Geil auf Lockdown: Einsam aber sicher!

„Kulturzeit“ vom 09.03.2021

Ausstellung ANSELM KIEFER, Kunsthalle Mannheim, unter Vorbehalt bis 22.8.2021

Woran es liegt, dass wir Deutschen, die Erfinder und Meister der German Angst, uns in der Pandemie vorbildlich verhalten, uns zu Hause einigeln, draußen auch dann noch Maske tragen, wenn weit und breit kein anderer in Sicht ist und somit keinerlei Ansteckungsrisiko besteht und (laut Politbarometer) stets die Politiker hochjubeln, die den Lockdown am rigoroseren durchzusetzen vorgeben? Es liegt wohl an unserem gestörten Verhältnis zu Leben und Tod.

Paul Celan verdichtete seine Holocaust-Erfahrungen in dem Bild: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Die betriebsmäßige Todesmaschinerie des Dritten Reichs (in seinen diversen Ausprägungen) ist im kollektiven Bewusstsein auch heute fest verankert – in jedem von uns, welch politischer Couleur auch immer wir anhängen.

In den (Nach-Weltkriegs-)Ruinen unserer zerbombten Städte sehen wir – wie Hermann Kasack einst – noch heute den lungernden Tod, den Untergang aus eigener Schuld – je nach politischer Couleur die einen mehr, die andern weniger. Nur für wenige, unvorbelastete und insofern unschuldige Kinder – wie den kleinen Anselm Kiefer – öffne(te)n die grausigen Ruinenfelder sich als eine Spielwiese für Kreativität, freilich für eine im Nachhinein vornehmlich in Blei gegossene.

Anlässlich seiner Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim erklärte er in der Kulturzeit vom 9.3.2021:

„Als ich geboren wurde, in der Nacht wurde unser Haus gebombt. Und da hatte ich den besten Spielplatz. Wunderbare Ruinen. Die Steine, die Backsteine hab ich genommen, um Häuser zu bauen. Das war mein einziges Spielzeug. Was anderes gab’s nicht.

Ich schau unheimlich gern die Bilder an der zerbombten deutschen Städte. Das ist für mich die reine Ästhetik. Auch, weil das für mich ein Anfang ist, nicht ein Ende, immer. Ruine ist immer für mich ein Anfang.“

Im Laufe der Bundesrepublik dann entwickelten wir ein extremes, überzogenes Sicherheitsbedürfnis. Das Wirtschaftswunder ist dem geschuldet: Nie wieder hungern! Vor die Alternative Freiheit oder Sicherheit gestellt, entschieden wir im Westen uns stets für Letzteres. Der Fall der Mauer war denn auch vor allem ein Ost-Projekt: Freiheit statt Sozialismus! Es war ein Aufstand gegen den real existierenden Mangel. Die Freiheitseuphorie der Ostler verflog denn auch schnell, nachdem die sehnsuchtsvoll erwartete Verheißung, die D-Mark, da war. Das Gebilde DDR wurde ruck-zuck abgewrackt und der Osten unter allseitigem Jubel der BRD angefügt.

Nun hält uns die Pandemie den Spiegel vor. Corona offenbart, wie wir unser Miteinander leben. Covid-Patienten werden, sobald sie ein Krankenhaus betreten, isoliert, persönlicher Beziehungen beraubt, zu einem Betriebsfall, in den Geschäftsbetrieb eingegliedert und dem Tod-nach-Möglichkeit-Verhinderungs-Getriebe übergeben und überlassen. Gesunden sie, so können sie in den Alltag zurück. Sterben sie, so sterben sie isoliert, einsam und steril.

Philosophisch gesehen hängt dieser Sicherheitswahn – so Heidegger – eng mit dem Siegeszug des von Nietzsche prognostizierten Willens zur Macht zusammen. Da dieser Gedanke, der die Beziehung zwischen Wachstumsbesessenheit und Sicherheitswahn ins Zentrum rückt, selbst in Fachkreisen wenig bekannt ist — Nietzsche wird ja gern (wie auch Hölderlin) als ob seiner verqueren Sprachakrobatik wahnsinnig gewordener Dichter(-Philosoph) abgewertet —, hier längere Passagen aus Heideggers Der Anfang des abendländischen Denkens (Gesamtausgabe, Bd. 55):

„Zuletzt hat Nietzsche die Gleichsetzung von ›Sein‹ und ›Leben‹ ausgesprochen, und zwar in dem Sinne, daß das ›Leben‹ als »Wille zur Macht« erfahren und begriffen ist. Damit wird dem Wort ›Sein‹ die Rolle des Grundwortes der Philosophie genommen. ›Sein‹ bleibt die Bezeichnung dessen, was ›Beständigkeit‹ meint. Diese wird allerdings im Sinne der neuzeitlichen Metaphysik als ›Sicherheit‹ und ›Sicherung‹ gedacht. Allein die Bestandssicherung, also ›das Sein‹, ist nicht der Wille zur Macht selbst, ist nicht ›das Leben‹ selbst, sondern nur eine vom Leben selbst gesetzte Bedingung seiner selbst. Der Wille zur Macht kann nur wollen, was er allein will und wollen muß, nämlich ›mehr Macht‹, also Machtsteigerung, wenn jeweils die erreichte Machtstufe gesichert ist, von der aus und über die hinaus der nächste Schritt sich vollzieht. Das jeweils Gesicherte, das Seiende, und die jeweilige Sicherung, das Sein, bleiben, innerhalb der Perspektive des Willens zur Macht gesehen, dass stets nur Vorübergehende, was nur ›ist‹, um überwunden zu werden, was daher notwendig verdunsten muß im Feuer des Willens zur Macht.“ (104; im Original kein Fettdruck)

„Der höchste Wille zur Macht ist, das Werden zu wollen, dieses aber als Sein stabilisieren“. (105)

„Wir sind in der Vergessenheit des Seins und wir sind dergestalt, daß wir vom Willen zur Macht als der Wirklichkeit des Wirklichen gewollt sind, ob wir es wissen oder nicht, ob wir es grausig finden oder nicht. Wir sind, so wie wir geschichtlich sind, als die im Willen zur Macht Gewollten. […] Der Wille zur Macht ist weder eine Erfindung Nietzsches noch eine Erfindung der Deutschen, sondern er ist das Sein des Seienden, auf dessen Grunde die europäischen Nationen samt den Amerikanern in den letzten Jahrhunderten seiend geworden sind und das Seiende vergegenständlicht haben.“ (107)

Gutmenschen-Hybris vs. Kants kategorischen Imperativ

Für Kant heißt Aufklärung zunächst/vor allem Vernunftkritik. Von ihm können wir lernen, was es für einen Aufklärer heißt, weise zu sein, sprich vernünftig zu leben: i.e. vernünftig zu denken und zu handeln.

Unter Bezug auf die Kritik der praktischen Vernunft (Seitenverweise nach AA) sind folgende Aspekte relevant:

  1. Bezug von Theorie und Praxis

Für Kant waren sowohl spekulative/theoretische als auch praktische Vernunft: reine Vernunft. (159) Doch nur die praktische Vernunft helfe uns über die Sinnenwelt hinaus und verschaffe uns Erkenntnisse von übersinnlicher Ordnung und Verknüpfung. (190) In der Verbindung von reiner spekulativer und reiner praktischer Vernunft zu Erkenntnis hat letztere insofern das Primat. (218)

Fazit 1: Handeln hat den Vorrang vor dem Denken. Gut zu sein erweist sich im Handeln.

2. Der Mensch als Zwitterwesen

Möglichkeitsbedingung der praktischen Vernunft sei, dass jede handelnde Person zugleich Noumenon, d.h. reine Intelligenz, als auch Erscheinung sei: Als Erscheinung unterliege sie der Kausalität nach Naturgesetzen, als Noumenon sei sie ein nicht der Zeit nach bestimmtes Dasein — Heidegger greift in Sein und Zeit auf diese Fragestellung zurück —, d.h. als Noumenon ist der/die Handelnde von allem Naturgesetze frei: er/sie unterliegt der Kausalität nach Freiheit. (206)

Fazit 2: Der Mensch ist sowohl Erscheinung (Materie) als auch Geistwesen (Noumenon).*

3. Zur Willensfreiheit des Menschen

Freiheit aber ist ein Postulat: ein zwar theoretischer, aber kein erweislicher Satz (!!), (220) d.h. reiner Vernunftglaube. (226) Denn ein Postulat kann durch spekulative Vernunft weder bewiesen, noch widerlegt werden. (257) Immerhin sei Freiheit die einzige von insgesamt drei Ideen (neben der Idee der Freiheit postuliert Kant noch die Ideen Gott und Unsterblichkeit), wovon wir a priori wissen: weil bzw. insofern sie die Bedingung des moralischen Gesetzes sei. (5)

Fazit 3: Frei ist der Mensch, wenn überhaupt (!), nur in seinem Willen, d.h. als Handelnder.

4. Vom Wesen vernünftigen Handelns

Laut Kant wissen wir also nicht, ob der Mensch überhaupt in seinen Handlungen frei ist oder nicht. Willensfreiheit ist von Kant lediglich postuliert, um sittliches Handeln (und das höchste Gut als Gegenstand sittlichen Handelns) überhaupt begründen zu können: Das höchste Gut sei nur durch Freiheit des Willens hervorzubringen. (203) Wenn jedoch das höchste Gut sich nur im Rahmen der eigenen Vernünftigkeit aus Freiheit begründen lässt, so ist intersubjektive Gültigkeit sittlicher Normen nicht diktierbar! (Selbst von Gott nicht!) Sie ist überhaupt nur erreichbar, wenn diese Normen von (ausnahmslos) allen! Vernunftwesen, sprich Menschen, aufgrund ihrer Vernünftigkeit geteilt werden können. Daher formuliert Kant den kategorischen Imperativ wie folgt:

„Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ (54)

Fazit 4: Sittlich, weil vernünftig, ist das Handeln des Einzelnen, wenn zu erwarten ist, dass dieses Handeln von allen Vernunftwesen (Menschen) als zumindest (einspruchslos) akzeptabel angesehen ist.

5. Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung

Das von Kant gleichwohl zu benennen angestrebte Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung (Prinzip a priori) muss also so gefasst sein, dass es allgemeingültig ist. Es muss folglich ein Wert a priori sein, der aus der Kausalität nach Freiheit resultiert. Im Unterschied zur Kausalität nach Naturgesetzen zielt die Kausalität nach Freiheit nicht auf Ursache(n) als Letztbegründung, sondern auf Zwecke. Das höchste Gut ist folglich der notwendige höchste Zweck. (207) Dementsprechend lässt sich das Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung nun wie folgt setzen:

„Daß, in der Ordnung der Zwecke, der Mensch (mit ihm jedes vernünftige Wesen) Zweck an sich selbst sei, d. i. niemals bloß als Mittel von jemandem (selbst nicht von Gott) ohne zugleich hierbei selbst Zweck zu sein, könne gebraucht werden, daß also die Menschheit in unserer Person uns selbst heilig sein müsse, folgt nunmehr von selbst, weil er das Subjekt des moralischen Gesetzes“ ist. (237; Fettdruck: im Original gesperrt gedruckt)

Fazit 5: Die reine praktische Vernunft kann nur ein (einziges) allgemeines Gesetz formulieren. Der zunächst formulierte kategorische Imperativ ist als das höchste Gut (241) und reine moralische Gesetz, (258) das uneigennützige Achtung fordere, (266) entsprechend so zu präzisieren:

Handle so, dass du jeden Menschen niemals bloß als Mittel, sondern als Zweck an sich selbst gebrauchst.

Schlussfolgerung

Wenn Gutmenschen also unterstellen, allein im Besitz sittlicher Werte zu sein, so ist das eine ungerechtfertigte Anmaßung, weil ihr Anspruch dem Prinzip der Allgemeingültigkeit widerspricht. Im Gegenteil: Indem sie anderen moralische Integrität absprechen, gebrauchen sie diese als Mittel zur Abwertung, also um ihre eigenen Zwecke in eigennütziger Absicht, und d.h. dem Allgemeinheitsgrundsatz zuwider, also widerrechtlich durchzusetzen.


*In Beilage VII seines Buchs Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn (²1789) stellt Friedrich H. Jacobi daher die Frage: „hat der Mensch Vernunft; oder hat Vernunft den Menschen?“ (Meiner A, 286) und antwortet: „Ich nehme den ganzen Menschen, ohne ihn zu teilen“ (287) und so trifft denn beides zu…

TV-Guru Leschs Pseudoweisheiten

Unberechenbar – Harald Lesch über das Leben, ttt, 29.11.2020

ttt-Moderator Max Moor stellt Harald Lesch wie folgt vor:

„Gelernter Physiker, leidenschaftlicher Philosoph und passionierter Welterklärer, Sie kennen ihn, meine Damen und Herren. Harald Lesch hat ein Buch geschrieben zusammen mit dem Theologen Thomas Schwartz. Thema: Nichts weniger als das Leben. Ein wunderbares Aha-Erlebnis für alle Nicht-Perfekten, also für alle. Darin steht: ohne Fehler und Mängel, ohne all die Dinge, die anders laufen als gedacht, gäbe es nicht nur uns nicht, sondern überhaupt kein Leben. Das ganze Universum wäre nie entstanden, und so gesehen ist unser Streben nach Perfektion geradezu lebensfeindlich und unser Hoffen auf die Unfehlbarkeit von Computeralgorithmen Selbstmord. Der ewige Optimist Lesch schenkt uns ein wenig seiner unperfekten Zeit.“

Dass das Buch, um das es geht — Unberechenbar —, von zwei Autoren verfasst wurde, wird kaum erwähnt. Im Mittelpunkt steht der allseits bekannte und beliebte TV-Guru Lesch. (Schwartz war, ist und bleibt ein Epiphänomen. Warum also über seinen Anteil am Werk eigens nachdenken?!) In den nachfolgenden ttt-Beitrag werden von Angelika Kellhammer (daher auch) nur Redebeiträge Leschs eingeflochten.

Zunächst fällt auf: Lesch argumentiert nicht; er reiht lediglich Behauptung an Behauptung in extrem plakativer Machenschaft:

„Wie so vieles ist das Leben ein Resultat eines Fehlers, einer kleinen Asymmetrie. Das ganze Universum ist das Resultat einer kleinen Asymmetrie. Wenn alles perfekt wäre, würde es uns gar nicht geben. Wenn das Universum ein Berateruniversum wäre, dann wäre, mit perfekter PowerPoint-Präsentation sozusagen, dann würde es uns gar nicht geben. Alles, was auf dieser Welt wirklich interessant ist und auch zu Neuem führt, ist das, was instabil sein kann.

[Dann der erste Begründungsversuch:]

Nämlich nur das Instabile kreiert neue Eigenschaften, die vorher nicht da waren. Wenn immer dasselbe passiert, passiert nichts Neues.

[Da hat er Nietzsches Diktum der ewigen Wiederkehr des Gleichen entweder nicht verstanden oder gar nicht erst bedacht. Heidegger:

„Weil das Sein als ewige Wiederkehr des Gleichen die Beständigung der Anwesenheit ausmacht, deshalb ist das Beständige: das unbedingte Daß.“ (Nietzsche II, 9)

Oder allgemeinverständlich gefasst: Das Gleiche ist nicht Das Selbe… Zudem: evolutionstheoretisch ist (noch) nicht eindeutig geklärt, ob Struktur-Anomalien funktional bedingt sind oder ob – wie zumeist angenommen wird – Anomalien Struktur-Fehler sind (die dann – wenn schon, denn schon – funktional genutzt werden können und ggf. auch werden).]

Und es gibt einen schönen, ich finde nach wie vor, einen ganz grandiosen jüdischen Satz: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, dann mache einen Plan.“

Hurra! Es lebe die Planlosigkeit!— Doch was für Götter gilt, gilt für Menschen noch lange nicht!— Hybris war schon den alten Griechen der schlimmste aller Frevel.

Über KI sagt Lesch:

„Das sind Maschinen, die lernen, und zwar unabhängig von uns. Wir geben dieser Maschine nichts mehr vor, sondern die lernt von alleine, ändert ihre Funktion und damit hat das natürlich auch veränderte Auswirkungen für uns. Das ist ja irre. Ich meine, da muss ich wirklich sagen, da haben wir uns Außerirdische geschaffen. Nachdem die Außerirdischen schon nicht hierhergekommen sind, verschaffen wir uns jetzt eine Form von Intelligenz möglicherweise, die garantiert nicht menschlich ist. Und ich erinnere an den Satz des großen Alan Turing, einen der Pioniere der Computerforschung, der gesagt hat: „Nur Maschinen können Maschinen verstehen.“

[Wo steht das?]

Und wenn das so ist, dann sollten wir ganz, ganz ganz vorsichtig sein, damit diese Maschinen und diese Algorithmen überall einzusetzen. Auch da muss ich sagen, hat man eher den Eindruck, dass alle sagen: Das können wir sowieso nicht aufhalten. Das ist wie eine Naturgewalt. Stimmt nicht. Wir sind die Akteure nach wie vor, und wir können bestimmen, ob diese Maschinen angeschaltet werden oder ausgeschaltet werden.“

Zudem sind Maschinen modifizierbar, zumindest sofern sie, wie bislang, strikt funktionsbezogen programmiert werden….

Und das Beste zum Schluss:

  • Erst das großartige Natur-Mensch-Glück-Gestammel:

„Was mich da umtreibt ist die Kenntnis von dem, was ich, des Bekannten in etwas zu überführen, das menschlich ist. Also die Kenntnis von der Natur, mit der man ja nicht verhandeln kann, in etwas zu überführen, was Menschen verstehen. Das kann ein Witz sein, ein Kalauer, ein gutes Gedicht sein und immer freundlich, weil jeder braucht alle anderen, und niemand von uns ist allein. Es darf nicht diejenigen geben, die glauben, vor ihnen sei nichts gewesen und nach innen wird nichts mehr kommen. Das nicht, sondern zusammen, das ist das Glück.“

  • Und dann das von Moor angekündigte, lang ersehnte Optimismus-Credo:

„Ich meine, es gibt keine Alternative zum Optimismus. Es gibt viele Leute, die mich für diesen Satz heftig kritisieren, weil, das weiß ich, weil die sagen: das ist doch naiv so zu denken. Nein, es ist im Gegenteil so: dieser Versuch aus Wissenschaften immer so etwas zu machen wie die Kunst des Sterbens, ja, wir müssen irgendwie gucken, wie wir damit klarkommen und dann werden wir hier vergehen. Das ist nicht der Punkt. Und Hannah Arendt hat diesen wunderbaren Satz geprägt: „Wenn Menschen zusammenkommen, dann muss man mit Wundern rechnen.“

[Wo steht das?]

Und wir wissen nie, was passiert. Das ist ein anderer Ausdruck dafür, dass die Welt nicht berechenbar ist. Wir wissen es nicht. Wir werden alles probieren und dann werden wir sehen, wie wir damit klarkommen.“

Hurra! Es lebe die Planlosigkeit!— Allbekanntes Beispiel Kernkraft: Erst mal Kernkraftwerke bauen und kräftig absahnen… Wie wir den radioaktiven Müll entsorgen??– Unwichtig. Ein Epiproblemchen. Darum kümmern wir uns später… — Wie der aus dem Himmel geworfene Münchner, der im Hofbräuhaus sitzt, eine Mass nach der andern in sich reinschüttet und dabei auf die göttlichen Eingebungen wartet, die freilich weder ihm noch auch der bayrischen Regierung je kommen…

Fazit: Nicht nur Precht taugt zum TV-Guru pseudowissenschaftlichen Gequakes!

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Wie sagte schon der göttliche Platon so treffend über das Begehr der Masse(n):

τὰ δόξαντ᾽ ἂν πλήθει οἵπερ δικάσουσινοὐδὲ τὰ ὄντως ἀγαθὰ  καλὰ ἀλλ᾽ ὅσα δόξει (Phaidros, 260a)

Maßgeblich für die (Volks-)Menge, die das Urteil fällt, ist (eben) nicht, dass (all) das, was (Gegenstand) ist, (wahrhaft) gut ist oder schön, sondern (dass es so) scheine als ob.

Solch Redenschreiber, die den Geschmack der Masse bedienen (λογογράφοι), nannte Platon verächtlich Sophisten, sprich Pseudoweise… (Phaidros, 257d)

„lesenswert“-Profi-Buchbesprecher outen sich als Philosophie inkompetent

lesenswert Quartett, 8.11.2020, 3sat, 8.11.2020

Wolfram Eilenberger, Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929, Stuttgart, 2018

Martin Heidegger, Nietzsche I, Stuttgart, 1961

Anlässlich des Buchs Feuer der Freiheit – Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten von Wolfram Eilenberger schwätzten die drei vom Fernsehen bestellten und bezahlten Literaturbesprecher: „Gastgeber Denis Scheck“ nebst Adjutanten/-in Insa Wilke und Ijoma Mangold in der Sendung lesenswert am 8.11.2020 auch über Eilenbergers früheres Werk Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929 wie folgt:

Denis Scheck

war als Gastgeber gefordert zu beginnen. Erst titulierte er Eilenberger als Philosophen. Dann wertete er ihn zum Erzähler ab:

„Wolfram Eilenberger, der wurde bekannt mit einem veritablen Bestseller: Zeit der Zauberer. Da hat er von Heidegger, von Ludwig Wittgenstein, von Walter Benjamin und Ernst Cassirer erzählt und [nicht und, sondern in] den zwanziger Jahren. Und jetzt hat er mit Feuer der Freiheit einen Band über vier Denkerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben“.

Ein erzählender Philosoph also. Das klingt wie Schriftstellerphilosoph — wie Mann (Frau eher nicht) einst Nietzsche titulierte, um ihn abzuwerten — wie passend, dass er auch noch geisteskrank war, Syphilis bedingt: das Schwein –, um sich nicht mit ihm auseinandersetzen zu müssen. Eine Haltung, die u.a. Heidegger scharf kritisierte und vehement zurückwies. Für ihn markiert Nietzsches Philosophie gar das „Ende der abendländischen Metaphysik“ (8): aller bisherigen abendländischen Philosophietradition!! — Gegen diese Tradition schrieb Heidegger in und mit Sein und Zeit (1927) an.

Überhaupt sind die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts eine Zeit des Übergangs. Eilenbergers Verdienst ist es, dies in Zeit der Zauberer anhand von vier Hauptakteuren herausgearbeitet zu haben.

Ijoma Mangold

Da Mangold sich am liebsten selbst reden hört, musste er natürlich zu Schecks Gerede sofort etwas hinzu quaken. Er bezeichnete Zeit der Zauberer als „Deutsches Sachbuch“. Auch für ihn ist Eilenberger ein Erzähler:

„Schon in seinem ersten Buch ist er nach dem Prinzip verfahren, wir erzählen etwas [ja, was denn? Bitte genauer!] über die Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts. Ja klar, Heidegger, Wittgenstein, Walter Benjamin, völlig klar. Und dann ein Überraschungsgast, mit dem niemand gerechnet hat: Ernst Cassirer.“

Mangold, dieser ungebildete Volltrottel begreift überhaupt nicht, dass Ernst Cassirer einer maßgeblichen (!!) Philosophie-Ausleger der alten Garde war, gegen die Heidegger zu Beginn seiner Karriere — auch als Person — opponierte. Eilenberger führt dies denn auch clare et distincte aus/vor. (Mangold muss dies überschlafen haben.) Bereits zu Beginn seiner Darstellung geht Eilenberger hierzu detailliert auf das Großereignis II. Internationalen Davoser Hochschulkurse (März 1929) ein. Zurecht schreibt Eilenberger:

„Die Davoser Disputation zwischen Ernst Cassirer und Martin Heidegger gilt heute als einschneidendes Ereignis in der Geschichte des Denkens.“ (24)

Cassirer war eben nicht irgendwer, sondern einer der namhaftesten Philosophie-Professoren seiner Zeit! — Übrigens, Herr Mangold: Cassirer zu lesen ist ein intellektuelles Vergnügen…

Und dann meinte auch noch

Insa Wilke

etwas Kluges zum bisherigen Gerede beitragen zu müssen:

„Er [Eilenberger] benutzt ein Verfahren, das nicht so originell ist; das ist das konstellierende Verfahren. Das ist in der Essayistik inzwischen eigentlich durchaus gängig: also drei [??] Denkerinnen oder auch im letzten Buch drei [??] Denker, die man auf den ersten Blick nicht zusammenbringt, zusammenzustellen, nicht unter der Behauptung einer, eines kausalen Zusammenhangs, sondern er stellt einen Zusammenhang her.

Was diese Dummschwätzerin, die nicht bis vier zählen kann und auch in Logik wenig bedarft zu sein scheint, nicht begreift: Gemeinsamkeit und Unterschiede im Werk von Heidegger und Wittgenstein wurden (wissenschaftlich) mehrmals untersucht, auch Bezüge zwischen Cassirer und Heidegger wurden (nicht nur in Fachkreisen) diskutiert. — Eilenberger, z.B., geht dezidiert und detailliert auf das Gespräch Cassirer contra Heidegger in Davos ein. — Kurz gesagt: Sich im akademischen Betrieb bewegende Berufsphilosophen/-innen sind zwangsläufig miteinander im Kontakt: sie sind Konkurrenten/-innen um begrenzte Ressourcen.

Philosophen/-innen sind (zudem) eine Gemeinschaft aus/im Inter-esse. Heidegger:

„Der große Denker ist dadurch groß, daß er aus dem Werk der anderen »Großen« ihr Größtes herauszuhören und dieses ursprünglich zu verwandeln vermag.“ (33)

Übrigens, Herr Mangold: Der Außenseiter unter den vier genannten Meisterdenkern (Eilenberger) ist nicht Cassirer, sondern Benjamin! Denn:

„Aus akademisch-philosophischer Sicht ist Walter Benjamin im Jahre 1929 eine ausgesprochene Non-Entität.“ (33)

Ein wenig Faktenstudium würde nicht schaden…

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Anm. Die Davoser Disputation ist abgedruckt im Anhang zu Heideggers Werk Kant und das Problem der Metaphysik (1929) — das Heidegger als sein Kantbuch bezeichnete –, das er unmittelbar in Anschluss an die Davoser Hochschulkurse abfasste. — Das allein schon zeigt die Bedeutsamkeit der Disputation…

 

 

 

Was heißt radikal? – unter Beug auf Heidegger…

Martin Heidegger, Nietzsche, Erster Band, Klett-Cotta-Ausgabe, Stuttgart, 82020 (zitiert als I)

Martin Heidegger, Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis), Klostermann-Gesamtausgabe Bd. 65, Frankfurt a. M. 42014 (zitiert nach Abschn.)

Laura Beck, Change the World – Junge Weltretter, ttt, 4.10.2020

I

Das Wort radikal ist griechisch-römischen Ursprungs. Es geht zurück auf das griechische Wort ῥάδιξ, das im Lateinischen radix heißt – wobei im Schriftbild lediglich die griechischen durch lateinische Buchstaben ersetzt wurden. Im Deutschen sagen wir Rettich für eine Pflanze, die nur ein (einziges) Radix, eine Wurzelknolle, ist. Im Englischen heißt Rettich radish; im Französischen radis. In solch Sprachverwandtschaft kann man/frau unschwer unsere gemeinsame europäische Kultur des Pflanzens als in griechisch-römischem Erb-Boden gedeihend erkennen.

Auf Neugriechisch heißt radikal übrigens ριζικό, in lateinischen Buchstaben geschrieben Risiko (mit Betonung auf o) – ein Wort, das ebenfalls auf Altgriechisch ῥάδιξ zurückgeht. Alles Radikale wäre demnach Risiko behaftet. Und weiter: der Risikogesellschaft (Ulrich Beck), in der wir leben (weil wir uns nicht nur natürlichen, sondern auch selbst-geschaffenen Risiken aussetzen), wäre ein Bezug zur Radikalität immanent. Eine noch nicht gestellte Frage…

II

in seinem zweiten Hauptwerk „Beiträge zur Philosophie (vom Ereignis)“ zeigt Heidegger, warum Philosophie einen neuen, völlig anderen Anfang braucht. Aus seiner radikal neuen Perspektive, dass die abendländische Philosophie in die Seinsverlassenheit (die „der Grund der Seinsvergessenheit“ ist) geführt habe, (Abschn. 55, S. 114) plädiert er für einen Neuanfang, wobei dieser Neuanfang radikal anders sein müsse (um eine neue Geschichte, anders als die bisherige, begründen zu können). Die von der Metaphysik geprägte Philosophie von den Vorsokratikern bis heute sei zu verlassen. 2.500 Jahre abendländische Geistesgeschichte seien in der Philosophie Nietzsches, im Nihilismus, zu ihrem Ende gekommen,

„einzig durch Nietzsche [sei…] das Ende der abendländischen Metaphysik“ vollzogen worden. (Abschn. 85, S. 174) Es gelte „Nietzsche als das Ende der abendländischen Metaphysik [zu] begreifen“ (Abschn. 89, S. 176)

und zwar als Nihilismus:

„Nihilismus heißt: Die obersten Werte entwerten sich.“ (I, S. 23) – Für Heidegger ist der Nihilismus Nietzsches Resultat dessen, „was Nietzsche selbst früh als seine Aufgabe erkannte: der Umkehrung des Platonismus.“ (Abschn. 90, S. 182) –

Und da keine „geschichtliche Bewegung […] aus der Geschichte herausspringen und schlechthin von vorne anfangen“ kann, (eb.) braucht es „die neuen Philosophen“, die „nach Nietzsche [als] Versuchende“, nicht als (All-)Wissende!, „die obersten Werte setzen“. (I, S. 23)

In den 30er Jahren, in den Jahren des wachsenden, immer mächtiger werdenden und sich durchsetzenden Hitlerregimes erkannte/sagte er ex post, dass sein Werk „Sein und Zeit“ (veröffentlicht 1927) noch auf der Grundlage und im Fahrwasser der (alten) Philosophietradition geschrieben wurde und daher zwar radikal, aber nicht radikal genug für die anstehende/ausstehende, komplett neue Blickbahn gewesen sei. –

Übrigens kritisiert er in seinen „“Beiträgen“, seinem zweiten Hauptwerk, u.a. die nationalsozialistische Ideologie hinsichtlich der ihr zentralen Aspekte des Völkischen und des RiesenhaftTotalen pointiert scharf.

„der eigentliche Nihilismus ist: man will sich die Ziel-losigkeit nicht eingestehen. Und deshalb »hat« man plötzlich wieder »Ziele« und sei es nur, daß, was allenfalls ein Mittel für die Zielaufrichtung und Verfolgung sein kann, selbst zum Ziel hinaufgesteigert wird: das Volk z.B. Und deshalb ist eben da, wo man wieder Ziele zu haben glaubt, wo man wieder »glücklich« ist, wo man dazu übergeht, die bisher den »Meisten« verschlossenen »Kulturgüter« (Sinus und Seebadereisen) allem »Volke« gleichmäßig zugänglich zu machen, eben da, in dieser lärmenden »Erlebnis«-Trunkenboldigkeit, ist der größte Nihilismus“. (Abschn. 72, S. 139)

Das Hitlertum sieht er als Teil eines überkommenen-altmodischen, nicht zukunftsorientierten Denkens. Heideggers (freilich nur in der Abgeschiedenheit seiner Berghütte, etc. vorgetragener) „Punk“ basiert auf Nietzsches Nihilismus. Selbst der Nihilismus unserer Punk-Generationen (ab Mitte der siebziger Jahre) ist nur eine Nachwirkung der von Heidegger konstatierten Machenschaften in unseren Gesellschaften.

III

Als die Perser 480 v. Chr. Athen eroberten, verbrannten sie die Akropolis. Doch schon einige Tage später begann der dort mitverbrannte Olivenbaum – den dem Mythos zufolge die Göttin Athene den Athenern als Geschenk vermacht hatte – neue Blätter zu treiben. Das heißt: (Selbst verbrannte) Pflanzen können sich regenerieren. Will man/frau eine Pflanze radikal zerstören, so muss man/frau sie vollständig ausgraben und vor allem ihre Wurzeln (lat. radices) zerstören. Denn Pflanzen beginnen zu leben, indem sie Wurzeln bilden (lat. radices agere). Solange die Wurzeln einer Pflanze leben, lebt sie weiter. Sogar Zähne leben so lange, wie ihre Wurzeln da sind. –

Hierzu zwei Aspekte aus Heideggers Philosophie nach Sein und Zeit:

      • Zum einen: die Wurzelmetaphorik im Streit Erde vs. Welt unter Bezug auf das Verstehen:

Das „Verstehen [ist] als Entwurf ein geworfener […] gewurzelt in der Erde, aufragend in eine Welt.“ (Abschn. 138, S. 259)

Begriffe, die nicht entsprechend gegründet werden, nennt Heidegger folglich ‚entwurzelte Begriffe‘. So sind für ihn

„Erörterungen über essentia und existentia […] ein leeres Geschiebe entwurzelter Begriffe.“ (Abschn. 150, S. 272)

      • Zum andern: Heidegger betrachtet Zeit als etwas, das im Zeit-Raum stattfindet. Doch im Gegensatz zu Einstein verbleibt für ihn das Gefüge von Raum und Zeit unter dem Primat der Zeit; er verräumlicht die Zeit, aber er verzeitigt nicht (bzw. nur andeutungsweise) den Raum:

Das „Durchdenken der Zeit bringt sie in der Bezogenheit auf das Da des Da-seins mit der Räumlichkeit des Da-seins und somit mit dem Raum in wesentlichen Bezug […] Aber Zeit und Raum sind hier, an der gewöhnlichen Vorstellung von ihnen gemessen, ursprünglicher und vollends der Zeit-Raum, der keine Verkoppelung, sondern das ursprünglichere ihrer Zusammengehörigkeit.“ (Abschn. 95, S. 189)

und

„Die Zeit als entrückende-eröffnende ist in sich […] zugleich einräumend, sie schafft »Raum«. Dieser ist nicht gleichen Wesens mit ihr, aber ihr zugehörig, wie sie ihm.

Raum muss aber auch hier ursprünglich als Räumung begriffen sein (wie sich diese in der Räumlichkeit des Da-seins anzeigen, aber nicht voll ursprünglich begreifen läßt).“ (Abschn. 98, S. 192)

IV

in der aktuellen Politik sieht man/frau einen derart radikalen Ansatz in der Bewegung „Fridays for Future“. Es begann unspektakulär mit Protesten eines einzelnen kleinen, unscheinbaren, schüchternen Schulmädchens namens Greta Thunberg irgendwo in Europa. In wenigen Wochen erwuchs daraus eine weltweite Bewegung. Und noch immer eint all die Protestierenden einzig die ursprünglich nur von einer Einzelnen vorgetragene Forderung nach einem radikalen Wechsel der Klimapolitik. Sie alle haben ein gemeinsames Ziel. Doch wie es erreicht werden könnte, wissen sie nicht. Die Umsetzung ihrer Forderung in Politik sehen sie nicht als ihre Aufgabe an. Wohl aber das Engagement in konkretem Handeln wie z.B. Müllbeseitigung, und Entwicklung technischer Lösungen (siehe ttt-Beitrag von Laura Beck). –

Auch Heidegger stellt eine radikale Forderung. Er sieht es als nötig an, dass die Philosophie neu anfange. Der wesentliche Grund hierfür sei die „Seinsverlassenheit, näher gebracht durch eine Besinnung auf die Weltverdüsterung und Erdzerstörung“. (Abschn. 56, S. 119) Er skizziert diesen anderen Anfang (u.a. in den Beiträgen) vor, aber er formuliert die entsprechende Philosophie nicht aus. Er sagt, dass dies die Aufgabe für die Zukünftigen sei. (siehe insbes. Abschn. 45, S. 96ff.) –

Im Gegensatz zu den bereits politisch etablierten „Grünen“ sind die „Fridays for Future“-Aktivisten (noch) keine Politiker/-innen. Doch vergessen wir nicht: auch die Grünen waren in ihren Anfängen – lange vor der Wiedervereinigung – eine radikale Bewegung: für Frieden, gegen Atomkraft, usw. Doch jetzt agieren sie als Partei – ähnlich wie andere Parteien. (Derzeit rangieren sie in Umfragen sogar als zweitstärkste Kraft nach der CDU/CSU.) –

Doch vergessen wir nicht, dass das Vergleichen, so Heidegger, bereits der erste Schritt sei, um das Verglichene anzugleichen, ja identisch zu machen:

„Alles Vergleichen ist aber im Wesen ein Gleichmachen, die Rückbeziehung auf ein Gleiches, das als solches gar nicht ins Wissen kommt, sondern jenes Selbstverständliche ausmacht, aus dem alles Erklären und Beziehen seine Klarheit nimmt.“ (Abschn. 76, S. 151) –

Siehe auch die Ansätze der Gleichschaltung, der totalen Konformität, etc. die das Hitler-Regime radikal umsetzte und dessen Machenschaften Heidegger als Zeitzeuge beobachtete und (zumindest) öffentlich nicht kritisierte (anfangs sogar als Neuanfang begrüßte):

„Die totale Weltanschauung muß sich der Eröffnung ihres Grundes und der Ergründung ihres Reiches ihres »Schaffens« verschließen; d. h. ihr Schaffen kann nie ins Wesen kommen und zum Über-sich-hinaus-schaffen werden, weil die totale Weltanschauung damit sich selbst infrage stellen müßte. Die Folge ist die: das Schaffen wird im vorhinein ersetzt durch den Betrieb. Die Wege und Wagnisse einstmaligen Schaffens werden in das Riesenhafte der Machenschaft eingerichtet, und dieses Machenschaftliche ist der Anschein der Lebendigkeit des Schöpferischen.“ (Abschn. 14, S. 40f.)

V

Eine andere Spielart von Radikalität besteht darin, zu den Wurzeln historisch/geschichtlich zurückzugehen/zurückzukehren und das Leben von neuem zu beginnen. Auslöser für diese Rückbewegung ist ebenfalls die Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Doch im Unterschied zu der vorab genannten Spielart geht es hier nicht darum, die (bisherige) Tradition zu verlassen, sondern sie zu desavouieren. –

Heidegger betont ausdrücklich, dass die neue Blickbahn (des anderen Anfangs) die bisherige (des ersten Anfangs) nicht abwehrte (sondern grundlege):

„die Ab-setzung des anderen Anfangs gegen den ersten [ist…] niemals »Verneinung« im gewöhnlichen Sinne der Abweisung und gar Herabsetzung.“ (Absch. 90, S. 178)

„Die Rede vom Ende der Metaphysik darf nicht zur Meinung verleiten, die Philosophie sei mit der »Metaphysik« fertig, im Gegenfall: diese muß ihr jetzt erst in ihrer Wesensunmöglichkeit zugespielt und die Philosophie selbst so in ihren anderen Anfang hinübergespielt werden.“ (Abschn. 85, S. 173) –

Ein Beispiel hierfür ist der Islamische Staat (IS). Seiner Ideologie zufolge entspreche der zur Zeit gelebte Islam nirgendwo der vom Propheten Mohammed geforderten Praxis. Die Geschichte des Islam sei eine Geschichte des Ab-/Verfalls. Es sei geboten, die islamische Bewegung neu zu beginnen. Vorbild für den Neuanfang ist das Leben, wie es Mohammed und sein Gefolge (einst) führten.

Doch die Rückkehr zu den Anfängen muss nicht Jahrhunderte an Geschichte voraussetzen. Die diversen Neonazi-Bewegungen sehen sich als Nachfolger des Hitler-Regimes, das 1945, vor weniger als einem Jahrhundert, unterging. –

Heidegger zufolge gründen alle radikalen Bewegungen im (von Nietzsche prophetisch angekündigten und vorformulierten) Nihilismus. Machtgeile Führer wie Trump, Putin, Erdoğan, Lukaschenko usw. sind nur möglich als Emporkömmlinge, Helden aus nihilistischem Umfeld. Sie sind Gefangene ihrer eigenen Machenschaften. Sie bedürfen ihrer Unterstützer, die sie möglichst zahlreich um sich scharen, um sich und ihnen die Macht und damit die Machenschaften als Erwerbsgrundlage (noch) möglichst lange zu erhalten. Ein Pakt auf Gegenseitigkeit…

Th. Hitzlsperger erhält Bundesverdienstkreuz für Schwulsein-Bekenntnis

Der Bundespräsident, Ordensverleihung „Vereint und füreinander da“, 1.10.2020

Top-Schiri setzt mit Coming-Out ein Signal, zdf heute, 27.10.2020

Clemens Zerling, Vom phallischen Hermes zum weisen Hermes Trismégistos, Basel u.a., 2019

Martin Heidegger, Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis), Frankfurt a. M., 42014 

I

Der Bundespräsident verlieh am 1. Oktober 2020 das Verdienstkreuz am Bande u.a. an Thomas Hitzlsperger mit folgender Begründung:

„Der ehemalige Profifußballer und Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat sich bereits während seiner aktiven Laufbahn für Toleranz sowie für soziale und bildungspolitische Projekte engagiert. Durch sein öffentliches Coming-out 2014 als erster ehemaliger Fußballnationalspieler in Deutschland hat er das Thema Homosexualität im Fußball und Sport enttabuisiert und zu einer breiten und sachlichen Debatte über Diskriminierung im Sport beigetragen. Thomas Hitzlsperger ist seit 2017 Botschafter für Vielfalt beim DFB. Außerdem zeichnet er sich durch großes ehrenamtliches Engagement aus – für den Verein „Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“, das Projekt „Fußball für Vielfalt – Fußball gegen Homophobie und Sexismus“ sowie für Township-Kinder in Südafrika. Sein Engagement zeigt, wie wichtig der Abbau von Vorurteilen für ein gelingendes Zusammenleben in einer offenen Gesellschaft ist.“ (im Original kein Fettdruck)

Hitzlsperger erhält den Preis also nicht für seine sportlichen Erfolge, sondern lediglich dafür schwul zu sein und dies öffentlich zu verlautbaren: Schaut her, was für ein toller Hecht ich bin! Ich bin anders als ihr. Ich bin schwul, SCHWUL! Und darauf bin ich stolz! Das macht mich euch überlegen, ihr ach so gewöhnlichen Heteros. Ich bin was Besonderes, Einzigartiges. Küsst mir gefälligst den Arsch, ihr gemeines Pack.

Und Dödel Steinmeier? — Er fühlte sich bemüßigt, der Einladung voll Freude nachzukommen…

Schade, dass sich Hitzlspergers norwegischer Fußballfreund Tom Harald erst nach Steinmeiers Verleihung des Ordens outete. Schlechtes Timing! So konnte er — wie schade aber auch — nicht mit aufs bundespräsidiale Podest gehoben werden, und ihm blieb nur ein deutscher Solidaritäts-Gruß zum Trostpreis: 

„“Die Zeit ist reif“: Der norwegische Spitzenschiedsrichter Tom Harald Hagen hat sich  [nach der Pensionierung] als schwul geoutet – und wird in seiner Heimat von Sport und Politik als Vorbild gefeiert.“ 

II

Da unsere Politiker ja so gern vom griechisch-jüdischen Erbe Europas schwadronieren – freilich ohne allzu viel Ahnung davon -, sei mal in Kürze an die Gepflogenheiten der alten Griechen erinnert. Die griechischen Stadtstaaten waren Männergesellschaften. Männer dominierten das öffentliche Leben. Bis auf wenige Ausnahmen waren Frauen, Kinder und Sklaven unterprivilegiert. Sex war allgegenwärtig. Zum Beispiel: Vor den Häusern standen Hermen: dreieckig oder rechteckig geformte Hölzer oder zugehauene Steine mit erigiertem Penis im Zentrum zur Gefahrenabwehr…

Zwar war Schwul-sein widernatürlich, da dieser Sex nicht der Reproduktion dienlich war. Doch Schwul-sein kam durchaus vor. Und da alles, was vorkommt, als göttlich angesehen wurde, musste die Banalität schwuler Liebe zu Schönem, Gutem und Wahrem erhöht werden, um es allgemein ethisch akzeptabel zu machen. So erfand Mann die Knabenliebe…

Doch keiner der alten Griechen wäre wohl je auf die absolut abartige Idee verfallen, jemanden für sein Schwul-sein zu ehren. Pindar schrieb Lieder auf Wettkampfsieger. Ob schwul oder nicht: interessierte nicht! Weder den Sänger, noch den Geehrten, noch des Sängers und Geehrten‘ Publikum!! — Schwulitäten waren höchstens geeignet zum Possenreißen in der attischen Komödie…

Als Gott Hermes – die Hermen sollen des Gottes Anwesenheit evozieren und „erzählen von frivolem Tabubruch und von unbedenklichem Überschreiten jeglicher Grenzen“ (Zerling, S. 18) – den olympischen Göttern seinen Sohn vorstellte, lachten sie alle, die anwesenden Götter, weil einerseits er so lächerlich war, aber anderseits sein Papa so stolz. Und weil alle lachten, erhielt er den Namen Pan (hier im Sinne von alle). Und so wie unter den Göttern Vielfalt herrscht, so auch in der Natur… (siehe u.a. Zerling, S. 19)

III

Wie armselig sind wir Heutigen hingegen, dass wir jemanden für seine confessiones schwul zu sein lobpreisen und – damit verbunden – schwul zu sein zu einem schützenswerten Gut erklären: weil wir quantifizierend alles, was einen Minderheitsstatus reklamiert oder auch nur reklamieren könnte, per se für etwas qualitativ Besonderes, Hochwertiges rechnen.

Heidegger: Das „Viele als Seiendstes [kann] nur sein in der Weise des κοινόν, d. h. in der κοινωνία unter sich.“ (Abschn. 110, Nr. 4, S. 209) Also: Gemeinschaft ist per se vielfältig; op Kölsch gesaht: Jede Jeck is anders. Das nennt man/frau schlichtweg Normalität, Herr Steinmeier!

Unser Teil-Ganzes-Gefüge (ἓν ϰαὶ πᾶν) ist aus den Fugen geraten. Kann fernöstlich-japanisches Kintsugi helfen (wie die DZ Bank mit ihrer Reklame erhofft)??

Niklas Maaks Kritik an „Technophoria“

Andreas Krieger, Künstliches Meer in der Sahara und vollvernetzte Städte, ttt, 19.7.2020

Laut Andreas Krieger „erzählt“ Niklas Maaks Roman

„Technophoria“ […] vom ewigen, sinnlosen Traum der Herrscher, die Erde nach ihrem Wunsch zu formen und die Schwachen zu unterwerfen. Die Herrscher: sind vielleicht bald die Maschinen. Die Diener: wären dann wir.“

Leider ist der Roman – als Roman! – konzeptionell wenig überzeugend. Das Pro und Contra der Technik-Phorie und ihrer machenschaftlichen Umsetzung wird nicht in eine stringente Handlung überführt. Zudem sind die Roman-Charaktere wenig detailliert und nicht authentisch ausgestaltet.

Das ist schade: Denn Maak zählt zu denen, die über KI – insbesondere in ihrer smarten Spielart – nicht nur schwafeln, sondern intensiv nachdenken.

In Kriegers Beitrag (für ttt) sind folgende 5 höchst bedenkenswerte Zitatblöcke Maaks eingewebt:

I – Ziel smarter Technologie, allgemein

„Das Ziel der ganzen smarten Technologien ist das, dass man dem Menschen, wenn man es freundlich macht, seine Wünsche von den Augen abliest oder aus den Gedanken abliest. Unfreundlicher oder realistischer müsste man sagen, das Ziel ist, ihn komplett vorausberechenbar zu machen. Die Internetkonzerne wollen schon wissen, was wir übermorgen wollen, ja, und erzählen uns dann auch, was wir wollen. Das heißt: der Preis dieser ganzen Komfort- und Sicherheitstechnologien ist, dass wir in unseren freien Entscheidungen immer mehr geändert werden.“

II – Umbau der Städte zu smart cities

„Der Umbau all unserer Städte in smart cities ist eigentlich das größte ökonomische Programm seit Erfindung des Kapitalismus. Man kann sagen: am Ende als dessen, was sozusagen der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, Industriekapitalismus ökologisch angerichtet hat, kommt jetzt der ökologische Umbau der Städte, wo alles rausgerissen wird aus den Städten, was da verbaut wurde, von Fassaden, Dämmungen, Straßen, Autos: Alles was in den letzten hundert bis zweihundert Jahren darein gesteckt wurde, muss raus und wird ersetzt durch eine Palette von neuen Produkten. Das ist natürlich ein absurd großer Markt.“

III – Überlegungen zur Flutung der Kattarasenke

Krieger: „Achtzig Kilometer von der Mittelmeerküste liegt in der Sahara die Kattarasenke mit dem tiefsten Punkt Afrikas von minus hunderteinunddreißig Meter.“

Maak: „Und die Idee war immer, dass man diesen kleinen, gar nicht großen Weg überbrücken kann. Dann fließt aus dem Mittelmeer das Meer in die Kattarasenke rein. Kattara ist sicherlich eins der großen Weltumbauprojekte gewesen [!] mit enormem Potenzial. Wenn man sich vorstellt, wenn es klappt, [!] hat man da ein Meer, an dem Städte gebaut werden können, Handel getrieben werden kann, eine ökologische Industrie entstehen kann, weil man mit Wasserenergie diese Industrien speisen kann. Das ist ein enormes Potenzial. Wenn es schief geht – es gibt auch Skeptiker, die sagen, dann gerät das gesamte meteorologische Gleichgewicht auseinander; und diese Wolken ziehen vielleicht gar nicht über die Sahara, wo sie segensreiche Wirkung entfalten könnten, sondern sie ziehen nach Europa. Dann haben wir in Europa für die nächsten sechshundert Jahre eine Dauerregenzeit.“

IV – Begegnung mit dem Gorilla: eine Intervention

„Der Mensch geht in den Dschungel und trifft den Gorilla und ist ganz gerührt, weil er glaubt, er hat die ganze Welt zum Guten repariert, ja, und plötzlich sieht er aber, das ist gar kein archaisches Paradies. Der Gorilla ist nicht mehr das unberührte Tier, von dem er geträumt hat. Der Gorilla ist selber jetzt neugierig und verändert sich auf eine Weise, die der Mensch nicht kontrollieren kann. Also schon wieder läuft er in dem Moment, wo er glaubt, jetzt haben wir ‘s geschafft, in eine Situation rein, wo alles sich radikal verändert, und er kann ‘s nicht mehr kontrollieren.“

V – Inkorporation in smarte Welt(en)

„Ja, man kann sagen, dass uns die Roboter und die Computer immer nähergekommen sind, dass wir erst den Computer als ein Gegenüber wahrgenommen haben. Dann war plötzlich an unserer Hand in Form eines Mobiltelefons, einer smart watch. Dann wurde es schon Teil des Körpers und fraß Teile des Körpers an. Und plötzlich müssen wir feststellen: wir sitzen im Roboter. Wir sind vom Roboter aufgefressen worden. Wir sitzen in Häusern, die Roboter sind. Wir sitzen in Autos, die uns in all unserem Handeln überwachen. Das heißt: wir sind in der unangenehmen und unkomfortablen Situation, dass die sogenannten smart homes, smart cities, die uns ja dienen sollen und unser Leben einfacher und bequemer und sicherer machen sollen eigentlich Geräte sind, ja, dramatisch könnte man sagen: Monster, die uns verschluckt haben. Wir sitzen drin, und jetzt wird‘s schwierig, einen Ausgang zu finden.“

Maaks Befund ist konsequent dystopisch, aber so: dass er auch Gedanken-Spielräume für die Entwicklung von Gegenszenarien zulässt und einfordert. Denn noch sind die Prozesse nicht unumkehrbar und die Freiheit unseres Willens ist noch nicht perdu…

Doch wie gesagt: In seinem Roman gelingt es Maak leider nicht, sein Vorhaben clare et distincte auszuführen. Schade!!

— Selbst, wenn wir wollten, wir können uns der Sorge gar nicht entziehen. Nutzen wir dies, unser (existenzialontologisches) eigenstes Potenzial!!

Migrantenfeindliche Übergriffe der Frankfurter Polizei

Otobong Nkanga über unser Verhältnis zur Natur, ttt, 19.7.2020

Frankfurt erlässt nach Krawallen Betretungsverbot für Opernplatz, Welt online, 20.7.2020

Nicolai Hagedorn, Ein strukturelles Problem, neues-deutschland.de, 1.1.2019

Was steckt hinter den Gewaltausbrüchen?, tagesschau.de, 20.7.2020

— I —

In einem in ttt am 19. Juli ausgestrahlten Beitrag äußert(e) sich Otobong Nkanga zum Thema Migration:

„Es geht ihnen [den Migranten] doch nicht unbedingt um den neuen Ort oder die Menschen dort, sondern sie möchten sich im Land verwurzeln. Sie wollen vielleicht nicht die Kultur übernehmen, nicht das Essen, aber sie brauchen Boden, um ihr Essen anzubauen. Das sind ganz verschiedene Denkweisen, ob man nun annimmt, jemand müsse sich dort integrieren, wo er lebt, oder ob er an einem Platz kommt, um ihn zu gestalten und seine eigenen Bedürfnisse anzupassen. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge.“

Wie schön, dass eine Schwarzafrikanerin mal klar sagt, was die ach so süßen Flüchtlinge nach Europa zieht: Sie wollen hier Fuß fassen, Wurzen schlagen, sich reproduzieren und genauso weiterleben, wie sie es aus ihren Herkunftsländern gewohnt sind!! — Wie sagte einst Erdoğan so schön:

„Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“

Seid zahlreich und mehret euch, bis Deutschland unser ist.

Nur unser verblödet-naives Multikulti-Gutmenschenpack weigert sich beharrlich, das zu sehen:

Nicht sein kann, was nicht sein darf. 

— II —

Zuletzt in Frankurt kam es in der Nacht vom 18. zum 19. Juli zu einer Randale, an der sich überwiegend aus dem Umland angereiste Migranten beteiligten:

In der Nacht zum Sonntag war es auf dem Opernplatz in Frankfurt zu Ausschreitungen gekommen. Nach Angaben von Polizeipräsident Gerhard Bereswill wurden die Einsatzkräfte aus der Menge mit Flaschen angegriffen, obwohl sie deeskalierend gehandelt hätten. Mindestens fünf Beamte seien verletzt, mehrere Polizeifahrzeuge seien beschädigt worden. 39 Personen wurden festgenommen.

Die 39 festgenommenen Personen hätten überwiegend Migrationshintergrund, sagte Polizeipräsident Bereswill bei der Pressekonferenz. „Das reicht von Syrien, Türkei bis zu Spanien und Marokko.“ Es handele sich um 38 junge Männer und eine Frau. Sie seien zwischen 17 und 23 Jahre alt.

Die Personen der Gruppe seien überwiegend polizeilich bekannt, unter anderem wegen Körperverletzung, Diebstahlsdelikten und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Zum Teil seien die Personen alkoholisiert gewesen. Von den 39 Personen seien lediglich zehn Personen in Frankfurt wohnhaft. Gegen die Verdächtigen laufen Ermittlungen wegen schweren Landfriedensbruchs, Körperverletzung und versuchter Körperverletzung.“ (im Original kein Fettdruck)

Übrigens: Alle 39 Randalinskis wurden umgehend von der Justiz wieder auf freien Fuß gesetzt. Sind doch alle ach so süß, die Schläger, insbesondere die ach so süßen Flüchtling-Zuckerpüppchen unter ihnen!

Kann aber auch sein, dass die Haftrichter — wie Durchblicker Daniel Loick bereits vor über einem Jahr — das fiese Spiel der Polizei durchschauten:

„Daniel Loick ist Fellow am Center for Humanities and Social Change in Berlin. Soeben hat er im Campus-Verlag das Buch »Kritik der Polizei« herausgegeben, das sich u.a. mit polizeilichem Rassismus und mit der Frage von Polizei und Rechtsstaatlichkeit auseinandersetzt.“ (im Original kein Fettdruck)

Loick stellte damals bereits fest:

„Betroffenenverbände und Opfergruppen weisen schon seit sehr langer Zeit auf den Rassismus bei der Polizei hin.“

Nun ist ’s klar: Die im TV gezeigten Videos der Randale sind allesamt fake! Die Randale ging eindeutig von der durch und durch rassistischen Polizei aus! Die Polizei-Provokationen (z.B. einem Verletzten zu Hilfe kommen zu wollen) wurden (wieder mal) unterschlagen!! Die gegen die Polizei Agierenden hatten also alles Recht auf ihrer Seite: Sie mussten sich gegen die rassistisch-migrantenfeindlichen Übergriffe der Polizei wehren. Ihr gutes Recht!

— III —

Wird also Zeit, dass die Legislative alsbald einschreitet und der Polizei asap und absolut, striktest untersagt, Migranten auch nur in die Nähe zu kommen!!

Und außerdem sollte es von Staats wegen allen Staatsorganen, der Presse und allen Bürgerinnen und Bürgern verboten werden, Unschönes, id est Unwahres*, über Migranten zu sagen:

„Die Vorfälle in Frankfurt erinnern an die Krawalle in Stuttgart Ende Juni: Dort hatte es Auseinandersetzungen auf dem Schlossplatz zwischen Feiernden und der Polizei gegeben, an denen mehrere Hundert Menschen beteiligt waren. Im Anschluss war die Polizei in die Kritik geraten, weil sie bei ihren Ermittlungen auch das Umfeld der Verdächtigen und deren familiären Hintergrund – zum Beispiel die Nationalität der Eltern – untersuchte.

Kritik an Äußerungen zu Migrationshintergrund der Verdächtigen

Auch in Frankfurt gibt es Kritik über die Äußerungen zum möglichen Migrationshintergrund der Randalierer. Der Frankfurter Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel (SPD) bezeichnete sie als völlig verfehlt.“

Gut dass wir in deutschen Parlamenten integre Persönlichkeiten —: da mit Migrationshintergrund — wie Turgut Yüksel — vom Namen her unschwer als Türke identifizierbar — sitzen haben, die ungeniert Migrationslobbying betreiben (dürfen): auf dass die Maulkorbgesetze rasch kommen mögen!

* Wenn Platon recht hat und das Wahre, Gute und Schöne identisch sind, so sei denn auch der Analogieschluss dem Idealisten wohlfeil, dass das Unwahre, Ungute und Unschöne identisch sind. Also spricht der Gutmensch: Über wen oder was Unschönes zu sagen, ist a priori unwahr. Nur Schönes ist Wahres. — Wir sehen (wieder mal), Primitivphilosophie kann durchaus nützen.

Übrigens: Ein von der bloßen Richtigkeitsthematik entkoppeltes Wahrheitsverständnis gibt Heidegger in Vom Ereignis (abgefasst zwischen 1936-38): „Wahrheit [als Wahrheit des Seyns] »ist« als Da-gründung und Da-sein.“ (329)

 

ttt-Philosoph Precht doziert über den Sinn des Lebens

Richard David Precht, Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens, ttt, 21.6.2020

Anlässlich seiner neuesten Großtat, ein Buch über den Sinn des Lebens veröffentlicht zu haben, durfte Star-Philosöphchen Richard David Precht mal wieder seine quak-quak-Weisheiten einem sich als ach so erlaucht und Kultur-affin gerierenden Fernsehpublikum kundtun. Um dieses zum Kauf zu animieren, also es einerseits nicht zu überfordern und andererseits dessen Vorfreude-Appetit in die Länge zu ziehen, wurde der Prechtsche Vortrag in sechs Häppchen gestreckt serviert.

Kanapee 1

„Wir haben es mit zwei Linien zu tun. Die eine Linie ist: wir machen unser kapitalistisches System so weiter wie es bisher ist, also Super- und Turbokapitalismus-extensives Wachstum. Dann wird es dazu führen, dass wir in einer sehr überschaubaren Zeit die Erde restlos zerstört haben.

Welch grandios neue Erkenntnis!

Die andere Variante ist, wir schaffen es, den Menschen so zu verändern, dass er auf die Erde nicht mehr wie im bisherigen Maß angewiesen ist. Das heißt wir schaffen einen Übermenschen.

Wie? à la Nietzsche? — Wohl nicht, eher als: Nach-Mensch…

Das ist, was im Silicon Valley viele Leute beseelt. Es gibt viele große IT-Gurus im Silicon Valley, die genau das wollen: dass wir keine biologischen Lebewesen mehr sind, sondern dass wir unsere Intelligenz, unser Bewusstsein in Silizium pressen und dass wir auf alternativen Datenträgern überleben können.“

Cui bono? — Was aber, bittschön, hätten denn all die Silicon Valley-Unternehmen davon? Silizium, das von anderem Silizium Daten kauft? Wozu? Womit? — Welch absurdes Gefasel…

Kanapee 2

„Der große Treiber der digitalen Revolution ist es, noch in jene Bereiche vorzudringen, in die der Kapitalismus bislang nicht hat vordringen können. Das ist zum ersten die feine Unterwäsche des Bewusstseins mit Sensoren auf der Haut, Emotionen zu erforschen und dann sofort immer zu wissen, was jemand fühlt, was jemand denkt, um ihn mit allen erdenklichen Produkten voll zu knallen und versuchen an den Mann und die Frau zu bringen. Das ist im Moment der Haupttreiber der gesamten Entwicklung. Und dieser Treiber geht auf Expansion: auf mehr Konsum, auf mehr Verbrauch und so weiter. Das heißt, wir machen im Augenblick überhaupt keinen sinnvollen Gebrauch zum großen Teil von Künstlicher Intelligenz, sondern in weiten Bereichen weiterhin begehen wir Ressourcen-Raubbau.“

Wissen wir. Wo aber ist der Mehrwert der von Precht verkauften Weisheit? — Fehlanzeige.

Kanapee 3

„Wenn es aber irgendwann soweit ist, dass die Einstellung in eine Firma abhängig ist von der Expertise Künstlicher Intelligenz, wenn ich die Frage, ob ein Strafgefangener begnadigt wird, abhängig mache von dem, was eine Maschine errechnet, wie hoch die statistische Wahrscheinlichkeit ist, dass er wieder straffällig wird, wenn ich in eine Welt gehe, in der tatsächlich Roboterautos herumfahren, die nach „lebenswert“ die Menschen einschätzen, dann lebe ich tatsächlich in einer Welt, in der Freiheit sehr viel geringer ist als sie jetzt ist. Und ich denke, wir sollten dafür kämpfen, dass es zu einer solchen Welt nicht kommt.“

Richtig. Doch das ist unbestritten. Wozu also (nochmals) ausplaudern?

Kanapee 4

„Künstliche Intelligenz ist im weitesten Sinne vielleicht intelligent. Sie verfügt eigentlich überhaupt nicht über Verstand und nicht entfernt über Vernunft, und damit unterscheidet sie sich von menschlicher Intelligenz gravierend.

Ja, ist KI nun intelligent oder nicht? Und wenn ja, inwiefern?

Was sie unterscheidet ist, dass sie zu sich „ich“ sagt. Nur weil der Mensch emotional ist, sagt er zu sich ich. Das ist keine Intelligenzleistung, das ist eine ganz, ganz tief verwobene emotionale Leistung.

Ja, aber was ist dann Intelligenz überhaupt?

Wir haben ein Ich-Zentrum quasi, ein gefühltes ich-Zentrum. Das ist ein ganz großer Unterschied. Ein weiterer Unterschied ist, dass Menschen leben nicht so gerne in der Gegenwart.

Wenn dem so ist: Warum hängen wir dann so sehr an unserem Leben? Warum sorgen wir uns ständig, jeden einzelnen Augenblick? Warum haben wir Angst? insbesondere vor dem Tod?* —

Nur Islamisten (und ähnlich Ver-rückte) träumen vom Jenseits, vom Paradies: 72 Jungfrauen, die nach Gebrauch augenblicklich (!) wieder zu Jungfrauen werden. Welch großartig göttliche Perspektive…

Das unterscheidet uns völlig von künstlicher Intelligenz. Den größten Teil des Tages hängen wir Erinnerungen nach, machen uns Gedanken, was wir morgen machen, was wir in der Zukunft sein wird und so weiter.

Ja, aber Zukunft und Vergangenheit sind nur (je im Augen-blick) gewärtigend erschlossen, wobei „Existieren im wie immer entworfenen Sein-können primär zukünftig“ ist. (Heidegger, Sein und Zeit, §68a, Abschn. 5, S. 337)

Und weil wir so sind, sind wir auch fiktionsbedürftig. Menschen haben ein großes Interesse, gar nicht im Hier und Jetzt zu sein, sondern woanders zu sein. Und wenn man diese ganzen Aspekte des Ich, die Fiktionsbedürftigkeit, die Emotionalität sieht, dann kommt ein unglaublich faszinierendes Lebewesen am Ende dabei raus. Und damit verglichen ist Künstliche Intelligenz wirklich eine sehr, sehr bescheidene, auf ihre Art und Weise großartige Leistung,

Bescheiden, sprich gering / klein, und doch großartig: wie soll das zusammengehen?

aber doch nicht ansatzweise mit der menschlichen Leistung, all diese verschiedenen Impulse miteinander zusammen zu bringen und sowas hervorzubringen wie Glück oder wie Sinn überhaupt nicht vergleichbar.“

Als ein Anwärter auf einen Philosophie-Lehrstuhl einst seine Bewerbungsunterlagen vorlegte, studierte ein Berufungskommission-Mitglied dessen Publikationsliste, sah unter der Rubrik Bücher den Eintrag „Vom Sinn des Lebens“ und kommentierte süffisant: „Den wüsste ich auch gern.“ — Akademische Selbst-Diskreditierung pur.

Kanapee 5

„Das entscheidende am Menschen ist, dass menschlicher Wille von seiner Leiblichkeit ausgeht, und da die Roboter in dem Sinne keine physische Leiblichkeit haben, haben sie auch keinen Willen. Auch die Notwendigkeit eines solchen Willens besteht überhaupt nicht. Es ist ja tatsächlich so, dass der Mensch von seinem Willen gesteuert wird und nicht von seiner Intelligenz. Also von David Hume haben wir die wichtige Erkenntnis, dass die Willensimpulse letztlich darüber entscheiden, was wir tun, und dass der Verstand so etwas ist wie eine Marketingabteilung, die im Nachhinein legitimiert, was die Gefühle vorher entschieden haben.“

Statt Neues zu bieten, also Rückgriff auf Alt-Hergebrachtes, Hume…

Kanapee 6

„Also auf der einen Seite ist es nachvollziehbar, dass der Mensch sich qua Technik aus der brutalen Willkürherrschaft der Natur befreien wollte. Er hat aber den Fehler gemacht, sich der Natur so entgegenzusetzen, als hätte er mit ihr nichts mehr zu tun, als sei er eben das andere der Natur. Und das ist natürlich in der ökologischen Katastrophenzeit, in der wir leben und die auf uns zukommt,

Wieder mal Prechtsche coincidentia oppositorum, nur dass die Aufhebung ausbleibt…

ist das natürlich grundfalsches Denken. Wir müssen wieder lernen, dass wir ein Teil der Natur sind. Und wir müssen lernen, dass wir nicht näher mit Maschinen verwandt sind als mit der Natur, sondern dass wir in der Natur auch dann einbehalten sind, wenn wir über vielerlei technische Möglichkeiten verfügen. Und ich glaube, dieser neue Blick, und selbst wieder als Teil der Natur zu sehen, ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass wir diesen Planeten tatsächlich noch retten können.“

Auch das: nichts Neues.

Summa summarum: 6 neue Prechtsche Kanapees: wie immer adrett aufgebacken und süß verpackt, aber — nach Reinbeißen extrem inhaltsleer und fad.

(Ganz anders: Das Interview von Gert Scobel mit Björn Schuller über (angewandte) KI in der Corona-App auf Kulturzeit, 15.6.2020: präzise Fragen von Scobel, detaillierte und (wissenschaftlich/technisch) präzise Antworten von Schuller)

*Für Heidegger ist der Tod in die Daseins-Hermeneutik miteinzubeziehen (s. v. Herrmann, Transzendenz und Ereignis…, Würzburg 2019, S. 59), nicht aber das Nach-Tod-sein…

Kulturzeit feiert Christian Martys Lobpreisung der Idiotie

Cécile Schortmann im Gespräch mit Christian Marty über Narren in der Gegenwart, Kulturzeit, 5.6.2020

Hans Blumenberg, Das Lachen der Thrakerin. Eine Urgeschichte der Theorie, Frankfurt am Main 1987

Platon, Θεαίτητος

I

Die Verkündung:

„Kulturzeit-Gespräch mit Ideenhistoriker Christian Marty über die Rolle des Idioten und seine Übertragbarkeit und Bedeutung in der heutige Zeit.“

Wir gratulieren zu dem herrlichen Deutsch in obigem Satz.

II

Zur Begründung:

Auf die Frage: „Was macht für dich Kulturzeit aus“ antwortet Moderatorin Cécile Schortmann:

„… dass sie immer wieder Anspruch zeigt, dass sie Ansporn ist, die Auseinandersetzung geradezu fordert, dabei aber überhaupt nicht trocken ist, sondern immer wieder Lust macht auf Kultur und ihre verschiedenen Bereiche.“

Mittelmaß feiert Mittelmaß.

Das macht Lust! Also feiert die Kulturzeit denn (auch) Christian Marty, hurrah!, den frisch gekürten Hohepriester der Idiotie. Gilt es doch, nachdem die alten Götter mit Hölderlin pünktlich zu dessen 250. Geburtstag wieder mal (wie bereits in Denis Scheck empfiehlt: „Hölderlins Geister“ berichtet) ins Grab gefegt wurden, neue Götter zu etablieren. So also nun die Idiotie, der freilich – wie all den durch die Kultur-Bespaßungsindustrie hochgekochten: ach so super-modernen, ach so super-aktuellen Göttern und Göttinnen – nur höchst beschränkte Aufmerksamkeits-Zeit (sprich nach Maß(-einheit) einer einzigen Sendung) immanent ist. Mit Heidegger zu sprechen: Der Verfallenheit an das Man eignet das Besorgte in Abhängigkeit vom (vom Dasein aus gesehen) je-meinigen Neuigkeitsgrad: Das je Besorgte begegnet in der Alltäglichkeit im Modus der Verfallenheit. (Siehe Sein und Zeit, § 27) — Ein Zeitlichkeitsaspekt, der bei Heidegger gleichwohl zu wenig thematisiert wurde…

III

Das Gespräch:

Nachfolgend sei der Beginn des Interviews mit Marty wortgetreu widergegeben.

C. Sch.: „Sie sehen darin [im Idiotsein] eine aktuell notwendige Qualität. Wieso?“

Ch. M.: „Nun, wenn der Idiot derjenige ist, der nicht mitläuft, dann finde ich das natürlich eine super Sache. Ich finde schon, es ist eine sehr auszeichnende Sache, eine herausragende Qualität, wenn man nicht mitläuft, nicht mitmacht, auch die Fähigkeit besitzt, mal irgendwo quer zu stehen.“

Toll nicht? Dieses quasi-göttliche Reflexionsniveau!!

C. Sch.: „Wo besteht denn ihrer Meinung nach zu viel Mitläufertum?, zu viel Konformismus?“

Ch. M.: „Gut, ich meine, das ist eine sehr große Frage, nicht. Da kann man über viele Kontexte reden, zum Beispiel über politische Kontexte, ökonomische Kontexte, auch über kulturelle, akademische, wenn man so will, intellektuelle Kontexte. Ich denke, es gibt immer wieder Situationen, wo jemand zum Beispiel im politischen Umfeld nicht der Parteilinie treu ist; und dann heißt es dann gleich: o. k., also, das ist daneben, man soll nicht durchgehen lassen. Oder dann im ökonomischen Umfeld, wo jemand nicht mitmacht bei der Unternehmenslinie und zum Beispiel sich einer Effizienzmaxime nicht unterwerfen will. Also im akademischen, intellektuellen Milieu ist es meines Erachtens oftmals so, dass man eine bestimmte Linie verfolgen muss und wenn man das nicht tut, so kann man das zwar tun, doch ist es dann oft mit negativen Konsequenzen verbunden.“

IV

Die vermeintliche Erkenntnis:

Marty definiert den Idioten also als Nicht-Mitläufer.

Abgesehen davon, dass diese Definition mit dem aus der politischen Philosophie der Griechen stammenden Begriff nichts, aber auch gar nichts zu tun hat (siehe als einen Beleg das nachfolgende Blumenberg-Zitat), liefert der intellektuelle Milchbubi Marty nur Phrasengedresche. Mit Platon gesprochen:

„καὶ ταῦτα πάντ‘ οὐδ‘ ὅτι οὐκ οἶδεν, οἶδεν“ — Und [doch] weiß er nicht mal, dass er nicht weiß, über all das, worüber [er quakt]. (Theaitetos, 173e)

V

Zur Grundlegung der Theorie:

Konfrontieren wir nun Martys Gequake mit Blumenberg.

In Das Lachen der Thrakerin verfolgt er die Anekdote des in den Brunnen gefallen Proto-Philosophen Thales durch die Geschichte der abendländischen Kultur. Er beginnt mit Platon, da dieser uns die Anekdote (gem. Quellenlage) zum ersten Mal berichtet: Thales soll

„als er um die Sterne zu beschauen, den Blick nach oben gerichtet in den Brunnen fiel, eine artige und witzige thrakische Magd [eher: Sklavin…] verspottet haben“… (Theaitet, 174a; in der Übersetzung von Schleiermacher)

Dabei kommt er u. a. auf die Figur des Idioten/der Idiotin zu sprechen

„Plato liebte die Figur [der Thrakerin], die erst durch Tertullian als die des Idiota typisiert und durch Nikolaus von Cues zum Funktionär der docta ignorantia gemacht werden wird; der Sklavenknabe im »Menon« belegt es, die Figur des Pamphyliers im Schlussmythos der »Politeia« ein anderes Mal. Bei der Thrakerin geht es nicht nur um eine Art verständiger Unverständlichkeit.

Platonisch-sokratische Ironie pur!

Aus Thrakien kamen zwei benannte Figuren der hellenischen Welt: der Gott Dionysos mit dem Beinamen Chthonius, der Unterirdische, und der Sklave Äsop, der die Fabel mitbrachte, nach anderen ein Phryger.“ (Blumenberg, S. 34; im Original kein Fettdruck)

Aus dieser kurzen Passage erhellt zureichend die Differenz zwischen einem vom Kulturzeit-Mittelmaß zum Gott hochstilisierten Quacksalber und einem belesenen, sorgfältig und anspielungsreich argumentierenden Philosophie-Professor. Blumenberg zu lesen ist ein immerwährendes intellektuell-amüsantes Vergnügen. Marty zu hören ist Zeitverschwendung.

VI

Zur Schlichtheit der Seele:

Später, im Kapitel Umbesetzungen, geht Blumenberg ausführlicher auf Tertullian ein. Hier heißt es über die thrakische Magd:

„Sie nimmt etwas vorweg, was bei Tertullian an die Stelle der griechischen Autorität [der Philosophen] tritt: die ›schlichte Seele‹, seine anima idiotica„. (eb., 45)

Schlichte Seelen erkennen schlichte Seelen als ihresgleichen,

preisen sich in gegenseitiger Hochschätzung und

versichern sich denn gemeinsam ihres Götzen: Idiotie.

Hoch lebe das Kulturzeit-Team!