Zeit der Sophisten. Scobel, Eilenberger und Gabriel im Verkaufsförderungskarussell

„Kulturzeit extra: Der philosophische Jahresrückblick 2020“, Kulturzeit vom 18.12.2020

Wolfram Eilenberger im Gespräch mit Markus Gabriel – Für einen neuen Existentialismus!, SFR, 6.12.2020

Eine Zeit der Krise — wie die Corona-Zeit — ist immer auch eine Zeit der Chance für ansonsten mittelmäßig erfolgreiche Welterklärer, sich als alle anderen Mitbewerber*innen überragende Meister der Krisenbewältigung zu profilieren und d.h. zu inszenieren und: inszeniert zu werden.

Einer der bereits etablierten Inszenierer ist Gerd Scobel. Auf Kulturzeit darf/muss er immer dann ran, wenn die geplante Sendung ein (pseudo-)philosophisches und/oder -wissenschaftliches Niveau erreichen soll/könnte, das über den üblichen Gequake-Level hinaus reicht. So wurde er denn ausersehen, den Kulturzeit-Jahresrückblick zu moderieren. In der Kulturzeit-Sondersendung vom 18.12.2020 erklärte er das Jahr 2020 im Rückblick zu einem Jahr der Philosophie:

„2020. Dürre und verheerende Waldbrände weltweit, der Klimawandel. Dann, zu Beginn des Jahres die Pandemie. Sars-Cov-2 fordert viele Tote. Leergefegt sind die Straßen in den Hauptstädten der Welt. Schwere Zeiten, aber einen schönen guten Abend, meine Damen und Herren bei Kulturzeit. Hegel, dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wurde, definiert die Philosophie als ein Erfassen der Zeit in Gedanken. Reicht Ihnen das? Auch Bilder und Symbole müssen ja eingefangen und interpretiert werden. Und, dann zunehmend nicht nur Gedanken, sondern vor allem auch Daten. Um unsere Gegenwart philosophisch zu erfassen, ist heute anderes und mehr nötig als damals.

[an auszuwertendem Material vielleicht; sicherlich aber nicht an gedanklicher Arbeit — oder sind wir in der Zwischenzeit, ohne es zu merken, zu Übermenschen mutiert, die mehr vermögen als nur die Anstrengung des Begriffs?]

Für uns ein Grund, bei Kulturzeit heute statt eines klassischen Jahresrückblicks zu versuchen, unsere Gegenwart unter heutigen Bedingungen philosophisch zu bestimmen. Warum philosophisch? Weil in diesem Jahr Philosophie vielleicht das erste Mal seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle spielte, als es darum ging, die Gegenwart nicht nur zu verstehen, sondern auch Gesellschaft und Politik gut zu steuern.

[Welch Plädoyer für die Re-Etablierung politischer Philosophie in praxi! Daran ist bekanntlich schon Politik-Berater Platon voll gescheitert…]

Philosophie gehört nach wie vor als ein zentrales Element zum umfassenden Prozess der Aufklärung, über die wir in dieser Sendung noch zu sprechen haben nicht nur mit Blick auf Trump oder das Klima. Allerdings reicht es nicht, sich mit der Rolle der kritischen Prüfung althergebrachter Paradigmen zu begnügen. Wie Anna Riek zeigt, muss es auch darum gehen, dem, was marode ist, neue zukunftsbezogene Narrative entgegenzusetzen.“

Im Anschluss an den Beitrag Rieks dann gab Scobel dem neuen TV-Philosophen-Stern Wolfram Eilenberger Gelegenheit, seine Weisheiten kundzutun. So wie zuvor Prechts begann auch Eilenbergers Karriere damit, nicht nur einen, sondern gleich zwei Bestseller gelandet zu haben. Quantität = Qualität lautet die Devise der nivellierten Bildungsgesellschaft, sprich: wer viel verkauft, muss viel zu sagen haben. Der muss ins Fernsehen!

ScobeI leitete denn das Gespräch mit Eilenberger auch wie folgt ein:

„Im Studio begrüße ich jetzt den Philosophen, Schriftsteller und Publizisten Wolfram Eilenberger, ehemals Chefredakteur des Philosophiemagazins und Autor der beiden Bestseller Zeit der Zauberer und Feuer der Freiheit.“

Selbstredend waren die beiden Super-Bücher auch so positioniert, dass man/frau sie wie auf einem Verkaufsstand während des ganzen Interviews vor das Gesicht gesetzt bekam: eine indirekt und doch plump ausgesprochene Kaufempfehlung.

Die anschließende Unterhaltung unter Freunden – Eilenberger wurde geduzt – entwickelte sich dann auf erwartet dürftigem TV-Verkaufsförderung-Niveau: Weitere potentielle Käufer*innen sollen ja zum Kauf ermuntert und nicht abgeschreckt werden:

G.S. „Wolfram, bei allem Negativen war in meinen Augen dieses Jahr ein Jahr der Philosophie. Kant hätte möglicherweise gesagt, das war ein Ereignis. Teilst Du diese Ansicht? Und warum, glaubst du, wenn ‘s so ist, dass Philosophie wieder so gefragt ist?“

W.E. „Ich denke, es ist ein Jahr, das uns allen sehr zu denken gegeben hat, weil tiefe Störungen in unserem Weltverhältnis uns ermöglichen, grundlegende Fragen zu stellen, auch die ganze Komplexität unserer Lebenswelt wieder in den Blick zu geraten und, ja, ich denke, 2020 war in diesem Sinne ein Jahr, das uns zu denken gab, zu philosophieren gab und vielleicht nach 1989 das wichtigste Schwellenjahr meiner Generation.“

G.S. „Was macht denn Philosophie anders als beispielsweise die Wissenschaften?“

W.E. „Na, die Philosophie hat erst mal keine eigenen Experimente. Sie stellt auch keine Tatsachen im eigentlichen Sinne fest. Sie generiert sie auch nicht neu. Ich glaube, die Kunst der Philosophie besteht darin, Klarheit durch begriffliche Analyse zu schaffen, uns von Kernillusionen unseres Daseins zu befreien, damit wir eine klarere Sicht auf die Welt, auf die anderen Menschen und uns selbst bekommen.“

Ca. zwei Wochen vor diesem Auftritt in der Kulturzeit, am 6.12.2020, wurde Eilenberger im SRF sogar die Ehre zuteil, einen weiteren Superstar der TV-Philosophenzunft, den Universitätsprofessor Markus Gabriel zu interviewen.

In seiner Anmoderation stellte er Gabriel als den Guru

„einer radikal neuen Philosophie, die unsere Kultur von ihren tiefsten, ja todbringenden Irrtümern heilen will“, 

vor. Schleimerischer geht‘ s kaum noch.

Und was sind diese Irrtümer, von denen uns Gabriel – in Eilenbergers Schleimerei-Gequake

„einer der aufregendsten Denker unserer Zeit“

– durch „Intervention in den Zeitgeist“ (Gabriel) befreien will? — Es sind vornehmlich die folgenden drei Geißeln, die von Gabriel mit den Schlagwörtern Physikalismus, Neurozentrismus und moralischer Nihilismus tituliert werden.

Dass diese Erkenntnis Gabriels entgegen der Eigen- und Fremdstilisierung nicht allzu revolutionär sein kann, zeigt schon der Fakt, dass eine andere TV-Größe jüngst über die Unberechenbarkeit des Lebens schwadronierte. TV-Vorzeigewissenschaftler Harald Lesch veröffentlichte mit Thomas Schwartz (nebst Zuarbeiter Simon Biallowons) das in quantitativer wie qualitativer Hinsicht recht dünn ausgefallene Büchlein Unberechenbar.

Auch die Autoren von Unberechenbar, Das Leben ist mehr als eine Gleichung, plädieren für eine Entmystifizierung des Glaubens an die Berechenbarkeit von allem mittels der „Prinzipien, die der Physik und der Mathematik zugrunde liegen“. (12) Freilich geht ihre Kritik nicht so weit, das Wissenschaftsparadigma per se infrage zu stellen: schließlich leben sie — und das recht gut — von der Wissenschaft im universitären Wissenschaftsbetrieb.

Indem sie das „Anything goes unserer Zeit“ (117) verurteilen, prangern sie zudem auch „die scheinbare Entgrenzung des Lebens und der Moral“ und damit den moralischen Nihilismus an. (eb.)

Wo also ist das radikal Neue, das Gabriel für seinen Entwurf in Anspruch nimmt? Es existiert schlichtweg nicht! Alles nur sophistisches Geplänkel: Verkaufsrhetorik…

Konkurrenz belebt das Geschäft,

Pseudo-Konkurrenz erst recht!

ttt-Philosoph Precht doziert über den Sinn des Lebens

Richard David Precht, Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens, ttt, 21.6.2020

Anlässlich seiner neuesten Großtat, ein Buch über den Sinn des Lebens veröffentlicht zu haben, durfte Star-Philosöphchen Richard David Precht mal wieder seine quak-quak-Weisheiten einem sich als ach so erlaucht und Kultur-affin gerierenden Fernsehpublikum kundtun. Um dieses zum Kauf zu animieren, also es einerseits nicht zu überfordern und andererseits dessen Vorfreude-Appetit in die Länge zu ziehen, wurde der Prechtsche Vortrag in sechs Häppchen gestreckt serviert.

Kanapee 1

„Wir haben es mit zwei Linien zu tun. Die eine Linie ist: wir machen unser kapitalistisches System so weiter wie es bisher ist, also Super- und Turbokapitalismus-extensives Wachstum. Dann wird es dazu führen, dass wir in einer sehr überschaubaren Zeit die Erde restlos zerstört haben.

Welch grandios neue Erkenntnis!

Die andere Variante ist, wir schaffen es, den Menschen so zu verändern, dass er auf die Erde nicht mehr wie im bisherigen Maß angewiesen ist. Das heißt wir schaffen einen Übermenschen.

Wie? à la Nietzsche? — Wohl nicht, eher als: Nach-Mensch…

Das ist, was im Silicon Valley viele Leute beseelt. Es gibt viele große IT-Gurus im Silicon Valley, die genau das wollen: dass wir keine biologischen Lebewesen mehr sind, sondern dass wir unsere Intelligenz, unser Bewusstsein in Silizium pressen und dass wir auf alternativen Datenträgern überleben können.“

Cui bono? — Was aber, bittschön, hätten denn all die Silicon Valley-Unternehmen davon? Silizium, das von anderem Silizium Daten kauft? Wozu? Womit? — Welch absurdes Gefasel…

Kanapee 2

„Der große Treiber der digitalen Revolution ist es, noch in jene Bereiche vorzudringen, in die der Kapitalismus bislang nicht hat vordringen können. Das ist zum ersten die feine Unterwäsche des Bewusstseins mit Sensoren auf der Haut, Emotionen zu erforschen und dann sofort immer zu wissen, was jemand fühlt, was jemand denkt, um ihn mit allen erdenklichen Produkten voll zu knallen und versuchen an den Mann und die Frau zu bringen. Das ist im Moment der Haupttreiber der gesamten Entwicklung. Und dieser Treiber geht auf Expansion: auf mehr Konsum, auf mehr Verbrauch und so weiter. Das heißt, wir machen im Augenblick überhaupt keinen sinnvollen Gebrauch zum großen Teil von Künstlicher Intelligenz, sondern in weiten Bereichen weiterhin begehen wir Ressourcen-Raubbau.“

Wissen wir. Wo aber ist der Mehrwert der von Precht verkauften Weisheit? — Fehlanzeige.

Kanapee 3

„Wenn es aber irgendwann soweit ist, dass die Einstellung in eine Firma abhängig ist von der Expertise Künstlicher Intelligenz, wenn ich die Frage, ob ein Strafgefangener begnadigt wird, abhängig mache von dem, was eine Maschine errechnet, wie hoch die statistische Wahrscheinlichkeit ist, dass er wieder straffällig wird, wenn ich in eine Welt gehe, in der tatsächlich Roboterautos herumfahren, die nach „lebenswert“ die Menschen einschätzen, dann lebe ich tatsächlich in einer Welt, in der Freiheit sehr viel geringer ist als sie jetzt ist. Und ich denke, wir sollten dafür kämpfen, dass es zu einer solchen Welt nicht kommt.“

Richtig. Doch das ist unbestritten. Wozu also (nochmals) ausplaudern?

Kanapee 4

„Künstliche Intelligenz ist im weitesten Sinne vielleicht intelligent. Sie verfügt eigentlich überhaupt nicht über Verstand und nicht entfernt über Vernunft, und damit unterscheidet sie sich von menschlicher Intelligenz gravierend.

Ja, ist KI nun intelligent oder nicht? Und wenn ja, inwiefern?

Was sie unterscheidet ist, dass sie zu sich „ich“ sagt. Nur weil der Mensch emotional ist, sagt er zu sich ich. Das ist keine Intelligenzleistung, das ist eine ganz, ganz tief verwobene emotionale Leistung.

Ja, aber was ist dann Intelligenz überhaupt?

Wir haben ein Ich-Zentrum quasi, ein gefühltes ich-Zentrum. Das ist ein ganz großer Unterschied. Ein weiterer Unterschied ist, dass Menschen leben nicht so gerne in der Gegenwart.

Wenn dem so ist: Warum hängen wir dann so sehr an unserem Leben? Warum sorgen wir uns ständig, jeden einzelnen Augenblick? Warum haben wir Angst? insbesondere vor dem Tod?* —

Nur Islamisten (und ähnlich Ver-rückte) träumen vom Jenseits, vom Paradies: 72 Jungfrauen, die nach Gebrauch augenblicklich (!) wieder zu Jungfrauen werden. Welch großartig göttliche Perspektive…

Das unterscheidet uns völlig von künstlicher Intelligenz. Den größten Teil des Tages hängen wir Erinnerungen nach, machen uns Gedanken, was wir morgen machen, was wir in der Zukunft sein wird und so weiter.

Ja, aber Zukunft und Vergangenheit sind nur (je im Augen-blick) gewärtigend erschlossen, wobei „Existieren im wie immer entworfenen Sein-können primär zukünftig“ ist. (Heidegger, Sein und Zeit, §68a, Abschn. 5, S. 337)

Und weil wir so sind, sind wir auch fiktionsbedürftig. Menschen haben ein großes Interesse, gar nicht im Hier und Jetzt zu sein, sondern woanders zu sein. Und wenn man diese ganzen Aspekte des Ich, die Fiktionsbedürftigkeit, die Emotionalität sieht, dann kommt ein unglaublich faszinierendes Lebewesen am Ende dabei raus. Und damit verglichen ist Künstliche Intelligenz wirklich eine sehr, sehr bescheidene, auf ihre Art und Weise großartige Leistung,

Bescheiden, sprich gering / klein, und doch großartig: wie soll das zusammengehen?

aber doch nicht ansatzweise mit der menschlichen Leistung, all diese verschiedenen Impulse miteinander zusammen zu bringen und sowas hervorzubringen wie Glück oder wie Sinn überhaupt nicht vergleichbar.“

Als ein Anwärter auf einen Philosophie-Lehrstuhl einst seine Bewerbungsunterlagen vorlegte, studierte ein Berufungskommission-Mitglied dessen Publikationsliste, sah unter der Rubrik Bücher den Eintrag „Vom Sinn des Lebens“ und kommentierte süffisant: „Den wüsste ich auch gern.“ — Akademische Selbst-Diskreditierung pur.

Kanapee 5

„Das entscheidende am Menschen ist, dass menschlicher Wille von seiner Leiblichkeit ausgeht, und da die Roboter in dem Sinne keine physische Leiblichkeit haben, haben sie auch keinen Willen. Auch die Notwendigkeit eines solchen Willens besteht überhaupt nicht. Es ist ja tatsächlich so, dass der Mensch von seinem Willen gesteuert wird und nicht von seiner Intelligenz. Also von David Hume haben wir die wichtige Erkenntnis, dass die Willensimpulse letztlich darüber entscheiden, was wir tun, und dass der Verstand so etwas ist wie eine Marketingabteilung, die im Nachhinein legitimiert, was die Gefühle vorher entschieden haben.“

Statt Neues zu bieten, also Rückgriff auf Alt-Hergebrachtes, Hume…

Kanapee 6

„Also auf der einen Seite ist es nachvollziehbar, dass der Mensch sich qua Technik aus der brutalen Willkürherrschaft der Natur befreien wollte. Er hat aber den Fehler gemacht, sich der Natur so entgegenzusetzen, als hätte er mit ihr nichts mehr zu tun, als sei er eben das andere der Natur. Und das ist natürlich in der ökologischen Katastrophenzeit, in der wir leben und die auf uns zukommt,

Wieder mal Prechtsche coincidentia oppositorum, nur dass die Aufhebung ausbleibt…

ist das natürlich grundfalsches Denken. Wir müssen wieder lernen, dass wir ein Teil der Natur sind. Und wir müssen lernen, dass wir nicht näher mit Maschinen verwandt sind als mit der Natur, sondern dass wir in der Natur auch dann einbehalten sind, wenn wir über vielerlei technische Möglichkeiten verfügen. Und ich glaube, dieser neue Blick, und selbst wieder als Teil der Natur zu sehen, ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass wir diesen Planeten tatsächlich noch retten können.“

Auch das: nichts Neues.

Summa summarum: 6 neue Prechtsche Kanapees: wie immer adrett aufgebacken und süß verpackt, aber — nach Reinbeißen extrem inhaltsleer und fad.

(Ganz anders: Das Interview von Gert Scobel mit Björn Schuller über (angewandte) KI in der Corona-App auf Kulturzeit, 15.6.2020: präzise Fragen von Scobel, detaillierte und (wissenschaftlich/technisch) präzise Antworten von Schuller)

*Für Heidegger ist der Tod in die Daseins-Hermeneutik miteinzubeziehen (s. v. Herrmann, Transzendenz und Ereignis…, Würzburg 2019, S. 59), nicht aber das Nach-Tod-sein…