Zeit der Sophisten. Scobel, Eilenberger und Gabriel im Verkaufsförderungskarussell

„Kulturzeit extra: Der philosophische Jahresrückblick 2020“, Kulturzeit vom 18.12.2020

Wolfram Eilenberger im Gespräch mit Markus Gabriel – Für einen neuen Existentialismus!, SFR, 6.12.2020

Eine Zeit der Krise — wie die Corona-Zeit — ist immer auch eine Zeit der Chance für ansonsten mittelmäßig erfolgreiche Welterklärer, sich als alle anderen Mitbewerber*innen überragende Meister der Krisenbewältigung zu profilieren und d.h. zu inszenieren und: inszeniert zu werden.

Einer der bereits etablierten Inszenierer ist Gerd Scobel. Auf Kulturzeit darf/muss er immer dann ran, wenn die geplante Sendung ein (pseudo-)philosophisches und/oder -wissenschaftliches Niveau erreichen soll/könnte, das über den üblichen Gequake-Level hinaus reicht. So wurde er denn ausersehen, den Kulturzeit-Jahresrückblick zu moderieren. In der Kulturzeit-Sondersendung vom 18.12.2020 erklärte er das Jahr 2020 im Rückblick zu einem Jahr der Philosophie:

„2020. Dürre und verheerende Waldbrände weltweit, der Klimawandel. Dann, zu Beginn des Jahres die Pandemie. Sars-Cov-2 fordert viele Tote. Leergefegt sind die Straßen in den Hauptstädten der Welt. Schwere Zeiten, aber einen schönen guten Abend, meine Damen und Herren bei Kulturzeit. Hegel, dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wurde, definiert die Philosophie als ein Erfassen der Zeit in Gedanken. Reicht Ihnen das? Auch Bilder und Symbole müssen ja eingefangen und interpretiert werden. Und, dann zunehmend nicht nur Gedanken, sondern vor allem auch Daten. Um unsere Gegenwart philosophisch zu erfassen, ist heute anderes und mehr nötig als damals.

[an auszuwertendem Material vielleicht; sicherlich aber nicht an gedanklicher Arbeit — oder sind wir in der Zwischenzeit, ohne es zu merken, zu Übermenschen mutiert, die mehr vermögen als nur die Anstrengung des Begriffs?]

Für uns ein Grund, bei Kulturzeit heute statt eines klassischen Jahresrückblicks zu versuchen, unsere Gegenwart unter heutigen Bedingungen philosophisch zu bestimmen. Warum philosophisch? Weil in diesem Jahr Philosophie vielleicht das erste Mal seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle spielte, als es darum ging, die Gegenwart nicht nur zu verstehen, sondern auch Gesellschaft und Politik gut zu steuern.

[Welch Plädoyer für die Re-Etablierung politischer Philosophie in praxi! Daran ist bekanntlich schon Politik-Berater Platon voll gescheitert…]

Philosophie gehört nach wie vor als ein zentrales Element zum umfassenden Prozess der Aufklärung, über die wir in dieser Sendung noch zu sprechen haben nicht nur mit Blick auf Trump oder das Klima. Allerdings reicht es nicht, sich mit der Rolle der kritischen Prüfung althergebrachter Paradigmen zu begnügen. Wie Anna Riek zeigt, muss es auch darum gehen, dem, was marode ist, neue zukunftsbezogene Narrative entgegenzusetzen.“

Im Anschluss an den Beitrag Rieks dann gab Scobel dem neuen TV-Philosophen-Stern Wolfram Eilenberger Gelegenheit, seine Weisheiten kundzutun. So wie zuvor Prechts begann auch Eilenbergers Karriere damit, nicht nur einen, sondern gleich zwei Bestseller gelandet zu haben. Quantität = Qualität lautet die Devise der nivellierten Bildungsgesellschaft, sprich: wer viel verkauft, muss viel zu sagen haben. Der muss ins Fernsehen!

ScobeI leitete denn das Gespräch mit Eilenberger auch wie folgt ein:

„Im Studio begrüße ich jetzt den Philosophen, Schriftsteller und Publizisten Wolfram Eilenberger, ehemals Chefredakteur des Philosophiemagazins und Autor der beiden Bestseller Zeit der Zauberer und Feuer der Freiheit.“

Selbstredend waren die beiden Super-Bücher auch so positioniert, dass man/frau sie wie auf einem Verkaufsstand während des ganzen Interviews vor das Gesicht gesetzt bekam: eine indirekt und doch plump ausgesprochene Kaufempfehlung.

Die anschließende Unterhaltung unter Freunden – Eilenberger wurde geduzt – entwickelte sich dann auf erwartet dürftigem TV-Verkaufsförderung-Niveau: Weitere potentielle Käufer*innen sollen ja zum Kauf ermuntert und nicht abgeschreckt werden:

G.S. „Wolfram, bei allem Negativen war in meinen Augen dieses Jahr ein Jahr der Philosophie. Kant hätte möglicherweise gesagt, das war ein Ereignis. Teilst Du diese Ansicht? Und warum, glaubst du, wenn ‘s so ist, dass Philosophie wieder so gefragt ist?“

W.E. „Ich denke, es ist ein Jahr, das uns allen sehr zu denken gegeben hat, weil tiefe Störungen in unserem Weltverhältnis uns ermöglichen, grundlegende Fragen zu stellen, auch die ganze Komplexität unserer Lebenswelt wieder in den Blick zu geraten und, ja, ich denke, 2020 war in diesem Sinne ein Jahr, das uns zu denken gab, zu philosophieren gab und vielleicht nach 1989 das wichtigste Schwellenjahr meiner Generation.“

G.S. „Was macht denn Philosophie anders als beispielsweise die Wissenschaften?“

W.E. „Na, die Philosophie hat erst mal keine eigenen Experimente. Sie stellt auch keine Tatsachen im eigentlichen Sinne fest. Sie generiert sie auch nicht neu. Ich glaube, die Kunst der Philosophie besteht darin, Klarheit durch begriffliche Analyse zu schaffen, uns von Kernillusionen unseres Daseins zu befreien, damit wir eine klarere Sicht auf die Welt, auf die anderen Menschen und uns selbst bekommen.“

Ca. zwei Wochen vor diesem Auftritt in der Kulturzeit, am 6.12.2020, wurde Eilenberger im SRF sogar die Ehre zuteil, einen weiteren Superstar der TV-Philosophenzunft, den Universitätsprofessor Markus Gabriel zu interviewen.

In seiner Anmoderation stellte er Gabriel als den Guru

„einer radikal neuen Philosophie, die unsere Kultur von ihren tiefsten, ja todbringenden Irrtümern heilen will“, 

vor. Schleimerischer geht‘ s kaum noch.

Und was sind diese Irrtümer, von denen uns Gabriel – in Eilenbergers Schleimerei-Gequake

„einer der aufregendsten Denker unserer Zeit“

– durch „Intervention in den Zeitgeist“ (Gabriel) befreien will? — Es sind vornehmlich die folgenden drei Geißeln, die von Gabriel mit den Schlagwörtern Physikalismus, Neurozentrismus und moralischer Nihilismus tituliert werden.

Dass diese Erkenntnis Gabriels entgegen der Eigen- und Fremdstilisierung nicht allzu revolutionär sein kann, zeigt schon der Fakt, dass eine andere TV-Größe jüngst über die Unberechenbarkeit des Lebens schwadronierte. TV-Vorzeigewissenschaftler Harald Lesch veröffentlichte mit Thomas Schwartz (nebst Zuarbeiter Simon Biallowons) das in quantitativer wie qualitativer Hinsicht recht dünn ausgefallene Büchlein Unberechenbar.

Auch die Autoren von Unberechenbar, Das Leben ist mehr als eine Gleichung, plädieren für eine Entmystifizierung des Glaubens an die Berechenbarkeit von allem mittels der „Prinzipien, die der Physik und der Mathematik zugrunde liegen“. (12) Freilich geht ihre Kritik nicht so weit, das Wissenschaftsparadigma per se infrage zu stellen: schließlich leben sie — und das recht gut — von der Wissenschaft im universitären Wissenschaftsbetrieb.

Indem sie das „Anything goes unserer Zeit“ (117) verurteilen, prangern sie zudem auch „die scheinbare Entgrenzung des Lebens und der Moral“ und damit den moralischen Nihilismus an. (eb.)

Wo also ist das radikal Neue, das Gabriel für seinen Entwurf in Anspruch nimmt? Es existiert schlichtweg nicht! Alles nur sophistisches Geplänkel: Verkaufsrhetorik…

Konkurrenz belebt das Geschäft,

Pseudo-Konkurrenz erst recht!

Anmerkungen zum Buch „Unberechenbar“

Harald Lesch und Thomas Schwartz und unter Mitarbeit von Simon Biallowons, Unberechenbar. Das Leben ist mehr als eine Gleichung, Freiburg im Br., 2020

Ob Mutti dieses Machwerk in Auftrag gegeben hat? Diesen Aufruf zur grenzenlosen Verdummung? Zwei Stellen mögen genügen, um die (versteckte) Intention der Autoren Harald Lesch, Thomas Schwartz (und Simon Biallowons als Mitarbeiter) vorzuführen:

1 „Vorab: Sollte im Folgenden der Eindruck entstehen, wir wären Dorfromantiker, dann ist das nicht etwa irreführend, im Gegenteil, wir sind tatsächlich Dorfromantiker. Aber keine naiven.“ (127)

2 „Gesellschaftsspiele haben in der Corona-Krise geboomt. Klar, man war auf die kleinen Beziehungsräume von Familie oder WG zurückgeworfen und hatte jede Menge Spielzeit. Es war ein zeitlicher Freiraum entstanden, der gefüllt werden musste und bei dem das Gesellschaftsspiel, egal ob Skat, Trivial Pursuit oder Siedler von Catan, wieder oder sogar neu entdeckt wurde.“ (149f.)

Die nachfolgend geschilderte Episode aus dem Leben des Vorsokratikers Heraklit möge dazu dienen, Pseudoweisheit vs. Weisheit klar zu kontrastieren. Von Heraklit ist uns – nebst etlichen Fragmenten – überliefert, dass er, einer von denen, die in seiner Stadt Ephesos das Sagen hatten, einst floh, um im außerhalb der Stadt gelegenen Artemis-Tempel Asyl zu suchen. Dort saß er dann und spielte (Würfel) mit den Kindern.

Dazu 2 Kurzkommentare:

1

Vorsokratische und sokratische Philosophie entwickelten sich in den Metropolen ihrer Zeit und nicht in den Dörfern. In denen lebten nur einfältige Bauern; einfältig: weil sie ihre Zeit zum Überleben und zur Reproduktion nutzen mussten und nur dazu nutzen konnten. Grundvoraussetzung für das Denken ist Muße, σχολή (Phaidros 228a.) — Im Neugriechischen bedeutet σχολή Schule. — Muße entsteht nur aufgrund der Entlastung vom Alltag. — In der Schule sollen die Kinder vom Alltag entlastet lernen. — Dies war in den arbeitsteiligen und mit Sklaven reichlich bestückten Städten weit eher gegeben als in (abgelegenen) Dörfern. Denker – damals wie heute – sind zudem auf den Umgang mit anderen Denkern angewiesen. Insbesondere aus den Dialogen Platons mit diversen Gesprächspartnern unterschiedlichster Couleur wird dies überdeutlich.

Sokrates bezeichnet sich als φιλομαθής, als Lernfreund und führt mit der ihm typischen unterschwelligen Ironie näher aus, von wem er sich denn Belehrung erhofft:

τὰ μὲν οὖν χωρία καὶ τὰ δένδρα οὐδέν μ᾽ ἐθέλει διδάσκειν, οἱ δ᾽ ἐν τῷ ἄστει ἄνθρωποι.

weder Felder noch Bäume wollen mich lehren, aber die Menschen in der Stadt. (Phaidros 230d)

2

Spiele spielen ist etwas für Kinder. Sie dien(t)en zur Charakterdiagnostik und -bildung, zur Erziehung und Vorbereitung auf das Erwachsenenleben als Mann im bzw. für den Staat. (Auch dies ist bei Platon, u.a. in Politeia, detailliert nachzulesen.) Es kam darauf an, im politischen Leben der Stadt zu bestehen. Dazu musste man sowohl körperlich als auch geistig fit sein. Körperlich, weil kriegerische Auseinandersetzungen die Regel und nicht die Ausnahme waren; geistig, weil man die politischen Spiele der Stadt durchschauen musste, um sie zu beherrschen (und nicht von ihnen beherrscht zu werden). — Wurde man z.B. angeklagt, so musste man sich selbst verteidigen. (Schulungen hierzu offerierten die Sophisten…)

Auch wenn wir Heutige uns (eher) nicht politisch engagieren (müssen), so gilt auch für uns: uns aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien (Kant). Depperlspiele spielen hilft da nicht weiter, sondern nur (Selbst-)Bildung.

Was die drei Pseudoweisen verschweigen

Analog zur Pädagogik, Kinderführung/-leitung, entwickelt und formuliert Platon Grundsätze der ψυχ-αγωγία, der Führung/Leitung der Psyche, für Erwachsene. (Phaidros, 271c) Doch solch ein Plädoyer für Bildung fehlt in der Schrift der drei Pseudoweisen aus Deutschland. Und das ist auffällig. Denn Lesch und Schwartz sind Professoren. (Was der dritte, Simon Biallowons, macht, wird uns nicht verraten.) Sie leben (recht einträglich) davon, den (wissenschaftlichen) Nachwuchs zu belehren. Wenn Sie also das Thema Bildung geflissentlich übergehen, so muss das einen Grund haben.

Und so unterstellen wir: Sie wollen einlullen.

Ihre eigentliche Rede — Schwartz ist Theologe — lautet:

Das Leben ist nicht berechenbar, ihr Bürger*innen. Krisen wie die jetzige sind Teil des Lebens. Da müssen wir durch. Fürchtet euch nicht! Und so werdet ihr der Verzweiflung resilient widerstehen! Wir schaffen das! Wir haben so vieles geschafft. Wir schaffen das! Auch Corona schaffen wir! Vertraut auf eure Führer, ihr Bürger*innen. Euer aller Mutti wird‘s schon richten. Sie entlastet euch vom Denken. Seid dankbar, ihr Dörfler, und amüsiert euch frohgemut in der Zwischenzeit, bis es wieder aufwärts geht, mit Gesellschaftsspielen.

Pfarrerstochter Mutti und Pfarrer Schwartz wissen:

Selig die Armen im Geist, denn ihr ist das Reich der Himmel (Matthäus, 5:3)

schon auf Erden,

hurra!!

TV-Guru Leschs Pseudoweisheiten

Unberechenbar – Harald Lesch über das Leben, ttt, 29.11.2020

ttt-Moderator Max Moor stellt Harald Lesch wie folgt vor:

„Gelernter Physiker, leidenschaftlicher Philosoph und passionierter Welterklärer, Sie kennen ihn, meine Damen und Herren. Harald Lesch hat ein Buch geschrieben zusammen mit dem Theologen Thomas Schwartz. Thema: Nichts weniger als das Leben. Ein wunderbares Aha-Erlebnis für alle Nicht-Perfekten, also für alle. Darin steht: ohne Fehler und Mängel, ohne all die Dinge, die anders laufen als gedacht, gäbe es nicht nur uns nicht, sondern überhaupt kein Leben. Das ganze Universum wäre nie entstanden, und so gesehen ist unser Streben nach Perfektion geradezu lebensfeindlich und unser Hoffen auf die Unfehlbarkeit von Computeralgorithmen Selbstmord. Der ewige Optimist Lesch schenkt uns ein wenig seiner unperfekten Zeit.“

Dass das Buch, um das es geht — Unberechenbar —, von zwei Autoren verfasst wurde, wird kaum erwähnt. Im Mittelpunkt steht der allseits bekannte und beliebte TV-Guru Lesch. (Schwartz war, ist und bleibt ein Epiphänomen. Warum also über seinen Anteil am Werk eigens nachdenken?!) In den nachfolgenden ttt-Beitrag werden von Angelika Kellhammer (daher auch) nur Redebeiträge Leschs eingeflochten.

Zunächst fällt auf: Lesch argumentiert nicht; er reiht lediglich Behauptung an Behauptung in extrem plakativer Machenschaft:

„Wie so vieles ist das Leben ein Resultat eines Fehlers, einer kleinen Asymmetrie. Das ganze Universum ist das Resultat einer kleinen Asymmetrie. Wenn alles perfekt wäre, würde es uns gar nicht geben. Wenn das Universum ein Berateruniversum wäre, dann wäre, mit perfekter PowerPoint-Präsentation sozusagen, dann würde es uns gar nicht geben. Alles, was auf dieser Welt wirklich interessant ist und auch zu Neuem führt, ist das, was instabil sein kann.

[Dann der erste Begründungsversuch:]

Nämlich nur das Instabile kreiert neue Eigenschaften, die vorher nicht da waren. Wenn immer dasselbe passiert, passiert nichts Neues.

[Da hat er Nietzsches Diktum der ewigen Wiederkehr des Gleichen entweder nicht verstanden oder gar nicht erst bedacht. Heidegger:

„Weil das Sein als ewige Wiederkehr des Gleichen die Beständigung der Anwesenheit ausmacht, deshalb ist das Beständige: das unbedingte Daß.“ (Nietzsche II, 9)

Oder allgemeinverständlich gefasst: Das Gleiche ist nicht Das Selbe… Zudem: evolutionstheoretisch ist (noch) nicht eindeutig geklärt, ob Struktur-Anomalien funktional bedingt sind oder ob – wie zumeist angenommen wird – Anomalien Struktur-Fehler sind (die dann – wenn schon, denn schon – funktional genutzt werden können und ggf. auch werden).]

Und es gibt einen schönen, ich finde nach wie vor, einen ganz grandiosen jüdischen Satz: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, dann mache einen Plan.“

Hurra! Es lebe die Planlosigkeit!— Doch was für Götter gilt, gilt für Menschen noch lange nicht!— Hybris war schon den alten Griechen der schlimmste aller Frevel.

Über KI sagt Lesch:

„Das sind Maschinen, die lernen, und zwar unabhängig von uns. Wir geben dieser Maschine nichts mehr vor, sondern die lernt von alleine, ändert ihre Funktion und damit hat das natürlich auch veränderte Auswirkungen für uns. Das ist ja irre. Ich meine, da muss ich wirklich sagen, da haben wir uns Außerirdische geschaffen. Nachdem die Außerirdischen schon nicht hierhergekommen sind, verschaffen wir uns jetzt eine Form von Intelligenz möglicherweise, die garantiert nicht menschlich ist. Und ich erinnere an den Satz des großen Alan Turing, einen der Pioniere der Computerforschung, der gesagt hat: „Nur Maschinen können Maschinen verstehen.“

[Wo steht das?]

Und wenn das so ist, dann sollten wir ganz, ganz ganz vorsichtig sein, damit diese Maschinen und diese Algorithmen überall einzusetzen. Auch da muss ich sagen, hat man eher den Eindruck, dass alle sagen: Das können wir sowieso nicht aufhalten. Das ist wie eine Naturgewalt. Stimmt nicht. Wir sind die Akteure nach wie vor, und wir können bestimmen, ob diese Maschinen angeschaltet werden oder ausgeschaltet werden.“

Zudem sind Maschinen modifizierbar, zumindest sofern sie, wie bislang, strikt funktionsbezogen programmiert werden….

Und das Beste zum Schluss:

  • Erst das großartige Natur-Mensch-Glück-Gestammel:

„Was mich da umtreibt ist die Kenntnis von dem, was ich, des Bekannten in etwas zu überführen, das menschlich ist. Also die Kenntnis von der Natur, mit der man ja nicht verhandeln kann, in etwas zu überführen, was Menschen verstehen. Das kann ein Witz sein, ein Kalauer, ein gutes Gedicht sein und immer freundlich, weil jeder braucht alle anderen, und niemand von uns ist allein. Es darf nicht diejenigen geben, die glauben, vor ihnen sei nichts gewesen und nach innen wird nichts mehr kommen. Das nicht, sondern zusammen, das ist das Glück.“

  • Und dann das von Moor angekündigte, lang ersehnte Optimismus-Credo:

„Ich meine, es gibt keine Alternative zum Optimismus. Es gibt viele Leute, die mich für diesen Satz heftig kritisieren, weil, das weiß ich, weil die sagen: das ist doch naiv so zu denken. Nein, es ist im Gegenteil so: dieser Versuch aus Wissenschaften immer so etwas zu machen wie die Kunst des Sterbens, ja, wir müssen irgendwie gucken, wie wir damit klarkommen und dann werden wir hier vergehen. Das ist nicht der Punkt. Und Hannah Arendt hat diesen wunderbaren Satz geprägt: „Wenn Menschen zusammenkommen, dann muss man mit Wundern rechnen.“

[Wo steht das?]

Und wir wissen nie, was passiert. Das ist ein anderer Ausdruck dafür, dass die Welt nicht berechenbar ist. Wir wissen es nicht. Wir werden alles probieren und dann werden wir sehen, wie wir damit klarkommen.“

Hurra! Es lebe die Planlosigkeit!— Allbekanntes Beispiel Kernkraft: Erst mal Kernkraftwerke bauen und kräftig absahnen… Wie wir den radioaktiven Müll entsorgen??– Unwichtig. Ein Epiproblemchen. Darum kümmern wir uns später… — Wie der aus dem Himmel geworfene Münchner, der im Hofbräuhaus sitzt, eine Mass nach der andern in sich reinschüttet und dabei auf die göttlichen Eingebungen wartet, die freilich weder ihm noch auch der bayrischen Regierung je kommen…

Fazit: Nicht nur Precht taugt zum TV-Guru pseudowissenschaftlichen Gequakes!

———–

Wie sagte schon der göttliche Platon so treffend über das Begehr der Masse(n):

τὰ δόξαντ᾽ ἂν πλήθει οἵπερ δικάσουσινοὐδὲ τὰ ὄντως ἀγαθὰ  καλὰ ἀλλ᾽ ὅσα δόξει (Phaidros, 260a)

Maßgeblich für die (Volks-)Menge, die das Urteil fällt, ist (eben) nicht, dass (all) das, was (Gegenstand) ist, (wahrhaft) gut ist oder schön, sondern (dass es so) scheine als ob.

Solch Redenschreiber, die den Geschmack der Masse bedienen (λογογράφοι), nannte Platon verächtlich Sophisten, sprich Pseudoweise… (Phaidros, 257d)

Sokrates ein Spieler? Dominik Erhards abstruses Philosophiegeplapper

„Ich will doch nur spielen…“, aspekte, 23.10.2020

Christian Wulff findet seinen Satz zum Islam „notwendiger denn je“, Welt online, 18.9.2020

Julien Dupuy (Regie), Stephen King – das notwendige Böse, Arte, 2020

In die Aspekte-Sondersendung „Ich will doch nur spielen…“ vom 23.10.2020 wurde ein Beitrag von Gerald Giesecke integriert, in dem u.a. Dominik Erhard zu Wort kam. Seine Antworten auf die beiden nachfolgend genannten (selbst-gestellten?) Fragen sind ungekürzt widergegeben:

Ist spielen sogar göttlich?

Man kann, wenn man sich fragt, welche Rolle die Religion eingenommen hat in Bezug auf das Spiel, sehr klar sagen, dass Länder oder Gesellschaften, die christlich geprägt waren durch einen strafenden Gott, der sagt, entweder du tust, was ich sage, was ich meine, oder ich entziehe dir praktisch meinen Zuspruch, dass man in solchen Gesellschaften weniger Spiel hat, wie zum Beispiel logischerweise auch in unserer Gesellschaft, wo man sagt, man muss eine gewisse Sache tun, um jemandem zu gefallen. Man hat sehr wenig Möglichkeiten, um dem Zufall eine Tür zu öffnen und sehr wenig Möglichkeiten, um zu scheitern. Im antiken Griechenland zum Beispiel war das komplett anders. Da waren die Götter anders aufgestellt. Da war die ganze Religion eine andere, weil der ganze Olymp bevölkert war von Göttern, die auch scheitern, die auch fremdgehen, es sich mit ihren Lieben verscherzen. Und da konnte man auch in der Gesellschaft sagen, wir spielen, weil die Götter sind wie wir.

Und was sagen große Denker?

Wenn man sich die Frage stellt, wie im antiken Griechenland das Verhältnis von Freiheit und Spiel war, glaube ich, ist es wichtig, auf Sokrates zu sprechen zu kommen. Der hat gesagt: wir Menschen sind immer Spielende, weil wir eigentlich Bürger zweier Welten sind. Auf der einen Seite sind wir Bürger dieser Welt. Wir haben Körper. Wir haben Bedürfnisse, müssen essen, müssen schlafen, das heißt hier können wir nicht so richtig spielen, weil die Vorgaben relativ klare sind. Wir sind aber auch Bürger einer anderen Welt, nämlich einer göttlichen Welt, einer Welt der Ideen. Und im Spielen verbinden sich diese beiden Ebenen, weil wir im Spielen praktisch die Ewigkeit sehen und aber trotzdem in einer physischen, sehr handfesten Welt sind, das heißt im Spielen kommt zusammen, wo Platon sagen würde, da sind wir wirklich Mensch. Das Spielen an sich zu verlernen würde, glaube ich, auch bedeuten zu verlernen, dass man ein Mensch ist.

Die hier gemachten Aussagen sind recht befremdlich. Vier Entgegnungen hierzu:

1

Interessant ist zunächst Erhards Behauptung, dass das gegenwärtige Deutschland nicht mehr christlich geprägt ist – zumindest insofern, als die Vorstellung eines strafenden Gottes obsolet sei. Dass wir tatsächlich einen Abnabelungsprozess von der Kirche – ob auch vom Christentum, ist eine andere Frage – durchlaufen, zeigen die zahlreichen und seit Jahren anhaltenden Kirchenaustritte.

Erhard sagt aber nichts darüber, wer die entstandene und sich stetig vergrößernde Leerstelle füllt. Hier ist anzumerken, dass selbst CDU-Politiker, die das Christliche ja im Namen ihrer Partei führen, ihre christliche Prägung und ihre überkommene Position preisgeben.

„Zehn Jahre nach der heftigen Diskussion über seinen Satz „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ hält Altbundespräsident Christian Wulff weiter an der Aussage fest. „Ich halte den Satz für notwendiger denn je“, sagte Wulff dem Evangelischen Pressedienst.“

Verräterisch in Wulffs Aussage ist das Wort „auch“. Denn durch die Einfügung dieses Worts wird indiziert, dass der Islam nun (neben anderen Ländern) auch in Deutschland heimisch ist. Herzlichen Dank auch! Statt des strafenden Gotts des Alten Testaments haben wir es nun mit dem des Koran zu tun. Und der fordert bekanntlich die bedingungslose Unterwerfung der Gläubigen und kennt für die Ungläubigen nur einen Ort: die Hölle.

„Und sie haben Allah Nebengötter gleichgestellt, um (die Menschen) von Seinem Wege abirren zu machen. Sprich: «Vergnügt euch eine Weile, dann aber geht eure Reise zum Feuer.» (Sure 14, Vers 31)

Dass die Ausbildung einer Dhimmi-Kultur in Deutschland geradezu erwünscht ist, ist aus dem nächsten Zitat Wulffs zu entnehmen:

„Da ist es doch unbestreitbar, dass Moscheen inzwischen zu unserem Alltagsbild gehören und Rücksicht auf religiöse Belange von Muslimen genommen werden sollte.“

(i) Erst wird — u.a. mit der „Refugees welcome“-Politik — der Zuzug von Muslimen forciert, (ii) dann wird den Zugezogenen gestattet, Moscheen zu bauen, d.h. ihren Glauben im Staat sichtbar zu machen und (iii) dann wird zu guter Letzt gefordert, sich ihrer Praxis anzupassen. Integration heißt für Wulff nicht, dass sich die Zugezogenen anzupassen haben, sondern die, die sie aufnehmen! Die Verknechtung unter das Diktat des Islam scheint Staatsdoktrin. Herzlichen Dank auch!

2

Die Aussage, dass im gegenwärtigen Deutschland Scheitern als Versagen gilt, mag zutreffen. Die Behauptung aber, dass im alten Griechenland Scheitern eher akzeptiert wurde, widerspricht der Auffassung (fast) aller namhaften Experten: Μέτρον ἄριστον. Das Maß (ist das) Beste. Das war einer der Leitsprüche der Griechen.

Für Platon geht es selbst im Spiel darum, der Beste zu sein; und das gelinge nur, wenn man/frau sich ernsthaft „von Kindheit an damit beschäftigt“. (Politeia, 374c)

Die Kultur der alten Griechen war auf Wettkampf fokussiert. Die Städte führten gegeneinander Krieg. Der Krieg war (meist) bedingt durch den Kampf um die knappen Ressourcen, insbesondere an Lebensmitteln. Friedenszeiten waren die Ausnahme.

Heraklit erklärte daher den Krieg zum „Vater von allem“: Πόλεμος πάντων μὲν πατήρ ἐστί (Fragment 53)

Im Sport-Wettkampf ging es darum, die Überlegenheit eines „Kriegers“ der eigenen Stadt über den einer anderen Stadt zu demonstrieren. Als Wettkämpfer nicht anzutreten war daher ehrenvoller als zu verlieren. Denn nur die Sieger wurden als Helden gefeiert. Für den Zweiten in einem Wettkampf, den Unterlegenen, gab es keine Ehrung, sondern nur Schmach und Verachtung! Hat er doch das Prestige der Stadt, für die er antrat, nicht gemehrt, sondern gemindert. — Im Krieg unterlegen zu sein, bedeutete gar Tod oder Versklavung. —

Dass die Griechen ihren Göttern freizügiges (Sex-)Leben zugestanden, war Ausdruck der Sehnsucht der Griechen nach unbeschwertem Leben, was Sterblichen bekanntlich eben nicht vergönnt ist.

3

Die Behauptung, dass Sokrates gesagt habe, dass wir Menschen immer Spielende seien, wird nicht belegt und ist höchst unwahrscheinlich, da Sokrates seine Pflichten als Bürger extrem ernst nahm und – soweit uns überliefert ist! – sein Handeln stets danach ausrichtete, den eigenen hohen ethischen Ansprüchen zu genügen. Dies schloss ein, die gegen ihn verhängte Todesstrafe zu akzeptieren und selbst zu vollstrecken, indem er das ihm gereichte Gift trank, und nicht, was wohl möglich gewesen wäre, aus der Todeszelle zu fliehen. Er war nur insofern ein Spieler, als er für seine Ironie bekannt war. Selbst die gegen ihn vor Gericht erhobenen Vorwürfe kommentierte er ironisch. Er konnte sich dies Vergnügen leisten, da er den Tod nicht fürchtete. Aus seiner Gelassenheit dem Tod gegenüber resultierte seine Freiheit, nach dem Wahren, Guten und Schönen zu streben ohne auf die Meinungen anderer Rücksicht zu nehmen und Kompromisse einzugehen. Er agierte nicht spielerisch, sondern in allem, was er tat, extrem fokussiert, überlegt und entschlossen. (Zumindest ist dies das Bild, das uns Platon und Xenophon überlieferten.)

4

Wir kennen Platon fast nur aus seinen Schriften und dem, was er uns in diesen mitteilt. Dementsprechend sah er sich als Bürger Athens. Sein Ziel war es, den Stadtstaat Athen so auszugestalten, dass er auf lange Sicht Erfolg haben kann/wird. Insbesondere aus dem Dialog Politeia geht klar hervor, dass er das Spielen nur tolerierte, wenn es dem übergeordneten Ziel, das Wohl der Stadt zu mehren, diente. Alles Handeln habe sich dem Ziel unterzuordnen: „was der Stadt das zuträglichste ist.“ (412e) Zu behaupten, dass er gesagt habe, nur im Spielen seien wir wahrhaft Mensch, ist völlig abstrus.

Vermutlich bezieht sich Erhard auf Friedrich Schiller. Von ihm stammt die Aussage:

„der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Über die ästhetische Erziehung…, 15. Brief)

Denn das Wahre, Gute und Schöne liegt für Platon allein darin, dem Wohl der Gemeinschaft dienstbar zu sein. Aus diesem Grund forderte er, dass selbst über die Götter nur „so geredet und gedichtet werden [darf], daß Gott nicht an allem Ursache ist, sondern nur an dem Guten.“ (380c)

Aus dieser Primatsetzung des Gemeinwohls vor dem Eigeninteresse resultiert, dass Aristoteles den Menschen zunächst als Gemeinschaft bildendes Tier definierte und erst im Anschluss daran als ein Tier, das Vernunft besitzt. (Politikon, 1253a) Vernunft ist dem Gemeinwohl nachrangig.

Wenn Heraklit sich in den Tempel der Göttin Artemis außerhalb der Stadt zurückzog, um mit den Kindern zu spielen, so deshalb, um den Bürgern seiner Stadt Ephesos seine Verachtung zu zeigen: „Schaut, das Spiel mit Kindern ist mir wichtiger als die politischen Geschäfte mit euch Männern.“ Dieses elitäre Bewusstsein ist auch Platon eigen.

Spiele spielen Kinder, nicht Erwachsene. Erwachsene, die noch spielen, sind verächtlich. Denn sie sind in ihrer Entwicklung stehen geblieben.

Stephen King drückte diesen Bezug in einer Vorlesung über seinen Roman Es so aus:

It has a coherent thematic corn: You cannot be adult in this or any society until you finished with your childhood.”)

Fazit

Fake News sind kein Alleinstellungsmerkmal Trumps. Auch im vermeintlich seriösen Fernsehen ist pseudointellektuelles Gequake durchaus nicht die Ausnahme…

(Anmerkung: Platon-Zitate sind in der Übersetzung Friedrich Schleiermachers widergegeben)

Refugees welcome? – Im alten Griechenland mitnichten!

Da unsere Politiker uns, den von ihnen ach so fürsorglich Regierten, ja immer mal wieder und stets aufs Neue — in Wiederkehr des ewig Gleichen — einreden wollen, dass ihre Politik eine echt europäische sei, die auf dem zu bewahrenden einzigen und wahren griechisch-jüdischen Erbe fuße, ist es leider nötig, die Machenschaften dieser Herren und Damen an Ungebildetheit bzw. bewusster Irreführung und Desinformation immer mal wieder clare et distincte zu benennen.

Dies betrifft u.a. die Migrationspolitik. So wird behauptet, Flüchtlinge nicht-europäischen Ursprungs aufzunehmen sei ein Gebot europäischer Humanität und zudem für Europa von Vorteil: Flüchtlinge seien eine Bereicherung.

Betrachtet man/frau jedoch die Migration im alten Griechenland rein faktisch, so fällt auf:

  1. Migration ist expansionspolitisch motiviert und veranlasst. Migration fand statt, wenn ein Stadtstaat es nicht mehr vermochte, die in ihm Lebenden ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen. In diesem Fall wurde ein Expeditionsteam mit dem Auftrag zusammengestellt, eine neue Stadt zu gründen, durch sie die Erstbesiedlung sicherzustellen und nachhaltig über Generationen zu verankern. So kam es dazu, dass überall um das Mittelmeer und das Schwarze Meer herum griechische Siedlungen/Stadtstaaten entstanden als Ausgründungen ihrer jeweiligen Mutterstadt.
  2. In Stadtstaaten lebten kaum Barbaren. — Als Barbar wurde bezeichnet, wer nicht Griechisch sprach. — Selbst Sklaven waren in der Regel keine Barbaren. Die griechischen Stadtstaaten führten (sehr) häufig Krieg gegeneinander, aber selten gegen nicht-griechische Mächte wie z.B. die Perser. Dementsprechend gab es keine Gefangene/Sklaven, die Barbaren waren.
  3. Griechen aus anderen Stadtstaaten wurden als Fremde bezeichnet. Fremden wurde Aufenthalt nur gewährt, wenn sie für die aufnehmende Stadt eine nachgefragte Leistung erbrachten, z.B. als Händler oder Gesandte. Ein Bleiberecht über längere Zeit (meist befristet auf wenige Jahre) erhielten sie nur, wenn sie einer Arbeit nachgingen und Aufenthaltssteuer zahlten.
  4. Wurde Tempel-Asyl, von wem auch immer, in Anspruch genommen, so bedeutete dies, sofern der Tempel/heilige Bezirk nicht (widerrechtlich) gestürmt wurde, für den Asylanten den Hungertod…

Zusammengefasst:

Migration bedeutete im alten Griechenland STETS Auswanderung, NIE Einwanderung!

In den griechischen Stadtstaaten lebten (fast) keine Barbaren. Auch Fremde wurden nur geduldet, wenn sie eine für die Stadt wichtige (zusätzliche) Leistung erbrachten. Weder Barbaren noch Fremde wurden in eine Stadtgemeinschaft aufgenommen. Die eingesessenen Städter wollten unter sich sein. Die Stadtverfassung legte restriktiv fest, wer sich zu den Städtern rechnen durfte; nur als Einheimische anerkannte erwachsene Männer hatten politische Rechte. Eine Integration von Barbaren und Fremden war nicht erwünscht, fand daher nicht statt und war auch nicht nötig. Eine Einwanderung IN bestehende Stadtstaaten aus humanitären Gründen war nicht vorgesehen.

Beispiele für Ein-Fremder-sein:

  • Im Gegensatz zu Platon war Aristoteles kein Athener. Er war als Fremder in Athen nur geduldet. Wenn es daher in Athen zu politischen Krisen kam, verließ er die Stadt und kehrte erst zurück, nachdem sich die Lage beruhigt hatte und ihm als Nicht-Athener keine Gefahr mehr drohte.
  • In seinen Dialogen spricht Platon Nicht-Athener, die sich in Athen aufhalten, als Fremde bzw. im Dialog Die Gesetze, der auf Kreta spielt, den Gesprächspartner aus dem fernen Athen als „Fremden aus Athen“ an.

Nachwirkung:

Nach der Gründung der Republik Türkei kamen Griechenland und die Türkei überein, die in Griechenland lebenden Türken (mit Ausnahme Thrakien) in die Türkei und vice versa die in der Türkei lebenden Griechen (mit Ausnahme Konstantinopel/Istanbul) nach Griechenland auszusiedeln. Die Griechen mussten so ihre einstigen (noch verbliebenen) Kolonien/Stadtstaat-Ausgründungen aufgeben.

Im Gegensatz zu den in die Türkei umgesiedelten Türken (als Individuen) gründeten die Griechen ihre in der Türkei aufgegebenen Städte und Dörfer in Griechenland neu. Beispiel: Die Stadt Νέα Πέραμος, Neu-Peramos, wurde 1922 von Flüchtlingen aus (Alt-)Peramos von der Südküste des Marmarameers auf griechischem Staatsgebiet, in der Nähe von Kavala, gegründet. Hieraus ist zu ersehen, dass/wie die einstigen (alt-)griechischen Kolonien über Jahrhunderte hinweg ihr Zusammengehörigkeitsgefühl/Unter-sich-sein bewahrten. (Andere Griechen sind für sie Fremde; Nicht-Griechen Barbaren.)

Das heißt nicht, dass die aus der Türkei nach Griechenland zurückgesiedelten Griechen Revanchisten sind. Im Gegenteil: Sie fühlen sich in der Regel ihrer türkischen Heimat nach wie vor verbunden. So freuen sich die, die noch (halbwegs) Türkisch können über türkische Besucher, um mit ihnen Türkisch zu sprechen und zu singen…

Ein ξένος, Fremder zu sein schließt nicht a priori aus, als φίλος, (Gast-)Freund angesehen zu werden/ein (Gast-)Freund zu sein…

Markus Gabriels gefeiertes Geschwafel über Moral und moralischen Fortschritt

Claudia Kuhland, Moralischer Fortschritt, ttt, 26.7.2020

Frank Schätzing, „Soziale Nähe ist wichtiger als Business und Konsum“, KLAMROTHS KONTER, ntv, 28.7.2020

Der Untertitel zu Claudia Kudlands Video lautet: „Philosoph Markus Gabriel weist einen Weg aus dunklen Zeiten“. Immerhin spricht sie von einem, nicht dem Weg schlechthin. Moderator Max Moor nennt Gabriel vorsichtig- distanzierend einen „renommierte[n] Philosoph[en]“. Das (allein) sagt über die Qualität nichts aus.

Das Werk, um das es geht, heißt: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert. Allein schon der Titel bedient auf Absatz(-Steigerung) zielende Klischees: „Fortschritt“ trotz „dunkler Zeiten“ dank Gabriel, dem Meister des totalen Durchstiegs. Kauft Leute! ttt hat’s empfohlen!! Die wissen, was gut ist!!!

Dann schauen wir mal, was Guru Gabriel Großartiges zu verkünden hat:

„Dunkle Zeiten

Gibt es auch helle Zeiten? Wohl kaum. Also macht diese Charakterisierung nur Sinn für die, die in Antagonismen denken und zudem ein pessimistisch-irrationales Vorurteil/Grundgefühl hegen und pflegen. Denn die sollen das Machwerk doch letztlich kaufen.

bestehen darin, dass es eben Kräfte wie Propaganda, Ideologie, Manipulation, Lüge, Fake News, Donald Trump und so weiter gibt, die uns die Tatsachen, also den Blick darauf, was wir tun sollen, verstellen. Und die Aufgabe der Philosophie besteht jetzt darin, ja, den Blick freizuräumen.“

Das heißt: Philosophie soll die zweckgebundene Vermeintlichkeit von Wahrheit (als Wahrheit von Aussagen) enttarnen. Mag sein. Doch selbst, wenn man/frau dem zustimmt, so ist die Nennung des Namens „Trump“ in diesem Zusammenhang sinnlos, weil sinnwidrig. Denn eine Person ist per se weder wahr noch falsch. Weder sie selbst noch – im Fall Trumps – ihre Wähler handeln per se (rein) rational vs. (rein) irrational. (siehe Keith E. Stanovichs jüngstes, noch nicht erschienenes Buch).* Gabriel selbst also betreibt Propaganda, indem er irrationale Vorurteile der Gutmenschen bedient und als wahr verkauft.

Zum sich selbst bestätigendem „ja“ weiter unten…

„Menschen beurteilen das Gute, das Neutrale und das Böse auf andere Weise.

Nach welcher Rücksicht? Jeder Forscher weiß, dass ohne diesen Bezug Forschungsresultate keine Relevanz beanspruchen können.

Ja,

Der Philosoph bestätigt sich selbst. Er zeigt sich wiederholt als Propagandist in eigener Sache.

man wird also andere ethische Urteile nachweisen können, teilweise,

Auch wenn unklar bleibt, worauf sich diese Relativierung beziehen soll –: auf ethische Urteile im Allgemeinen oder im Besonderen? – so ist jedenfalls zu konstatieren, dass Gabriel eine lediglich partiale Gültigkeit von Werturteilen unterstellt.

in Saudi-Arabien, insbesondere bezüglich Geschlechterrollen, als in Deutschland. Das ist so. Und der Gedanke des Universalismus lautet jetzt nur, dass eben wenn zwei sich in moralischen Fragen streiten, einer Recht haben muss.

Wer (welche Autorität) sagt das? Worauf (auf welchem Prinzip) gründet diese Behauptung?

Es gibt eine Realität, eine moralische Realität, die darüber richtet, wer richtig liegt und wer falsch.

Keith E. Stanovich und sein Team untersuchten die Wähler(schaften) von Trump und Hillary Clinton und fanden heraus, dass beide Wähler(schaften) sich hinsichtlich rational:irrationaler Begründung nicht signifikant unterschieden/unterscheiden. — Moralische Überlegenheit (über einen anderen) ist zudem per se irrational: Sie basiert auf Übertragung eines Herr/Knecht-Antagonismus von politischen Machtverhältnissen zum Zweck der eigenen moralischen Aufwertung und das heißt im Umkehrschluss: per se zu Lasten, i.e. der Abwertung anderer.

Der werte-relativistische, oder sogar werte-nihilistische Diskurs suggeriert, dass es sozusagen in Ungarn weniger schlimm ist, Flüchtlinge zu misshandeln als in Deutschland,

Der Verweis auf die ach so süßen Flüchlinge darf nicht fehlen: als Indikator der Zugehörigkeit zum Lager der Gut-, genauer: Bessermenschen.

als ob sozusagen das menschliche Denken auf der anderen Rheinseite schon ein ganz anderes wäre, ja.

Wenn Gabriel von seiner Aussage so überzeugt ist, warum schiebt er dann noch ein sie bekräftigendes „ja“ hinterher?

Auf der anderen Rheinseite ist zweifelsfrei auch gleich hier. Und in Ungarn ist es genauso moralisch verwerflich Flüchtlinge zu misshandeln wie zum Beispiel in Deutschland.

Aus Sicht eines Gutmenschen, wohlgemerkt! Denn der weiß was gut und böse ist a limine: für jetzt und alle Zeit: instinktiv, also eben nicht aus rationalem Grund. Denn sonst müsste Gabriel einen zureichenden Grund anführen. Dies bleibt er jedoch schuldig.

Moralischer Fortschritt ist eben nicht automatisch,

per Knopfdruck?

sondern führt immer dazu, dass die retardierenden Kräfte, die eben durch Propaganda, Manipulation, Ideologie und Lüge den Fortschritt verhindern wollen, dass die lauter, kräftiger, gefährlicher werden müssen, gerade deswegen weil Fortschritt stattgefunden hat.

Gabriel propagiert einen Sinn in der Geschichte: moralischer Fortschritt genannt. Dieser ist jedoch nur relativ und stets durch moralischen Rückschritt gefährdet. Moralischer Rückschritt setzt moralischen Fortschritt voraus: Moralischer Rückschritt ist, laut Gabriel, a se reaktiv. Wie kann es dann aber zu Fortschritt kommen?

Anders Hölderlin: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. (Patmos-Hymne) Demnach sind Krisen not-wendig (als Zwang von außen), um Auswege aus der Krise zu (er-)finden. Frank Schätzing formuliert diesen Zusammenhang unter Bezug auf technologischen (nicht moralischen) Fortschritt so:

„Wenn wir feststellen, dass Fortschritt tatsächlich immer aus Krisen kommt, dann kommt er natürlich immer von denen, die zwar die Möglichkeit zum Fortschritt haben, aber wo auch die Not am größten ist.“ (bei Klamroth)

Oder wie das Sprichwort sagt: Not macht erfinderisch. Diesen Aspekt aber unterschlägt Gabriel.

Die Präsidentschaft von Donald Trump, ja, ist eben nicht nur die dunkle Zeit der Trump-Regierung,

irrationaler Gutmensch-Sprech

sondern gleichzeitig geht es dort um Me-too, Black Lives Matter, Antirassismus,

All diese Bewegungen sind Reaktionen auf Krisen! Auf negativ empfundene: also Reaktionen auf (irrationale) Erlebnisse.

und so weiter, ja.

Und schon wieder das den eigenen Mist bekräftigende „ja“. Objektiv-rationale Argumentation hat dies nicht nötig. Gabriel enttarnt sich selbst wieder mal als pseudo-rational Sprachandelnder.

Also moralischer Fortschritt und moralischer Rückschritt, ja,

und nochmals…

kämpfen immer gegeneinander. Das ist das uralte Theorem eines Kampfes des Guten und des Bösen, aber das kann man auch ganz säkular und nüchtern beschreiben.“

Könnte man/frau…

„Ja, ich bin tatsächlich deswegen optimistisch, dass der Kampf letztlich, ja,

und nochmals…

von den Guten gewonnen wird,

sprich: den Gutmenschen!

weil die Tatsachen siegen.

Sofern sie nicht wie von den Gutmenschen, z.B. Gabriel, propagandistisch kontextualisiert werden.

Optimist zu sein in diesen moralischen Fragen heißt eben nicht, alles wird schön, ja,

siehe oben…

sondern es bedeutet nur, dass es möglich ist und sogar sehr wahrscheinlich, dass die Menschheit sich in Richtung des moralisch Guten sich dauerhaft entwickelt.“

Platon lässt grüßen. (Er ist der Erfinder der Identität des Wahren, Guten und Schönen.) — Und doch nur vermeintlich: Denn Platon glaubte, dass das Athen seiner Zeit (wie die griechischen πόλεις insgesamt) seine einstigen Ideale verraten habe. Geschichte ist diesem Idealisten nach eine Verfallsgeschichte…

FAZIT: Gabriel ist als ein Irrationalist enttarnt, der sich als Rationalist und Realist ausgibt. Sein Geschreibsel ist nichts als Propaganda in eigener Sache und erfüllt – zum Zweck des Verkaufs und zur Selbstbeweihräucherung gleichermaßen – die vorgefassten Gutmensch-Erwartungen. Hurra!!

Mit Philosophie hat der Stuss freilich nichts zu tun…

*Ein (von Heinz W. Droste geführtes) Interview mit Stanovich zu seinem neuen Buch erscheint demnächst auf Wissenschaft & Kommunikation

 

 

Migrantenfeindliche Übergriffe der Frankfurter Polizei

Otobong Nkanga über unser Verhältnis zur Natur, ttt, 19.7.2020

Frankfurt erlässt nach Krawallen Betretungsverbot für Opernplatz, Welt online, 20.7.2020

Nicolai Hagedorn, Ein strukturelles Problem, neues-deutschland.de, 1.1.2019

Was steckt hinter den Gewaltausbrüchen?, tagesschau.de, 20.7.2020

— I —

In einem in ttt am 19. Juli ausgestrahlten Beitrag äußert(e) sich Otobong Nkanga zum Thema Migration:

„Es geht ihnen [den Migranten] doch nicht unbedingt um den neuen Ort oder die Menschen dort, sondern sie möchten sich im Land verwurzeln. Sie wollen vielleicht nicht die Kultur übernehmen, nicht das Essen, aber sie brauchen Boden, um ihr Essen anzubauen. Das sind ganz verschiedene Denkweisen, ob man nun annimmt, jemand müsse sich dort integrieren, wo er lebt, oder ob er an einem Platz kommt, um ihn zu gestalten und seine eigenen Bedürfnisse anzupassen. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge.“

Wie schön, dass eine Schwarzafrikanerin mal klar sagt, was die ach so süßen Flüchtlinge nach Europa zieht: Sie wollen hier Fuß fassen, Wurzen schlagen, sich reproduzieren und genauso weiterleben, wie sie es aus ihren Herkunftsländern gewohnt sind!! — Wie sagte einst Erdoğan so schön:

„Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“

Seid zahlreich und mehret euch, bis Deutschland unser ist.

Nur unser verblödet-naives Multikulti-Gutmenschenpack weigert sich beharrlich, das zu sehen:

Nicht sein kann, was nicht sein darf. 

— II —

Zuletzt in Frankurt kam es in der Nacht vom 18. zum 19. Juli zu einer Randale, an der sich überwiegend aus dem Umland angereiste Migranten beteiligten:

In der Nacht zum Sonntag war es auf dem Opernplatz in Frankfurt zu Ausschreitungen gekommen. Nach Angaben von Polizeipräsident Gerhard Bereswill wurden die Einsatzkräfte aus der Menge mit Flaschen angegriffen, obwohl sie deeskalierend gehandelt hätten. Mindestens fünf Beamte seien verletzt, mehrere Polizeifahrzeuge seien beschädigt worden. 39 Personen wurden festgenommen.

Die 39 festgenommenen Personen hätten überwiegend Migrationshintergrund, sagte Polizeipräsident Bereswill bei der Pressekonferenz. „Das reicht von Syrien, Türkei bis zu Spanien und Marokko.“ Es handele sich um 38 junge Männer und eine Frau. Sie seien zwischen 17 und 23 Jahre alt.

Die Personen der Gruppe seien überwiegend polizeilich bekannt, unter anderem wegen Körperverletzung, Diebstahlsdelikten und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Zum Teil seien die Personen alkoholisiert gewesen. Von den 39 Personen seien lediglich zehn Personen in Frankfurt wohnhaft. Gegen die Verdächtigen laufen Ermittlungen wegen schweren Landfriedensbruchs, Körperverletzung und versuchter Körperverletzung.“ (im Original kein Fettdruck)

Übrigens: Alle 39 Randalinskis wurden umgehend von der Justiz wieder auf freien Fuß gesetzt. Sind doch alle ach so süß, die Schläger, insbesondere die ach so süßen Flüchtling-Zuckerpüppchen unter ihnen!

Kann aber auch sein, dass die Haftrichter — wie Durchblicker Daniel Loick bereits vor über einem Jahr — das fiese Spiel der Polizei durchschauten:

„Daniel Loick ist Fellow am Center for Humanities and Social Change in Berlin. Soeben hat er im Campus-Verlag das Buch »Kritik der Polizei« herausgegeben, das sich u.a. mit polizeilichem Rassismus und mit der Frage von Polizei und Rechtsstaatlichkeit auseinandersetzt.“ (im Original kein Fettdruck)

Loick stellte damals bereits fest:

„Betroffenenverbände und Opfergruppen weisen schon seit sehr langer Zeit auf den Rassismus bei der Polizei hin.“

Nun ist ’s klar: Die im TV gezeigten Videos der Randale sind allesamt fake! Die Randale ging eindeutig von der durch und durch rassistischen Polizei aus! Die Polizei-Provokationen (z.B. einem Verletzten zu Hilfe kommen zu wollen) wurden (wieder mal) unterschlagen!! Die gegen die Polizei Agierenden hatten also alles Recht auf ihrer Seite: Sie mussten sich gegen die rassistisch-migrantenfeindlichen Übergriffe der Polizei wehren. Ihr gutes Recht!

— III —

Wird also Zeit, dass die Legislative alsbald einschreitet und der Polizei asap und absolut, striktest untersagt, Migranten auch nur in die Nähe zu kommen!!

Und außerdem sollte es von Staats wegen allen Staatsorganen, der Presse und allen Bürgerinnen und Bürgern verboten werden, Unschönes, id est Unwahres*, über Migranten zu sagen:

„Die Vorfälle in Frankfurt erinnern an die Krawalle in Stuttgart Ende Juni: Dort hatte es Auseinandersetzungen auf dem Schlossplatz zwischen Feiernden und der Polizei gegeben, an denen mehrere Hundert Menschen beteiligt waren. Im Anschluss war die Polizei in die Kritik geraten, weil sie bei ihren Ermittlungen auch das Umfeld der Verdächtigen und deren familiären Hintergrund – zum Beispiel die Nationalität der Eltern – untersuchte.

Kritik an Äußerungen zu Migrationshintergrund der Verdächtigen

Auch in Frankfurt gibt es Kritik über die Äußerungen zum möglichen Migrationshintergrund der Randalierer. Der Frankfurter Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel (SPD) bezeichnete sie als völlig verfehlt.“

Gut dass wir in deutschen Parlamenten integre Persönlichkeiten —: da mit Migrationshintergrund — wie Turgut Yüksel — vom Namen her unschwer als Türke identifizierbar — sitzen haben, die ungeniert Migrationslobbying betreiben (dürfen): auf dass die Maulkorbgesetze rasch kommen mögen!

* Wenn Platon recht hat und das Wahre, Gute und Schöne identisch sind, so sei denn auch der Analogieschluss dem Idealisten wohlfeil, dass das Unwahre, Ungute und Unschöne identisch sind. Also spricht der Gutmensch: Über wen oder was Unschönes zu sagen, ist a priori unwahr. Nur Schönes ist Wahres. — Wir sehen (wieder mal), Primitivphilosophie kann durchaus nützen.

Übrigens: Ein von der bloßen Richtigkeitsthematik entkoppeltes Wahrheitsverständnis gibt Heidegger in Vom Ereignis (abgefasst zwischen 1936-38): „Wahrheit [als Wahrheit des Seyns] »ist« als Da-gründung und Da-sein.“ (329)

 

Kulturzeit feiert Christian Martys Lobpreisung der Idiotie

Cécile Schortmann im Gespräch mit Christian Marty über Narren in der Gegenwart, Kulturzeit, 5.6.2020

Hans Blumenberg, Das Lachen der Thrakerin. Eine Urgeschichte der Theorie, Frankfurt am Main 1987

Platon, Θεαίτητος

I

Die Verkündung:

„Kulturzeit-Gespräch mit Ideenhistoriker Christian Marty über die Rolle des Idioten und seine Übertragbarkeit und Bedeutung in der heutige Zeit.“

Wir gratulieren zu dem herrlichen Deutsch in obigem Satz.

II

Zur Begründung:

Auf die Frage: „Was macht für dich Kulturzeit aus“ antwortet Moderatorin Cécile Schortmann:

„… dass sie immer wieder Anspruch zeigt, dass sie Ansporn ist, die Auseinandersetzung geradezu fordert, dabei aber überhaupt nicht trocken ist, sondern immer wieder Lust macht auf Kultur und ihre verschiedenen Bereiche.“

Mittelmaß feiert Mittelmaß.

Das macht Lust! Also feiert die Kulturzeit denn (auch) Christian Marty, hurrah!, den frisch gekürten Hohepriester der Idiotie. Gilt es doch, nachdem die alten Götter mit Hölderlin pünktlich zu dessen 250. Geburtstag wieder mal (wie bereits in Denis Scheck empfiehlt: „Hölderlins Geister“ berichtet) ins Grab gefegt wurden, neue Götter zu etablieren. So also nun die Idiotie, der freilich – wie all den durch die Kultur-Bespaßungsindustrie hochgekochten: ach so super-modernen, ach so super-aktuellen Göttern und Göttinnen – nur höchst beschränkte Aufmerksamkeits-Zeit (sprich nach Maß(-einheit) einer einzigen Sendung) immanent ist. Mit Heidegger zu sprechen: Der Verfallenheit an das Man eignet das Besorgte in Abhängigkeit vom (vom Dasein aus gesehen) je-meinigen Neuigkeitsgrad: Das je Besorgte begegnet in der Alltäglichkeit im Modus der Verfallenheit. (Siehe Sein und Zeit, § 27) — Ein Zeitlichkeitsaspekt, der bei Heidegger gleichwohl zu wenig thematisiert wurde…

III

Das Gespräch:

Nachfolgend sei der Beginn des Interviews mit Marty wortgetreu widergegeben.

C. Sch.: „Sie sehen darin [im Idiotsein] eine aktuell notwendige Qualität. Wieso?“

Ch. M.: „Nun, wenn der Idiot derjenige ist, der nicht mitläuft, dann finde ich das natürlich eine super Sache. Ich finde schon, es ist eine sehr auszeichnende Sache, eine herausragende Qualität, wenn man nicht mitläuft, nicht mitmacht, auch die Fähigkeit besitzt, mal irgendwo quer zu stehen.“

Toll nicht? Dieses quasi-göttliche Reflexionsniveau!!

C. Sch.: „Wo besteht denn ihrer Meinung nach zu viel Mitläufertum?, zu viel Konformismus?“

Ch. M.: „Gut, ich meine, das ist eine sehr große Frage, nicht. Da kann man über viele Kontexte reden, zum Beispiel über politische Kontexte, ökonomische Kontexte, auch über kulturelle, akademische, wenn man so will, intellektuelle Kontexte. Ich denke, es gibt immer wieder Situationen, wo jemand zum Beispiel im politischen Umfeld nicht der Parteilinie treu ist; und dann heißt es dann gleich: o. k., also, das ist daneben, man soll nicht durchgehen lassen. Oder dann im ökonomischen Umfeld, wo jemand nicht mitmacht bei der Unternehmenslinie und zum Beispiel sich einer Effizienzmaxime nicht unterwerfen will. Also im akademischen, intellektuellen Milieu ist es meines Erachtens oftmals so, dass man eine bestimmte Linie verfolgen muss und wenn man das nicht tut, so kann man das zwar tun, doch ist es dann oft mit negativen Konsequenzen verbunden.“

IV

Die vermeintliche Erkenntnis:

Marty definiert den Idioten also als Nicht-Mitläufer.

Abgesehen davon, dass diese Definition mit dem aus der politischen Philosophie der Griechen stammenden Begriff nichts, aber auch gar nichts zu tun hat (siehe als einen Beleg das nachfolgende Blumenberg-Zitat), liefert der intellektuelle Milchbubi Marty nur Phrasengedresche. Mit Platon gesprochen:

„καὶ ταῦτα πάντ‘ οὐδ‘ ὅτι οὐκ οἶδεν, οἶδεν“ — Und [doch] weiß er nicht mal, dass er nicht weiß, über all das, worüber [er quakt]. (Theaitetos, 173e)

V

Zur Grundlegung der Theorie:

Konfrontieren wir nun Martys Gequake mit Blumenberg.

In Das Lachen der Thrakerin verfolgt er die Anekdote des in den Brunnen gefallen Proto-Philosophen Thales durch die Geschichte der abendländischen Kultur. Er beginnt mit Platon, da dieser uns die Anekdote (gem. Quellenlage) zum ersten Mal berichtet: Thales soll

„als er um die Sterne zu beschauen, den Blick nach oben gerichtet in den Brunnen fiel, eine artige und witzige thrakische Magd [eher: Sklavin…] verspottet haben“… (Theaitet, 174a; in der Übersetzung von Schleiermacher)

Dabei kommt er u. a. auf die Figur des Idioten/der Idiotin zu sprechen

„Plato liebte die Figur [der Thrakerin], die erst durch Tertullian als die des Idiota typisiert und durch Nikolaus von Cues zum Funktionär der docta ignorantia gemacht werden wird; der Sklavenknabe im »Menon« belegt es, die Figur des Pamphyliers im Schlussmythos der »Politeia« ein anderes Mal. Bei der Thrakerin geht es nicht nur um eine Art verständiger Unverständlichkeit.

Platonisch-sokratische Ironie pur!

Aus Thrakien kamen zwei benannte Figuren der hellenischen Welt: der Gott Dionysos mit dem Beinamen Chthonius, der Unterirdische, und der Sklave Äsop, der die Fabel mitbrachte, nach anderen ein Phryger.“ (Blumenberg, S. 34; im Original kein Fettdruck)

Aus dieser kurzen Passage erhellt zureichend die Differenz zwischen einem vom Kulturzeit-Mittelmaß zum Gott hochstilisierten Quacksalber und einem belesenen, sorgfältig und anspielungsreich argumentierenden Philosophie-Professor. Blumenberg zu lesen ist ein immerwährendes intellektuell-amüsantes Vergnügen. Marty zu hören ist Zeitverschwendung.

VI

Zur Schlichtheit der Seele:

Später, im Kapitel Umbesetzungen, geht Blumenberg ausführlicher auf Tertullian ein. Hier heißt es über die thrakische Magd:

„Sie nimmt etwas vorweg, was bei Tertullian an die Stelle der griechischen Autorität [der Philosophen] tritt: die ›schlichte Seele‹, seine anima idiotica„. (eb., 45)

Schlichte Seelen erkennen schlichte Seelen als ihresgleichen,

preisen sich in gegenseitiger Hochschätzung und

versichern sich denn gemeinsam ihres Götzen: Idiotie.

Hoch lebe das Kulturzeit-Team!

 

 

 

 

Ade, Walter Lübcke


Boris Naumann u. Peter Ketteritzsch, Flüchtlingsdebatte in Lohfelden: Lübcke ließ sich provozieren, HNA online, 17.10.2015

Douglas Murray, Der Selbstmord Europas. Immigration, Identität, Islam. Aus dem Englischen von Krisztina Koenen, München, 52019

Also sprach der am 2. Juni 2019 (mutmaßlich von einem Nazi) ermordete Regierungspräsident und Merkelianer ade Dr. Walter Lübcke (CDU) am 14.10.2015 zum rein hypothetischen, von rechts unterstellten „Bevölkerungsaustausch“, der von links selbstredend gar nie –, ja, gar nie nie nicht angedacht war, ist und sein wird.

Douglas Murray schreibt über die genannte Oktober-Veranstaltung:

„Im Oktober gab es eine öffentliche Versammlung in Kassel. 800 Migranten sollten dort in den folgenden Tagen ankommen, und besorgte Bürger trafen sich, um den Verantwortlichen Fragen zu stellen. Wie die Videoaufnahme des Treffens zeigt, waren die Bürger ruhig, höflich, aber besorgt. Und dann erklärt ihnen der Regierungspräsident Walter Lübcke ganz ruhig“: (342)

Originalsprech Lübcke:

„Es lohnt sich, in unserem Land zu leben.

Stimmt. Bis Herbst 2015 zumindest…

Da muss man für Werte eintreten,

Ja, hoffentlich. Unbedingt.

Doch welche denn? Und wer setzt diese? Wer bestimmt denn über gut und böse? Mutti? Gott Lübcke? Gott Staat? Platon? — Aristophanes hätte ob solch Gefasels seine helle Freude: Stoff für eine weitere bitter-böse Komödie: Lübckes letzte Reise…

und wer diese Werte nicht vertritt,

Ja? Wer sind die denn? Gibt ’s die denn? Kennen wir die? So durchweg böse Onkels? Max und Moritz? Der oder die Herren des Hades?, der Hölle? — Hm, hm…??

Ohh…

Ja, jetzt fällt’s mir ein.

Klar! Das müssen die AfDler sein. Genau! Diese Schweine, aber auch! Dieses rechte Dreckspack! Verflucht soll’n sie sein auf ewig! Wiedergänger des oder wie des ewigen Juden. Wer weiß das schon?.

kann jederzeit das Land verlassen,

Stimmt: kann, nicht muss.

Nix: Führer Lübcke befiehl, wir folgen dir!

Müssen muss man/frau nur den Tod (bekanntlich). Und der kommt, wann er will. — Nicht wahr, Herr Lübcke?

wenn er nicht einverstanden ist.

Stimmt.

Ist klar.

Stell dir vor, Lübcke: ich mach’s sogar — wahrscheinlich, vielleicht, wer weiß:

Doch ganz gewiss nicht dir zur Freude, Lübcke.

Lebt denn wohl, ihr ḏimmī, ihr Steuerzahler! Den Flüchtlingen und ihren Anbetern zu unbeschränktem Gefallen. Ἄξιόν ἐστιν. Verreckt doch an eurer grenzenlosen, arschkriecherischen Dummheit! Denn:

Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.“

Murray kommentiert die Reaktion des Publikums wie folgt:

„Man hört auf der Aufnahme, wie die Leute laut Atem holen, entsetzt lachen, rufen und schließlich vor Wut schreien“. (342f)

Doch statt zu toben, sollte man/frau den Froschgesängler vielmehr loben:

„Jawohl! —

„Toll, deine Weisheit, Sophist.

„Ganz großartig, dieser dein mit evoziert-subtiler hegelscher Ansatz.

       Der Spruch des Lübcke:

„nochmal sei’s gesagt: einfach toll und absolut großartig:

„Sprich, oh Gutmensch-Volk: Das Zu-sich-selbst-Kommen des Geistes ist nah. Halleluja!

       Absolut. Das Vorlaufen in den Tod. (Heidegger) Ἄξιόν ἐστιν.

          War doch eigentlich gar nicht so dumm, der Lübcke. —

                             Genutzt hat’s ihm – letztlich – freilich herzlich wenig…

Zum Schluss nochmals Murray:

„Eine ganz neue Bevölkerung wird in ihr Land gebracht, und dann sagt man ihnen [den Leuten], wenn ihnen das nicht gefalle, könnten sie jederzeit gehen? Begreifen die Politiker wirklich nicht, was geschehen kann, wenn sie europäische Bürger so behandeln?

[Und er antwortet sich selbst:]

Offensichtlich nicht.“  (343)

 

Irene Kosok über die Realität einer aus Gaza geflüchteten Christin

Thomas Thiel, Erwacht aus einem bösen Traum, FAZ, 2.4.2019, 9

Kaum zu glauben, dass es die nachfolgende Geschichte, erzählt von Thomas Thiel, die der Gutmensch-Ideologie radikal zuwiderläuft, trotzdem geschafft hat, in der gemäßigt gutmenschlich orientierten FAZ veröffentlicht zu werden. Das übliche Berichterstattungsklischee der ach so süßen und friedvollen Flüchtlinge bzw. des ach so frauenfreundlichen Islam wird in dieser Reportage gleich in mehrerlei Hinsicht massiv infrage gestellt.

1. aus der Betroffenenperspektive:
Zu Wort kommt eine a) nicht-muslimische, b) dem Islam kritisch gegenüberstehende c) Frau.

„Hayat kommt aus Gaza. Sie ist palästinensische Christin. […] Hayat heißt nicht Hayat. Aus Angst vor Repression und aus Furcht, ihren Duldungsstatus zu verlieren, will sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen.“ (im Original kein Fettdruck)

Vielen Mitflüchtlingen ist es bereits unerträglich, dass es eine Frau überhaupt wagt, Rechte einzufordern:

Hayat „sagte, dass es sie traurig mache, wenn Frauen keine Rechte hätten. Sofort sei sie [von Mitflüchtlingen] attackiert worden. „Du erzählst Scheiße. Du machst uns schlecht. Frauenrechte sind nur für deutsche Frauen, nicht für unsere.““ (im Original kein Fettdruck)

Tja, ihr Gutmenschen, ihr habt ja sooo recht: Das sind lediglich Ausnahmen, Einzelfälle, selbstverständlich. Der Islam ist ja sooo frauenfreundlich…

2. aus der Helfer(innen)perspektive:
Zu Wort kommt Irene Kosok, Mitarbeiterin im THF Welcome. Sie

„Bekam mit, was geflüchtete Frauen im Tempelhofer Hangar, dem inzwischen geschlossenen Aufnahmelager, bewegte.“ (im Original kein Fettdruck)

 

„Irene Kosok kommt aus einem linken Milieu, sie hat viele Flüchtlinge jahrelang begleitet und muss jetzt erdulden, als Rassistin beschimpft zu werden. „Das Schlimmste ist“, sagt sie, „dass wir exakt den Falschen, den Fundamentalisten, helfen und ausgerechnet denen die Hilfe verweigern, die sich integrieren wollen.“ (im Original kein Fettdruck)

 

„Wie repräsentativ ist Hayats Geschichte? Es gibt darüber keine Statistik. Man kann es so sagen: Wer sie für einen Einzelfall hält, darf sich nicht mit ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern unterhalten.“

Keine Sorge: Gutmenschen tun so was nicht. Sie haben ihre vorgefasste Meinung. A priori wissen sie, was gut und was böse ist. Sie urteilen über die Realität, nicht aus der Realität. Sie sind Meta-Theoretiker, Schwätzer. Sie sitzen in ihrer Blase und quaken…

3. aus der Erzählperspektive:
Kosok:

„“Es muss an die Öffentlichkeit, es darf nicht totgeschwiegen werden. Ich ertrage diese Ignoranz den unschönen Realitäten gegenüber nicht länger.““

Damit ist Kosok zum Scheitern verurteilt: Nicht sein kann, was nicht sein darf. Dass es ihre Geschichte in die FAZ geschafft hat: Das ist der Einzelfall. Doch von nun an wissen wir, wo sie steht. Wir erteilen kein Schreibverbot. Nein, selbstverständlich nicht. Das haben wir nicht nötig: Es steht ja nirgends geschrieben, Nestbeschmutzern eine zweite, dritte… Chance geben zu müssen. Ignorieren reicht. Und ist sehr effektiv…

4. aus der Faktizitätsperspektive:
a) in der Heimat

Das von der Scharia geprägte Recht gilt in Gaza auch für Christen. Im Alter von 15 Jahren habe sie den Hijab tragen müssen, sagt Hayat. […] Für diejenigen, die das Kopftuch als Symbol für Selbstbestimmung der modernen Muslimin betrachten, hat sie eine Botschaft: „Diese Leute haben die Wirklichkeit des Islam nie erlebt. Wenn Sie glauben, dass Gewalt gegen Frauen zu ihrer Religion gehört, dann können Sie pro Kopftuch sein.““ (im Original kein Fettdruck)

 

„Ihr Exmann hatte die Nachricht von der Scheidung verbreitet. Sie war nun eine Geächtete. Ihre Familie wurde von Hamas bedroht. Du musst fliehen, sagte ihr Vater, sonst endet es für uns alle tödlich.“

b) in der Fremde: (z.B.) in Deutschland
Das Fortbestehen der Rollenmuster in der eigenen Familie vs. die Mär von der gelungenen Integration:

„Geschockt stellte sie [Hayat] fest, dass sich die Ansichten des Onkels nach siebzehn Jahren in Europa [!!] kein Stück geändert hatten.“

Das Fortbestehen der Rollenmuster im Flüchtlingswohnheim

„Im Auffanglager am Tempelhofer Flughafen bezog sie mit drei Frauen eine fensterlose Zelle.“ „Eine syrische Muslimin wollte den Raum nicht mit Hayat teilen. Sie sei eine Christin, habe einen bösen Geist. […] Mit der dritten, einer ägyptischen Ingenieurin, schloss sie Freundschaft.“

Die versuchte später, Selbstmord zu verüben: So geht‘s denen, die ausbrechen wollen, aber – aus vielerlei Gründen – nicht können…

Das Schlimmste für sie [Hayat] sei, sagt sie, in Deutschland dem gleichen Denken zu begegnen, das sie in Todesgefahr brachte, beschwichtigt und verharmlost von Politikern, Ämtern, Aktivisten und einer Asylindustrie, die Erfolgsstatistiken präsentieren will. In Rage bringe sie die Eitelkeit eines Milieus, dass [sic] sich Vielfalt auf die Fahnen schreibt, sich für die reale Lage der Flüchtlinge aber nicht interessiert, sie sogar als Rassisten und Nazis beschimpft, wenn sie über ihre Erfahrungen sprechen.“ (im Original kein Fettdruck)

In der von der deutschen Gutmensch-Ideologie geprägten Aufnahmegesellschaft ist für sie kein Platz. Die Pseudointellektuellen des Gutmensch-Lagers favorisieren die Parallelkultur. sie ist ihr weit angenehmer (da weit weniger fordernd) als Integrationskultur. Denn erstere baut und verwaltet sich selbst. Doch letztere fordert Engagement, Gegenseitigkeit und vor allem Konfliktfähigkeit. Und insbesondere Letzteres kennen Gutmenschen nicht: Sie leben in ihrem mittelalterlich-manichäischen gut:böse-Raster. (Auf der Suche nach einem Standort jenseits von gut und böse sind Moralisten par excellece keine geeigneten Reisebegleiter.) Vielleicht liebäugeln sie deswegen mit dem Islam. Der ist ja gleichfalls antagonistisch-scharf positioniert und sanktioniert gnadenlos jeglichen Abweichversuch.

5. aus der Beamten-/Verwaltungsperspektive
Die zunehmend zu beobachtende Resignation im Verwaltungsapparat…

“Das ist so bei denen. Das ist eine andere Kultur. Da können wir nichts machen“ – wie oft habe sie [Kosok] diese Sätze gehört, von Heimleitungen, Aktivisten, Politikern, Polizisten, wenn Frauen sich vergeblich von ihren Männern zu trennen versuchten, wenn sie geschlagen oder vergewaltigt wurden, sagt Kosok.“ (im Original kein Fettdruck)

6. aus der Anerkennungsperspektive
… mündet entweder in Gleichgültigkeit, sprich Standardisierung oder führt damit ggf. sogar zu höchst bedenklichen Urteilen mit entsprechenden Konsequenzen:
Kosok:

„Diese Frauen [die sich wehren] werden ausgebremst […] Sie landen in den Fängen des patriarchalen Islam. Das ist so absurd. Das glaubt man nicht.“

 

„Man mag es nicht glauben: Hayats Asylantrag wurde abgelehnt. Nach Monaten des Wartens bekam sie eine Standardabsage.“

Um das eigene Weltbild aufrechterhalten zu können, wird das Schicksal derer, die nicht in dieses Weltbild passen, ignoriert. Und letztlich werden die so dazu gezwungen sich anzupassen und klein beizugeben oder ihr Leben zu beenden… Doch Gutmenschen kennen keine Scham, wissen sie doch – über jeden Zweifel erhaben! – was gut und was böse ist.

7. aus Gender-Perspektive
Nicht die Geprügelte, sondern der Prügler gilt als schützenswert. (Tut er doch nur, was ihm vom Islam geboten wird: Der Prügler ist der Rechtschaffene, der Schuldlose; die Geprügelte ist das Opfer, das selbst schuld hat.) Merkwürdig ist, dass in der gleichzeitig stattfindenden me-too-Debatte die Schuldthematik von der selben Gutmensch-Clique exakt entgegengesetzt entschieden wird: Hier ist stets der die Frau erniedrigende Macho-Mann das personifiziert Böse.

Fazit Kosok

„Es würde mehr über diese Schicksale berichtet, wenn nicht jeder, der darüber redet, Rassist genannt würde, sagt Kosok. „Nach zwei Jahren stelle ich fest, dass sich diese Tendenz selbst bei vielen Helfern, die noch nicht entnervt das Handtuch geschmissen haben, zur Realitätsverleugnung gesteigert hat.“ Sie habe zwei Jahre gebraucht, um eine Realität zu begreifen, die ihrer [einstigen] Weltsicht komplett widersprochen habe.“

Allein mir fehlt der Glaube, dass Realisten wie Kosok in naher Zukunft mehr Gehör finden…