Bodo Kirchhoffs Novelle „Widerfahrnis“ in Nachfolge Albert Camus‘

Frog1(Bodo Kirchhoff, Widerfahrnis, Frankfurt war. M., 2016)

(Edmund Husserl, Philosophie als strenge Wissenschaft, Frankfurt war. M., Nachdruck der Logos-Ausgabe, 1965)

(Albert Camus, Der Fremde, In neuer Übersetzung von Uli Aumüller, Berlin, 2011)

Am 17. Oktober 2016 erhielt Bodo Kirchhoff den Deutschen Buchpreis für sein – von ihm als Novelle bezeichnetes – Werk Widerfahrnis.

Das Buch ist routiniert und gekonnt geschrieben, wie von Kirchhoff nicht anders zu erwarten. Doch es bietet – anders als Nominierung, Auszeichnung und auch Gattungsbezeichnung vermuten lassen – literarisch kaum Außergewöhnliches. Erzählt wird alltägliche Widerfahrnis: (Vor allem) das Kennenlernen, die spontan beschlossene, nur wenige Tage dauernde gemeinsame Italienreise (zu Frühlingsbeginn, „Ende April“ (6)) und die Trennung von zwei älteren Menschen: Einer Dame (Leonie Palm), die früher einen Hutladen und eines Herrn (Reither), der vormals einen Verlag besaß (den er im Herbst zuvor „liquidiert“ hatte). (6) Kurz gefasst: Erzählt wird von zweien „die Pleite gemacht haben“, (59) die (zumindest) mit ihrem Erwerbsleben abgeschlossen haben.

Der Begriff Widerfahrnis selbst wird von Kirchhoff (erst nach der Hälfte des Buchs) wie folgt erläutert/eingeführt:

„und fast wäre seine Hand in ihr Haar gegangen, nach all der Umarmung im Bett eigentlich legitim, eine Morgenzärtlichkeit. Stattdessen bat er sie, die Augen zu schließen und nicht nachzudenken, nur zu sagen, was ihr durch den Kopf geht. Und sie schloss die Augen, zwei gereizte Fältchen dazwischen. Was mir durch den Kopf geht – Widerfahrnis.

Und warum gerade das?

Muss ich das wissen? Sie griff sich die Tasche und lief damit Richtung Bad; Reither zog sich an. Im Grunde hatte er es geahnt, das Überrollende in dem Buch, schon als er von seiner zu ihrer Wohnung hinter ihr her gegangen war, über einen neuen Umschlag nachdachte. Aber Widerfahrnis, das war mehr als die vergessene Heimsuchung – da muss man nur hinhören, nur hinsehen, dann ist es die Faust, die einen unvorbereitet trifft, mitten ins Herz, aber auch die Hand, die einen einfach an die Hand nimmt – ein Titel, den er wohl hätte gelten lassen.“ (159)

Als Nebendarsteller fungieren (nebst zwei „Empfangsfeen“ (39) mit Migrationshintergrund, die das eingeschneite Auto anschieben und damit die Reise überhaupt erst in Fahrt bringen), lediglich zwei Fremde: Flüchtlinge: Ein Mädchen und ein (vormals) Fischer (Taylor) aus Lagos (sowie dessen nicht näher charakterisierte Kleinfamilie).

Die Ausgangskonstellation ist insofern ähnlich der in Albert CamusDer Fremde. Ebenso wie der Fremde in Camus‘ Werk nicht näher charakterisiert wird und der Protagonist, der ihn erschießt, angeklagt und zum Tode verurteilt wird, sich den Ereignissen gegenüber relativ unbeteiligt, emotionslos verhält, lassen sich auch die beiden Hauptprotagonisten in Kirchhoffs Novelle treiben. Die Ereignisse widerfahren ihnen. Sie widerstehen nicht; sie revoltieren nicht. Sie sind Getriebene; sie lassen sich vom Strom der Ereignisse treiben, fort und fort treiben.

Im Fall der Protagonistin wird dieses Verhalten immerhin im Nachhinein (auf der letzten Seite) durch den Vorlauf in deren Krebstod erklärt:

„Bliebe jetzt nur noch zu klären, womit die Geschichte, die ihm [Reither] noch immer das Herz zerreißt, enden sollte“. Nämlich: „als der Erzähler ein Paket aus Triest erhielt, Absender die Adresse einer Pension, und in dem Paket die Strohmelone [die sie während der Reise trug] und eine Karte, auf der stand, dass ein Hut als Bedeckung für den rasierten Kopf ein zu billiger Trick sei“… (224)

In dieser Hinsicht ist Kirchhoffs Widerfahrnis ebenso wie Camus‘ Der Fremde ein Vorlaufen in den Tod (Heidegger). Die Protagonisten agieren weit gehend reaktiv. Sie sind den Ereignissen verfallen:

„Aber wenn nichts Unerwartetes mehr auf uns zukommt, dann sind wir tot.“ (22)

Und der Erzähler beobachtet ganz im Stil eines Phänomenologen, wie Husserl einst forderte und praktizierte:

„im immanenten Schauen dem Fluß der Phänomene nachschauend“… (Philosophie als strenge Wiss., Abschn. 51, S. 37)

Widerfahrnis entwirft damit in und mit der Erzählung eine extrem fatalistische Botschaft.

Dass der in dieser Novelle zugrunde gelegte, unerhörte Entwurf von Dasein zudem sogar mit einem Literaturpreis ausgezeichnet/gepriesen wird, kann/könnte als Symptom/Ausdruck der Ohnmacht gesehen werden, die Europa derzeit erfasst. (Z.B. Hans-Werner Sinn verortet den Krisenkomplex Europa gar als ein Widerfahrnis-Bündel, dem er den Titel Der schwarze Juni gibt.) Keine schöne Vision… (Erst recht nicht seit Trumps Triumph…)

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Juli Zeh zu Merkels Diktum: „Wir schaffen das.“

Frog1(„Markus Lanz“ vom 8. September 2016)

Markus Lanz (greift in seiner Sendung Juli Zehs vorausgehende Aussagen auf und) plädiert (im Anschluss) für die Entdämonisierung der AfD:

„Ist unser Problem auch, dass wir nur noch in diesen Klischees, in diesen Stereotypen denken? Was dann auch dazu führt, dass wir zum Beispiel so eine Partei wie die AfD dämonisieren von morgens bis abends und damit erst groß machen.“

Darauf hin Juli Zeh:

„[…] Ich bin einfach 100-prozentig sicher, dass nicht 100 Prozent dieser Menschen vor acht Monaten oder zwölf entschieden haben, Ausländerfeinde zu werden. Sondern das sind genau dieselben Menschen, die in den letzten 20, 30, 50, 60 Jahren, wo sie etwas anderes gewählt haben, oder gar nicht, auch waren. Das waren sie, die ganze Zeit; und jetzt wählen sie AfD. Und das, finde ich, muss man bedenken. […] Was die nicht mochten, war, und jetzt kommt wieder dieser Satz, den man auch schon nicht mehr hören kann –: „Wir schaffen das.“ –, weil: Dieser Satz wurde gehört als: Wir machen das. Und wir machen das, bedeutet: Ihr werdet nicht gefragt; es wird auch nicht darüber geredet. Das ist ein Imperativ. Wir können das schon; wir kriegen das hin. Bleibt ihr mal schön sitzen zuhause und wählt in 2 Jahren wieder Merkel, und der Rest. Und da glaube ich, war der Bogen einfach überspannt. […]“

In dieser kurzen Dialog-Passage wird paradigmatisch deutlich, dass und inwiefern die von Salazar (in Sprache des Terrors) betonten Aspekte:

  • Entdämonisierung [bei Salazar: des IS, hier: der AfD und ihrer Klientel…] unter Bezug auf
  • Performanz (bei Salazar insbes. der Appellfunktion) von Sprechakten

wertrelevant sind.

Sie sind Teil aller sprachpragmatisch intendierter Lokutionen (John L. Austin) — z.B. in den Predigten des Kalifen Ibrahim zur Gründung, Aufrechterhaltung, Bestätigung, Vertiefung… einer Wertegemeinschaft: Der Gläubigen.— Doch sie sind bzw. sollten auch in den Sprachäußerungen/Diskurs(-kontext-)en relevant sein, die a priori analytisch, i.e. wertneutral/herrschaftsfrei intendiert sind. (Husserl: Akte qua Bewusstseinsakte können als solche nicht intentionsfrei sein.) Die Differenz besteht darin, ob und/oder inwiefern innerhalb von Diskursgemeinschaften dämonisiert/entdämonisiert wird/werden soll…

Im vorliegenden Fall sind es Zeh und Lanz, die insbes. eine Entdämonisierung in ihrer Diskussionsrunde anstreben (vs. das sonst übliche AfD-Bashing)…

Interessant ist hierbei/zudem Zehs transaktionsanalytische Deutung des Satzes: Wir schaffen das. ——
Merkel, so Zeh, entmündige mit diesem Satz (qua Imperativ) das Volk, indem sie es (als ‚Eltern-Ich‘: Mutti) wie Kinder, nicht wie Erwachsene anspricht. Und diese Kinder bzw. zu Kindern (‚Kinder-Ichs‘) degradierten Erwachsenen (‚Erwachsenen-Ichs‘) reagieren, indem sie AfD wählen: Ggf. nicht aus Zustimmung, sondern einzig aus Trotz
Salazar plädiert daher für Aufklärung (vs. Entmündigung)…

(siehe auch: Salazars ‚Sprache des Terrors‘)

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