Erdoğans Bezug auf Hitler als Paradigma in der ZEIT

Frog1(Erdoğan soll Regierungssystem von Hitler-Deutschland gelobt haben, ZEIT online, 1.1.2016)

(Erdoğan: Hitler Almanya’sında da üniter başkanlık sistemi var, CUMHURIYET online, 31.12.2015)

Nach der Rückkehr aus der Vorzeigedemokratie Saudi-Arabien (31.12.2015) begann Staatspräsident Erdoğan die Frage eines Journalisten nach einer Präsidialverfassung in der Türkei (in seinem Primitivtürkisch, yani) wie folgt zu beantworten:

„Es ist wahr. Dass es keine Einheits-/Präsidialsysteme gibt, stimmt nicht. Denn es gibt auf der Welt Beispiele dafür. Auch was die Vergangenheit betrifft gibt es Beispiele. Wenn Sie sich Hitler-Deutschland ansehen, werden Sie es sehen. Danach werden Sie auch in anderen Ländern dasselbe in weiteren Beispielen sehen.“

In der Schlagzeile auf ZEIT online liest sich das dann so:

Erdoğan soll Regierungssystem von Hitler-Deutschland gelobt haben

Der türkische Staatschef will die Türkei zu einem Präsidialsystem umbauen. Als positives Beispiel soll er die Regierung Hitlers angeführt haben. Sein Büro dementiert.

1. Januar 2016, 17:05 Uhr / Aktualisiert am 1. Januar 2016, 20:42 Uhr

Die Aussage Erdoğans wird in der ZEIT relativiert, abgeschwächt, in die Schwebe, in Frage gestellt, ja bewusst zu einer Pseudo-Aussage umgedeutet. Heißt wohl: Wenn man/frau schon nicht Erdoğans Gestottere selbst dementieren kann – es ist ja über das Internet zugänglich (wie schade, nicht wahr?) –, so soll zumindest die Botschaft, die all die Bösmenschen (die Erdoğan ja a priori immer nur Böses unterstellen/andichten wollen) darin lesen, als irreal ausgewiesen werden. Soll heißen: So soll es erscheinen, doch in Wahrheit ist es nicht so. Nein, nein. Nie und nimmer würde Erdoğan so etwas in den Sinn kommen…

Erst nach der als-ob-Meldung, der (vorgezogenen) Interpretation, wird auf das Ereignis selbst, den auslösenden Fakt, Bezug genommen:

Mit einem Verweis auf Hitler-Deutschland hat der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan sein Streben nach dem Ausbau seiner Machtbefugnisse verteidigt. „In einem Einheitssystem (wie in der Türkei) kann ein Präsidialsystem sehr gut bestehen. Es gibt aktuell Beispiele in der Welt und auch Beispiele in der Geschichte. Sie sehen das Beispiel dazu in Hitler-Deutschland“, sagte er am Donnerstagabend vor Journalisten, nachdem er von einer Reise nach Saudi-Arabien zurückgekehrt war.

Auch hier wieder die Relativierungstendenz: Kein Wort dazu, dass Erdoğan zuallererst und ausschließlich Hitler-Deutschland als konkretes Beispiel in den Sinn kommt. Auch durch Verschweigen kann man/frau sich der Gutmensch-Lügenpresse unterwerfen. Höchst verräterisch!!

Erdoğan will eine Verfassungsreform durchsetzen, um seine Position als Präsident zu stärken und die Türkei zu einem Präsidialsystem umzubauen. Dabei stellt er sich eine Rolle als Staatschef wie in den USA, Russland oder Frankreich vor.

Wie verniedlichend ist diese Interpretation des/der Journalisten. Reine Spekulation: Erdoğan wählt Hitler zum Vergleich. Schon vergessen? Von USA, Russland, Frankreich ist mit keinem Wort die Rede…

Erdoğans Büro teilte am Freitag mit, es komme für ihn nicht infrage, Hitler-Deutschland als gutes Beispiel für ein Präsidialsystem zu bezeichnen. Erdoğan war am Donnerstag von Reportern gefragt worden, ob der von ihm angestrebte Umbau der türkischen Verfassung mit mehr Macht für den Präsidenten innerhalb eines „Zentralstaates“ existieren könne.

Daraufhin hatte er gesagt: „Wenn Sie sich Hitlers Deutschland anschauen, können sie es sehen.“ Es sei eines von mehreren historischen Beispielen für ein funktionierendes Präsidialsystem. Sein Büro teilte nun mit, Erdoğan habe den Holocaust, Antisemitismus und Islamhass als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet. Er habe die Ära Hitlers als negatives Beispiel angeführt, um zu erklären, dass schlimme Herrschaft bei Missbrauch in allen politischen Systemen – ob parlamentarisch oder präsidial – auftreten und in Katastrophen enden könne. Es sei nicht hinnehmbar, das Statement des Präsidenten als positiven Verweis auf Hitler-Deutschland wiederzugeben.

Auch hier wieder: Die Aussagen werden unkommentiert stehen gelassen, statt deutlich zu machen, dass sich Erdoğan im Interview in seiner Bezugnahme auf Hitler von diesem nicht einmal andeutungsweise distanziert…

Trotz der absoluten Mehrheit seiner islamisch-konservativen AKP im Parlament fehlt der Partei aber die nötige verfassungsändernde Mehrheit. Die Oppositionsparteien lehnen das vorgeschlagene Präsidialsystem geschlossen ab, sie werfen Erdoğan schon jetzt ein Abgleiten in eine autoritäre Herrschaft vor. Sie fürchten, dass er sich mit der von ihm angestrebten Verfassungsänderung weitreichende Vollmachten sichern will.

Der deutsche Reichstag hatte im Frühjahr 1933 seine Gesetzgebungskompetenz auf den Reichskanzler Adolf Hitler übertragen und ihm zugleich das Recht eingeräumt, bei seinen Gesetzeserlassen die Verfassung zu missachten. Gut ein Jahr nach dieser Selbstentmachtung des Parlaments sicherte sich Hitler per Volksabstimmung auch das Amt des Reichspräsidenten.

Die Addition des letzten Abschnitts an den Artikel ist unverständlich. Denn es wird nicht gesagt, warum und wozu die Entwicklung in Deutschland von 1933 – als Parallele zur Jetztzeit in der Türkei – angehängt wird. Soll (auch) das suggerieren: Erdoğan ist ein Guter: Ein Demokrat?? Oder soll die Passage eher vor Erdoğan warnen?? Das bleibt offen, unentschieden, ambivalent (wie schon die Schlagzeile).

Vielleicht gar, könnte man/frau vermuten, zählt sich die ZEIT vorbehaltlos ins Gutmensch-Merkel-Lager: Ihr Flüchtlinge kommet, doch kommet nicht all !!!… Soll heißen: Seit und da Erdoğan neuerdings Flüchtlingsbegrenzungs-Liebling von Merkel, Juncker und Co. ist, müsse man/frau ihn gewähren lassen, sich in vorauseilendem Gehorsam unterwerfen… Lang lebe der erste des neu-türkischen (yeni Türkiye) Sultangeschlechts: Tayyip I…

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Gleichschaltung und Selbstzensur – Die Kölner Silvesternacht 2015/16 in der Presse

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(Selbstzensur oder politisches Kalkül?, Kulturzeit, 14.1.2016)

(Joumana Haddad, Mama, die Macho-Macherin, ZEIT, 14.1.2016, 5)

 

Selbstzensur aus Gutmenschenperspektive

Eingangstext zum Beitrag:

„Die Chaosnacht von Köln. Vier lange Tage dauert es, bis deutschlandweit öffentlich wird, was geschehen ist. Und noch immer ist vieles unklar. Zeitungen, Radio und Fernsehsender sprechen zunächst von Männern. Wer sich da am Kölner Bahnhof versammelt hat, dass es vor allem Migranten und auch Flüchtlinge sind, bleibt unerwähnt. Schon bald heißt es Zensur.“

So ist es. Nachweihnachtliche Stimmlosigkeit, – Gutmensch-Einlull-Stille:

Wir singen Leise rieselt der Schnee, die 2. Strophe bitte [auf Befehl von „oben“]:

In den Herzen ist’s warm

Still schweigt Kummer und Harm

Sorge des Lebens verhallt

Freue dich, Christkind kommt bald

Birgit Kelle, eine der ersten Journalistinnen, die regional wahrheitsgemäß berichtete:

„Ich glaube nicht daran, dass irgendjemand den Redaktionen verbietet zu berichten. Ich glaube eher, dass das eine Art Selbstzensur im Kopf schon ist.“

„Ich glaube, die [Nichtberichter/Falschmünzer] meinen ‘s eigentlich gut. Das Problem ist: Es ist aber eine Zensur von Nachrichten, die sie da machen. Sie sortieren quasi aus, was für ihre Leser oder was für ihre Zuschauer zumutbar ist und was nicht.“

Wo ist dann der Unterschied zur Nachrichtenpolitik à la Putin, Erdoğan, etc.??

Oh, ich vergaß: Letzterer ist ja seit neulich, hurra, vom Nichteuropäer zum EU-, Flüchtlings- und Merkel-Freund avanciert: Muss er doch in der Allianz der Willigen/Korrupten helfen, Muttis „Wir schaffen das!“-Großmäuligkeit nicht im Desaster, sprich ihrem Rücktritt enden lassen zu müssen.

Frank Schneider, BILD-Chefredakteur, vom allerersten Medium, das sich traute, überregional wahrheitsgemäß zu berichten:

„Man hat nicht nur verschwiegen, man hat noch bewusst das Gegenteil behauptet.“

„Politik ist nicht dafür da, Dinge zu vertuschen oder schönzureden, sondern dafür da, Probleme zu lösen.“

Schau mal an! BILD vorne weg: Als Aufklärer!!

Frank Überall, Journalismusverband-Vorsitzender, hingegen gibt sich immer noch als bedächtiger Gutmensch-Vereinseitiger:

„Es wurde manchmal natürlich auch abgewogen, will man das jetzt so in den Mittelpunkt stellen oder nicht, weil: Das kann in der Tat brandgefährlich sein.“

Horst Pöttker, Journalismusforscher:

„Man hat gemerkt, dass da eine große Unsicherheit war, was man eigentlich mitteilen soll und dass da einfach Barrieren waren, die was mit der politischen Situation zu tun haben.“

„Der Journalismus als Beruf zur Öffentlichkeit darf nicht davon ausgehen, dass er ein unmündiges Publikum hat, sonst wird er eben zur Volkspädagogik, zum Gesinnungsjournalismus. Das wollen wir eigentlich nicht.“

So ist es. Wie sagte Kant so schön: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

„Wenn wir die Vorstellung haben, die sind alle ganz lieb und das sind bessere Menschen: Das muss natürlich ins Gegenteil umschlagen, in dem Moment wenn sich herausstellt, dass es nicht bessere Menschen sind, sondern dass es Menschen sind mit Schwächen und Fehlern usw. Dann muss es ins Gegenteil umschlagen. Dann sind es plötzlich die ganz Bösen. Und ich glaube, wir brauchen eine kontinuierliche, wahrhaftige, offene Berichterstattung.“

Und dann: Gutmensch Antje Schrupp, als „Philosophin“ vorgestellt:

„Gerade aus Angst davor, die Rassisten sozusagen damit zu bedienen, scheut man sich natürlich, bestimmte Sachen zu sagen und ich auch.“

Was ist das für eine armselige Person, gar Philosophin, die so wenig elaboriert ihre Angst vor (statt Liebe zur) Wahrheit bekennt…

„Ich finde diese Scheu auch richtig, weil tatsächlich ich der Ansicht bin, dass Rassismus momentan ein größeres Problem ist für den Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft als sexuelle Übergriffe aus bestimmten migrantischen Zusammenhängen heraus.“

Tja, meine lieben Damen, die ihr angegrapscht und bestohlen wurdet: Ihr müsst euch getäuscht haben. Es waren bestimmt als Nordafrikaner verkleidete Deutsche. Oder wart ihr bereits so besoffen und unzurechnungsfähig, dass ihr das nicht (mehr) gemerkt habt?? Und selbst wenn es Migranten, gar Flüchtlinge gewesen waren/sein sollten: So ein bisschen Angebagger ist ja nun wahrlich nicht der Rede wert: Wir wollen doch schließlich alle nicht das Rassismus-Vorurteil bedienen, nicht wahr?? Also kuscht gefälligst, ihr hündisches kuffar-Pack!!

Zudem: Irgendwer sollte Philosophin Schrupp mal Nachhilfe geben und ihr das Symmetrieprinzip erklären. Sie scheint da echt Nachhilfebedarf zu haben…

(Nicht nur Frau Schrupp) sehr zu empfehlen in Sachen Symmetrie und Dialektik ist Joumana Haddads Volkspädagogik (Pöttker), in Imperativform formuliert:

„Anstatt eurer Tochter zu erzählen, dass sie Beute ist, versucht eurem Sohn zu sagen, dass er kein Jäger ist. Anstatt eure Tochter zu lehren, den Mund zu halten, versucht eurem Sohn beizubringen zuzuhören. Anstatt eurer Tochter zu verbieten, dieses T-Shirt zu tragen, macht eurem Sohn klar, dass dieses T-Shirt keine offene Einladung zum Sex ist. Anstatt eure Tochter zu zwingen, sich zu verhüllen, erklärt eurem Sohn, dass eine Frau mehr ist als ihr Körper. Anstatt eurer Tochter zu beweisen, dass Männer Feinde sind, beweist eurem Sohn, dass Frauen wertvolle Partner auf Augenhöhe sind. Anstatt eure Tochter in Angst vor Männern und euren Sohn zum Frauenverächter zu erziehen, versucht sie beide in Vertrauen, Wertschätzung und Liebe zueinander groß werden zu lassen.“

Ihr Wort in Gottes Ohr, liebe Frau Haddad.

So sei es!!

Frog4

 

Nachtrag zur Verhaftung von Can Dündar und Erdem Gül

Frog1(Halil Gülbeyaz, Das Ende der Pressefreiheit – Türkei verhaftet Top-Journalisten, ttt, 6.12.2015)

(Knut Rauchfuss, Private Killer im Regierungsauftrag, Zusammenarbeit von Staat und Organisiertem Verbrechen in der Türkei, 15.4.2003)

(Luise Sammann, Türkische Regierungskritiker fühlen sich von EU verraten, Deutschlandfunk, 18.12.2015)

(Thomas Seibert, Hier renoviert die Mafia, Der Tagesspiegel, 28.8.2004)

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Die ttt-Moderatorin verkündet: „Die EU bezahlt die Türkei, damit die Flüchtlinge dort bleiben und drückt gegenüber der Politik Erdoğans die Augen zu.“

In der Tat: Das Hofieren Erdoğans ist die größte, EU-weite Verarsche, die derzeit vor unser aller Augen, in aller Öffentlichkeit abläuft, inszeniert wird. Politik: Ein allseits schmutziges Geschäft. Und alle Kontrollgremien ducken sich weg. Keiner, der die Macht dazu hätte, gebietet Einhalt. Das ist das Ende der EU als „Wertegemeinschaft“.

Die Verhaftung auf Wusch des Staatspräsidenten

Anlass des ttt-Berichts ist die Verhaftung des Cumhuriyet-Chefredakteurs Can Dündar und seines Mitarbeiters Erdem Gül, des Leiters des Cumhuriyet-Büros in Ankara, am 26.11.2015. Seine Nelkenhochzeit verbrachte Dündar im Gefängnis.

Halil Gülbeyaz schrieb den Text zum ttt-Beitrag (als Video verfügbar bis zum 6. 6.2016). In keinem andern deutschsprachigen Bericht wurden die Hintergründe der Untersuchungshaft so detailliert entfaltet. Hier einige Auszüge:

„Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan persönlich ließ Strafanzeige gegen das Blatt [Cumhuriyet] und seinen Chefredakteur Dündar stellen, nachdem „Cumhuriyet“ Ende Mai Fotos und ein Video veröffentlicht hatte, die eine Beteiligung des türkischen Geheimdienstes an Waffenlieferungen an Islamisten in Syrien nahelegen.

Daraufhin drohte Erdogan im TRT [1]-Fernsehen [am 31.5.2015], die Journalisten würden einen hohen Preis für die Veröffentlichung bezahlen und nicht ungestraft davonkommen.“

Wie im Putin-, so auch im Erdoğan-Reich. Doch für Putin gibt‘s Sanktionen, für Erdoğan Milliarden-Geschenke… Das ist ausgleichende EU-Gerechtigkeit: Was man dem ach so bösen Putin nimmt, muss man dem ach so lieben Erdoğan geben. Das hat er sich verdient…

Jetzt, nach der Wahl, in der die AKP die absolute Mehrheit errang (wobei in einem Wahlbezirk schon mal mehr Stimmen für die AKP gezählt wurden als überhaupt Stimmen abgegeben wurden; aber sonst ging wirklich alles mit rechten Dingen zu…) scheint Erdoğan der Tag der Rache günstig…

Grund der Verhaftung:

„Schon im Januar 2014 wurden drei Lkw nahe der syrisch-türkischen Grenze angehalten, beladen angeblich mit Babynahrung für Kriegsopfer. Wie zynisch. Denn bei der Durchsuchung entdeckten Sicherheitskräfte Kriegsmaterial für Islamisten: Hunderte von Raketen und Granaten. Hatte jemand den Kontrolleuren einen Tipp gegeben? Die Begleiter der Fracht, die festgenommen wurden, waren nicht irgendwelche Leute, sondern türkische Geheimdienstler.“

Der Bezug zu den Grauen Wölfen

Das weckt doch Erinnerungen an den Verkehrsunfall nahe Susurluk (in der Provinz Balıkesir, im Westen der Türkei) am 3.11.1996, gegen 19.30 Uhr. Im (selben) Unfallwagen (Mercedes 600) – unterwegs nach Istanbul – verstarben damals Hüseyin Kocadağ, der stellvertretende Polizeipräsident von Istanbul, Abdullah Çatlı, ein führendes Mitglied der Grauen Wölfe und steckbrieflich gesuchter Drogenhändler und Mörder sowie dessen Geliebte, die ehemalige Schönheitskönigin Gonca Us; Sedat Edip Bucak, Parlamentsabgeordneter der DYP, Großgrundbesitzer und Führer von mehreren Dorfschützereinheiten (gegen die PKK), überlebte schwerverletzt… Tja, wenn es gegen die böse, böse PKK geht, war man sich schon immer einig…

Doch zurück zur Jetzt-Zeit.

„“Präsident Erdogan wollte die Macht nicht teilen“, sagt Aydin Engin von der Tageszeitung „Cumhuriyet“. „Er hat sich Feinde gemacht, indem er alte Weggefährten abservierte. Die haben das Filmmaterial vom Waffentransport allen Medien zugespielt und wollten so einen Gegenangriff auf Erdogan starten. Aber nur die Tageszeitung Cumhuriyet war so mutig, dieser Story nachzugehen, ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen und sie zu veröffentlichen. Alle anderen Medien bekamen es mit der Angst zu tun.“

„Inzwischen sitzt [sic] nicht nur er [Dündar], sondern auch jene Sicherheitskräfte und Staatsanwälte in Haft, die die Kontrolle der Lkw angeordnet und durchgeführt hatten: wegen Spionage.“

„Es ist ein Skandal, dass der Präsident des Landes hier als Mitkläger auftritt“, sagt der Anwalt von Cumhuriyet, Tora Pekin. „Es gibt einen Gesetzesartikel, der das verbietet. Er besagt, dass niemand der Justiz Anweisungen, nicht einmal Ratschläge erteilen darf. Der Präsident hat aber gesagt: ‚Dündar wird zur Rechenschaft gezogen.‘ Somit hat er den Richtern und Staatsanwälten schon die Richtung vorgegeben. Das ist ein weiteres Zeichen dafür, dass das Land leider ganz schlimmen Zeiten entgegen geht.“

Der Tiefe Staat (derin devlet) feiert fröhliche Urständ

„Der Abgeordnete von der Oppositionspartei CHP Eren Erdem hat mehrere Dossiers über den sogenannten „Islamischen Staat“ und dessen Beziehung zur Türkei erarbeitet. Seine Entdeckungen sind alarmierend: „Eindeutiger geht es nicht. Ein Journalist muss ins Gefängnis, weil er seine Arbeit macht. Aber einen Islamisten, der auf Abhörprotokollen sogar ein Selbstmordattentat auf einer Friedensdemo der Opposition ankündigt, [gemeint ist der Anschlag in Ankara am 10.10.2015] den lässt man machen. Dann sagt unser Ministerpräsident, solange er sich nicht in die Luft gesprengt hätte, sei er ja unschuldig gewesen. Hier sehen wir, dass der Staat gegenüber dem IS sehr tolerant ist, ihn sogar beschützt.““

Einen Tag vor dem Anschlag in Ankara sprach Sedat Peker, ein den Grauen Wölfen nahestehender, verurteilter Mafiosi als Unterstützer Erdoğans auf einer AKP-Veranstaltung in Rize, der Stadt, aus der Erdoğan zufolge seine Familie stammen soll, die prophetischen Worte: „oluk oluk kan akacak“: Blut wird fließen in Strömen… (‘Oluk oluk kan akacak’)

Glauben Sie an Zufälle? Cumhuriyet und andere türkische oppositionelle Medien taten es nicht. (Deutsche Medien hingegen ignorierten das Vorkommnis unisono…)

Luise Sammann lässt in ihrem Beitrag Dilek Dündar, Can Dündars Ehefrau zu Wort kommen. Sie sagt:

„Wir haben die Verhaftung eigentlich erwartet.“ […] „Seit dem letzten AKP-Wahlsieg wussten wir, dass es jederzeit so weit sein kann. Schließlich hat der Präsident ihn öffentlich bedroht. Und in den Erdogan-nahen Medien stand damals, die CIA erledige Leute wie Can normalerweise durch einen plötzlichen Autounfall‘! Die Frage war also: Werden sie ihn umbringen oder nur verhaften. Wir lebten in ständiger Angst.“

Dass die Todesbedrohung durchaus real ist, zeigt die Ermordung von Uğur Mumcu, eines Cumhuriyet-Redakteurs, der mittels Autobombe (mit C4-Sprengstoff) in der Nähe seiner Wohnung am 24.1.1993 in die Luft gejagt wurde. Verantwortlich hierfür sei, nach Ansicht von Knut Rauchfuss, Alaattin Çakici, einer der bekanntesten Mafiakiller der Türkei, der früher – Sie ahnen es – für die Grauen Wölfe aktiv war. (Er wurde am 17.8.1998 im Ausland verhaftet.)

Einige unschöne Details hierzu hat Thomas Seibert:

„Ein berüchtigter Ganove lässt das Sommerhaus eines ranghohen Richters renovieren. Ein Spitzenbeamter des Geheimdienstes bittet denselben Richter, das Verfahren gegen den Ganoven in die Länge zu ziehen. Die Polizei hört alle Telefonate ab, lässt den Verbrecher aber trotzdem ins Ausland entkommen. [Susurluk lässt grüßen…] Was sich anhört wie ein schlechter Krimi, beschäftigt in der Türkei Staatsanwalt, Presse und Politik. Der Präsident des obersten Berufungsgerichts in Ankara, Eraslan Özkaya, steht im Zentrum eines Justizskandals, der die Grundfesten des türkischen Staates erschüttert.“

Und – wie könnte es anders sein – auch der Geheimdienst macht mit:

„Unterdessen bat ein ebenfalls wegen seiner Nähe zum Gangsterboss ins Gerede gekommener Spitzenmann des türkischen Geheimdienstes MIT den Richter, die Entscheidung im Fall des Mafioso aufzuschieben.“

Für den Mord an Mumcu verurteilt freilich wurden Islamisten der (realen oder nur fiktiven?) Organisationen Kudüs Ordusu (Armee von Jerusalem) und Tevhid-i Selam, die sich nicht rechtzeitig wegducken konnten. – Übrigens: Auch dem Schriftsteller Doğan Akhanlı wurde die Mitgliedschaft in einer Partei angedichtet, von der er zuvor nie gehört hatte… – Auf die Islamisten aufmerksam geworden sei man bei einer Hausdurchsuchung von Hüseyin Velioğlu, des Führers der kurdischen Hizbullah, im Januar 2000. Der Bereitschaft zu gestehen wurde jedoch durch Folter ein wenig nachgeholfen, so dass nicht klar ist, ob die Verurteilten wirklich schuldig sind…

Fazit:

Das spricht doch wohl alles für eine Mitgliedschaft der Türkei in der EU, oder?

Was für vortrefflich integre Freunde Sie doch haben, Frau Merkel… Glückwunsch!

Frog4