Dialogunkultur der Gutmenschen

Frog1(Stephen Greenblatt, Die Wende. Wie die Renaissance begann. Aus dem Englischen von Klaus Binder, München, 72012)

(Anne Will, „Man macht mit einer solchen Sendung eine Gratwanderung“, Interview: Iris Radisch, ZEIT online, 12.11.2016)

In seinem Buch Die Wende. Wie die Renaissance begann begründet Stephen Greenblatt die aporetische Struktur klassischer Dialoge (in der Tradition Platons) durch die prinzipielle Offenheit der Gespräche und der prinzipiellen Gleichrangigkeit der Argumente. Während die Sophisten darauf abzielten, ihre Wahrheit als die Wahrheit schlechthin zu verkünden, diskutierten Philosophen nach Vorbild Sokrates‘ als Freunde, denen es nicht darauf ankam, sich als Wissende gegen Unwissende abzugrenzen. Sokrates selbst sagte bekanntlich über sich: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Unter Bezug auf einige Textstellen Ciceros macht Greenblatt diese Intention des Dialogs als Unterhaltung unter Freunden deutlich:

Cicero möchte den Lesern seine Gedanken nicht als in einsamer Reflexion entstandenen, fertigen Traktat präsentieren; er präsentiert sie lieber im Austausch von Standpunkten und Ansichten unter gesellschaftlich und intellektuell Gleichen – in einem Disput, in dem er selbst nur eine kleine Rolle spielt und der keinen eindeutigen Sieger hat. […:]

Mit diesen Worten gingen wir auseinander, und zwar so, daß auf Velleius der Vortrag Cottas wahrer wirkte, während für mich die Äußerungen des Balbus mehr Ähnlichkeit mit der Wahrheit zu haben schienen.“

In diesem offenen Ende zeigt sich keine intellektuelle Bescheidenheit – Cicero war gewiss kein bescheidener Mann –, sondern ein Verhalten kultivierter Offenheit unter Freunden. Nicht die Schlüsse, zu denen man gelangt, der Austausch selbst transportiert den Großteil von Bedeutung und Sinn. Es ist vor allem die Diskussion, auf die es ankommt, die Tatsache, dass wir uns so einfach verständigen können, mit einer Mischung aus Witz und Ernsthaftigkeit, ohne abzugleiten in Geschwätz oder Beschimpfungen, stets Raum lassend für abweichende Ansichten. Dazu nochmals Cicero:

Es sei also diese Gesprächsführung … gelassen und nicht rechthaberisch, und sie besitze Charme. Auch schließe sie andere nicht aus, als ob sie in ihren Besitz eindrängen, sondern sie halte Abwechslung [der Redenden] in allen Dingen, besonders aber im gewöhnlichen Gespräch, für nicht unangemessen.

Die Dialoge, die Cicero und andere schrieben, waren, auch wenn die auftretenden Personen durchaus real waren, keine Nachschriften wirklicher Disputationen, sondern idealisierte Versionen von Gesprächen, wie sie an Orten wie der Villa [dei Papiri] in Herculaneum durchaus hätten stattfinden können. (79f; im Original keine Hervorhebungen)

Tja, das ist der Unterschied zur gegenwärtigen Dialogkultur Deutschlands: Da sind auf der einen Seite all die Gutmenschen, die sich als moralisch überlegen fühlen und voll Verachtung und Ekel in gleichgeschalteter politischer Korrektheit auf die herab blicken, die es wagen, gegen sie zu opponieren. Und da sind auf der andern Seite all die Wutbürger, die sich von der Mehrheit (der Gutmenschen), die die Diskursmacht hat, gegängelt und marginalisiert fühlen und ihrerseits aus Wut in Feindkategorien (z.B. die Presse als ausschließlich Lügenpresse) denken, vorverurteilen und diffamieren.

Dass die Gutmenschfraktion polemisiert, sich ihre Mitglieder in ihrer Polemik gegenseitig (pseudo-argumentativ) stützten, sich in ihrer ideologischen Festung einigeln und aus ihr heraus die vorgeblich dumm-rassistischen Wutbürger attackieren, zeigt der Auftritt des Universitätsprofessors Münkler in hart aber fair, 5.9.2016. Er argumentiert mit Statistiken, die zu Ende gedacht, nichts bzw. sogar das Gegenteil der behaupteten Folgerung aussagen. (siehe Münklers Scheinargumente) Ein Professor, der seine intellektuelle Macht zum Lügen nutzt, und niemand rechnet nach und/oder widerspricht. Ein öffentlich-rechtliches Trauerspiel!

Oder nehmen wir die Sendung Anne Will, 6.11.2016. Eine, immer dieselbe Islamisten, Nora Illi, vorzuführen und in der Talkrunde (erneut) zum Abschuss freizugeben, die, auch wenn sie es selbst so nicht sieht, nur eine Karikatur einer fundiert und gekonnt argumentierenden Islamistin ist, ist eine Farce. Ob die Mitdiskutanten z.B. Pierre Vogel ebenso leicht hätten abschießen können? Zumindest unter theologischer Rücksicht, wahrscheinlich aber auch methodologisch und rhetorisch sowieso wäre das viel, viel schwieriger, aber für den Zuschauer auch viel, viel interessanter geworden. Und dann darf Anne Will sich auch noch eine Seite lang in der ZEIT für ihre Beihilfe zur islamistischen Propaganda rechtfertigen. (siehe auch Anne Will hofiert Islamistin) Und wer interviewt sie? Eine Literaturkritikerin, Iris Radisch, die ihr höchst moderat-genehm-harmlose Fragen stellt und ihr in den Fragen immer auch schon Wege in die Rechtfertigung der Gutmenschposition Wills – Meinungsfreiheit muss Propaganda aushalten! – vorzeichnet. Will etikettiert die live eingeblendete und zudem laut verlesene IS-Propaganda Illis ex post flugs in „anstößige Inhalte“ um. Was für ein abgekartetes pseudokritisches Feigenblattgeplänkel. Arme ZEIT…

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Das Türkeibild der ZEIT – U. Greiner über Pamuks Roman „Diese Fremdheit in mir“

Frog1(Ulrich Greiner, Istanbul, mon Amour, ZEIT, 23.3.2016, 45)

Zuerst, über dem Text das Foto

Schiffspassagiere, von denen die älteren weiblichen Wesen im Vordergrund ausnahmslos Kopftuch tragen, um den ganzen Kopf rum, festgezurrt, damit Mann ja kein Haar sieht. Das also ist das Istanbul-Bild, das die ZEIT ihren Lesern vors Auge drückt.

Was soll uns das sagen?? — So IST es; oder: So SOLL es sein?? Das Istanbul mon amour

Wahrlich ekelhaft!

Ob nun so oder so; das uns Lesern vorgesetzte Bild – Humble Pie: Eat it! – ist AKP-Propaganda: Es suggeriert: Seht her! Das haben wir schon erreicht: Also: Zurück ins real existierende Mittelalter!! Wiederkehr des ewig Gleichen?? — Danke für Eure Selbstaufklärung, γνῶθι σαὐτόν, liebe ZEIT-Redaktion.

Und dann der süper Text schlechthin:

Die Roman-Rezension von Ulrich Greiner!!

Erster Satz -, zum Auftakt ein wenig Schelte:

„Dass der Nobelpreisträger Orhan Pamuk nicht sonderlich gut schreibt, sieht man auch an seinem neuen Roman [Kafamda Bir Tuhaflık]“… (im Original keine Hervorhebung)

Aber wie, bitte schön, will das jemand beurteilen, der kein Türkisch kann?? — Kleinlaut das Eingeständnis:

„Es mag übrigens sein, dass die Übersetzung an manchen Unbeholfenheiten nicht schuldlos ist. „

Beispiele?? — Fehlanzeige, tabii ki.

Eine Episode, die Greiner schildert ist die wohl jedem in der Türkei lebenden Türken wohl bekannte Unsitte, Strom

„aus Leitungen [zu] beziehen, die am Zähler vorbeiführen. [Kommentar Greiner:] Was offenbar fast die Regel ist.“

Soll heißen: Dem Rezensenten scheint dies eine völlig neue Einsicht zu sein…

Und dann Greiners Schluss-Absatz, das grandiose Finale:

„Dieses Buch ist eine [sülz-sülz…] Liebeserklärung an diese fantastische Stadt Istanbul. [Doch Istanbul spezifische Aussagen fehlen in Greiners Rezension.] Wer die Türkei verstehen will, sollte es [das rezensierte Buch] lesen.“

Was aber ist das, was an Istanbul, der Türkei verstanden werden soll?? — Dass jeder jeden bescheißt?? sofern er die Chance dazu hat?? — So richtig das ist/sein mag…: Soll das alles sein, was Istanbul, die Türkei ausmacht??

Arme ZEIT, dieses QuakQuak als Weisheit auszugeben, den Lesern vorzusetzen, zuzumuten. — Wie einst auf Humble Pie’s Cover: Der Teller ist leer und bleibt leer… Da hatten selbst die dümmsten Sophisten seinerzeit mehr zu bieten…

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Bestseller-„Philosoph“ Wilhelm Schmid über Houellebecq

Frog1(Wilhelm Schmid, »Ich hasse das Thema Glück mittlerweile«, Im Gespräch mit Iris Radisch, ZEIT, 23.12.2015, 50)

Noch so einer, der von der ZEIT als Philosoph tituliert wird, obwohl er Philosophie (lediglich) zu Zwecken des Broterwerbs, als τέχνη betreibt, so wie andere das Bäcker- oder Metzgerhandwerk. Wilhelm Schmid ist ein Klug-Quaker – in Platons Jargon: Ein Sophist, d.h. einer, der vom Verkauf seiner Weisheiten lebt. Zuletzt schrieb er seitenlang über Gelassenheit (vom Volk zum »Spiegel«-Jahresbestseller 2015 gekauft), doch ohne selbst gelassen zu sein (Philosoph als Beruf ohne Berufung). Das wird in seinen Äußerungen über Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung besonders deutlich:

„Houellebecq ist im Zynismus gelandet [Inwiefern??], da wird er auch sitzen bleiben bis zum Ende seiner Tage. [Warum?? Und selbst wenn: Warum ist das so schlimm, dass man darüber nicht gelassen hinwegsehen könnte?? Warum diese Abfälligkeit??] Ich beschäftige mich nicht damit. [Statt Gelassenheit Verdrängung. Und so ‘was soll Philosoph sein…] Der ist nicht zugänglich [Andere runterputzen, damit man selbst besser dasteht…], der fährt nach Bangkok, vögelt die Thailänderinnen [Welch‘ Sprachniveau… Und überhaupt: Stimmt das denn??] und beklagt zugleich, dass moderne Leute die Freiheit dazu haben. So etwas Bescheuertes.“

Das gilt demnach auch für Schmid. Denn auch er hat nichts außer Sex(-Optimierung) im Kopf:

„Es geht um die Spannweite zwischen Askese und Ekstase. Viele wollen nur die Ekstase. Aber nur, wenn man sich übt in etwas, sich auch diszipliniert verhält, auch etwas verzögern kann, hat man den besseren Sex. Es geht um Optimierung, nicht um Maximierung.“

So, so…

„Er ist zu feige und zu faul [Woher weiß Herr Schmid das?], eine andere Lebensform zu finden, sich mit dem Alltag zu beschäftigen, darum, wie man [!] Kinder aufzieht [Kommt bei Schmid auch nicht vor.], wie man [!] Essen macht [in Schmids Jargon: optimiert], wie man [!] lebt. [Heidegger würde Schmid vorwerfen, im Modus der Verfallenheit gefangen zu sein…] Er macht lieber große Theorien über den Untergang der westlichen Welt. [Immerhin hat er, im Gegensatz zu Schmid, erkannt, dass Sex nicht alles sein kann/darf. Und immerhin hat Houellebecq Ahnung von Literatur… Auch Schmid, übrigens, schrieb zuvor über SexOut…] Er ist ein Altachtundsechziger, der noch nicht auf dem Stand der Dinge ist.“

Soll wohl heißen im Gegensatz zu ihm, Wilhelm Schmid, der natürlich auf der Höhe der Dinge – welcher Dinge? Es geht doch wohl um Dasein, Existenz – ist, widmet er doch seine „ganze Arbeit der Neubegründung der Lebenskunst.“ Ja, Schmid habilitierte gar über Grundlegung zu einer Philosophie der Lebenskunst. Und was fällt ihm dazu Bahnbrechendes ein:

„Jeder Mensch macht auch transzendente Erfahrungen. Sie haben mit großer Wahrscheinlichkeit schon mal einen Sex erlebt, der Sie hinweggespült hat, das sind religiöse Momente.“

Dieses doch recht animalisch-triebhafte Verständnis von Glückseligkeit teilt Schmid übrigens mit dem Protagonisten aus Houellebecqs Unterwerfung, François. Worin also liegt der Unterschied?? Außer (vielleicht) darin, dass ersterer wohl eher auf Maximierung und letzterer definitiv auf Optimierung setzt. Welch‘ Differenz!! Welch‘ großartiger Philosoph, welch‘ großartige Philosophie, welch‘ Lebenskunstgenuss…

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