Niklas Maaks Kritik an „Technophoria“

Andreas Krieger, Künstliches Meer in der Sahara und vollvernetzte Städte, ttt, 19.7.2020

Laut Andreas Krieger „erzählt“ Niklas Maaks Roman

„Technophoria“ […] vom ewigen, sinnlosen Traum der Herrscher, die Erde nach ihrem Wunsch zu formen und die Schwachen zu unterwerfen. Die Herrscher: sind vielleicht bald die Maschinen. Die Diener: wären dann wir.“

Leider ist der Roman – als Roman! – konzeptionell wenig überzeugend. Das Pro und Contra der Technik-Phorie und ihrer machenschaftlichen Umsetzung wird nicht in eine stringente Handlung überführt. Zudem sind die Roman-Charaktere wenig detailliert und nicht authentisch ausgestaltet.

Das ist schade: Denn Maak zählt zu denen, die über KI – insbesondere in ihrer smarten Spielart – nicht nur schwafeln, sondern intensiv nachdenken.

In Kriegers Beitrag (für ttt) sind folgende 5 höchst bedenkenswerte Zitatblöcke Maaks eingewebt:

I – Ziel smarter Technologie, allgemein

„Das Ziel der ganzen smarten Technologien ist das, dass man dem Menschen, wenn man es freundlich macht, seine Wünsche von den Augen abliest oder aus den Gedanken abliest. Unfreundlicher oder realistischer müsste man sagen, das Ziel ist, ihn komplett vorausberechenbar zu machen. Die Internetkonzerne wollen schon wissen, was wir übermorgen wollen, ja, und erzählen uns dann auch, was wir wollen. Das heißt: der Preis dieser ganzen Komfort- und Sicherheitstechnologien ist, dass wir in unseren freien Entscheidungen immer mehr geändert werden.“

II – Umbau der Städte zu smart cities

„Der Umbau all unserer Städte in smart cities ist eigentlich das größte ökonomische Programm seit Erfindung des Kapitalismus. Man kann sagen: am Ende als dessen, was sozusagen der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, Industriekapitalismus ökologisch angerichtet hat, kommt jetzt der ökologische Umbau der Städte, wo alles rausgerissen wird aus den Städten, was da verbaut wurde, von Fassaden, Dämmungen, Straßen, Autos: Alles was in den letzten hundert bis zweihundert Jahren darein gesteckt wurde, muss raus und wird ersetzt durch eine Palette von neuen Produkten. Das ist natürlich ein absurd großer Markt.“

III – Überlegungen zur Flutung der Kattarasenke

Krieger: „Achtzig Kilometer von der Mittelmeerküste liegt in der Sahara die Kattarasenke mit dem tiefsten Punkt Afrikas von minus hunderteinunddreißig Meter.“

Maak: „Und die Idee war immer, dass man diesen kleinen, gar nicht großen Weg überbrücken kann. Dann fließt aus dem Mittelmeer das Meer in die Kattarasenke rein. Kattara ist sicherlich eins der großen Weltumbauprojekte gewesen [!] mit enormem Potenzial. Wenn man sich vorstellt, wenn es klappt, [!] hat man da ein Meer, an dem Städte gebaut werden können, Handel getrieben werden kann, eine ökologische Industrie entstehen kann, weil man mit Wasserenergie diese Industrien speisen kann. Das ist ein enormes Potenzial. Wenn es schief geht – es gibt auch Skeptiker, die sagen, dann gerät das gesamte meteorologische Gleichgewicht auseinander; und diese Wolken ziehen vielleicht gar nicht über die Sahara, wo sie segensreiche Wirkung entfalten könnten, sondern sie ziehen nach Europa. Dann haben wir in Europa für die nächsten sechshundert Jahre eine Dauerregenzeit.“

IV – Begegnung mit dem Gorilla: eine Intervention

„Der Mensch geht in den Dschungel und trifft den Gorilla und ist ganz gerührt, weil er glaubt, er hat die ganze Welt zum Guten repariert, ja, und plötzlich sieht er aber, das ist gar kein archaisches Paradies. Der Gorilla ist nicht mehr das unberührte Tier, von dem er geträumt hat. Der Gorilla ist selber jetzt neugierig und verändert sich auf eine Weise, die der Mensch nicht kontrollieren kann. Also schon wieder läuft er in dem Moment, wo er glaubt, jetzt haben wir ‘s geschafft, in eine Situation rein, wo alles sich radikal verändert, und er kann ‘s nicht mehr kontrollieren.“

V – Inkorporation in smarte Welt(en)

„Ja, man kann sagen, dass uns die Roboter und die Computer immer nähergekommen sind, dass wir erst den Computer als ein Gegenüber wahrgenommen haben. Dann war plötzlich an unserer Hand in Form eines Mobiltelefons, einer smart watch. Dann wurde es schon Teil des Körpers und fraß Teile des Körpers an. Und plötzlich müssen wir feststellen: wir sitzen im Roboter. Wir sind vom Roboter aufgefressen worden. Wir sitzen in Häusern, die Roboter sind. Wir sitzen in Autos, die uns in all unserem Handeln überwachen. Das heißt: wir sind in der unangenehmen und unkomfortablen Situation, dass die sogenannten smart homes, smart cities, die uns ja dienen sollen und unser Leben einfacher und bequemer und sicherer machen sollen eigentlich Geräte sind, ja, dramatisch könnte man sagen: Monster, die uns verschluckt haben. Wir sitzen drin, und jetzt wird‘s schwierig, einen Ausgang zu finden.“

Maaks Befund ist konsequent dystopisch, aber so: dass er auch Gedanken-Spielräume für die Entwicklung von Gegenszenarien zulässt und einfordert. Denn noch sind die Prozesse nicht unumkehrbar und die Freiheit unseres Willens ist noch nicht perdu…

Doch wie gesagt: In seinem Roman gelingt es Maak leider nicht, sein Vorhaben clare et distincte auszuführen. Schade!!

— Selbst, wenn wir wollten, wir können uns der Sorge gar nicht entziehen. Nutzen wir dies, unser (existenzialontologisches) eigenstes Potenzial!!

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