewordene Netz zu gehen.“ (59)]

Ahad [daha, nur rückwärts gelesen (worauf Krauss mich aufmerksam machte)] ist Schleuser und Menschenhändler[,

„ein gnadenloser Mann“ (28)].

Und Gazâ wird ihm ein eifriger Schüler.

[Besser: Gazâ verrichtet Handlangerdienste:

„Vater hatte einen Lehrling gesucht. Einen Lehrling, der mit Haut und Haaren und Knochenmark ihm gehörte.“ (14)

Gazâ hat seine ihm vom Vater gestellten Aufträge abzuarbeiten. Denen kommt er jedoch nicht immer nach. Das erste, einschneidende (Schlüssel)-Erlebnis, auf das (auch) Günday in seiner Lesung zu sprechen kommt, ist der erste von Gazâ verursachte Tod:

„Weil ich die Lüftung nicht eingeschaltet hatte, erstickte ein Afghane. Er war 26 Jahre alt gewesen und hatte mir einen Frosch aus Papier gebastelt. Einen Frosch, der knüpfte, wenn ich ihn mit dem Finger antippte. Er hieß Cuma: Freitag. Nicht der Frosch, der Afghane. Jahre später erfuhr ich, dass auch dieser Robinson einen Freitag an seiner Seite hatte. Da er aber ein Romanheld war, galt er nicht als Cuma. Denn weder konnte er im Kasten eines Lkw tot aufgefunden werden noch einem Jungen, der ihn wie eine Schlange behandelte, einen Papierfrosch schenken!“ (34; im Original kein Fettdruck)

Dieses Ereignis sieht Günday als Doppelschock des jungen Helden an: Zum einen erkennt der Junge, dass sein Fehlverhalten den Tod eines Menschen bedingte, er also die Schuld eines Mörders auf sich geladen habe und diese von nun an mit sich tragen müsse. (In ihm wiederholt sich die Geschichte seines Vaters, der ja auch ein Mörder ist…) Zum anderen zeigt ihm die Reaktion seines Vaters, dass der Tod eines Menschen, dieses einen Flüchtlings, nicht sonderlich von Wert sei. Der Tote schmälere zwar den Mehr-Wert. – Im Original lautet der Titel des Romans ‚Daha‘ (Mehr):

Die Depotlinge „sagten stets: »Mehr!« […] Es ging dabei aber nicht darum, dass [z.B.] zu wenig Wasser da war, sondern darum, dass sich mein Gewinn minderte. Ich hatte begonnen, das Wasser, das wir normalerweise gratis austeilten, zu verkaufen. Selbstverständlich ohne Vaters Wissen. Immerhin war ich mittlerweile zehn Jahre alt.“ (22f) —

Doch sei der Verlust eines Stücks Ware Fleisch nicht erheblich. —

„alles, wirklich alles [wurde] zum Stückpreis berechnet“ (27) —

Der Verlust könne aus der Portokasse bezahlt werden. Günday betont ausdrücklich: Die Summe sei so gering gewesen, dass der Vater sie aus seinem Portmonee herausnehmen konnte. Er hätte nicht mal zur Bank gehen müssen. So wenig sei das Leben eines Depotlings wert.

Günday betont zudem, dass es ihm beim Schreiben vor allem auf diese persönlichen Erfahrungen (am liebsten von Kindern) und deren Umsetzung in eine Erzählung angekommen sei.

Denken, so Günday, heißt Schreiben. Schreiben sei ein Prozess, der verhindere, dass man/frau sich gedanklich „wiederhole“: Es wäre sinnlos, ein und denselben Satz zu wiederholen und zu wiederholen und zu wiederholen…: Denken sei nur im Schreiben vollziehbar: In der Addition von Neuem.]

Gemeinsam nehmen sie die „Ware“ entgegen, lagern sie im „Depot“ im Garten zwischen

[Gazâs Aufgabe ist es dabei, die Flüchtlinge, die Ware transportfähig zu erhalten. Gazâ ist der Herr des Depots. Er übernimmt die Flüchtlinge und hat sie vollständig und lebend, körperlich unversehrt zu dem Zeitpunkt zu übergeben, an dem ihre Weiterreise (per LKW) ansteht:

„Die Anzahl der lebend angelieferten Menschen musste mit der abgelieferten übereinstimmen.“ (21)

„Für die Arbeit, die ich [hierzu] verrichtete, brauchte ich allerdings keine geistige Gesundheit. […] Ich reinigte die Kloake! [„die Kloake des Dienstleistungssektors“ (77)] Und war das nun einmal mein Job, dann sollte ich der Gott der Kloake sein! Und er wurde ich.“ (82; im Original kein Fettdruck)

Wie Gazâ mit den Flüchtlingen umgeht, was er mit ihnen anstellt, so er sie denn am Leben lässt, interessiert Gazâs Vater (und Herrn) nicht. Denn Richtschnur allen Handelns ist allein:

„Die einzig wahre Lebenslehre: Überlebe!“ (13)]

und transportieren sie dann weiter zur Ägäisküste. Je älter Gazâ wird, umso professioneller geht er vor. Er führt Statistiken, dokumentiert akribisch das Verhalten der Flüchtlinge und stellt anthropologische Studien [zur „Macht der Macht“ (151)] an.

[Dafür nicht das Leben leben zu können, das er gern möchte, beginnt Gazâ die Depotlinge zu hassen:

„Aber erdreiste dich nicht, mein Leben kaputtzumachen, nur weil du ans andere Ende der Welt willst!“ (79)]

Gazâs Schicksal scheint sich erst zu wenden, als es zu einem Unfall kommt, bei dem sein Vater stirbt. Tagelang begraben unter einem Berg von Leichen überlebt Gazâ und flieht nach Istanbul. Er will Anthropologie studieren. Doch auf einmal bricht das Trauma auf. Gazâ ist außerstande, Menschen zu berühren. Nur allein oder in der Masse fühlt er sich noch sicher. Gelingt ein Leben ohne die Begegnung von Mensch zu Mensch?

[Günday stimmt Krauss darin zu, dass dieser Roman u.a. als Bildungsroman gelesen werden könne. Bildung dürfe hierbei aber nicht als auf Schulbildung restringierter Begriff verstanden werden. Gazâ wird als intelligenter, wissensdurstiger Junge vorgestellt, auch als Schachmeister. Gerade dieses Spiel scheint ihn zu faszinieren. (Jeder Zug eröffnet ja nur eine regelbestimmte, begrenzte Möglichkeitspalette an Reaktionen, die unter Hinsicht auf den Gewinn des Spiels mehr oder weniger sinnvoll sind.)

Günday betont, dass ihm Mathematik, mathematische Gleichungssysteme wichtig seien:

„Alles war Mathematik. Eine bloße Subtraktionsaufgabe.“ (100) —:

„Der Unterschied zwischen Ost und West ist die Türkei. Ich weiß nicht, welches man von welchem abstrahiert, so dass die Türkei dabei herauskommt, aber der Abstand zwischen beiden beträgt so viel wie die Türkei, da bin ich mir sicher.“ (19) —

Im Gespräch erwähnt er die recht einfach zu verstehenden, mit Pfeilen symbolisierten Relationen zwischen Waffengeschäft, Waffenexport aus dem Westen in den Nahen Osten und den kriegsbedingten Migrationsströmen als Gegenbewegung aus dem Nahen Osten in den Westen. Auf Nachfrage bejaht Günday, dass er ggf. Determinist sei. Günday:

Mich beschäftigt eine einfache Frage: Kann ein Individuum aus der Zelle, in der es steckt – sei es die Familie, ein religiöser Orden, die Armee, irgendein geschlossenes System eben… Kann man daraus ausbrechen? Und wenn ja, wie? Denn die dicksten Wände dieser Systeme bestehen nicht aus Granit, sondern aus unserem eigenen Fleisch… Und wenn du es schaffst, wegzurennen. Was sind die Kosten? Was also ist das Ergebnis der Gleichung: Individuum minus Gesellschaft? Das ist es, wonach ich suche.“ (widergegeben von Sammann; ohne Hervorhebungen)

Unter Bezug auf Bildung ist Günday wichtig, den Wert der Treue als moralischen Leitfaden menschlichen Lebens zu erkennen. Gazâs Vater möchte nicht, dass sein Sohn sich zu stark auf die Schule konzentriert. Gazâ soll es als seine einzige Aufgabe ansehen, ihm (als Knecht) zu helfen (dienen):

„»Bitte, Papa, lass uns fortgehen!« Er [Vater] sah mir in die Augen. »Unser Job«, sagte er, »ist der Transport derer, die fortgehen. Nicht, selbst fortzugehen!« Es war, als sagte er, unser Job sei das Töten, nicht das Sterben …“ (78)

Zu viel Bildung könnte seinen Sohn dazu verführen fortzulaufen, ihn zu verlassen. Gazâs Vater unternimmt daher alles, was in seiner Macht steht, um die schulische Weiterentwicklung, die mit einem Wegzug Gazâs verbunden wäre, zu verhindern. Doch auch der Sohn stellt die Treue zu seinem Vater, das Beim-Vater-Bleiben, über seinen Wunsch nach schulischer Weiterbildung:

„Denn eigentlich waren Vater, ich und das Depot die Trinität höchstselbst!“ (134)

Cumas Tod ist zudem für Konstitution und Konstruktion des Romans essenziell. (Erst) Cumas Tod veranlasst den Helden, sich auf die Reise zu dessen Geburtsort zu machen. Das Leben als Odyssee:

„Ich übergab Cuma, den ich seit dem Tag, da ich ihm das Leben genommen hatte, in mir trug, seinem Zuhause.“ (477)

Krauss und Günday kamen überein, das Ende, den Romanschluss nicht zu verraten. Da dieser für die Erzählung jedoch essenziell ist, soll er hier ausgesprochen werden. Gazâs (Bildungs-)Reise endet mit seinem Tod. Der Tod steht am Anfang und am Ende der Geschichte. – Günday betont dies eindrucksvoll, indem er zuletzt, die Veranstaltung schließend, den Romanbeginn (auf Türkisch) vorliest, ihn wie Schauspiel aufführt:

„Wäre mein Vater kein Mörder gewesen, hätte ich nie das Licht der Welt erblickt. […]

Wäre mein Vater kein Mörder gewesen, hätte weder er mir diese Geschichte erzählt noch ich ihm gelauscht.“ (11 bzw. 12)

Das Dasein ist ein Vorlauf in den Tod (Heidegger): Nichts weiter.

Im Existenzial des Vorlaufens gründe alles Erzählen, Sein und Zeit:

„Du bist am Leben, weil du jede Sekunde stirbst. Das ist das ganze Geheimnis. Der Sinn deines Lebens lautet: Angst vor dem Tod!“ (139)

„Nun aber ist die Zeit gekommen, alles, woran ich mich erinnere, auf einmal zu erzählen und zu versiegeln. Denn nun ist Schluss! Nie wieder werde ich mich umdrehen und in die Vergangenheit zurückblicken. […] Vertilgen werde ich sie, indem ich erzähle. Anschließend kratze ich sie mir mit einem Zahnstocher aus den Zähnen und zermalme sie unter meinen Sohlen. Das ist die einzige Möglichkeit, nur mehr aus »Jetzt« zu bestehen. Sonst tut dieser Körper, in dem ich stecke, alles, um die Zeit aufzuhalten! Denn er weiß alles: dass er sterben wird, dass er verrotten wird …“ (17)

Kein Heiliger Gral in Sicht. Das Leben am Kandağı, Blutberg, (Ölberg, Schädelstätte des Geistes…) endet mit dem Tod des Vaters und dem Überleben Gazâs in einer Höhle (siehe Platons Höhlengleichnis) flankiert von Leichen. Die beiden Höhlen in Bamiyan, der Gegend, aus der Cuma stammt (s. 136f), in denen einst zwei riesige Buddha-Statuen standen,

„eine 53, die andere 35 Meter hoch“ (137)

sind leer. Die Taliban zerstörten sie in 2001. Gazâ wird von einem Taliban erschossen. Vergebung von Schuld und Auferstehung durch Gott sind für niemanden in Sicht, schon gar nicht für die, die auf der Flucht sind:

„Niemand will im Bus neben dir sitzen. Niemand will mit dir allein im Fahrstuhl fahren. Niemand wird den Gruß erwidern, den du mit diesem blöden, unausrottbaren Akzent aussprechen wirst. Niemand wird dich zum Nachbarn wollen. Niemand will, dass sein Kind mit d sich  für einem befreundet ist. Niemand will auch nur ein Fitzelchen über deine Religion hören oder gar sehen. Niemand will die üblen Gerüche deiner Speisen riechen. Niemand will, dass du Geld verdienst. Niemand will, dass du glücklicher bist oder länger lebst als er. Niemand will in einer Schlange hinter dir stehen. Niemand will, dass du da, wo du hingehst, deine Stimme abgibst. Niemand will mit dir schlafen. Niemand will dir in die Augen sehen. Niemand will dich als Mensch betrachten. Niemand wird deinen Namen wissen wollen.“ (79f)

Erzählen, um zu vergessen:

„Man musste vergessen, bis man spürte, dass man jeden Tag zum ersten Mal erlebte. Und brüllen: »In welcher Religion es kein Déjà-vu gibt, an die will ich glauben!« Und schweigen: Wo es keine Auferstehung gibt, da will ich sein…“ (82)

Nietzsche: „Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!“ (Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 125, KSA 3, 481, 15f)

Hakan Günday, geboren 1976 [auf Rhodos, wo er die ersten vier Jahre lebte], studierte Französisch in der Türkei und in Brüssel, anschließend Politikwissenschaften in Ankara. Diplomatensohn, Bestsellerautor, Drehbuchautor, Provokateur, Enfant terrible der jungen türkischen Literatur.“ (Im Original kein Fettdruck)

Fazit: Ein Roman, der sich zu lesen lohnt!! — Und das gewiss nicht wegen der Flüchtlingsproblematik, zumindest nicht ausschließlich…

(siehe auch: H. Günday zum Flüchtlingsdeal EU-Türkei)

Frog4

 

Juli Zeh zu Merkels Diktum: „Wir schaffen das.“

Frog1(„Markus Lanz“ vom 8. September 2016)

Markus Lanz (greift in seiner Sendung Juli Zehs vorausgehende Aussagen auf und) plädiert (im Anschluss) für die Entdämonisierung der AfD:

„Ist unser Problem auch, dass wir nur noch in diesen Klischees, in diesen Stereotypen denken? Was dann auch dazu führt, dass wir zum Beispiel so eine Partei wie die AfD dämonisieren von morgens bis abends und damit erst groß machen.“

Darauf hin Juli Zeh:

„[…] Ich bin einfach 100-prozentig sicher, dass nicht 100 Prozent dieser Menschen vor acht Monaten oder zwölf entschieden haben, Ausländerfeinde zu werden. Sondern das sind genau dieselben Menschen, die in den letzten 20, 30, 50, 60 Jahren, wo sie etwas anderes gewählt haben, oder gar nicht, auch waren. Das waren sie, die ganze Zeit; und jetzt wählen sie AfD. Und das, finde ich, muss man bedenken. […] Was die nicht mochten, war, und jetzt kommt wieder dieser Satz, den man auch schon nicht mehr hören kann –: „Wir schaffen das.“ –, weil: Dieser Satz wurde gehört als: Wir machen das. Und wir machen das, bedeutet: Ihr werdet nicht gefragt; es wird auch nicht darüber geredet. Das ist ein Imperativ. Wir können das schon; wir kriegen das hin. Bleibt ihr mal schön sitzen zuhause und wählt in 2 Jahren wieder Merkel, und der Rest. Und da glaube ich, war der Bogen einfach überspannt. […]“

In dieser kurzen Dialog-Passage wird paradigmatisch deutlich, dass und inwiefern die von Salazar (in Sprache des Terrors) betonten Aspekte:

  • Entdämonisierung [bei Salazar: des IS, hier: der AfD und ihrer Klientel…] unter Bezug auf
  • Performanz (bei Salazar insbes. der Appellfunktion) von Sprechakten

wertrelevant sind.

Sie sind Teil aller sprachpragmatisch intendierter Lokutionen (John L. Austin) — z.B. in den Predigten des Kalifen Ibrahim zur Gründung, Aufrechterhaltung, Bestätigung, Vertiefung… einer Wertegemeinschaft: Der Gläubigen.— Doch sie sind bzw. sollten auch in den Sprachäußerungen/Diskurs(-kontext-)en relevant sein, die a priori analytisch, i.e. wertneutral/herrschaftsfrei intendiert sind. (Husserl: Akte qua Bewusstseinsakte können als solche nicht intentionsfrei sein.) Die Differenz besteht darin, ob und/oder inwiefern innerhalb von Diskursgemeinschaften dämonisiert/entdämonisiert wird/werden soll…

Im vorliegenden Fall sind es Zeh und Lanz, die insbes. eine Entdämonisierung in ihrer Diskussionsrunde anstreben (vs. das sonst übliche AfD-Bashing)…

Interessant ist hierbei/zudem Zehs transaktionsanalytische Deutung des Satzes: Wir schaffen das. ——
Merkel, so Zeh, entmündige mit diesem Satz (qua Imperativ) das Volk, indem sie es (als ‚Eltern-Ich‘: Mutti) wie Kinder, nicht wie Erwachsene anspricht. Und diese Kinder bzw. zu Kindern (‚Kinder-Ichs‘) degradierten Erwachsenen (‚Erwachsenen-Ichs‘) reagieren, indem sie AfD wählen: Ggf. nicht aus Zustimmung, sondern einzig aus Trotz
Salazar plädiert daher für Aufklärung (vs. Entmündigung)…

(siehe auch: Salazars ‚Sprache des Terrors‘)

Frog4

 

 

U. Greiner geht auf Distanz zu Merkels Flüchtlingspolitik

Frog1(Ulrich Greiner, Das war kein gutes Jahr, ZEIT, 1.9.2016, 2)

(Bernd Ulrich, Ein Jahr wie keines, ZEIT, 25.8.2016, 3)

Ja, was ist denn da passiert?? Kaum zu glauben, aber ZEIT-Journalist Ulrich Greiner geht auf Distanz zum Gutmenschsprech der etablierten Parteien und widerspricht seinem Kollegen Bernd Ulrich. Man/frau könnte meinen, er habe u.a. Salazar (Die Sprache des Terrors) gelesen…

Umbau Deutschlands zum Weltflüchtlingshotel     

    „Und dann ging ein Foto von ihr [Merkel] um die Welt. Das Selfie, aufgenommen im September 2015 in einer Berliner Unterkunft, zeigt sie lächelnd und Wange an Wange mit einem Flüchtling. Wer jetzt noch daran zweifelte, dass hierzulande die Verfolgten und Entrechteten allesamt willkommen seien, dem war nicht zu helfen.“ [… Folglich:]

    Es kam die Willkommenskultur. […] Der Hinweis, die Mehrzahl der Zuwanderer entstamme einer vormodernen, einer antisäkularen Kultur, die mit der unsrigen nur schwer vereinbar sei [s. Abbas Khider, Ohrfeige], erschien vielen allein schon deshalb als abwegig, weil es die Pegida-Demonstranten gewesen waren, die der Furcht vor einer Islamisierung ebenso aggressiv wie unbeholfen Ausdruck gegeben hatten. […]

    Sogar die zur Kontrolle berufenen Medien, einschließlich der Bild-Zeitung und der öffentlich-rechtlichen Sender, haben sich den von Angela Merkel ausgerufenen Humanitarismus, jedenfalls zu Beginn, weitgehend zu eigen gemacht sich beeilt, die moralisch unangreifbare Seite zu besetzen. […

Doch in einer der Tradition der (insbes. radikalen) Aufklärung verpflichteten Politik geht es nicht um Moral, sondern um Vernunft!! –: Das sollte man/frau meinen und erwarten dürfen… Greiner zumindest sieht das so:]

Es geht in der Flüchtlingsfrage nicht in erster Linie um Moral, sondern darum, eine Politik zu betreiben, die es erlaubt, das Richtige zu tun.“ (im Original kein Fettdruck)

Doch solange das Gutmenschsprech den Diskursrahmen setzt und uns die Emotions-Funktionäre von Pro Asyl, Amadeu Antonio Stiftung & Co manichäisch diktieren, was gut vs. falsch zu sein hat — übrigens: ähnlich der (fast) ausschließlich moralisch argumentierenden IS-Propaganda —, kann sich eine rational bestimmte Auseinandersetzung gar nicht (erst) entfalten.

Das ohnehin von links gesetzte Ideal des herrschaftsfreien Diskurses wurde schon immer von den pseudolinken Moralaposteln selbst, a priori und damit am nachhaltigsten desavouiert.

Frog4