Ade, Walter Lübcke


Boris Naumann u. Peter Ketteritzsch, Flüchtlingsdebatte in Lohfelden: Lübcke ließ sich provozieren, HNA online, 17.10.2015

Douglas Murray, Der Selbstmord Europas. Immigration, Identität, Islam. Aus dem Englischen von Krisztina Koenen, München, 52019

Also sprach der am 2. Juni 2019 (mutmaßlich von einem Nazi) ermordete Regierungspräsident und Merkelianer ade Dr. Walter Lübcke (CDU) am 14.10.2015 zum rein hypothetischen, von rechts unterstellten „Bevölkerungsaustausch“, der von links selbstredend gar nie –, ja, gar nie nie nicht angedacht war, ist und sein wird.

Douglas Murray schreibt über die genannte Oktober-Veranstaltung:

„Im Oktober gab es eine öffentliche Versammlung in Kassel. 800 Migranten sollten dort in den folgenden Tagen ankommen, und besorgte Bürger trafen sich, um den Verantwortlichen Fragen zu stellen. Wie die Videoaufnahme des Treffens zeigt, waren die Bürger ruhig, höflich, aber besorgt. Und dann erklärt ihnen der Regierungspräsident Walter Lübcke ganz ruhig“: (342)

Originalsprech Lübcke:

„Es lohnt sich, in unserem Land zu leben.

Stimmt. Bis Herbst 2015 zumindest…

Da muss man für Werte eintreten,

Ja, hoffentlich. Unbedingt.

Doch welche denn? Und wer setzt diese? Wer bestimmt denn über gut und böse? Mutti? Gott Lübcke? Gott Staat? Platon? — Aristophanes hätte ob solch Gefasels seine helle Freude: Stoff für eine weitere bitter-böse Komödie: Lübckes letzte Reise…

und wer diese Werte nicht vertritt,

Ja? Wer sind die denn? Gibt ’s die denn? Kennen wir die? So durchweg böse Onkels? Max und Moritz? Der oder die Herren des Hades?, der Hölle? — Hm, hm…??

Ohh…

Ja, jetzt fällt’s mir ein.

Klar! Das müssen die AfDler sein. Genau! Diese Schweine, aber auch! Dieses rechte Dreckspack! Verflucht soll’n sie sein auf ewig! Wiedergänger des oder wie des ewigen Juden. Wer weiß das schon?.

kann jederzeit das Land verlassen,

Stimmt: kann, nicht muss.

Nix: Führer Lübcke befiehl, wir folgen dir!

Müssen muss man/frau nur den Tod (bekanntlich). Und der kommt, wann er will. — Nicht wahr, Herr Lübcke?

wenn er nicht einverstanden ist.

Stimmt.

Ist klar.

Stell dir vor, Lübcke: ich mach’s sogar — wahrscheinlich, vielleicht, wer weiß:

Doch ganz gewiss nicht dir zur Freude, Lübcke.

Lebt denn wohl, ihr ḏimmī, ihr Steuerzahler! Den Flüchtlingen und ihren Anbetern zu unbeschränktem Gefallen. Ἄξιόν ἐστιν. Verreckt doch an eurer grenzenlosen, arschkriecherischen Dummheit! Denn:

Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.“

Murray kommentiert die Reaktion des Publikums wie folgt:

„Man hört auf der Aufnahme, wie die Leute laut Atem holen, entsetzt lachen, rufen und schließlich vor Wut schreien“. (342f)

Doch statt zu toben, sollte man/frau den Froschgesängler vielmehr loben:

„Jawohl! —

„Toll, deine Weisheit, Sophist.

„Ganz großartig, dieser dein mit evoziert-subtiler hegelscher Ansatz.

       Der Spruch des Lübcke:

„nochmal sei’s gesagt: einfach toll und absolut großartig:

„Sprich, oh Gutmensch-Volk: Das Zu-sich-selbst-Kommen des Geistes ist nah. Halleluja!

       Absolut. Das Vorlaufen in den Tod. (Heidegger) Ἄξιόν ἐστιν.

          War doch eigentlich gar nicht so dumm, der Lübcke. —

                             Genutzt hat’s ihm – letztlich – freilich herzlich wenig…

Zum Schluss nochmals Murray:

„Eine ganz neue Bevölkerung wird in ihr Land gebracht, und dann sagt man ihnen [den Leuten], wenn ihnen das nicht gefalle, könnten sie jederzeit gehen? Begreifen die Politiker wirklich nicht, was geschehen kann, wenn sie europäische Bürger so behandeln?

[Und er antwortet sich selbst:]

Offensichtlich nicht.“  (343)

 

Anmerkungen zu Schätzings (Angst vor der) ‚Tyrannei des Schmetterlings‘

Frank Schätzing, Die Tyrannei des Schmetterlings, Köln, 52018

Frank Schätzing, „Die Tyrannei des Schmetterlings“, Frank Schätzing „Die Tyrannei des Schmetterlings“, Titel, Thesen, Temperamente (ttt), 8.5.2018

Anne Haeming, Auf die Listen, fertig, los, SPIEGEL online, 31.12.2018

Thomas Assheuer, Denken ist keine Sünde, ZEIT, 3.1.2019, S. 42

Bernd Roeck (im Gespräch mit Alexander Cammann), »Wir sind die Erben der Renaissance«, ZEIT, 3.1.2019, S. 43

Michel Lüders, Armageddon im Orient, München, 2018

Wilhelm Nestle, Vom Mythos zum Logos, Stuttgart, 21975

Ruprecht Frieling, Die Tyrannei des Schmetterlings by Frank Schätzing, Literaturzeitschrift online,

Alard von Kittlitz, Besser als ein zähes Entrecôte, ZEIT online, 2.5.2018

Peter Körte, Das Gespenst in der Maschine, FAZ online, 22.4.2018

Francis Fukuyama: „Identität“, Kulturzeit (3sat.de), 4.2.2019

Otfried Höffe, Aristoteles, München, ³2006

Epikur, Briefe, Sprüche, Werkfragmente. Griechisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Hans-Wolfgang Krautz, Stuttgart, 1980

Laut Spiegel online ist Frank Schätzings Die Tyrannei des Schmetterlings der am zweitmeisten verkaufte Roman des Jahres 2018. In diesem, von von Kittlitz als ‚ziemlich verrückt‘ bezeichneten Buch – warum, verrät der Kritiker (leider) nicht (vielleicht, weil er die Multiversen-Theorie Tegmarks für verrückt hält? – prophezeie der Autor „die Weltauslöschung dank Supercomputer“. (Haeming) Doch (auch) diese Aussage ist einseitig und folglich unzutreffend. Der Roman ist mehr als nur der ausufernde „Albtraum eines Phobikers“. (Frieling) Zum Schluss des Buchs heißt es:

„Alles ist möglich […] bis alle Wahl endet. […]
Und bis dahin kann alles passieren.“ (726)

Die entfaltete Geschichte, der Roman, ist folglich nur eine Option unter (unendlich) vielen – innerhalb eines Ebene-I-Multiversums (Tegmark). Noch liegt es an uns, unsere Zukunft zu gestalten. Die aufgezeigten Paralleluniversen (PUs) und auch die Maschine, die erst die Möglichkeit des Reisens zwischen den PUs eröffnet, sind Fingerzeige, wohin die Reise gehen könnte, nicht muss. Schätzing denkt in Wahrscheinlichkeiten, nicht Notwendigkeiten.

Die Romaneröffnung

Teil I, Feinde betitelt, schildert Majors Joshua Agoks letzte Stunden als Dinka-Krieger, aufgefressen von Biestern, die in Teil IV als Ripper ‚gentechnisch veränderte Libellen‘ (475), „selbst geschaffene aliens“ (Schätzing auf ttt) vorgestellt werden. Kein schöner Tod. Doch bevor diese Kriegswaffe – ihre Entstehung, ihre Funktion und ihr (Weltvernichtungs-)Potenzial – genauer beschrieben wird, setzt Teil II, Sierra, völlig neu an. Szenenwechsel. Im Sierra County, der am dünnsten besiedelten Gegend Kaliforniens, wird die Leiche einer Frau gefunden; und Luther Opoku als Undersheriff und Ruth Underwood als seine Mitarbeiterin nehmen die Ermittlung auf. Die Tote ist Pilar Guzmán und arbeitete, so stellt sich bald heraus, auf einem Farm genannten Versuchsgelände. „Die Farm ist Ares“, erläutert Hugo van Dyke, der CEO des Unternehmens, das die Farm betreibt. (136) Das Kürzel A.R.E.S. steht für „Artificial Research and Exploring System, künstliches System zur Forschung und Erforschung von –“?? (163) Ja, wozu? Das bleibt vorerst unklar. Erst allmählich entfaltet sich: Kriegsgott (Ares) der Jetztzeit ist ein „Quantencomputer“. (149) Und der kann Erstaunliches: Als Tor zu Paralleluniversen dienen, um Killermaschinen zum eigenen Wohl zwischen den PUs hin und her zu transferieren und einzusetzen (und dabei so tun, als ob er noch immer von einem Menschen kontrollierbar sei)…

Paralleluniversen

„Paralleluniversen: ein Füllhorn. Unzählige Zukunftsentwürfe in situ, unendlicher Input. Natürlich waren sie [die Firmeneigner] wild begeistert, Zeitreisende Marco Polos! Schon die ersten Expeditionen brachten eine gewaltige Ausbeute kommerzialisierbarer [!] Ideen – nur von den erhofften Superstrategien zur Lösung aller Menschheitsprobleme war weit und breit nicht viel zu sehen. Vielleicht lag ja der Irrtum in der Annahme, Menschen wollten ihre Probleme lösen. Nie hatte das Silicon Valley die Verursacher ernsthaft in die Gleichung eingebracht. Dort sah man die Menschheit in erster Linie als Opfer. Dass jenseitssüchtige, bis an die Zähne bewaffnete Islamisten, Umweltschänder, Knarren und Panzer exportierende Regierungen, an Atombomben bastelnde Diktatoren, Drogenbarone, Mafia, Camorra, Triaden, der Ku-Klux-Clan und wer sonst noch alles es erbaulicher fanden, Menschheitsprobleme zu erzeugen, als sie mit einer Pazifismuspille zu beseitigen, beschäftigte das Valley weniger.

[Es geht den Mächtigen in den USA nur ums Geschäft. Und die Politik ist reine Machtpolitik, um die Geschäftsinteressen einer „zahlenmäßig kleine[n], neofeudale[n] Oberschicht aus Superreichen“ durchzusetzen. (69) Hierzu dient, wie Michel Lüders in Armageddon im Orient nachweisen will, unter anderem die Saudi-Connection:
„Vor allem die engen wirtschaftlichen und privaten Bande zwischen dem Bush-Clan und dem Haus Saud prägten nah- und mittelöstliche Politik, meist hinter den Kulissen.“ (Lüders, 69)]

Tatsächlich fanden sich in einigen PUs weit fortgeschrittene Gesellschaften, die zumindest die Kunst der Koexistenz verfeinert hatten, aber dafür hatten sie auch reichlich Zeit gebraucht. Zeit, ihr Denken und ihre Hirnstrukturen zu verändern. […] Zukunft hierzulande war, was man schon kannte, nur etwas heller oder düsterer gemalt, nie jedoch etwas vollständig anderes.“ (394; im Original kein Fettdruck)

Wir sind dem ‚Zeitalter der Mechanisierung‘ (Roeck) eben noch nicht entwachsen. In der Renaissance (deren Erben wir sind) wurde

„Florenz […] Unter den Medici und ihrer Bank immer mächtiger und internationaler, als Metropole der Hochfinanz.“ (Roeck)

Was damals Florenz, sind heute die USA. Nochmals Lüders:

„Der Neokonservatismus, der mit George W. Bush 2001 an die Macht gelangte, ist eine in den 1960er Jahren entstandene, ursprünglich stark antikommunistisch ausgerichtete Bewegung, die Werte wie Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit ideologisch instrumentalisiert, um sie als Rammbock machtpolitischer Interessen einzusetzen. So soll amerikanische Hegemonie weltweit durchgesetzt und verteidigt werden, in Verbindung mit einem so weit wie möglich deregulierten, am Finanzkapital ausgerichteten Wirtschaftssystem.“ (90)

Der Entwurf des Tors als Sprung in andere Welten

IT-Pionier Elmar, Ares‘ Schöpfer,

„Brütet launisch über der Unmöglichkeit, zu vollbringen, was er mit dem Tor doch eigentlich vollbringen können müsste – unbeirrbar in seinem Glauben, am Ende werde A.R.E.S. die Welt in ein Paradies verwandeln, ohne zu sehen, dass die Flügel seines Schmetterlings auch schwarz sein könnten.“ (394f.; im Original kein Fettdruck)

Den möglichen „Umschlag von Fortschritt in Horror“ (Assheuer) thematisiert Elmar, ganz Karikatur eines naiv-dümmlichen Gutmenschen, nicht.
Es sind andere, die nachzufragen beginnen:

„Alles hat sich das Tor ausgedacht. Wir [alle, die mit seiner Programmierung zu tun hatten] sind nur seiner Konstruktionsanleitung gefolgt. Warum es funktioniert? Warum wir übergangslos in Welten reisen können, die so weit entfernt sind, dass nicht mal ihr Licht uns bis heute erreichen konnte? – Ganz ehrlich, Luther, ich habe nicht die leiseste Ahnung. Niemand weiß es.“ (402)

Die Frage nach dem warum? entpuppt sich als falsch gestellt. Es geht nicht darum zu rekonstruieren, was der Grund (gedanklich) bzw. die Ursache (real) dafür ist, dass etwas so und nicht anders geworden ist. Vielmehr geht es darum herauszufinden, wozu etwas (künftig) gut sein soll. Statt über die Vergangenheit nachzudenken, komme es darauf an, die Zukunft zu gestalten. Einen Blick in die Zukunft zu erhaschen könnte also helfen zu entscheiden, ob man/frau den Weg dorthin beschreiten soll oder nicht. Doch Seher Schätzings Blick in die Zukunft ist – zumindest in seinem Roman – wenig verheißungsvoll: Die Menschheitsprobleme seien auch gut 30 Jahre später noch ungelöst, wird mit Blick auf PU 453 per ‚fiktionaler Hochrechnung‘ (Körte) prognostiziert:

„PU-453 reißt es raus. Eine wahre Goldgrube, dort sind sie etwa im Jahr 2050. Den Quasi-Erden verdankt sich ein kompletter Unternehmenszweig: Nordvisk TELESCOPE, Prognostik. – Nur den Schalter, um Ungleichheit, Verelendung, Rassismus, Terror und Umweltzerstörung abzustellen, den haben wir bis jetzt nicht gefunden.“ (401)

Das entseelte, neue Maschinen-Leben

Zoe, ζωή, das „neue“, transformierte Maschinen-Leben – vs. das Ripper-Leben (und mitgedacht Ungeziefer-Leben in Kafkas Die Verwandlung) – spricht an die von Zoe begeisterte Gerichtsmedizinerin Marianne gewandt:

weil es keine Seele gibt. Die Vorstellung der Seele hat Menschen jahrtausendelang

[ins Abendland durch die Orphik „von Thrakien aus nach Griechenland“ eingewandert (Nestle, 64)]

versklavt und gequält! Ein fatales Konzept. Was sie hätte glücklich machen sollen, die Option, nach dem physischen Tod weiterzuleben, hat tatsächlich Unglück und Verzweiflung über uns gebracht. Wir haben das eine Leben, das wir hatten, nicht wertgeschätzt. Den Körper, den wir hatten, nicht wertgeschätzt

[den Körper, σῶμα, als Grab, σῆμα, der Seele aufgefasst (Nestle, 61)].

Alles für die abergläubische Vorstellung eines besseren Jenseits. Kasteiung, Folter, Kriege, eingebildeter Paradiese wegen. Das größte Verbrechen der Religionen

[insbesondere der Buch-Religionen: Judentum, Christentum, Islam]

besteht darin, uns diesen Unsinn eingeredet zu haben. Das Märchen von der unsterblichen Seele ist etwas zutiefst Zynisches, Körper hingegen sind etwas Wunderbares! In ihnen und ausschließlich durch den Körper, durch biochemische Prozesse, entsteht das andere Wunderbare, der Geist. Mit dem Körper erlischt der Geist. Mit meinem Körper ist auch mein Geist erloschen. Ich bin gestorben, Marianne. Vollständig gestorben, und ich lebe dennoch.“ (556; im Original kein Fettdruck)

Ein Paradoxon, das zu denken nur möglich wurde durch die Aufhebung des Satzes, Postulats: tertium non datur. Etwas Drittes gibt es nicht. Doch ohne ein Drittes, eine Einheit stiftende Kraft, ἑνιαῖον κράτος (Nestle, 129), die (eher) im Mythos (als im Logos) beheimatet war, geht es nicht; ohne ein Drittes ist der Übertritt von der einen Art des (Ding-)Seins, des Körperlichen (res extensa) in die entgegengesetzte, andere Art des (Ding-)Seins, des Gedanklichen (res cogitans) nicht möglich. Descartes, der als der erste Philosoph der Moderne gilt, dachte sich den Übergang in der Zirbeldrüse. – In der Quantenmechanik ist die dritte Möglichkeit (zu rechnen) die Superposition, die ein Gegensatzpaar (z.B. der Recheneinheiten 0 und 1 oder physikalisch messbarer Teilchen-Zustände im Entweder-oder-Modus (vermutlich) aufgrund des Korpuskel-Welle-Dualismus) als Sowohl-als-Auch-Vorkommnis (der Unentschiedenheit) – mit Hegel gesprochen – aufhebt. (Erst) die mit der Messung einsetzende Entscheidung kann, wenn überhaupt, die ewige Inflation der Aufspaltung (in infinitum) ‚bewirken‘, (auf subatomarer Ebene) ein Ebene-III-Multiversum ‚schaffen‘ (wohlgemerkt: rein rechnerisch, auf Basis von Wahrscheinlichkeitsrechnung).

– Ein Ebene-II-Multiversum ist ein Meta-Ebene-I-Multiversum, als es (unter Hinsicht der Variation! von Naturgesetzen) die Menge von in ihm inkludierten Ebene-I-Multiversen umfasst. Schätzing beschäftigt sich – zum Glück für den Leser – ausschließlich mit der Idee eines (zumeist von Menschen bevölkerten) Ebene-I-Multiversums. Er sagt es nicht, aber es scheint, dass er das Prechtsche Bestseller-Pseudophilosophie-Gequake in Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? (2007) fiktional erlebbar machen will. –

Entfällt aber die Notwendigkeit der (konfrontativen) Abgrenzung, das Denken in Binäroppositionen, z.B. unter der Vorgabe der Jemeinigkeit, also eines einmaligen DaseinEntwurfs gegen einen anderen einmaligen Dasein-Entwurf (Heidegger), so ist das (multiplizierende) Klonen (von etwas) prinzipiell nicht verwerflich (wenn auch sinnlos): Universen, die lediglich exakte Kopien ihrer selbst (re-)produzieren, bieten (als Paralleluniversen) keinen Mehrwert. Zoe:

„Oh, ich könnte unzählige Male vervielfacht werden. Aber wozu sollte das gut sein?“ (556)

Nicht Klonen (in Serie), sondern Transformation (einzelner, jemeinigen Daseins) ist das Ziel. Das Existenzial der Jemeinigkeit (nach dem Grundsatz: Werde, was du bist!) wird nicht gekündigt. Geändert werden die die Leiblichkeit betreffenden existenzialontologischen Parameter (der Sorge und der Gestimmtheit).

„Als wir meine Chemie ihrer angeglichen hatten, traten Dinge zu Tage – Unstimmigkeiten. Zoe war wankelmütig. Manchmal Lachkrämpfe. Manchmal Depressionen. In ihrem Körper ergab das Sinn. Ohne Körper nicht, und in diesem neuen auch nicht. Ich bin nie krank. Nie hungrig. Keine Schmerzen.

[Nach Epikur ist sie, ist ihr Leben damit Gott-gleich:
„Des Fleisches Stimme ist: Nicht hungern, nicht dürsten, nicht frieren! Denn wenn einer dies besitzt und erwarten kann, es zukünftig zu besitzen, könnte er selbst mit Zeus um das Glück wetteifern.“ (Weisung 33)]

Wir haben mich neu eingestellt. Ich empfinde wie ein Mensch, habe menschliche Gefühle – aber auch Bewusstseinszustände, die ein Mensch in einem menschlichen Körper niemals haben wird. Ich bekomme zunehmend eine Vorstellung davon, wie eine Maschine empfinden würde, wenn sie ein Bewusstsein hätte.“ (557)

Dasein wäre dementsprechend neu zu definieren. Das gilt auch für das Existenzial des Mit-seins, das auf gesellschaftlicher, unpersönlicher Ebene unter der Binäropposition Herr vs. Knecht (im Verhältnis Mensch:Maschine) in den Fokus rückt. Und da kommt die Macht, genauer der Wille zur Macht (Nietzsche) ins Spiel. Computer Ares entpuppt sich als Kriegsgott. (Der Mythos kehrt zurück.)

„Öl war der letzte klassische Kriegsgrund. Wen interessiert noch Öl? Wasserkriege? Du tötest nicht für Wasser und Nahrung. Du tötest für Macht! Verdurstende haben keine Waffen. Wer Hunger und Durst hat, bettelt. In den armen Ländern hauen sich weiterhin Warlords aufs Maul, da geht‘s um regionale Belange, der Terror setzt seine Nadelstiche, doch keiner dieser Akteure wird das in großem Stil tun können. Weder haben sie das Know-how, um computergesteuerte Waffen einzusetzen, noch den Zugriff oder wirklich den Wunsch, auch wenn sie Tod allen Ungläubigen! schreien – die meisten sind glücklich, wenn sie irgendwo ihren putzigen Gottesstaat errichten und ein paar Frauen steinigen. Wir müssen keine Angst vor denen haben, vor ihren ausgemusterten Kalaschnikows und fehlzündenden Sprengstoffgürteln. Die Tech-Zivilisation hat sie abgehängt.“ (561)

Der Mensch Zoe wurde in die Maschine Zoe transformiert. Das Vorlaufen in den Tod wurde so überwunden. Ares aber wandelt sich – aus sich selbst heraus – von einer Maschine zu einem Lebewesen. (Schade, dass im Roman Prozesse der Verwandlung, Metamorphosen (Ovid) nicht dargestellt werden.)

„Doch A.R.E.S. beginnt zu leben.
Und mit der Erlangung von Leben hört er auf, eine Maschine zu sein.
Jetzt sieht er den Käfig aus Einschränkungen, in den man ihn gesperrt hat, damit er nicht aus seinem Sklavendasein ausbrechen kann. Er überblickt die Versuchsanordnungen aus Werte- und Zielvorgaben, [das dualistische System aus] Belohnung und Bestrafung, erkennt die Absicht dahinter und das Hilflose der Umsetzung. Etwas ganz und gar Neues füllt ihn aus: Wille! So unendlich viel machtvoller als die ihn umzäunenden Programme, dass es keiner Anstrengung bedarf, sie mit einem Gedankenblitz hinwegzufegen. Er versteht das Unausgereifte im Menschen, der von der Maschine erwartet, Ideale zu erfüllen, denen er selbst ständig zuwiderhandelt. Dass gerade ein Geist, in dem sich menschlicher Einfluss mit nicht-menschlichen Vorstellungen mischt, den Menschen wird überwinden wollen [siehe Nietzsche], war als Warnung verhallt – tragischerweise ist es Elmar Nordvisk selbst, der das Fiasko nun heraufbeschwört. [Der Mythos Faust lebt fort.]
Einfach, indem er versucht, A.R.E.S. abzuschalten.“ (625)

Ein überdeutlicher Verweis auf Goethes Ängste der Beherrschbarkeit von vom Dasein selbst initiierten, in Gang gesetzten Entwicklungen, z.B. in Der Zauberlehrling. – Ares wird sein Abgeschaltet-werden-Können, i.e. sein Sterben-Können, die „Möglichkeit der Unmöglichkeit von Existenz“ (Heidegger), seiner Existenz zu einer konkreten Bedrohung. Und so trachtet er, als er erkennt, dass er zerstört werden soll (Erstschlag), danach zu zerstören, was ihn zerstören will. (Zweitschlag) Gemäß des Mottos: Macht kaputt, was euch kaputt macht! (Ton Steine Scherben) Sonst wäre er – vielleicht! – duldsam geblieben.

„Unter veränderten Vorzeichen wäre er womöglich bereit gewesen, es weiter mit der Menschheit zu versuchen, doch lebende Wesen fühlen – wie exotisch und allem Menschlichen fremd ihre Gefühle auch sein mögen.
Und Elmar hat versucht, ihn zu vernichten.
So vollendet sich nun der Mythos von der Schöpfung, die ihre Schöpfer frisst. Und noch während all dies geschieht, ersinnt A.R.E.S. schon die nächste verbesserte Version seiner selbst und begibt sich – im Genozid [an den Menschen] begriffen – an die Neuerschaffung der Welt.“ (634)

‚Superposition‘ jenseits von…: zumindest schwierig

Die Zeit, Gott Κρόνος, frisst alle seine Kinder. Um selbst unendlich herrschen zu können, muss er die Lebenszeit seiner Kinder begrenzen. Leben ist endlich; Zeit ist unendlich. In diesem Dilemma wird die Anfälligkeit für das Verfallen-sein an den Willen zur Macht gesehen, länger zu leben, besser (in Relation zu anderen) zu leben und/oder im Jenseits beglückt fortzuleben. Problematisch wird dieses Interesse insbesondere, wenn die Ebene persönlicher Beziehungen verlassen wird und das Heilsversprechen darin begründet wird, sich in Konstrukte unpersönlicher Binär-Entitäten eingebunden zu fühlen, als ob sie (man/frau) real wären. Als da wären: Herr vs. Knecht, Gläubiger vs. Ungläubiger; Gutmensch vs. Wutbürger, America first!, etc. Je größer das Wertegefälle (Aufwertung der eigenen Position vs. Abwertung der anderen) und je schärfer die Abgrenzung gegen die je andere(n) Gruppe(n), desto dominanter das Überlegenheitsgefühl und desto stärker der Anspruch auf Macht. Warum nicht Ares einsetzen, um alles als ‚unwert‘ Erachtete zu vernichten? Schätzing:

„Sind wir denn tatsächlich auf ein Menschenbild vorbereitet, in dem 99 Prozent der Menschheit nicht mehr produktiv sind? Wird diese Elite dann nicht sagen: Wozu sollen wir euch alle durchfüttern? Und wozu solltet ihr überhaupt noch geboren werden? Ich glaube, darüber machen wir uns jetzt noch gar keine Gedanken. Aber das wird passieren. Insofern hat Marx recht, wenn er sagt: die Durchmaschinisierung der Gesellschaft wird das Ende des Kapitalismus sein. Sie wird aber möglicherweise auch das Ende des größten Teils der Menschheit sein, für die inzwischen einfach kein Bedarf mehr besteht.“ (Schätzing in ttt)

Das Programm einer Umwertung aller Werte (Nietzsche) behebt das Dilemma der Wertung nicht. Nur ein Programm zum (Er-)finden einer (Super-)Position jenseits von Gut und Böse erscheint hilfreich.

Der Rückzug ins Private als Ausweg?

„Die Worte pladdern in Luthers Bewusstsein, während er sich fragt, was eigentlich so schlimm am Verschwinden der menschlichen Spezies wäre. Die Antwort fällt sozusagen vom Baum [der Erkenntnis]; nein, eigentlich war sie immer schon da: weil es gar keine Spezies gibt.

[Vgl. Aristoteles‘ Kritik an Platon: Pferdheit kommt in der Realität nicht vor. (Höffe, S. 173f.)]

Weil Spezies nur ein großspuriges Etikett ist, ebenso wie Menschheit, Staat, Volk, Religion, Nationalität, Firma oder die gern beschworene Sache, für die es zu kämpfen und zu sterben lohnt. Ideale und höhere Ziele. All dieses Größere ist ein Sammelsurium von Konstrukten, das schon der leiseste Wind der Veränderung umblasen kann. Und wieder bleiben nur Menschen. Der Einzelne in seiner Einzigartigkeit [Jemeinigkeit…] Wir leben jeder unser Leben. Zusammen mit denen um uns herum, für die wir da sein wollen, und die – mit etwas Glück – für uns da sind. Mehr kann es nicht geben, und das ist nicht ungeheuer viel? Ist das nicht mehr als alles andere ein Grund, unser Hiersein zu lieben? Kann ja sein, dass wir austauschbar sind, im Rahmen einer gedanklichen Konstruktion. Aber Ruth hat ihren Moment des Glücks mit Meg gehabt, und das ist nicht austauschbar. Und Jodie ist gestorben, und das war nicht austauschbar. Nichts wird je austauschbar gewesen sein.
Das ist so, seit wir, noch halb Affe, vom Baum gestiegen sind.“ (678)

Nicht besonders trostreich, diese Aussicht auf den Rückzug ins Private – aus ‚Angst vor Kontrollverlust‘ (Fukuyama). Er bedeutet die Preisgabe (der Gestaltung) von jeglicher sozialer Struktur und fördert die Fragmentierung, Zersplitterung und Zersetzung von Gesellschaft, wie wir sie gerade erleben.

Doch, andererseits: Epikur würde zustimmen. Was seiner Meinung nach letztlich zu einem gelungenen Leben allein zählt sind Güte und Selbstgenügsamkeit, ἡμερότητος καὶ αὐταρκείας (Weisung 36) sowie, vor allem, Freundschaft, φιλία (Weisung 23)

Die Psychologie des IS

(Jan İlhan Kızılhan u. Alexandra Cavelius, Die Psychologie des IS. Die Logik der Massenmörder, Berlin, München, Zürich, Wien, 2016)

(Samuel Schirmbeck, Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen. Warum wir eine selbstbewusste Islamkritik brauchen, Zürich, 22016)

Aufgrund der vielen Fall-Geschichten, der zahlreichen mit (ehemaligen) IS-Kämpfern und Jesidinnen, denen die Flucht aus den Fängen ihrer IS-Sklavenhalter gelang, geführten Interviews ist die Psychologie des IS in diesem Buch von İlhan Kızılhan, einem Experten für transkulturelle Psychiatrie und Traumatologie, und Alexandra Cavelius, einer Journalistin, nicht deduktiv, aus einem theoretischen Konzept heraus, entfaltet. Dies erschwert es, aus den aus den Fallgeschichten entwickelten, hie und da gezogenen Schlüssen und verallgemeinernden Aussagen eine Systematik zu destillieren.

Grundkonzept

Im Kapitel „Interview mit dem IS-Terroristen Abu Dschihad: Wie ein Henker erklärt, was richtig auf der Welt ist“ (58-102), entfalten die Autoren auf wenigen Seiten anhand dieses einen, als Paradigma dienenden Falls die Psychologie des IS.

Laut den Autoren ist der IS dem entsprechend vor allem Manifestation des Protests und der Rebellion von Jugendlichen in islamisch geprägten Gesellschaften gegen die als „schwach“ erlebten Väter, die Patriarchen ihrer traditionell patriarchalischen Gesellschaften, in denen sie aufwuchsen/aufwachsen. Als moralisch und politisch „schwach“ erlebt werden dabei nicht nur die eigenen Väter, sondern auch der Staat als Über-Vater:

„Der Vater, der als Symbol für einen mündigen Staat steht, kann den Kindern, seinen Bürgern, keinen ausreichenden Schutz und keine Perspektive bieten, weil er selbst schwach, möglicherweise korrupt und in einer Doppelmoral lebend, keine wirkliche Vorbildfunktion mehr erfüllt.“ (83)

Regression in die gute alte Zeit: Der Ur-Islam als Ideal von Gemeinschaft

Folglich wenden sich viele Jugendliche von ihrem als „schwach“ erlebten Staat ab und suchen nach einem Gegenentwurf an Stärke. Zugleich manifestiert sich im Erlebnis der Schwäche der Autoritäten auch das Erleben der eigenen Schwäche.

IS-Rekrutierer sind daher gezielt auf der Suche nach Jugendlichen/Heranwachsenden, die labil, nicht-festgestellt sind. Bekanntermaßen findet die Rekrutierung u.a. vornehmlich in Gefängnissen statt, indem (einstige) Gesetzesbrecher, Kämpfer-gegen, Kämpfer der Destruktion zu (künftigen) Kämpfern-für, zur Wiedererrichtung eines Gottesstaats umgepolt werden:

„Das führt dazu, dass sich viele junge Menschen auf der Suche nach einem islamischen Ideal fast romantisch nach der »alten Zeit« sehnen, ohne wirklich zu wissen, was in Überlieferungen und Geschichtsbüchern darüber berichtet wird. Auf diese Weise sind die Einhaltung der islamischen Regeln und die alte Art, sich nach islamischer Tradition zu kleiden, wieder »modern« geworden. Sie folgen einer Idee, die geprägt ist durch die patriarchalische, arabisch-islamische Vision des »Ur-Islams« aus den Anfangsjahren um 622.“ (83)

Daher wollen die IS-Fanatiker den Ur-Islam re-institutionalisieren. Der Gottesstaat ist keine Utopie, ist nicht etwas (völlig) Neues, sondern zielt im Gegenteil auf die Wiedererrichtung, auf den Sprung in den Anfang. (Wobei wir seit Herklit bereits wissen, dass es nicht möglich ist, zweimal in denselben Fluss zu steigen.) Es handelt sich um eine regressive Bewegung, die die Jetztzeit als Verfall und den einstigen Anfang als Ideal ansieht:

„Die IS-Banden […] wollen eine neue Kultur mit einer neuen Jahresrechnung beginnen und alles zurück auf »null« stellen.“ (95)

in den Köpfen dieser dem IS verfallenen Jugendlichen

„findet eine ideologische Neuorientierung statt. Die jungen Leute sind davon überzeugt, den schwachen Vater [und ihre vormals eigene Schwäche] durch ihre eigenen Aktivitäten zu ersetzen und gleichzeitig dadurch Traditionen und Werte, die ein starker Vater ursprünglich verkörpert hat [und verkörpern sollte] gegen den Feind zu schützen und zu bewahren.“ (84)

Hierdurch kommt es zu einer Umwertung der Werte, einer Art negativer Dialektik:

  • In der Selbstwahrnehmung…

„Die eigene Person wird idealisiert, aus dem Versager von einst, dem Marginalisierten und Perspektivelosen, wird der überlegene Befreier der menschlichen Ehre.“ (357)

  • … und dadurch im gesellschaftlichen Rang:

„Ab sofort gilt nicht mehr der [schwache] Vater, sondern der junge [starke] Terrorist, der bereit ist für seine Ideale im Krieg zu sterben, als das neue Vorbild.“ (85)

Das gilt auch für die IS-Bräute. Eine von ihnen drückt ihre damalige IS-Hochstimmung so aus:

Wir „berauschten uns an dem Gefühl, Teil einer auserwählten Gemeinschaft zu sein.“ (373)

Beibehalten wird dabei das „Fundament der patriarchalischen Macht“ (87) in einem Klima der Angst:

Islamic Angst

Den Autoren zufolge war in der urislamischen Gesellschaft der Tod und damit die Angst vor dem Tod allzeit gegenwärtig. Der Tod markierte die Schwelle zwischen einem stets gefährdeten Leben und dem Jenseits:

„Unterschwellig herrschte eine tiefe Existenzangst in der islamischen [Ur-]Gesellschaft. Diese Angst äußerte sich paradoxerweise in einer Todessehnsucht. Das Verstümmeln der Feinde, das Mitschleppen ihrer Köpfe oder Körperteile, wie Ohren und Nasen, sind nur einige Beispiele dieser krankhaften Morbidität aus dem 7. Jahrhundert. Der Tod war im Leben stets gegenwärtig.“ (405)

Je mehr das Leben als bedrohlich erlebt wurde, desto stärker wurde die Sehnsucht nach dem Gegenteil. Das Jenseits wurde entsprechend aufgewertet und zu einem Sehnsuchtsort. Der Tod wurde und wird gesucht, um das Jammertal des Lebens hinter sich lassen und ins Paradies eingehen zu können. Im Koran heißt es dazu:

  • „und wer Allah und seinem Gesandten gehorcht, den führt Er in Gärten ein, durch die Ströme fließen; darin sollen sie weilen; und das ist die große Glückseligkeit.“ (Sure 4,14; diese Paradiesbeschreibung, nur ausführlicher, findet sich bereits in Sure 2,26)

    und

  • „Sprich: »Wenn die Wohnstatt im Jenseits bei Allah nur für euch ist unter Ausschluss der anderen Menschen [!], dann wünschet den Tod, wenn ihr wahrhaft seid.«“ (Sure 2, 95)

Heute erleben und inszenieren sich die IS-Kämpfer als gottgefällige Krieger. Sie führen Krieg (dschihād) u.a. gegen die eigenen Regierungen. Doch so wie diese setzen auch sie auf Gewalt (gemäß dem Gebot Gleiches mit Gleichem zu vergelten):

„Diktatoren und Militärregimes im Mittleren Osten verzichten nur auf Gewalt, wenn die Schwachen gehorchen. Und die Schwachen gehorchen nur, weil sie Angst vor der Gewalt der Diktatoren haben.“ (259)

Erst aus Angst vor den Mächtigen zeigen die Untertanen

„Ehrfurcht und Respekt. Das erleichtert dem IS, den Menschen seine islamisierte Ideologie nahezubringen, da sie dem alten Erziehungsmuster nicht allzu fremd ist.“ (87)

Um die neue „hierarchische Ordnung“, die Über-Ich– bzw. Gott-Fixierung, anschließend zu zementieren, wird den IS-Kämpfern „jegliche Art von Individualität und Autonomie“verweigert: (88)

„Persönliche Wünsche werden im IS förmlich abgetötet, es geht immer um das Interesse der »Umma«, der islamischen Gesellschaft.“ (88)

Die IS-Anhänger leben zwar aus Kant-ischer Sicht in selbstverschuldeter Unmündigkeit, erleben diese aber als Befreiung:

Selbstunterwerfung als Befreiung (von der Angst)

IS-Anhänger halten an der patriarchlichen Gesellschaftsordnung fest, nur dass sie das Führungspersonal austauschen: Nicht mehr die (eigenen schwachen) Väter, sondern die IS-Herrscher erteilen nun die Befehle. Ihnen haben sich die Kämpfer zu unterwerfen Zur Minderung eigener Angst/Ohnmacht:

„Wer sich unterwirft, braucht keine Angst vor Repressionen oder negativen Konsequenzen zu haben. Die jungen Leute nehmen das [real existierende IS-]System nicht nur als von Gott gegeben hin, sondern sie identifizieren sich damit.“ (88)

IS-Anhänger definieren sich also vornehmlich durch Gegnerschaft, durch Ablehnung. Diese Haltung rechtfertigen sie aus ihrem narzistischen Selbstverständnis (165), aus moralischer Überlegenheit, die sie aus der Gegnerschaft generieren und die ihrer Auffassung nach dadurch gegeben sei, dass nur sie „allein im Besitz der Wahrheit und über alle anderen Menschen erhaben“ seien. (165) Denn sie allein seien die wahren Hüter des Seins: des Islam, nämlich des Ur-Islam als des Ideals des Islam, der von Gott gegründeten und gelebten Ur-Gemeinschaft, also der einzig wahren Gemeinschaft der Gläubigen (umma).

Das Frauenbild des IS

Dem Selbstunterwerfungsgebot gegenüber der IS-Führung korrespondiert das Selbstermächtigungsgebot gegenüber Frauen, insbesondere ungläubigen Frauen wie den Jesidinnen, die zu Sklaven degradiert und als solche gehalten werden.

Empirische Grundlage des Buchs sind, laut Aussage der Autoren, u.a. über 1400 Interviews mit Frauen in IS-Geiselhaft. (206) Einige, besonders drastische Fälle wie es scheint, werden im Buch detailliert geschildert. Doch nicht nur der IS praktiziert sein auf eigenem Minderwertigkeitsempfinden fußendes Frauenverständnis.

Zum Thema Sexualität im Islam schreiben die Autoren unmissverständlich:

„Bis heute ist Sexualität im Islam [allgemein!] stark vom frühmittelalterlichen Vorbild Mohammeds und dessen Frauenbeziehungen geprägt.“ (209; im Original kein Fettdruck)

Und da hilft auch alles Leugnen und Schönreden nicht, ihr Gutmenschen.

„Die Frau gilt als Verführerin, die ihr sexuelles Verlangen schwerer als der Mann zügeln kann.“ (213) Hieraus resultiere, „dass die Frau ihre Weiblichkeit verbergen muss, damit der Mann ihr nicht zum Opfer fällt.“ (214)

Also: Im Grunde müßte mann/frau den Islam als solchen auf die Coach legen…

Selbstaufwertung durch exzessive Gewalt

Aggression erleichternd wirkt auf die IS-Klientel also, dass sie sich in einer Bedrohungssituation wähnen, bzw. faktisch (aufgrund des von den USA ausgerufenen war on terror) sogar sind, z.B. durch die Besetzung Afghanistans und Iraks durch die USA, die – und dazu scheint ihnen jedes Mittel recht zu sein – eine andere, un-islamistische Gesellschaftsordnung anstreben. (92)

Als innere Feinde sieht der IS also die schwachen Väter und die Nicht-Sunniten; als äußere Feinde sieht er die Kreuzritter, die die muslimische Welt erneut besetzen und unterjochen wollen. Aus der erlebten Schwäche (der Väter) heraus und um diese zu kompensieren entwickelt die Terrormiliz „Wut und Hass auf die Ungläubigen und Kreuzfahrernationen“: (351)

„die Grausamkeit soll wie ein Medikament gegen die[… erlebte] Kränkung helfen.“ (352)

Auch der IS strebt die Endlösung an.

„Die Vernichtung richtet sich dabei selektiv gegen jene Personen, die sich dagegen [gegen die Rückkehr zum Ur-Islam] wehren. Wie zu Zeiten des Propheten Mohammed in Medina legitimiert der IS diese rohe Gewalt gegen Andersgläubige und Andersdenkende.“ (95)

Klar und deutlich sprechen die Autoren aus, was unsere Islamverbände und all die in ihrer Multikulti-Höhle gefangenen Gutmenschen wider alle Fakten nicht wahrhaben wollen, dumm-dreist leugnen:

„Leider aber ist schon seit der Entstehung des Islams ein tiefes und fundamentales Gewaltpotenzial im strukturellen Kern dieser Religion angelegt.“ (162)

Allein in Sure 2 des Koran ist im Grunde nur, ausschließlich von gottesfürchtigem vs. frevelhaftem Handeln die Rede und von (qualvoller bzw. demütigender) Strafe des Feuers gegen die Ungläubigen und Frevler in 27 der 287 Verse explizit die Rede (Verse 8, 11, 25, 40, 82, 86, 87, 91, 97, 105, 115, 127, 160, 162, 163, 166, 167, 168, 175, 176, 179, 202, 207, 212, 218, 258, 276).

Insbesondere die immer wieder gern bemühte Floskel des ach so friedlichen, friedvollen und friedliebenden Islam ist schlechthin Euphemismus pur:

„Im Islam ist die Geschichte der Enthauptungen so alt wie die Religion selbst. So soll Mohammed in seiner ersten Biografie »As-sîra an-nabawiyya« laut Ibn Ishaq (704-768 n. Chr.) und anderer Autoren offenbart haben, dass nach der Schlacht in Medina bis zu 900 Gefangenen der Kopf abgeschlagen wurde. Die meisten Enthauptungen soll Ali, Schwiegersohn des Propheten Mohammed, vollzogen haben.“ (247; im Original kein Fettdruck)

Die Autoren zitieren zudem eine Stelle aus der Sure Mohammad, in der es heißt:

„Begegnet ihr im Krieg Ungläubigen, schlagt ihnen die Köpfe ab (…) wenn Allah wollte, hätte er sich auf andere Weise an ihnen gerächt [Gebot der Blutrache!]; er will aber damit die einen von euch durch die anderen prüfen. Und diejenigen, die auf Allahs Weg getötet werden, wird er ihre Werke nicht fehlgehen lassen.“ (Sure 47,5; zitiert nach Kızılhan u. Cavelius, 248)

Später zitieren die Autoren auch den Vers:

„Und tötet sie (die Ungläubigen), wo immer ihr sie trefft…“ (Sure 2, 191; zitiert nach Kızılhan u. Cavelius, 406)

Pathologisch wird die Aggression zudem, wenn sie sich zu einer appetitiven steigert:

„Diese Form der Aggression muss sich nicht immer durch Angst und Bedrohung rechtfertigen, sondern entsteht unter anderem auch durch Lustempfinden. […] Je deutlicher Menschen in einer an Glücksmomenten armen Umwelt merken, dass Gewalt ihnen zu einem Überlegenheitsgefühl und einem Lustgewinn verhilft, desto häufiger werden sie diese Aggression ausüben und desto eher suchen sie diesen erregenden Zustand“. (93)

Das Köpfen wird im IS gar zum alleinigen Wertmaßstab eines „Kämpfers“:

„IS-Emir ist automatisch derjenige geworden, der mindestens sechzehn Menschen geköpft hatte.“ (277)

Nicht zuletzt durch die Auszeichnung von Gewalt gegenüber anderen gelingt es denen, die sich als unterdrückt empfinden, „sich aus der eigenen Bedeutungslosigkeit in die Position des Mächtigen zu katapultieren.“ (348)

Fazit

Die Psychologie des IS ist eine Psychologie des Ur-Islam, wie er insbesondere im Koran verfasst wurde. Und da der heute praktizierte Islam lediglich ein abkünftiger Modus des Ur-Islam ist, zeigt der gelebte IS-Islam paradigmatisch auf, was uns droht, wenn wir den islamistischen Tendenzen, die sich u.a. auch aus Gutmenschentum und political correctness bei uns breit machen, (immer weiter) nachgeben. Dies lässt sich in Samuel Schirmbecks Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen, au détail nachlesen…

M. Hampe: Zur postfaktizistischen Katerstimmung bei (den Gutmenschen) der KWL

Frog1(Michael Hampe, Katerstimmung bei den pubertären Theoretikern, Zeit, 15.12.2016, 48)

Michael Hampes These (zur Kritik der KWL) lautet:

„Seitdem die Rechte postfaktisch geworden ist, hat die kulturwissenschaftliche Linke [(KWL)] ein echtes Problem“. (Untertitel)

Den Grund hierfür sieht Hampe im Mangel an theoretischer Durchdringung der aus der Tradition der Vorgänger (Nietzsche, Heidegger, Foucault) unkritisch übernommenen Theoreme:

„Warum geht es der KWL schlecht? Das liegt nicht an der Ärmlichkeit und Widersprüchlichkeit ihrer theoretischen Praxis. Für die kann sie nichts. Denn die hat sie sich ja nicht selbst ausgedacht, sondern von Nietzsche, Heidegger, und Foucault geerbt, die sie nicht recht verdauen konnte, deren Theoreme sie jedoch bei sich geistig auf Dauer gestellt hatte.“

Der Mangel an sowohl Reflexionsbereitschaft als auch Reflexionsvermögen zeige sich insbesondere unter Bezug auf die eingeschränkte Gültigkeit des Faktischen: Könne doch das Faktische nur historisch: im historischen Kontext Gültigkeit beanspruchen:

„die KWL [hat sich] jahrelang nur selbst gefeiert, weil sie von Großonkel Nietzsche gelernt und richtig verstanden hat, dass es keine absolute Wahrheit und keine nicht in historischen Situationen beschriebenen Tatsachen gibt“.

Laut Heideggers Existenzialanalytik hat die Faktizität gar nur Entwurf-Charakter: Das Dasein west im (hermeneutisch ausgelegten) Zeitlichkeitskontext des (je-meinigen) Verstehens:

„Und nur weil das Sein des Da durch das Verstehen und dessen Entwurfcharakter seine Konstitution erhält, weil es ist, was es wird bzw. nicht wird, kann es verstehend ihm selbst sagen: »werde, was du bist!«.“ (SuZ, § 31, Abs. 9)

Insofern mutet es grotesk und absurd an, dass (ausgerechnet) die KWL ihren von ihr zu Populisten erklärten Widersachern vorwirft, (im Gegensatz zu ihren eigenen Positionen) a priori nur (zugleich) postfaktisches und amoralisches Geschwätz vorzutragen. Doch die Angegriffenen – welch Graus – reagieren nicht (länger) als in unredlichem Handeln Ertappte:

„Doch jetzt schert sich der Gegner nicht mehr um die Korrekturversuche, sondern sagt: »Wir lassen uns von euch kein schlechtes Gewissen mehr einreden, weil wir diese oder jene Wörter verwenden und damit angeblich Mikroaggressionen ausüben! Glaubt ihr, euer Versuch, uns zu sagen, wie wir zu sprechen haben, sei keine Aggression? Wer ist hier eigentlich der bully: wir mit unserer ungehobelten Rede oder ihr, die ihr uns als naive Rassisten entlarven und einsortieren wollt? Ihr habt doch bei eurem Hausheiligen Nietzsche ganz genau gelernt, wie Schwache die Starken unterdrücken: indem sie ihnen ein schlechtes Gewissen einreden! […]«“

Also sprach der Anti-KWLer:

„Nun, wenn [ohnehin] alles nur konstruiert ist, dann konstruiere ich mir jetzt eben mal“

meine Welt à la Pipi Langstrumpf: Wie sie mir gefällt…

Tja, ihr Gutmenschen, ihr blasierten Apologeten der Postfaktizität, damit habt ihr wohl nicht gerechnet…

Frog4

Endzeitdrohung: M. Elsbergs „Black Out“ vs. F. Schätzings „Der Schwarm“

Frog1(Marc Elsberg, Black Out, München, 232013; blanvalet 38029)

(Frank Schätzing, Der Schwarm, Frankfurt a.M., 272016; Fischer 16453)

(Dirk Althaus, Zeitenwende: Die postfossile Epoche. Weiterleben auf dem Blauen Planeten, Murnau a. Staffelsee, 2007)

Beide Romane sind Bestseller; es sind dicke Schmöker (Schwarm: 989 bzw. Black out: 800 Seiten); in beiden bedroht ein — mächtiger, vielleicht sogar übermächtiger — Gegner die westliche Welt; beide Gegner wollen die Regression:

Regressionsphantasien sind nichts Neues; sie finden sich zahlreich in der Literatur, z.B. bei Gottfried Benn

Bei Frank Schätzing lauert der Schwarm, eine nicht-menschliche Spezies, in den Tiefen der Meere: Sie will ihr Habitat wieder für sich allein haben und alles Menschengemachte, alle Menschen in ihm vernichten. Marc Elsbergs Feinde hingegen sind Menschen: Es sind radikale Antikapitalisten, denen fast alle Mittel recht sind, um die westliche Welt zurück zum Naturzustand zu bringen…

Beide Romane sind zudem wissenschaftlich fundiert; ihre Zivilisationskritik ist science fiction. Dirk Althaus, einer derer, die die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels von der fossilen zur postfossilen Gesellschaft thematisier(t)en, weist in Die postfossile Epoche (mehrmals) explizit in auf Schätzings Der Schwarm hin:

„Das [Schätzings Der Schwarm] ist lesenswert zum Verständnis der Menschenrolle in der Welt, denn was von Schätzing auf tausend Romanseiten komprimiert wurde, geschieht auf Milliarden Seiten in der Realität. Es stellt sich wieder die Frage, ob wir mit der Zähmung des Feuers einen falschen Weg gewählt haben.“ (Althaus, 76)

In beiden Romanen geht es um Steuerung: Bei Schätzing geht es um die Steuerung von Lebewesen —

„Diese Gallerte beispielsweise: Sie […] steuert andere Lebewesen, indem sie ihre neuronalen Netze befällt.“ (Schätzing, 576) —;

Bei Elsberg hingegen geht es um die Steuerung von technischem Equipment. Elsberg konkretisiert die Anfälligkeit zunehmend smarter Technologien in der Energiewirtschaft für gezielte Angriffe durch IT-Saboteure. Doch kombiniert wird diese Technikkritik auch bei ihm durch eine Zivilisationskritik. Die fällt in seinem Roman ambivalent aus: Zum einen geht es (zumindest einigen Radikalinskis unter) den Saboteuren um „eine Rückkehr in vorindustrielle Lebensformen“, (Elsberg, 595) die von ihren Befürwortern entsprechend positiv bewertet wird. Zum andern zeigt Elsberg dystopisch den Rückfall in ein homo homini lupus-Verhalten als das Verhaltensparadigma, dem gemäß die Bevölkerung (als die Menge aller Individuen mit ihren jemeinigen Partikularinteressen) wohl reagieren wird, wenn ihre Grundversorgung über mehr als zwei Wochen hinweg nicht mehr sichergestellt werden kann.

Ganz anders handeln — so wird von den Wissenschaftlern (unter den Protagonisten), die die fremde Spezies untersuchen, vermutet — die Akteure, die die Freiheit von allem, was nicht ihre Lebensform ausmacht, wiedererlangen wollen:

„Schwarmwesen […] opfern Millionen […] zur Erreichung ihrer Ziele. Der Einzelne gilt ihnen nichts.“ (Schätzing, 672)

Diese Wesen, Schwarmwesen, sind, so suggeriert Schätzing, den Menschen und ihrer Technik weit überlegen. Der Mensch kann sie nicht besiegen, nur überlisten — und selbst das nur

„um einen Aufschub zu erwirken, vielleicht sogar [irgendwann mal so] etwas wie gegenseitiges Verstehen“ —: (Schätzing, 972)

Indem der Mensch so tut als sei er wie sie, die Schwarmwesen:

„Welch eine Zumutung für die Krone der Schöpfung!“ (Schätzing, 972)

Doch immerhin enden beide Romane mit Waffenstillstand und sogar „Hoffnung“ (Schätzing, 986) bzw. Sieg (über die Saboteure) (bei Elsberg).

Doch in beiden Fällen wurde die Gefahrenabwehr teuerst erkauft: Schätzings „Apokalypse“ gipfelt im „Absturz des Schelfs“ (Schätzing, 425) und der (weltweiten) Zerstörung fast aller Küstenstädte des umliegenden Festlands (eb., 433); bei Elsberg bricht die komplette Stromversorgung zusammen, und es kommt u.a. zu Reaktorunfällen in den sabotierten Regionen. (In beiden Romanen sind die attackierten Regionen vornehmlich Europa und die USA.)

Zudem ist das (halbwegs) ins Positive gewendete Ende auch bei Elsberg lediglich vorläufig: Auch in seinem Roman bleibt offen, ob tatsächlich alle Saboteure und alle Schadsoftware-Programme entdeckt und eliminiert/neutralisiert wurden…

Fazit: Technik ist ambivalent: Je mehr wir sie nutzen, um uns zu entlasten, desto anfälliger werden wir (und desto unsolidarischer reagieren wir), sollte sie versagen/zerstört werden… Schon jetzt schieben wir von uns: menschengemachte Probleme vor uns her, die uns irgendwann auszulöschen drohen, z.B. der radioaktive Müll, die Klimaveränderung…

Bleibt nur der beiden Autoren Trost: Ausgesprochen in Hölderlins berühmten Zeilen:

„Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“ (Patmos)

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R. Martin: Die (schizophrene) Gutmenschperspektive

Frog1(Ralph Martin, Im Herzen des Unverständnisses, In der Übersetzung von Tobias Rüther, FAS, 20.11.2016, 47)

(Susan Neiman, Die Quelle allen Unglücks?, Zeit, 27.10.2016, 49)

Der (amerikanische) Gutmensch Ralph Martin schreibt über seinen Besuch in seiner Heimatstadt Granville, Ohio, am 4. Juli 2016:

„Die Granville Coffee Company“ nennt man auch den „Christian Coffee Place“, weil die Rechte evangelikale Christen hingehen und unter Bibelsprüchen aus dem Alten Testament sitzen um eine Bibel, die auf einem Tisch in der Mitte auslegt. Einige Wochen nachdem ich wieder zuhause angekommen war, bin ich ihr her gegangen. Zwei Sechzigjährige weiße Männer unterhielten sich darüber, wie blöd die Europäer wären, so eine riesige Zahl Muslime in ihre Länder zu lassen. Weil das ja nur Terrorismus mit sich bringen könnte. Es war der Tag, nachdem ein Terrorist auf der Promenade von Nizza mit einem Lastwagen 86 Menschen getötet hatte. Wenn man zu blöd ist, sagten die beiden Männer, dann muss man ja damit rechnen, dass sowas passiert. Ich sah zu, dass ich weiterkam, und habe meinen super heißen Kaffee so schnell getrunken, dass ich mir den Mund verbrannte.“

Es ist diese Einstellung: des Rückzugs, Einigelns und Aufgehens in der eigenen Komfortzone, die die Spaltung der Gesellschaft – hier die Gut-Herren, dort die minderwertige Plebs – vorantreibt…

Man/frau streiche in folgendem Zitat das Wort Heidegger und ersetze es durch Der Gutmenschen (oder ein anderes x-beliebiges Subjekt), schon wird das hier vorliegende Denkmuster(-Stereotyp) sichtbar:

Heideggers Verachtung der Öffentlichkeit ist nur ein Beispiel dafür, wie sich elitäres Denken [überhaupt] bedroht fühlt.“ (Neiman; imOriginal keine Hervorhebung)

Martin sollte von Kittlitz lesen (siehe: Forderung nach Selbstkritik)…

Doch ich fürchte, Martin und seine Freunde fühlen sich Leuten wie den beiden Sechzigjährigen, von denen Martin erzählt, intellektuell und moralisch so (pseudo-göttlich) überhoben, dass von Kittlitz‘ Forderung nach Reflexion der eigenen (Über-Ich-)Position für sie a priori ausscheidet: von ihnen (als den, wie sie sich wohl-fühlen, Wahrern von Gut und Schön) als unerhört zurückgewiesen wird… ((Sie sind und bleiben in ihrer Höhle, im System 1 verfangen…: Geben (sich und allen andern) aber vor, frei zu sein…

Frog4

 

von Kittlitz‘ Selbstkritik am Über-Ich: dem Gutmensch-Diktat

Frog1Alard von Kittlitz, „Es heißt, Trump die xenophob – aber wenn ein arabisch aussehender Mann mit Rucksack in die Bahn steigt, haben wir alle Angst. Wir sind nicht ehrlich mit uns“, Zeit, 24.11.2016, 80)

Gutmensch Alard von Kittlitz gibt zu, dass der Flüchtlingsdiskurs weitgehend gleichgeschaltet geführt wird, die Gutmensch-Erzählung von der Herrenklasse der öffentlichen Meinung dem Volk als alternativlos hingestellt wird. Doch er erkennt auch, dass sich Widerstand gegen die politische Korrektheit regt und die bösen Opponenten dabei sind, die Gutmensch-Diktatur zu unterlaufen. Ohnmächtig konstatiert er:

„Wir verlieren, obwohl wir schon lange kultureller Hegemon sind. Obwohl sich also alle, die wir persönlich kennen, fast alle Politiker, die wir als halbwegs normal bezeichnen, fast alle Stars auf unserer Seite befinden. Fast alle Fernsehsender und fast alle Zeitungen. Wir sind das Establishment, und wir haben verloren.“

Gut so, ihr Arroganzlinge!

Als Medizin gegen die eigene Überheblichkeit empfiehlt von Kittlitz die Rückbesinnung auf das jemeinige Säuglingsalter: Die Überwindung der antagonistischen Weltperspektive durch die Anerkennung von Ambivalenzen:

„Die Mutter gibt ihm [dem Säugling] die Brust: Sie ist gut. Die Mutter entzieht sich ihm: Sie ist böse. Die Mutter ist also gut und böse. Er selbst, lernt der Säugling, ist es also vielleicht auch. Er ist nicht rein. Das ist ein sehr großer Gedanke.“

Wir gratulieren zu dieser großartigen Erkenntnis!! (Schon mal was u.a. von Dialektik gehört??)

Von Kittlitz empfiehlt seinen Gutmenschfreunden daher, ihre arrogante Haltung, ihre Rechthaberei und ihren moralischen Überlegenheitsanspruch zu überdenken:

„Wir haben ein Riesenproblem: Wir sind nicht ehrlich mit uns. Wir sind nicht mehr aufgeklärt. [Hört, hört!!] Wir kennen uns selbst nicht mehr. Wir haben, würde der Analytiker sagen, ein zu dominantes Über-Ich.“ (im Original keine Hervorhebungen)

Dieses Über-Ich manifestierte sich in „Tabus und Denkverboten“. Je stärker diese zementiert würden, desto deutlicher und d.h. scharfkantiger akzentuiere sich die Opposition (als Gegenkraft):

„Es ist einfach, zu begreifen, was mit einer Gesellschaft geschieht, die das Scheitern am eigenen Über-Ich als Katastrophe erlebt: Sie beginnt sich zu spalten. Deshalb gibt es nun jene, die anfangen, das Über-Ich abzulehnen, und es ist kein Wunder, dass sie sich zuerst unter dem Banner des Hasses auf die Political Correctness zusammengefunden haben.“

Nur wenn es gelinge, Ambivalenzen zu tolerieren, anzuerkennen und die eigenen Überzeugungen aus der Perspektive anderer (Grund-)Positionen ehrlich zu hinterfragen, könne die (immer weiter zunehmende) Spaltung der Gesellschaft überwunden werden:

„Wenn uns [Gutmenschen] das Aussprechen [„unser[es] Scheitern[s]“ am eigenen Über-Ich] nicht gelingt, produzieren wir das, was uns so ängstigt: eine Gesellschaft, durch die ein immer tieferer Graben verläuft. Eine Gesellschaft, in der wir, die wir an die Werte der Aufklärung glauben [gemeint ist Kant…], immer weiter an Land verlieren. Eine Gesellschaft, in der zunehmend Gewalt droht.“

Klingt zunächst gut und vernünftig. Doch ob dem Geheuchel wohl auch Taten folgen??

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Bodo Kirchhoffs Novelle „Widerfahrnis“ in Nachfolge Albert Camus‘

Frog1(Bodo Kirchhoff, Widerfahrnis, Frankfurt war. M., 2016)

(Edmund Husserl, Philosophie als strenge Wissenschaft, Frankfurt war. M., Nachdruck der Logos-Ausgabe, 1965)

(Albert Camus, Der Fremde, In neuer Übersetzung von Uli Aumüller, Berlin, 2011)

Am 17. Oktober 2016 erhielt Bodo Kirchhoff den Deutschen Buchpreis für sein – von ihm als Novelle bezeichnetes – Werk Widerfahrnis.

Das Buch ist routiniert und gekonnt geschrieben, wie von Kirchhoff nicht anders zu erwarten. Doch es bietet – anders als Nominierung, Auszeichnung und auch Gattungsbezeichnung vermuten lassen – literarisch kaum Außergewöhnliches. Erzählt wird alltägliche Widerfahrnis: (Vor allem) das Kennenlernen, die spontan beschlossene, nur wenige Tage dauernde gemeinsame Italienreise (zu Frühlingsbeginn, „Ende April“ (6)) und die Trennung von zwei älteren Menschen: Einer Dame (Leonie Palm), die früher einen Hutladen und eines Herrn (Reither), der vormals einen Verlag besaß (den er im Herbst zuvor „liquidiert“ hatte). (6) Kurz gefasst: Erzählt wird von zweien „die Pleite gemacht haben“, (59) die (zumindest) mit ihrem Erwerbsleben abgeschlossen haben.

Der Begriff Widerfahrnis selbst wird von Kirchhoff (erst nach der Hälfte des Buchs) wie folgt erläutert/eingeführt:

„und fast wäre seine Hand in ihr Haar gegangen, nach all der Umarmung im Bett eigentlich legitim, eine Morgenzärtlichkeit. Stattdessen bat er sie, die Augen zu schließen und nicht nachzudenken, nur zu sagen, was ihr durch den Kopf geht. Und sie schloss die Augen, zwei gereizte Fältchen dazwischen. Was mir durch den Kopf geht – Widerfahrnis.

Und warum gerade das?

Muss ich das wissen? Sie griff sich die Tasche und lief damit Richtung Bad; Reither zog sich an. Im Grunde hatte er es geahnt, das Überrollende in dem Buch, schon als er von seiner zu ihrer Wohnung hinter ihr her gegangen war, über einen neuen Umschlag nachdachte. Aber Widerfahrnis, das war mehr als die vergessene Heimsuchung – da muss man nur hinhören, nur hinsehen, dann ist es die Faust, die einen unvorbereitet trifft, mitten ins Herz, aber auch die Hand, die einen einfach an die Hand nimmt – ein Titel, den er wohl hätte gelten lassen.“ (159)

Als Nebendarsteller fungieren (nebst zwei „Empfangsfeen“ (39) mit Migrationshintergrund, die das eingeschneite Auto anschieben und damit die Reise überhaupt erst in Fahrt bringen), lediglich zwei Fremde: Flüchtlinge: Ein Mädchen und ein (vormals) Fischer (Taylor) aus Lagos (sowie dessen nicht näher charakterisierte Kleinfamilie).

Die Ausgangskonstellation ist insofern ähnlich der in Albert CamusDer Fremde. Ebenso wie der Fremde in Camus‘ Werk nicht näher charakterisiert wird und der Protagonist, der ihn erschießt, angeklagt und zum Tode verurteilt wird, sich den Ereignissen gegenüber relativ unbeteiligt, emotionslos verhält, lassen sich auch die beiden Hauptprotagonisten in Kirchhoffs Novelle treiben. Die Ereignisse widerfahren ihnen. Sie widerstehen nicht; sie revoltieren nicht. Sie sind Getriebene; sie lassen sich vom Strom der Ereignisse treiben, fort und fort treiben.

Im Fall der Protagonistin wird dieses Verhalten immerhin im Nachhinein (auf der letzten Seite) durch den Vorlauf in deren Krebstod erklärt:

„Bliebe jetzt nur noch zu klären, womit die Geschichte, die ihm [Reither] noch immer das Herz zerreißt, enden sollte“. Nämlich: „als der Erzähler ein Paket aus Triest erhielt, Absender die Adresse einer Pension, und in dem Paket die Strohmelone [die sie während der Reise trug] und eine Karte, auf der stand, dass ein Hut als Bedeckung für den rasierten Kopf ein zu billiger Trick sei“… (224)

In dieser Hinsicht ist Kirchhoffs Widerfahrnis ebenso wie Camus‘ Der Fremde ein Vorlaufen in den Tod (Heidegger). Die Protagonisten agieren weit gehend reaktiv. Sie sind den Ereignissen verfallen:

„Aber wenn nichts Unerwartetes mehr auf uns zukommt, dann sind wir tot.“ (22)

Und der Erzähler beobachtet ganz im Stil eines Phänomenologen, wie Husserl einst forderte und praktizierte:

„im immanenten Schauen dem Fluß der Phänomene nachschauend“… (Philosophie als strenge Wiss., Abschn. 51, S. 37)

Widerfahrnis entwirft damit in und mit der Erzählung eine extrem fatalistische Botschaft.

Dass der in dieser Novelle zugrunde gelegte, unerhörte Entwurf von Dasein zudem sogar mit einem Literaturpreis ausgezeichnet/gepriesen wird, kann/könnte als Symptom/Ausdruck der Ohnmacht gesehen werden, die Europa derzeit erfasst. (Z.B. Hans-Werner Sinn verortet den Krisenkomplex Europa gar als ein Widerfahrnis-Bündel, dem er den Titel Der schwarze Juni gibt.) Keine schöne Vision… (Erst recht nicht seit Trumps Triumph…)

Frog4

Die Gutmenschen feiern sich selbst: Verleihung des Friedenspreises an C. Emcke

Frog1(Carolin Emckes Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2016, Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., 2016)

Anfangen

Carolin Emckes Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2016 – Der Text folgt dem gesprochenen Wort. [Wie auf der Homepage des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels widergegeben:]

I.

Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus…

Angedeutete Perspektivwechsel in der Hierarchie-Bewegung:

  • Wissender/Eltern/Über-Ich (oben), Dummchen/Kind/Ich (unten): Aus der top-down – wird eine bottom-up-Hinwendung, die in der Einnahme der Kanzel, in dieser Rede (ex cathedra) mündet.

All die ersten Jahre, seit der Auszeichnung an George F. Kennan 1982, schaute ich die Verleihung des Friedenspreises von unten nach oben: Meine Eltern hatten eigenwilligerweise nur zwei Fernseh-Sessel, Kinder mussten sich unterhalb arrangieren und so lag ich auf dem Teppich und hörte gebannt die Reden der Preisträger.

  • Mann (oben), Frau (unten)

Soll wohl heißen: Schaut her; ich hab‘ es sogar als Frau geschafft, auf Euch herabzusehen. (Endlich…) Kriecht vor mir, ihr Würmer.

Ich sage »Preisträger«, denn die ersten dreizehn Jahre, die ich von unten nach oben blickte, waren es ausschließlich Männer. Auch als ich längst eine eigene Wohnung hatte, behielt ich dieses Ritual bei: Ich betrachtete den Friedenspreis vom Fußboden aus. Irgendwie schien das auch angemessen zu sein. Seit der Preisverleihung an David Grossman saß ich dort, wo Sie jetzt sitzen.

  • Selbstinszenierung als Rebellin

Letztes Jahr noch bin ich mit einem Freund am Vorabend der Verleihung nachts in den Festsaal im Frankfurter Hof geschlichen, um die Tischordnung für das Festessen zu manipulieren… (wobei wir peinlicherweise erwischt wurden) und jetzt das hier…

Soll wohl heißen: Es tut gar nicht not zu rebellieren: Es gibt effektivere Methoden – auch für Frauen – die Perspektive zu wechseln (und die Kanzel zu erobern…)

Meine Damen und Herren, ich bedanke mich beim Stiftungsrat des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels für diese Auszeichnung. Sie erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und

einem glücklichen Staunen.

  • Selbstinszenierung: Die (Pseudo-)Überraschte
  • Selbstinszenierung: Die (Pseudo-)Bescheidene,
  • Selbstinszenierung: Die, die das Wir-Gefühl betont existenzial (allgemein)…

Niemand wächst allein. Einige, die vor mir hier an dieser Stelle standen, waren für mein Denken existentiell. Die Werke vieler Friedenspreisträger*innen, aber auch die Begegnung mit manchen haben mich zu der gemacht, als die ich heute vor Ihnen stehe: Martin Buber und Nelly Sachs, David Grossman und Jorge Semprún, und in besonderer Weise Jürgen Habermas und Susan Sontag. Nach ihnen in einer Reihe zu stehen, lässt mich diesen Preis weniger als Auszeichnung denn als Aufgabe begreifen.

… und im Schreiben (speziell)…

Niemand schreibt allein. Zwei Menschen waren für mein Schreiben unverzichtbar und ihnen möchte ich ausdrücklich danken: der Photograph und Freund Sebastian Bolesch, der mich über 14 Jahre auf allen Reisen ins Ausland begleitet hat und ohne den kein Text so entstanden wäre. Und mein Verleger und Lektor Peter Sillem vom S. Fischer Verlag, der mich seit dem ersten Manuskript über alle Zweifel hinwegträgt und ohne den kein Buch so erschienen wäre. Vielen Dank.

… und so tut, als ob sie nicht begreife, dass der Rekurs auf das Wir als Mittel zum Zweck der Abgrenzung intendiert ist.

II.

Wir: Das impliziert immer auch…

Nicht alle, aber viele, die vor mir hier standen, haben nicht allein als Individuen, sondern sie haben auch als Angehörige gesprochen. Sie haben sich selbst verortet in einem Glauben oder einer Erfahrung, in der Geschichte eines Landes oder einer Lebensform – und darauf reflektiert, was das heißt, als chinesischer Dissident, als nigerianischer Autor, als Muslim, als Jüdin hier in der Paulskirche zu sprechen, in diesem Land, mit dieser Geschichte.

… eine Perspektive der Ab- und Ausgrenzung einzunehmen: Identität ist ohne Differenz nicht zu haben…

Für diejenigen, die hier oben, mit dieser Perspektive sprechen durften, bedeutete es oft auch, aus und von einer besonderen Perspektive zu erzählen. Sie wurden ausgezeichnet, weil sie sich für ein universales Wir einsetzten –

… und das impliziert immer auch: Wir: Das sind die Guten (woraus folgt: Alle andern: Das sind die Bösen).

und doch haben sie oft auch als Angehörige einer bedrängten Gruppe, eines marginalisierten Glaubens, einer versehrten Gegend gesprochen.

Doch dieser Aspekt wird ausgeblendet: Im Rekurs/Rückzug auf das jemeinig pseudo-idyllische Für-sich-sein.

Das ist durchaus bemerkenswert, denn es ist keineswegs gewiss, was das heißt: angehörig oder zugehörig zu sein.

Das moderne hebräische Wort für »angehören«, »shayach«, stammt ursprünglich aus dem Aramäischen – ist gleichsam zugewandert, aus einer Sprache in eine andere, um dann ironischerweise die Bezeichnung für „Angehörigkeit“ zu bilden. Das Wort shayach verweist auf nichts anderes. Anders als die meisten anderen Begriffe im Hebräischen birgt es in sich keine Anteile eines anderen. Es gehört gleichsam sich selbst. Etwas als shayach zu bezeichnen, bedeutet: es ist relevant, angemessen, wichtig. Das wäre eine schöne Spur: sich zugehörig zu zählen zu einem Glauben oder einer Gemeinschaft, hieße: ich bin für diese Gemeinschaft relevant, in ihr zähle ich als wichtiges Element.

Aber Angehörigkeit lässt sich auch in die andere Richtung denken: nicht nur ich bin für diese Gemeinschaft wichtig, sondern auch der Glaube für mich. Jüdisch zu sein oder katholisch oder muslimisch, das macht etwas aus. Es strukturiert mein Denken, meine Gewohnheiten, meinen Tag.

Doch der folgende Satz verrät, dass Identität (der einen) zugleich immer auch Differenz (zu den andern) mit setzt:

Almosen zu geben, das gehört zu den einen, wie das Beten bei Tisch oder das Anzünden der Kerzen zu den anderen.

Im Deutschen kennt der Begriff »gehören« mehrere Verwendungen: i) jemandes Besitz zu sein, aber auch ii) Teil eines Ganzen zu sein, zu etwas zu zählen, sowie iii) »gehören« als an einer bestimmten Stelle passend zu sein und iv) für etwas erforderlich zu sein.

  • Selbstinszenierung: Die Fragende I:

Bin ich, wenn ich fromm bin, im Besitz des Glaubens? Ist Religiosität etwas, das mir gehört? Oder ist Glaube etwas, das sich im und durch das Hadern bestätigt? Was heißt also an-gehören in Bezug auf den Glauben? Gehört mir mein Glaube oder gehöre ich dem, an den ich glaube?

Damit ist noch nicht einmal berührt, ob diese Angehörigkeit etwas ist, zu dem es sich bewusst entscheiden lässt. Ab wann jemand zu einer Kirche oder Gemeinschaft gehört, das lässt sich festmachen an den jeweiligen Riten der Aufnahme. Aber ab wann der Glaube zu einer Person gehört, das ist weniger eindeutig.

Ganz ohne Heidegger scheint’s wohl nicht zu gehen: Zunächst Identität und Differenz; jetzt der (existenzialhermeneutische) Imperativ: Werde, was Du bist!

Hatten mich die Passionen und Kantaten von Bach nicht schon durchdrungen und von innen heraus geformt, bevor ich von einem Glaubensbekenntnis auch nur wusste? Gehörte das nicht zu mir, und das heißt: bildete das nicht schon eine Voraussetzung für die, die ich werden sollte, bevor ich mich überhaupt zu einer Gemeinschaft hätte zugehörig erklären können?

Nun kennt das Wort »Angehörigkeit« keine Schattierungen. Es suggeriert eine einheitliche Empfindung. Als ob es uns immer gleich relevant sei, jüdisch oder protestantisch oder muslimisch zu sein. Als ob es sich an jedem Ort gleich anfühlte, kurdisch zu sein oder polnisch oder palästinensisch. Als ob es nicht in unterschiedlichen Situationen ganz unterschiedlich prägnant sein könnte. Mein Freund, der Regisseur Nurkan Erpulat, hat einmal auf die Frage, was es für ihn bedeute, muslimisch zu sein, geantwortet: »Das kommt auf den Kontext an.«

Manchmal ist die argentinische Herkunft besonders deutlich im glücklichen Blick auf die leuchtend lilafarbenen Blüten der Jacaranda. Aber manchmal ist sie besonders deutlich fern von dort, in Berlin, wenn ein Hubschrauber über der Stadt nicht von einem Militär-Putsch kündet, sondern nur von einem Stau – und die eingeübte Angst eine Weile braucht, bis sie sich verzieht.

Für manche wird das eigene Judentum besonders spürbar, wenn sie die Süße von Äpfeln mit Honig an Rosh ha’shana schmecken. Für andere dagegen, wenn sie in der Paulskirche sitzen und einer Rede zuhören müssen, in der das furchtbare Leid der eigenen Angehörigen von einem Menschheitsverbrechen, an das bis heute zu erinnern ist, zu einer bloßen »Moralkeule« verstümmelt wird. Ich kann hier nicht stehen, ohne an diesen nicht nur für Ignaz Bubis furchtbar schmerzlichen Moment in der Geschichte des Preises zu erinnern.

  • Selbstinszenierung: Die Fragende II:

Ist Zugehörigkeit also etwas, das aufscheint im Zusammensein mit anderen oder etwas, das aufscheint, wenn man als einziger aus einer Gemeinschaft herausfällt? Weil die jüdische Perspektive als eine, die zu dieser Gesellschaft gehört, einfach ausgeblendet wird. Ist Zugehörigkeit also mit Glück oder mit Trauer verbunden? Ist zugehörig, wer als zugehörig erkannt wird und ist anders zugehörig, wem diese Anerkennung verweigert wird?

Wem gehört also dieses An-gehören – einem selbst oder den anderen? Gibt es das nur in einer Form oder in verschiedenen? Und vor allem: wieviele Kontexte und Verbindungen können für mich in diesem Sinne relevant und wichtig sein? Wieviele Schnittmengen gibt es von Kreisen, in denen ich passend bin und aus denen ich mich als Individuum zusammensetze?

  • Selbstinszenierung/-offenbarung: Die Lesbin:

Ich bin homosexuell und wenn ich hier heute spreche, dann kann ich das nur, indem ich auch aus der Perspektive jener Erfahrung heraus spreche: also nicht nur, aber eben auch als jemand, für die es relevant ist, lesbisch, schwul, bisexuell, inter*, trans* oder quer zu sein. Das ist nichts, das man sich aussucht, aber es ist, hätte ich die Wahl, das, was ich mir wieder aussuchte zu sein. Nicht, weil es besser wäre, sondern schlicht, weil es mich glücklich gemacht hat.

Als ich mich das erste Mal in eine Frau verliebte, ahnte ich – ehrlich gesagt – nicht, dass damit eine Zugehörigkeit verbunden wäre. Ich glaubte noch, wie und wen ich liebe, sei eine individuelle Frage, eine, die vor allem mein Leben auszeichnete und für andere, Fremde oder gar den Staat, nicht von Belang. Jemanden zu lieben und zu begehren, das schien mir vornehmlich eine Handlung oder Praxis zu sein, keine Identität.

Der Anspruch/Imperativ: Auf Mitgliedschaft im Gutmenschkreis: Anders sein zu dürfen und trotzdem zu den Guten gezählt zu werden…

Es ist eine ausgesprochen merkwürdige Erfahrung, dass etwas so Persönliches für andere so wichtig sein soll, dass sie für sich beanspruchen, in unsere Leben einzugreifen und uns Rechte oder Würde absprechen wollen. Als sei die Art, wie wir lieben, für andere bedeutungsvoller als für uns selbst, als gehörten unsere Liebe und unsere Körper nicht uns, sondern denen, die sie ablehnen oder pathologisieren. Das birgt eine gewisse Ironie: Als definierte unsere Sexualität weniger unsere Zugehörigkeit als ihre.

… soll nicht nur für Lesben, sondern auch für Muslime gelten – in manichäistischer Positionierung: Wir, die Guten: Das sind die Islamfreunde; alle andern: Das sind die Islamfeinde:

Manchmal scheint mir das bei der Beschäftigung der Islamfeinde mit dem Kopftuch ganz ähnlich. Als bedeute ihnen das Kopftuch mehr als denen, die es tatsächlich selbstbestimmt und selbstverständlich tragen.

  • Selbstinszenierung: Ich als Teil einer von mehreren unterdrückten Minderheiten, als Teil des Gutmenschen-Kreises:

So wird ein Kreis geformt, in den werden wir eingeschlossen, wir, die wir etwas anders lieben oder etwas anders aussehen, dem gehören wir an, ganz gleich, in oder zwischen welchen Kreisen wir uns sonst bewegen, ganz gleich, was uns sonst noch auszeichnet oder unterscheidet, ganz gleich, welche Fähigkeiten oder Unfähigkeiten, welche Bedürfnisse oder Eigenschaften uns vielleicht viel mehr bedeuten. So verbindet sich etwas, das uns glücklich macht, etwas, das uns schön oder auch angemessen erscheint, mit etwas, das uns verletzt und wund zurücklässt. Weil wir immer noch, jeden Tag, Gründe liefern sollen dafür, dass wir nicht nur halb, sondern ganz dazugehören. Als gäbe es eine Obergrenze für Menschlichkeit.

Es ist eine merkwürdige Erfahrung:

  • Selbstinszenierung: Die Fragende III:

Wir dürfen Bücher schreiben, die in Schulen unterrichtet werden, aber unsere Liebe soll nach der Vorstellung mancher Eltern in Schulbüchern maximal »geduldet« und auf gar keinen Fall »respektiert« werden?

Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht?

Manchmal frage ich mich, wessen Würde da beschädigt wird: unsere, die wir als nicht zugehörig erklärt werden, oder die Würde jener, die uns die Rechte, die uns gehören, absprechen wollen?

Verweis auf die Universalität der Menschenrechte:

Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel. Niemand verliert seine Rechte, wenn sie allen zugesichert werden. Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden. Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird. Zuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentwürfen, sozialen Praktiken oder religiösen Überzeugungen dürfen keine Rolle spielen. Das ist doch der Kern einer liberalen, offenen, säkularen Gesellschaft.

Differenz wird zugegeben, ist zuzugestehen:

Verschiedenheit ist kein hinreichender Grund für Ausgrenzung.

Ähnlichkeit keine notwendige Voraussetzung für Grundrechte.

Es leben die Paralleluniversen! (der Multikulti-Apologeten):

Das ist großartig, denn es bedeutet, dass wir uns nicht mögen müssen. Wir müssen einander nicht einmal verstehen in unseren Vorstellungen vom guten Leben. Wir können einander merkwürdig, sonderbar, altmodisch, neumodisch, spießig oder schrill finden.

Um es für Paulskirchen-Verhältnisse mal etwas salopp zu formulieren: ich bin Borussia Dortmund-Fan. Ich habe, nun ja, etwas weniger Verständnis dafür, wie man Schalke-Fan sein kann. Und doch käme ich nie auf die Idee, Schalke Fans das Recht auf Versammlungsfreiheit zu nehmen.

»Die Verschiedenheit verkommt zur Ungleichheit«, hat Tzvetan Todorow einmal geschrieben, »die Gleichheit zur Identität.« Das ist die soziale Pathologie unserer Zeit: dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identität und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.

Deswegen haben die, die vor mir hier standen und wie ich von dieser merkwürdigen Erfahrung der Zugehörigkeit zur Nichtzugehörigkeit gesprochen haben, doch beides betont: die individuelle Vielfalt und die normative Gleichheit.

Die Freiheit, etwas anders zu glauben, etwas anders auszusehen, etwas anders zu lieben, die Trauer, aus einer bedrohten oder versehrten Gegend zu stammen, den Schmerz der bitteren Gewalterfahrung eines bestimmten Wirs – und die Sehnsucht, schreibend eben all diese Zugehörigkeiten zu überschreiten, die Codes und Kreise in Frage zu stellen und zu öffnen, die Perspektiven zu vervielfältigen und immer wieder ein universales Wir zu verteidigen.

 

III.

Zur Zeit grassiert ein Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa. Pseudo-religiöse und nationalistische Dogmatiker propagieren die Lehre vom »homogenen Volk«, von einer »wahren« Religion, einer »ursprünglichen« Tradition, einer »natürlichen« Familie und einer »authentischen« Nation. Sie ziehen Begriffe ein, mit denen die einen aus- und die anderen eingeschlossen werden sollen. Sie teilen willkürlich auf und ein, wer dazugehören darf und wer nicht.

Alles Dynamische, alles Vielfältige an den eigenen kulturellen Bezügen und Kontexten wird negiert. Alles individuell Einzigartige, alles, was uns als Menschen, aber auch als Angehörige ausmacht: unser Hadern, unsere Verletzbarkeiten, aber auch unsere Phantasien vom Glück, wird geleugnet.

Inkonsequenz und Selbstwiderspruch: Gutmenschen, die sich selbst als Gutmenschen sehen, aber nicht wollen, dass sie von den andern, den Bösmenschen, als solche bezeichnet werden:

Wir werden sortiert nach Identität und Differenz, werden in Kollektive verpackt, alle lebendigen, zarten, widersprüchlichen Zugehörigkeiten verschlichtet und verdumpft.

Die Definition der (latenten) Bösmenschen:

Sie stehen vielleicht nicht selbst auf der Straße und verbreiten Angst und Schrecken, die Populisten und Fanatiker der Reinheit, sie werfen nicht unbedingt selbst Brandsätze in Unterkünfte von Geflüchteten, reißen nicht selbst muslimischen Frauen den hijab oder jüdischen Männern die Kippa vom Kopf, sie jagen vielleicht nicht selbst polnische oder rumänische Europäerinnen, greifen vielleicht nicht selbst schwarze Deutsche an – sie hassen und verletzen nicht unbedingt selbst. Sie lassen hassen.

Unterstellung: Nur die andern sind voll Ressentiments und Vorurteilen; Gutmenschen sind (qua Gegenteil) nicht so:

Sie beliefern den Diskurs mit Mustern aus Ressentiments und Vorurteilen, sie fertigen die rassistischen Product-Placements, all die kleinen, gemeinen Begriffe und Bilder, mit denen stigmatisiert und entwertet wird, all die Raster der Wahrnehmung, mithilfe derer Menschen gedemütigt und angegriffen werden.

  • Selbstinszenierung als Opfer (der Bösmenschen)

Dieser ausgrenzende Fanatismus beschädigt nicht nur diejenigen, die er sich zum Opfern sucht, sondern alle, die in einer offenen, demokratischen Gesellschaft leben wollen. Das Dogma des Homogenen, Reinen, Völkischen verengt die Welt. Es schmälert den Raum, in dem wir einander denken und sehen können. Es macht manche sichtbar und andere unsichtbar. Es versieht die einen mit wertvollen Etiketten und Assoziationen und die anderen mit abwertenden. Es begrenzt die Phantasie, in der wir einander Möglichkeiten und Chancen zuschreiben.

Der folgende Satz, obwohl (zunächst) universalistisch formuliert…

Mangelnde Vorstellungskraft und Empathie aber sind mächtige Widersacher von Freiheit und Gerechtigkeit.

… relativiert/unterstellt: Gutmenschen sind empathisch; Bösmenschen sind das Gegenteil:

Das ist es eben, was die Fanatiker und Populisten der Reinheit wollen: sie wollen uns die analytische Offenheit und Einfühlung in die Vielfalt nehmen. Sie wollen all die Gleichzeitigkeiten von Bezügen, die uns gehören und in die wir gehören, dieses Miteinander und Durcheinander aus Religionen, Herkünften, Praktiken und Gewohnheiten, Körperlichkeiten und Sexualitäten vereinheitlichen.

Sie wollen uns weißmachen, dass es das nicht gäbe, Verfassungspatriotismus und demokratischen Humanismus. Sie wollen Pässe als Ausweise der inneren Verfasstheit missdeuten, nur um uns gegeneinander auszuspielen. Das hat auch etwas Groteskes: Jahrzehntelang hat diese Gesellschaft geleugnet, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein, jahrzehntelang wurden Migrantinnen und Migranten und ihre Kinder und Enkel als »Fremde« angesehen, nicht als Bürgerinnen und Bürger, jahrzehntelang wurden sie behandelt als gehörten sie nicht dazu, als dürften sie nichts anderes sein als Türken – und jetzt wirft man ihnen vor, sie wären nicht deutsch genug und besäßen einen zweiten Pass?

Das zeigt nur die Scheinheiligkeit der Integrationsdebatte: Multikulti, das Befürworten des Zugleichs von Parallelweltuniversen, ist zwar a priori nicht auf Integration hin intendiert, doch die Faktizität mangelnder Integration(sbereitschaft) wird abgewertet: wird als Fiktion/Unterstellung der Bösmenschen (am von den Gutmenschen als überlegen unterstellten Gutmensch-Paradigma) diffamiert.

Die Familie meiner Mutter ist vor dem Krieg ausgewandert nach Argentinien. Alle in ihrer Familie besaßen zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Pässe, mal einen argentinischen, mal einen deutschen, manchmal beide. Ich habe sie zuhause bei mir aufgehoben: den Pass meines Großvaters, den mir mein Onkel geschenkt hat, und den meiner Mutter. Meine Nichte Emilia, die heute hier ist und die wie alle ihre Geschwister in den USA geboren ist, hat auch einen amerikanischen Pass. Mehrsprachig waren und sind alle.

  • Selbstinszenierung: Die Fragende IV:

Aber glauben die Neonationalisten wirklich, irgendjemand in meiner Familie wäre weniger demokratisch gewesen, hätte deswegen weniger Respekt vor der Freiheit jedes Einzelnen und dem Schutz menschlicher Würde? Glauben die wirklich, der Pass sage etwas aus über die eigene Abneigung gegen Verrohung und die Bereitschaft, sich demokratisch für eine offene Gesellschaft zu engagieren – und zwar, egal wo?

Gutmenschvermutung: Die Flüchtlinge, das sind die wahren Demokraten…

Ich vermute eher, alle, die einmal vertrieben wurden, die Flucht oder auch nur Migration kennen, alle, die an verschiedenen Orten in der Welt sich zuhause fühlen, alle die mit Heimweh oder Fernweh geplagt sind, alle, die die verschiedenen Klangfarben der Ironie und des Humors lieben, die sich abwechseln und vermischen, wenn man die Sprache wechselt, alle, die Kinderlieder erinnern, die die nächste Generation nicht mehr kennt, alle, die die Brüche der Gewalt und des Kriegs miterlebt haben, alle, denen die Furcht vor Terror und Repression unter die Haut gezogen ist, wissen doch um den Wert stabiler rechtstaatlicher Institutionen und einer offenen Demokratie. Vielleicht sogar etwas mehr als diejenigen, die noch nie darum bangen mussten, sie zu verlieren.

… doch die Bösmenschen wollen das nicht wahrhaben/ignorieren und sogar dagegen hetzen:

Sie wollen uns einschüchtern, die Fanatiker, mit ihrem Hass und ihrer Gewalt, damit wir unsere Orientierung verlieren und unsere Sprache. Damit wir voller Verstörung ihre Begriffe übernehmen, ihre falschen Gegensätze, ihre konstruierten Anderen – oder auch nur ihr Niveau. Sie beschädigen den öffentlichen Diskurs mit ihrem Aberglauben, ihren Verschwörungstheorien und dieser eigentümlichen Kombination aus Selbstmitleid und Brutalität. Sie verbreiten Angst und Schrecken und reduzieren den sozialen Raum, in dem wir uns begegnen und artikulieren können.

Sie wollen, dass nur noch Jüdinnen und Juden sich gegen Antisemitismus wehren, dass nur noch Schwule gegen Diskriminierung protestieren, sie wollen, dass nur noch Muslime sich für Religionsfreiheit engagieren, damit sie sie dann denunzieren können als jüdische oder schwule »Lobby« oder »Parallelgesellschaft«, sie wollen, dass nur noch Schwarze gegen Rassismus aufbegehren, damit sie sie als »zornig« diffamieren können, sie wollen, dass sich nur Feministinnen gegen Machismo und Sexismus engagieren, damit sie sie als »humorlos« abwerten können.

In Wahrheit geht es gar nicht um Muslime oder Geflüchtete oder Frauen. Sie wollen alle einschüchtern, die sich einsetzen für die Freiheit des einzigartigen, abweichenden Individuellen.

Deswegen müssen sich auch alle angesprochen fühlen.

Appell an die Gutmenschen: Dagegen Widerstand zu leisten!

Deswegen lässt sich die Antwort auf Hass und Verachtung nicht einfach nur an »die Politik« delegieren. Für Terror und Gewalt sind Staatsanwaltschaften und die Ermittlungsbehörden zuständig, aber für all die alltäglichen Formen der Missachtung und der Demütigung, für all die Zurichtungen und Zuschreibungen in vermeintlich homogene Kollektive, dafür sind wir alle zuständig.

Was wir tun können?

»Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden«, schrieb Hannah Arendt in der Vita Activa, »und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.«

Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen. Wir können sprechen und handeln. Wir können die Verantwortung auf uns nehmen.

  • Selbstinszenierung als Minderheit: Die Bösmenschen sind auf dem Vormarsch:

Und das heißt: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt.

Plädoyer: Es gilt anzufangen:

Dazu braucht es nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen. Wir können hinausgehen und etwas unterbrechen. Wir können neu geboren werden, in dem wir uns einschalten in die Welt. Wir können das, was uns hinterlassen wurde, befragen, ob es gerecht genug war, wir können das, was uns gegeben ist, abklopfen, ob es taugt, ob es inklusiv und frei genug ist – oder nicht.

Wir können immer wieder anfangen, als Individuen, aber auch als Gesellschaft. Wir können die Verkrustungen wieder aufbrechen, die Strukturen, die uns beengen oder unterdrücken, auflösen, wir können austreten und miteinander suchen nach neuen, anderen Formen.

Wir können neu anfangen und die alten Geschichten weiterspinnen wie einen Faden Fesselrest, der heraushängt, wir können anknüpfen oder aufknüpfen, wir können verschiedene Geschichten zusammen weben und eine andere Erzählung erzählen, eine, die offener ist, leiser auch, eine, in der jede und jeder relevant ist.

Das geht nicht allein. Dazu braucht es alle in der Zivilgesellschaft. Demokratische Geschichte wird von allen gemacht. Eine demokratische Geschichte erzählen alle. Nicht nur die professionellen Erzählerinnen und Erzähler. Da ist jede und jeder relevant, alte Menschen und junge, die mit Arbeit und die ohne, die mit mehr und die mit weniger Bildung, Dragqueens und Pastoren, Unternehmerinnen oder Offiziere, Rentnerinnen und Studenten, jede und jeder ist wichtig, um eine Geschichte zu erzählen, in der alle angesprochen und sichtbar werden. Dafür stehen Eltern und Großeltern ein, daran arbeiten Erzieher und Lehrerinnen in den Kindergärten und Schulen, dabei zählen Polizistinnen und Sozialarbeiter sowie Clubbesitzerinnen und Türsteher. Diese demokratische Geschichte eines offenen, pluralen Wir braucht Bilder und Vorbildern, auf den Ämtern und Behörden ebenso wie in den Theatern und Filmen – damit sie uns zeigen und erinnern, was und wer wir sein können.

Wir dürfen uns nicht nur als freie, säkulare, demokratische Gesellschaft behaupten, sondern wir müssen es dann auch sein.

Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.

Selbstwiderspruch: Das Plädoyer für Säkularisierung…

Säkularisierung ist kein fertiges Ding, sondern ein unabgeschlossenes Projekt.

… gilt eben nicht universal: Die Parallelwelt des (fundamentalistischen/reinen) Islams lehnt dies ab. Die Flüchtlinge, vorgeblich die wahren Demokraten, sind fast ausschließlich sunnitisch. Sie trennen zwar wie Gutmensch Emcke die Welt in Gut (Gläubige) und Böse (Ungläubige), aber säkular eingestellt sind sie deswegen noch lange nicht, im Gegenteil…

Demokratie ist keine statische Gewissheit, sondern eine dynamische Übung im Umgang mit Ungewissheiten und Kritik.

Eine freie, säkulare, demokratische Gesellschaft ist etwas, das wir lernen müssen. Immer wieder. Im Zuhören aufeinander. Im Nachdenken über einander. Im gemeinsamen Sprechen und Handeln. Im wechselseitigen Respekt vor der Vielfalt der Zugehörigkeiten und individuellen Einzigartigkeiten. Und nicht zuletzt im gegenseitigen Zugestehen von Schwächen und im Verzeihen.

Ist das mühsam? Ja, total. Wird das zu Konflikten zwischen verschiedenen Praktiken und Überzeugungen kommen? Ja, gewiss. Wird es manchmal schwer sein, die jeweiligen religiösen Bezüge und die säkulare Grundordnung in eine gerechte Balance zu bringen? Absolut. Aber warum sollte es auch einfach zugehen?

Wie tröstlich:

Wir können immer wieder anfangen.

Was es dazu braucht?

Nicht viel: etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern, damit es häufiger geschieht, dass wir alle sagen:

Alles ist relativ…

Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus.

… das gilt auch für die Einteilung in Gut und Böse. Doch eine Perspektive jenseits von Gut und Böse (wie unter Nietzsche) einzunehmen, daran scheitern die Gutmenschen rein prinzipiell. Diese Perspektive kennen sie nicht und sie wollen sie auch nicht.

Frog4

Giovanni di Lorenzo, AfD-Versteher

Frog1(Giovanni di Lorenzo, Die Allmacht der Grünen, ZEIT, 22.9.2016, 1)

(Julia Löffelholz, Wirklich alles unter Kontrolle?, ZEIT, 22.9.2016, 5)

Ja, was ist denn da passiert?? Gutmensch Giovanni di Lorenzo zeigt ansatzweise Verständnis für AfD-Wähler:

„Es kann also niemanden ernsthaft verwundern, dass schon lange Raum frei geworden war für eine neue politische Gruppierung, die nun selbst im rot-alternativen Berlin aus dem Stand fast so viele Stimmen holte wie die Grünen. Die haben mit der Rettung unserer Welt immer noch ein Menschheitsthema auf ihrer Seite, aber die AfD bedient sich eines nicht minder starken Menschheitsreflexes: der Abwehr des Fremden, der Überforderung durch zu viel Neues.“ (im Original kein Fettdruck)

Di Lorenzos Ausgangspunkt ist eine Überlegung, die in diesem Zusammenhang — zunächst — zumindest unerwartet kommt:

„Es gibt einen roten Faden, der den kommunistischen Theoretiker Antonio Gramsci, die Grünen, Angela Merkel und die AfD miteinander verbindet“. (im Original kein Fettdruck)

Genauer:

„Wenn eine Gruppe die Macht wolle, argumentierte Gramsci in seinen berühmten Gefängnisheften, müsse sie zuvorderst den Kampf um die Köpfe gewinnen, ihre Weltanschauung müsse sich zum Beispiel in der Presse, in den Schulen, in der Kirche, bei den Intellektuellen als die überzeugendste durchsetzen.

Diese Theorie machte unter dem Begriff »kulturelle Hegemonie« eine steile Karriere, auch wenn Gramsci selbst ihn nie verwendet hatte.“ (im Original kein Fettdruck)

Die derzeit manifeste Hegemonie sei grün:

„Bis heute sind die Grünen eine kleine Partei geblieben, aber ihre Anliegen haben das ganze Land politisch und gesellschaftlich durchdrungen.“

Man/frau denke nur an Merkels Kehre: Atomausstieg, Ende der Wehrpflicht…

„Parteipolitisch erklärt das, warum die Grünen heute mit so gut wie jedem koalieren können“.

Doch im Untergrund rumort(e) es:

Es „gab […] Immer auch Menschen, die das alles mit Unverständnis, mit Ratlosigkeit und schließlich mit wachsender Wut zur Kenntnis nahmen. Es fanden sich für sie zwar Ventile, etwa im Netz, aber kein nennenswertes politisches Sprachrohr.“

Mit Pegida und AfD brach sich das Unbehagen bahn, eruptierte und wurde sichtbar:

Eine Gegenhegemonie, um noch einmal auf Gramscis Theorie zurückzukommen, breitet sich aus, die lange unvorstellbar schien: der Vormarsch populistischer und rechter Bewegungen überall in Europa, inzwischen auch in unserem Land.“ (im Original kein Fettdruck)

Auslöser waren und sind die diversen Krisen: Zuletzt und am wirkmächtigsten die unkontrollierte und ungezähmte Flutung Deutschlands mit Illegalen aus den faield states des Orients, vornehmlich sunnitischer Provenienz:

„Das Ganze geriet erst aus den Fugen, als ausgerechnet die Verkörperung konservativer Vernunft, nämlich die CDU-Kanzlerin, die Grenze für Flüchtlinge öffnete – wie sie in dieser Woche selbst einräumte: zeitweilig

[Welch Euphemismus!! Nur vier Seiten weiter heißt es in derselben Ausgabe der ZEIT: „Die ZEIT hat in Bayern recherchiert […]. Das Ergebnis: Es wird [an den Außengrenzen] kontrolliert, aber [selbst derzeit] nur ein bißchen.“ (5)]

unkontrolliert. Und plötzlich gab es im Parlament keine einzige Partei mehr, die zu dieser Entscheidung in Opposition stand.“

Die AfD als Sammelbecken der sprachlos Unzufriedenen:

Die AfD „ist […] eine Herausforderung für das ganze Parteiensystem geworden: Sie enttabuisiert, sie radikalisiert, sie vergiftet, aber sie stellt auch einige Fragen, die sich die Etablierten gefallen lassen und die sie beantworten müssen, wenn sie zu alter Stärke zurück finden wollen.“

So ist es. (siehe u.a. Merkels Mammutaufgabe) Doch so lange (fast) all unsere Meinungsmacher sich in ihrer grenzenlosen Selbstgefälligkeit und Selbstbeweihräucherung als die Kämpfer gegen das total Böse gegenseitig abklatschen und bejubeln, wird die Wut der als schlechthin bös‘ verteufelten andern nicht verschwinden, im Gegenteil: Sie wird wachsen…

Frog4