Die Gutmenschen feiern sich selbst: Verleihung des Friedenspreises an C. Emcke

Frog1(Carolin Emckes Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2016, Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., 2016)

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Carolin Emckes Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2016 – Der Text folgt dem gesprochenen Wort. [Wie auf der Homepage des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels widergegeben:]

I.

Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus…

Angedeutete Perspektivwechsel in der Hierarchie-Bewegung:

  • Wissender/Eltern/Über-Ich (oben), Dummchen/Kind/Ich (unten): Aus der top-down – wird eine bottom-up-Hinwendung, die in der Einnahme der Kanzel, in dieser Rede (ex cathedra) mündet.

All die ersten Jahre, seit der Auszeichnung an George F. Kennan 1982, schaute ich die Verleihung des Friedenspreises von unten nach oben: Meine Eltern hatten eigenwilligerweise nur zwei Fernseh-Sessel, Kinder mussten sich unterhalb arrangieren und so lag ich auf dem Teppich und hörte gebannt die Reden der Preisträger.

  • Mann (oben), Frau (unten)

Soll wohl heißen: Schaut her; ich hab‘ es sogar als Frau geschafft, auf Euch herabzusehen. (Endlich…) Kriecht vor mir, ihr Würmer.

Ich sage »Preisträger«, denn die ersten dreizehn Jahre, die ich von unten nach oben blickte, waren es ausschließlich Männer. Auch als ich längst eine eigene Wohnung hatte, behielt ich dieses Ritual bei: Ich betrachtete den Friedenspreis vom Fußboden aus. Irgendwie schien das auch angemessen zu sein. Seit der Preisverleihung an David Grossman saß ich dort, wo Sie jetzt sitzen.

  • Selbstinszenierung als Rebellin

Letztes Jahr noch bin ich mit einem Freund am Vorabend der Verleihung nachts in den Festsaal im Frankfurter Hof geschlichen, um die Tischordnung für das Festessen zu manipulieren… (wobei wir peinlicherweise erwischt wurden) und jetzt das hier…

Soll wohl heißen: Es tut gar nicht not zu rebellieren: Es gibt effektivere Methoden – auch für Frauen – die Perspektive zu wechseln (und die Kanzel zu erobern…)

Meine Damen und Herren, ich bedanke mich beim Stiftungsrat des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels für diese Auszeichnung. Sie erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und

einem glücklichen Staunen.

  • Selbstinszenierung: Die (Pseudo-)Überraschte
  • Selbstinszenierung: Die (Pseudo-)Bescheidene,
  • Selbstinszenierung: Die, die das Wir-Gefühl betont existenzial (allgemein)…

Niemand wächst allein. Einige, die vor mir hier an dieser Stelle standen, waren für mein Denken existentiell. Die Werke vieler Friedenspreisträger*innen, aber auch die Begegnung mit manchen haben mich zu der gemacht, als die ich heute vor Ihnen stehe: Martin Buber und Nelly Sachs, David Grossman und Jorge Semprún, und in besonderer Weise Jürgen Habermas und Susan Sontag. Nach ihnen in einer Reihe zu stehen, lässt mich diesen Preis weniger als Auszeichnung denn als Aufgabe begreifen.

… und im Schreiben (speziell)…

Niemand schreibt allein. Zwei Menschen waren für mein Schreiben unverzichtbar und ihnen möchte ich ausdrücklich danken: der Photograph und Freund Sebastian Bolesch, der mich über 14 Jahre auf allen Reisen ins Ausland begleitet hat und ohne den kein Text so entstanden wäre. Und mein Verleger und Lektor Peter Sillem vom S. Fischer Verlag, der mich seit dem ersten Manuskript über alle Zweifel hinwegträgt und ohne den kein Buch so erschienen wäre. Vielen Dank.

… und so tut, als ob sie nicht begreife, dass der Rekurs auf das Wir als Mittel zum Zweck der Abgrenzung intendiert ist.

II.

Wir: Das impliziert immer auch…

Nicht alle, aber viele, die vor mir hier standen, haben nicht allein als Individuen, sondern sie haben auch als Angehörige gesprochen. Sie haben sich selbst verortet in einem Glauben oder einer Erfahrung, in der Geschichte eines Landes oder einer Lebensform – und darauf reflektiert, was das heißt, als chinesischer Dissident, als nigerianischer Autor, als Muslim, als Jüdin hier in der Paulskirche zu sprechen, in diesem Land, mit dieser Geschichte.

… eine Perspektive der Ab- und Ausgrenzung einzunehmen: Identität ist ohne Differenz nicht zu haben…

Für diejenigen, die hier oben, mit dieser Perspektive sprechen durften, bedeutete es oft auch, aus und von einer besonderen Perspektive zu erzählen. Sie wurden ausgezeichnet, weil sie sich für ein universales Wir einsetzten –

… und das impliziert immer auch: Wir: Das sind die Guten (woraus folgt: Alle andern: Das sind die Bösen).

und doch haben sie oft auch als Angehörige einer bedrängten Gruppe, eines marginalisierten Glaubens, einer versehrten Gegend gesprochen.

Doch dieser Aspekt wird ausgeblendet: Im Rekurs/Rückzug auf das jemeinig pseudo-idyllische Für-sich-sein.

Das ist durchaus bemerkenswert, denn es ist keineswegs gewiss, was das heißt: angehörig oder zugehörig zu sein.

Das moderne hebräische Wort für »angehören«, »shayach«, stammt ursprünglich aus dem Aramäischen – ist gleichsam zugewandert, aus einer Sprache in eine andere, um dann ironischerweise die Bezeichnung für „Angehörigkeit“ zu bilden. Das Wort shayach verweist auf nichts anderes. Anders als die meisten anderen Begriffe im Hebräischen birgt es in sich keine Anteile eines anderen. Es gehört gleichsam sich selbst. Etwas als shayach zu bezeichnen, bedeutet: es ist relevant, angemessen, wichtig. Das wäre eine schöne Spur: sich zugehörig zu zählen zu einem Glauben oder einer Gemeinschaft, hieße: ich bin für diese Gemeinschaft relevant, in ihr zähle ich als wichtiges Element.

Aber Angehörigkeit lässt sich auch in die andere Richtung denken: nicht nur ich bin für diese Gemeinschaft wichtig, sondern auch der Glaube für mich. Jüdisch zu sein oder katholisch oder muslimisch, das macht etwas aus. Es strukturiert mein Denken, meine Gewohnheiten, meinen Tag.

Doch der folgende Satz verrät, dass Identität (der einen) zugleich immer auch Differenz (zu den andern) mit setzt:

Almosen zu geben, das gehört zu den einen, wie das Beten bei Tisch oder das Anzünden der Kerzen zu den anderen.

Im Deutschen kennt der Begriff »gehören« mehrere Verwendungen: i) jemandes Besitz zu sein, aber auch ii) Teil eines Ganzen zu sein, zu etwas zu zählen, sowie iii) »gehören« als an einer bestimmten Stelle passend zu sein und iv) für etwas erforderlich zu sein.

  • Selbstinszenierung: Die Fragende I:

Bin ich, wenn ich fromm bin, im Besitz des Glaubens? Ist Religiosität etwas, das mir gehört? Oder ist Glaube etwas, das sich im und durch das Hadern bestätigt? Was heißt also an-gehören in Bezug auf den Glauben? Gehört mir mein Glaube oder gehöre ich dem, an den ich glaube?

Damit ist noch nicht einmal berührt, ob diese Angehörigkeit etwas ist, zu dem es sich bewusst entscheiden lässt. Ab wann jemand zu einer Kirche oder Gemeinschaft gehört, das lässt sich festmachen an den jeweiligen Riten der Aufnahme. Aber ab wann der Glaube zu einer Person gehört, das ist weniger eindeutig.

Ganz ohne Heidegger scheint’s wohl nicht zu gehen: Zunächst Identität und Differenz; jetzt der (existenzialhermeneutische) Imperativ: Werde, was Du bist!

Hatten mich die Passionen und Kantaten von Bach nicht schon durchdrungen und von innen heraus geformt, bevor ich von einem Glaubensbekenntnis auch nur wusste? Gehörte das nicht zu mir, und das heißt: bildete das nicht schon eine Voraussetzung für die, die ich werden sollte, bevor ich mich überhaupt zu einer Gemeinschaft hätte zugehörig erklären können?

Nun kennt das Wort »Angehörigkeit« keine Schattierungen. Es suggeriert eine einheitliche Empfindung. Als ob es uns immer gleich relevant sei, jüdisch oder protestantisch oder muslimisch zu sein. Als ob es sich an jedem Ort gleich anfühlte, kurdisch zu sein oder polnisch oder palästinensisch. Als ob es nicht in unterschiedlichen Situationen ganz unterschiedlich prägnant sein könnte. Mein Freund, der Regisseur Nurkan Erpulat, hat einmal auf die Frage, was es für ihn bedeute, muslimisch zu sein, geantwortet: »Das kommt auf den Kontext an.«

Manchmal ist die argentinische Herkunft besonders deutlich im glücklichen Blick auf die leuchtend lilafarbenen Blüten der Jacaranda. Aber manchmal ist sie besonders deutlich fern von dort, in Berlin, wenn ein Hubschrauber über der Stadt nicht von einem Militär-Putsch kündet, sondern nur von einem Stau – und die eingeübte Angst eine Weile braucht, bis sie sich verzieht.

Für manche wird das eigene Judentum besonders spürbar, wenn sie die Süße von Äpfeln mit Honig an Rosh ha’shana schmecken. Für andere dagegen, wenn sie in der Paulskirche sitzen und einer Rede zuhören müssen, in der das furchtbare Leid der eigenen Angehörigen von einem Menschheitsverbrechen, an das bis heute zu erinnern ist, zu einer bloßen »Moralkeule« verstümmelt wird. Ich kann hier nicht stehen, ohne an diesen nicht nur für Ignaz Bubis furchtbar schmerzlichen Moment in der Geschichte des Preises zu erinnern.

  • Selbstinszenierung: Die Fragende II:

Ist Zugehörigkeit also etwas, das aufscheint im Zusammensein mit anderen oder etwas, das aufscheint, wenn man als einziger aus einer Gemeinschaft herausfällt? Weil die jüdische Perspektive als eine, die zu dieser Gesellschaft gehört, einfach ausgeblendet wird. Ist Zugehörigkeit also mit Glück oder mit Trauer verbunden? Ist zugehörig, wer als zugehörig erkannt wird und ist anders zugehörig, wem diese Anerkennung verweigert wird?

Wem gehört also dieses An-gehören – einem selbst oder den anderen? Gibt es das nur in einer Form oder in verschiedenen? Und vor allem: wieviele Kontexte und Verbindungen können für mich in diesem Sinne relevant und wichtig sein? Wieviele Schnittmengen gibt es von Kreisen, in denen ich passend bin und aus denen ich mich als Individuum zusammensetze?

  • Selbstinszenierung/-offenbarung: Die Lesbin:

Ich bin homosexuell und wenn ich hier heute spreche, dann kann ich das nur, indem ich auch aus der Perspektive jener Erfahrung heraus spreche: also nicht nur, aber eben auch als jemand, für die es relevant ist, lesbisch, schwul, bisexuell, inter*, trans* oder quer zu sein. Das ist nichts, das man sich aussucht, aber es ist, hätte ich die Wahl, das, was ich mir wieder aussuchte zu sein. Nicht, weil es besser wäre, sondern schlicht, weil es mich glücklich gemacht hat.

Als ich mich das erste Mal in eine Frau verliebte, ahnte ich – ehrlich gesagt – nicht, dass damit eine Zugehörigkeit verbunden wäre. Ich glaubte noch, wie und wen ich liebe, sei eine individuelle Frage, eine, die vor allem mein Leben auszeichnete und für andere, Fremde oder gar den Staat, nicht von Belang. Jemanden zu lieben und zu begehren, das schien mir vornehmlich eine Handlung oder Praxis zu sein, keine Identität.

Der Anspruch/Imperativ: Auf Mitgliedschaft im Gutmenschkreis: Anders sein zu dürfen und trotzdem zu den Guten gezählt zu werden…

Es ist eine ausgesprochen merkwürdige Erfahrung, dass etwas so Persönliches für andere so wichtig sein soll, dass sie für sich beanspruchen, in unsere Leben einzugreifen und uns Rechte oder Würde absprechen wollen. Als sei die Art, wie wir lieben, für andere bedeutungsvoller als für uns selbst, als gehörten unsere Liebe und unsere Körper nicht uns, sondern denen, die sie ablehnen oder pathologisieren. Das birgt eine gewisse Ironie: Als definierte unsere Sexualität weniger unsere Zugehörigkeit als ihre.

… soll nicht nur für Lesben, sondern auch für Muslime gelten – in manichäistischer Positionierung: Wir, die Guten: Das sind die Islamfreunde; alle andern: Das sind die Islamfeinde:

Manchmal scheint mir das bei der Beschäftigung der Islamfeinde mit dem Kopftuch ganz ähnlich. Als bedeute ihnen das Kopftuch mehr als denen, die es tatsächlich selbstbestimmt und selbstverständlich tragen.

  • Selbstinszenierung: Ich als Teil einer von mehreren unterdrückten Minderheiten, als Teil des Gutmenschen-Kreises:

So wird ein Kreis geformt, in den werden wir eingeschlossen, wir, die wir etwas anders lieben oder etwas anders aussehen, dem gehören wir an, ganz gleich, in oder zwischen welchen Kreisen wir uns sonst bewegen, ganz gleich, was uns sonst noch auszeichnet oder unterscheidet, ganz gleich, welche Fähigkeiten oder Unfähigkeiten, welche Bedürfnisse oder Eigenschaften uns vielleicht viel mehr bedeuten. So verbindet sich etwas, das uns glücklich macht, etwas, das uns schön oder auch angemessen erscheint, mit etwas, das uns verletzt und wund zurücklässt. Weil wir immer noch, jeden Tag, Gründe liefern sollen dafür, dass wir nicht nur halb, sondern ganz dazugehören. Als gäbe es eine Obergrenze für Menschlichkeit.

Es ist eine merkwürdige Erfahrung:

  • Selbstinszenierung: Die Fragende III:

Wir dürfen Bücher schreiben, die in Schulen unterrichtet werden, aber unsere Liebe soll nach der Vorstellung mancher Eltern in Schulbüchern maximal »geduldet« und auf gar keinen Fall »respektiert« werden?

Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht?

Manchmal frage ich mich, wessen Würde da beschädigt wird: unsere, die wir als nicht zugehörig erklärt werden, oder die Würde jener, die uns die Rechte, die uns gehören, absprechen wollen?

Verweis auf die Universalität der Menschenrechte:

Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel. Niemand verliert seine Rechte, wenn sie allen zugesichert werden. Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden. Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird. Zuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentwürfen, sozialen Praktiken oder religiösen Überzeugungen dürfen keine Rolle spielen. Das ist doch der Kern einer liberalen, offenen, säkularen Gesellschaft.

Differenz wird zugegeben, ist zuzugestehen:

Verschiedenheit ist kein hinreichender Grund für Ausgrenzung.

Ähnlichkeit keine notwendige Voraussetzung für Grundrechte.

Es leben die Paralleluniversen! (der Multikulti-Apologeten):

Das ist großartig, denn es bedeutet, dass wir uns nicht mögen müssen. Wir müssen einander nicht einmal verstehen in unseren Vorstellungen vom guten Leben. Wir können einander merkwürdig, sonderbar, altmodisch, neumodisch, spießig oder schrill finden.

Um es für Paulskirchen-Verhältnisse mal etwas salopp zu formulieren: ich bin Borussia Dortmund-Fan. Ich habe, nun ja, etwas weniger Verständnis dafür, wie man Schalke-Fan sein kann. Und doch käme ich nie auf die Idee, Schalke Fans das Recht auf Versammlungsfreiheit zu nehmen.

»Die Verschiedenheit verkommt zur Ungleichheit«, hat Tzvetan Todorow einmal geschrieben, »die Gleichheit zur Identität.« Das ist die soziale Pathologie unserer Zeit: dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identität und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.

Deswegen haben die, die vor mir hier standen und wie ich von dieser merkwürdigen Erfahrung der Zugehörigkeit zur Nichtzugehörigkeit gesprochen haben, doch beides betont: die individuelle Vielfalt und die normative Gleichheit.

Die Freiheit, etwas anders zu glauben, etwas anders auszusehen, etwas anders zu lieben, die Trauer, aus einer bedrohten oder versehrten Gegend zu stammen, den Schmerz der bitteren Gewalterfahrung eines bestimmten Wirs – und die Sehnsucht, schreibend eben all diese Zugehörigkeiten zu überschreiten, die Codes und Kreise in Frage zu stellen und zu öffnen, die Perspektiven zu vervielfältigen und immer wieder ein universales Wir zu verteidigen.

 

III.

Zur Zeit grassiert ein Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa. Pseudo-religiöse und nationalistische Dogmatiker propagieren die Lehre vom »homogenen Volk«, von einer »wahren« Religion, einer »ursprünglichen« Tradition, einer »natürlichen« Familie und einer »authentischen« Nation. Sie ziehen Begriffe ein, mit denen die einen aus- und die anderen eingeschlossen werden sollen. Sie teilen willkürlich auf und ein, wer dazugehören darf und wer nicht.

Alles Dynamische, alles Vielfältige an den eigenen kulturellen Bezügen und Kontexten wird negiert. Alles individuell Einzigartige, alles, was uns als Menschen, aber auch als Angehörige ausmacht: unser Hadern, unsere Verletzbarkeiten, aber auch unsere Phantasien vom Glück, wird geleugnet.

Inkonsequenz und Selbstwiderspruch: Gutmenschen, die sich selbst als Gutmenschen sehen, aber nicht wollen, dass sie von den andern, den Bösmenschen, als solche bezeichnet werden:

Wir werden sortiert nach Identität und Differenz, werden in Kollektive verpackt, alle lebendigen, zarten, widersprüchlichen Zugehörigkeiten verschlichtet und verdumpft.

Die Definition der (latenten) Bösmenschen:

Sie stehen vielleicht nicht selbst auf der Straße und verbreiten Angst und Schrecken, die Populisten und Fanatiker der Reinheit, sie werfen nicht unbedingt selbst Brandsätze in Unterkünfte von Geflüchteten, reißen nicht selbst muslimischen Frauen den hijab oder jüdischen Männern die Kippa vom Kopf, sie jagen vielleicht nicht selbst polnische oder rumänische Europäerinnen, greifen vielleicht nicht selbst schwarze Deutsche an – sie hassen und verletzen nicht unbedingt selbst. Sie lassen hassen.

Unterstellung: Nur die andern sind voll Ressentiments und Vorurteilen; Gutmenschen sind (qua Gegenteil) nicht so:

Sie beliefern den Diskurs mit Mustern aus Ressentiments und Vorurteilen, sie fertigen die rassistischen Product-Placements, all die kleinen, gemeinen Begriffe und Bilder, mit denen stigmatisiert und entwertet wird, all die Raster der Wahrnehmung, mithilfe derer Menschen gedemütigt und angegriffen werden.

  • Selbstinszenierung als Opfer (der Bösmenschen)

Dieser ausgrenzende Fanatismus beschädigt nicht nur diejenigen, die er sich zum Opfern sucht, sondern alle, die in einer offenen, demokratischen Gesellschaft leben wollen. Das Dogma des Homogenen, Reinen, Völkischen verengt die Welt. Es schmälert den Raum, in dem wir einander denken und sehen können. Es macht manche sichtbar und andere unsichtbar. Es versieht die einen mit wertvollen Etiketten und Assoziationen und die anderen mit abwertenden. Es begrenzt die Phantasie, in der wir einander Möglichkeiten und Chancen zuschreiben.

Der folgende Satz, obwohl (zunächst) universalistisch formuliert…

Mangelnde Vorstellungskraft und Empathie aber sind mächtige Widersacher von Freiheit und Gerechtigkeit.

… relativiert/unterstellt: Gutmenschen sind empathisch; Bösmenschen sind das Gegenteil:

Das ist es eben, was die Fanatiker und Populisten der Reinheit wollen: sie wollen uns die analytische Offenheit und Einfühlung in die Vielfalt nehmen. Sie wollen all die Gleichzeitigkeiten von Bezügen, die uns gehören und in die wir gehören, dieses Miteinander und Durcheinander aus Religionen, Herkünften, Praktiken und Gewohnheiten, Körperlichkeiten und Sexualitäten vereinheitlichen.

Sie wollen uns weißmachen, dass es das nicht gäbe, Verfassungspatriotismus und demokratischen Humanismus. Sie wollen Pässe als Ausweise der inneren Verfasstheit missdeuten, nur um uns gegeneinander auszuspielen. Das hat auch etwas Groteskes: Jahrzehntelang hat diese Gesellschaft geleugnet, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein, jahrzehntelang wurden Migrantinnen und Migranten und ihre Kinder und Enkel als »Fremde« angesehen, nicht als Bürgerinnen und Bürger, jahrzehntelang wurden sie behandelt als gehörten sie nicht dazu, als dürften sie nichts anderes sein als Türken – und jetzt wirft man ihnen vor, sie wären nicht deutsch genug und besäßen einen zweiten Pass?

Das zeigt nur die Scheinheiligkeit der Integrationsdebatte: Multikulti, das Befürworten des Zugleichs von Parallelweltuniversen, ist zwar a priori nicht auf Integration hin intendiert, doch die Faktizität mangelnder Integration(sbereitschaft) wird abgewertet: wird als Fiktion/Unterstellung der Bösmenschen (am von den Gutmenschen als überlegen unterstellten Gutmensch-Paradigma) diffamiert.

Die Familie meiner Mutter ist vor dem Krieg ausgewandert nach Argentinien. Alle in ihrer Familie besaßen zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Pässe, mal einen argentinischen, mal einen deutschen, manchmal beide. Ich habe sie zuhause bei mir aufgehoben: den Pass meines Großvaters, den mir mein Onkel geschenkt hat, und den meiner Mutter. Meine Nichte Emilia, die heute hier ist und die wie alle ihre Geschwister in den USA geboren ist, hat auch einen amerikanischen Pass. Mehrsprachig waren und sind alle.

  • Selbstinszenierung: Die Fragende IV:

Aber glauben die Neonationalisten wirklich, irgendjemand in meiner Familie wäre weniger demokratisch gewesen, hätte deswegen weniger Respekt vor der Freiheit jedes Einzelnen und dem Schutz menschlicher Würde? Glauben die wirklich, der Pass sage etwas aus über die eigene Abneigung gegen Verrohung und die Bereitschaft, sich demokratisch für eine offene Gesellschaft zu engagieren – und zwar, egal wo?

Gutmenschvermutung: Die Flüchtlinge, das sind die wahren Demokraten…

Ich vermute eher, alle, die einmal vertrieben wurden, die Flucht oder auch nur Migration kennen, alle, die an verschiedenen Orten in der Welt sich zuhause fühlen, alle die mit Heimweh oder Fernweh geplagt sind, alle, die die verschiedenen Klangfarben der Ironie und des Humors lieben, die sich abwechseln und vermischen, wenn man die Sprache wechselt, alle, die Kinderlieder erinnern, die die nächste Generation nicht mehr kennt, alle, die die Brüche der Gewalt und des Kriegs miterlebt haben, alle, denen die Furcht vor Terror und Repression unter die Haut gezogen ist, wissen doch um den Wert stabiler rechtstaatlicher Institutionen und einer offenen Demokratie. Vielleicht sogar etwas mehr als diejenigen, die noch nie darum bangen mussten, sie zu verlieren.

… doch die Bösmenschen wollen das nicht wahrhaben/ignorieren und sogar dagegen hetzen:

Sie wollen uns einschüchtern, die Fanatiker, mit ihrem Hass und ihrer Gewalt, damit wir unsere Orientierung verlieren und unsere Sprache. Damit wir voller Verstörung ihre Begriffe übernehmen, ihre falschen Gegensätze, ihre konstruierten Anderen – oder auch nur ihr Niveau. Sie beschädigen den öffentlichen Diskurs mit ihrem Aberglauben, ihren Verschwörungstheorien und dieser eigentümlichen Kombination aus Selbstmitleid und Brutalität. Sie verbreiten Angst und Schrecken und reduzieren den sozialen Raum, in dem wir uns begegnen und artikulieren können.

Sie wollen, dass nur noch Jüdinnen und Juden sich gegen Antisemitismus wehren, dass nur noch Schwule gegen Diskriminierung protestieren, sie wollen, dass nur noch Muslime sich für Religionsfreiheit engagieren, damit sie sie dann denunzieren können als jüdische oder schwule »Lobby« oder »Parallelgesellschaft«, sie wollen, dass nur noch Schwarze gegen Rassismus aufbegehren, damit sie sie als »zornig« diffamieren können, sie wollen, dass sich nur Feministinnen gegen Machismo und Sexismus engagieren, damit sie sie als »humorlos« abwerten können.

In Wahrheit geht es gar nicht um Muslime oder Geflüchtete oder Frauen. Sie wollen alle einschüchtern, die sich einsetzen für die Freiheit des einzigartigen, abweichenden Individuellen.

Deswegen müssen sich auch alle angesprochen fühlen.

Appell an die Gutmenschen: Dagegen Widerstand zu leisten!

Deswegen lässt sich die Antwort auf Hass und Verachtung nicht einfach nur an »die Politik« delegieren. Für Terror und Gewalt sind Staatsanwaltschaften und die Ermittlungsbehörden zuständig, aber für all die alltäglichen Formen der Missachtung und der Demütigung, für all die Zurichtungen und Zuschreibungen in vermeintlich homogene Kollektive, dafür sind wir alle zuständig.

Was wir tun können?

»Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden«, schrieb Hannah Arendt in der Vita Activa, »und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.«

Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen. Wir können sprechen und handeln. Wir können die Verantwortung auf uns nehmen.

  • Selbstinszenierung als Minderheit: Die Bösmenschen sind auf dem Vormarsch:

Und das heißt: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt.

Plädoyer: Es gilt anzufangen:

Dazu braucht es nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen. Wir können hinausgehen und etwas unterbrechen. Wir können neu geboren werden, in dem wir uns einschalten in die Welt. Wir können das, was uns hinterlassen wurde, befragen, ob es gerecht genug war, wir können das, was uns gegeben ist, abklopfen, ob es taugt, ob es inklusiv und frei genug ist – oder nicht.

Wir können immer wieder anfangen, als Individuen, aber auch als Gesellschaft. Wir können die Verkrustungen wieder aufbrechen, die Strukturen, die uns beengen oder unterdrücken, auflösen, wir können austreten und miteinander suchen nach neuen, anderen Formen.

Wir können neu anfangen und die alten Geschichten weiterspinnen wie einen Faden Fesselrest, der heraushängt, wir können anknüpfen oder aufknüpfen, wir können verschiedene Geschichten zusammen weben und eine andere Erzählung erzählen, eine, die offener ist, leiser auch, eine, in der jede und jeder relevant ist.

Das geht nicht allein. Dazu braucht es alle in der Zivilgesellschaft. Demokratische Geschichte wird von allen gemacht. Eine demokratische Geschichte erzählen alle. Nicht nur die professionellen Erzählerinnen und Erzähler. Da ist jede und jeder relevant, alte Menschen und junge, die mit Arbeit und die ohne, die mit mehr und die mit weniger Bildung, Dragqueens und Pastoren, Unternehmerinnen oder Offiziere, Rentnerinnen und Studenten, jede und jeder ist wichtig, um eine Geschichte zu erzählen, in der alle angesprochen und sichtbar werden. Dafür stehen Eltern und Großeltern ein, daran arbeiten Erzieher und Lehrerinnen in den Kindergärten und Schulen, dabei zählen Polizistinnen und Sozialarbeiter sowie Clubbesitzerinnen und Türsteher. Diese demokratische Geschichte eines offenen, pluralen Wir braucht Bilder und Vorbildern, auf den Ämtern und Behörden ebenso wie in den Theatern und Filmen – damit sie uns zeigen und erinnern, was und wer wir sein können.

Wir dürfen uns nicht nur als freie, säkulare, demokratische Gesellschaft behaupten, sondern wir müssen es dann auch sein.

Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.

Selbstwiderspruch: Das Plädoyer für Säkularisierung…

Säkularisierung ist kein fertiges Ding, sondern ein unabgeschlossenes Projekt.

… gilt eben nicht universal: Die Parallelwelt des (fundamentalistischen/reinen) Islams lehnt dies ab. Die Flüchtlinge, vorgeblich die wahren Demokraten, sind fast ausschließlich sunnitisch. Sie trennen zwar wie Gutmensch Emcke die Welt in Gut (Gläubige) und Böse (Ungläubige), aber säkular eingestellt sind sie deswegen noch lange nicht, im Gegenteil…

Demokratie ist keine statische Gewissheit, sondern eine dynamische Übung im Umgang mit Ungewissheiten und Kritik.

Eine freie, säkulare, demokratische Gesellschaft ist etwas, das wir lernen müssen. Immer wieder. Im Zuhören aufeinander. Im Nachdenken über einander. Im gemeinsamen Sprechen und Handeln. Im wechselseitigen Respekt vor der Vielfalt der Zugehörigkeiten und individuellen Einzigartigkeiten. Und nicht zuletzt im gegenseitigen Zugestehen von Schwächen und im Verzeihen.

Ist das mühsam? Ja, total. Wird das zu Konflikten zwischen verschiedenen Praktiken und Überzeugungen kommen? Ja, gewiss. Wird es manchmal schwer sein, die jeweiligen religiösen Bezüge und die säkulare Grundordnung in eine gerechte Balance zu bringen? Absolut. Aber warum sollte es auch einfach zugehen?

Wie tröstlich:

Wir können immer wieder anfangen.

Was es dazu braucht?

Nicht viel: etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern, damit es häufiger geschieht, dass wir alle sagen:

Alles ist relativ…

Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus.

… das gilt auch für die Einteilung in Gut und Böse. Doch eine Perspektive jenseits von Gut und Böse (wie unter Nietzsche) einzunehmen, daran scheitern die Gutmenschen rein prinzipiell. Diese Perspektive kennen sie nicht und sie wollen sie auch nicht.

Frog4

Flüchtlingsbewältigung: Eine Mammutaufgabe

Frog1(Bernd Ulrich, You say goodbye, and I say hello, ZEIT, 22.9.2016, 3)

Für Gutmensch Bernd Ulrich steht fest: Merkel muss nochmal ran, „wieder antreten“ (aus vier Gründen, von denen der erste lautet):  „Für die Demokratie„:

Eine Million überwiegend muslimische Araber ins Land zu lassen,

[Was, bitte, hat das mit Demokratie zu tun?? Wurde ich gefragt?? Wurden die Wähler gefragt?? Nein. Die Gutmenschen bestimmten, oktroyierten dem Volk, was gut für es sei!! Wie der biblische Gott: Welch‘ Anmaßung!!]

das bedeutet,

[vor allem Naivität und Dummheit, was Gutmensch Ulrich freilich nie zugeben würde, aber auch — nachdem sie nun mal da sind]

sich für diese Menschen und für die Länder, aus denen sie kommen, zuständig zu fühlen, Verantwortung zu übernehmen, und nicht nur für ein paar Monate, sondern für Jahrzehnte.

[Sehr richtig!! Und das wird unvergleichlich mehr kosten, als dem Volk bislang vorgegaukelt wird…]

Es bedeutet, die Globalisierung auch jetzt noch zu bejahen,

[das also ist die Gutmensch-Geheimagenda…]

da sie nicht mehr einseitig zugunsten des Westens läuft, da sie gewissermaßen heimkehrt

[Ich hab, anders als die CIA, nie gesagt, dass gewisse Potentaten wie al-Assad weg müssen!!]

mit Flüchtlingen, wirtschaftlicher Konkurrenz und Terror.

[Danke für Ihre Gutmensch-Bescherung. Nur: Letzteres wollt‘ ich nicht, und will ’s auch nicht!!]

Gerade wer diese Entscheidung zutiefst bejaht,

[Sich am Terror laben?? Das können ja nur Gutmensch-Dümmlinge sein]

muss doch eingestehen: Sie bedarf dringend einer demokratischen Legitimation, und sei es einer nachträglichen.“ (im Original kein Fettdruck)

Immerhin: Letzteres ist zweifelsfrei richtig:

„nun muss […] Angela Merkel sich stellen. Sonst wird das demokratische Defizit ihrer Flüchtlingspolitik dauerhaft Aggressionen nähren, gegen sie – aber vor allem gegen die [ach so lieben] Flüchtlinge, die das nun wirklich nicht verdient haben.“

Naivität pur. Το άξιον εστί…

Frog4

Giovanni di Lorenzo, AfD-Versteher

Frog1(Giovanni di Lorenzo, Die Allmacht der Grünen, ZEIT, 22.9.2016, 1)

(Julia Löffelholz, Wirklich alles unter Kontrolle?, ZEIT, 22.9.2016, 5)

Ja, was ist denn da passiert?? Gutmensch Giovanni di Lorenzo zeigt ansatzweise Verständnis für AfD-Wähler:

„Es kann also niemanden ernsthaft verwundern, dass schon lange Raum frei geworden war für eine neue politische Gruppierung, die nun selbst im rot-alternativen Berlin aus dem Stand fast so viele Stimmen holte wie die Grünen. Die haben mit der Rettung unserer Welt immer noch ein Menschheitsthema auf ihrer Seite, aber die AfD bedient sich eines nicht minder starken Menschheitsreflexes: der Abwehr des Fremden, der Überforderung durch zu viel Neues.“ (im Original kein Fettdruck)

Di Lorenzos Ausgangspunkt ist eine Überlegung, die in diesem Zusammenhang — zunächst — zumindest unerwartet kommt:

„Es gibt einen roten Faden, der den kommunistischen Theoretiker Antonio Gramsci, die Grünen, Angela Merkel und die AfD miteinander verbindet“. (im Original kein Fettdruck)

Genauer:

„Wenn eine Gruppe die Macht wolle, argumentierte Gramsci in seinen berühmten Gefängnisheften, müsse sie zuvorderst den Kampf um die Köpfe gewinnen, ihre Weltanschauung müsse sich zum Beispiel in der Presse, in den Schulen, in der Kirche, bei den Intellektuellen als die überzeugendste durchsetzen.

Diese Theorie machte unter dem Begriff »kulturelle Hegemonie« eine steile Karriere, auch wenn Gramsci selbst ihn nie verwendet hatte.“ (im Original kein Fettdruck)

Die derzeit manifeste Hegemonie sei grün:

„Bis heute sind die Grünen eine kleine Partei geblieben, aber ihre Anliegen haben das ganze Land politisch und gesellschaftlich durchdrungen.“

Man/frau denke nur an Merkels Kehre: Atomausstieg, Ende der Wehrpflicht…

„Parteipolitisch erklärt das, warum die Grünen heute mit so gut wie jedem koalieren können“.

Doch im Untergrund rumort(e) es:

Es „gab […] Immer auch Menschen, die das alles mit Unverständnis, mit Ratlosigkeit und schließlich mit wachsender Wut zur Kenntnis nahmen. Es fanden sich für sie zwar Ventile, etwa im Netz, aber kein nennenswertes politisches Sprachrohr.“

Mit Pegida und AfD brach sich das Unbehagen bahn, eruptierte und wurde sichtbar:

Eine Gegenhegemonie, um noch einmal auf Gramscis Theorie zurückzukommen, breitet sich aus, die lange unvorstellbar schien: der Vormarsch populistischer und rechter Bewegungen überall in Europa, inzwischen auch in unserem Land.“ (im Original kein Fettdruck)

Auslöser waren und sind die diversen Krisen: Zuletzt und am wirkmächtigsten die unkontrollierte und ungezähmte Flutung Deutschlands mit Illegalen aus den faield states des Orients, vornehmlich sunnitischer Provenienz:

„Das Ganze geriet erst aus den Fugen, als ausgerechnet die Verkörperung konservativer Vernunft, nämlich die CDU-Kanzlerin, die Grenze für Flüchtlinge öffnete – wie sie in dieser Woche selbst einräumte: zeitweilig

[Welch Euphemismus!! Nur vier Seiten weiter heißt es in derselben Ausgabe der ZEIT: „Die ZEIT hat in Bayern recherchiert […]. Das Ergebnis: Es wird [an den Außengrenzen] kontrolliert, aber [selbst derzeit] nur ein bißchen.“ (5)]

unkontrolliert. Und plötzlich gab es im Parlament keine einzige Partei mehr, die zu dieser Entscheidung in Opposition stand.“

Die AfD als Sammelbecken der sprachlos Unzufriedenen:

Die AfD „ist […] eine Herausforderung für das ganze Parteiensystem geworden: Sie enttabuisiert, sie radikalisiert, sie vergiftet, aber sie stellt auch einige Fragen, die sich die Etablierten gefallen lassen und die sie beantworten müssen, wenn sie zu alter Stärke zurück finden wollen.“

So ist es. (siehe u.a. Merkels Mammutaufgabe) Doch so lange (fast) all unsere Meinungsmacher sich in ihrer grenzenlosen Selbstgefälligkeit und Selbstbeweihräucherung als die Kämpfer gegen das total Böse gegenseitig abklatschen und bejubeln, wird die Wut der als schlechthin bös‘ verteufelten andern nicht verschwinden, im Gegenteil: Sie wird wachsen…

Frog4

Peter Sloterdijk zur Vollverschleierung („Schelling-Projekt“)

Frog1(Peter Sloterdijk, Das Schelling-Projekt. Bericht, Berlin, 2016)

Im Schelling-Projekt lässt Peter Sloterdijk seine Figur Guido Mösenlechzner in einer e-mail (an Peer Sloterdijk, Kurt Silbe, Desiree zur Lippe und Beatrice von Freygel vom 15.3.2015, 10:12) in einer Art Ausweitung der Kampfzone (Michel Houellebecq) schreiben:

„Man muß bedenken: In manchen Weltgegenden will man die Frauen seit einiger Zeit wieder dichter verhüllen als je zuvor. […] Man leugnet ihren Anspruch auf Straßensichtbarkeit. Wenn man Frauen jenes Kulturkreises den Kopftuchzwang auferlegt, beweist das ja, daß eine enge Verwandtschaft von Kopfhaar und Schamhaar unterstellt wird. Für eine nennenswerte Fraktion der arabischen Männer gleicht das Gesicht der Frau einer erweiterten Schamgegend und das Haupthaar einem Genitalwald.

Als Ethnologe muß man sich also fragen, ob dies nicht zu einer Vulvisierung des weiblichen Antlitzes führt. Ich entschuldige mich für den ungeschickten Neologismus. Er besagt, man verhüllt, was man verehrt, und verhüllt am dichtesten, was man begehrt und vermutlich nie besitzen wird.

[…] Die ganzverhüllte arabische Frau wird auf einen Schlitz reduziert. Der Seh-Schlitz macht ihren Weltzugang aus. Das heißt, wann immer eine Burka-Frau einen Mann ansieht, wird die Vulva des Ostens visuell aktiv. […]

Selbstverständlich bin ich dagegen, daß man den Frauen im Osten die Kleider vom Leib reißt. […] Ich trete dafür ein, Spielräume offen zu halten, in denen Frauen von überall aus Freiheit zeigen, wovon die Menschheit träumt, wenn sie sich fragt, woher sie kommt und wohin sie geht.“ (81f)

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Verhaftete Islamisten in Deutschland (1.8.2016-24.9.2016)

Frog1(Razzien gegen Islamisten in NRW: Weiterer Terrorverdächtiger verhaftet, RTL Next, 10.8.2016)

(Deutschland: Islamist bei Razzia verhaftet, nachrichten.at, 11.8.2016)

(Terrorziel Bundesliga: Polizei ermittelt gegen vier Männer, nachrichten.de, 11.8.2016)

(Experte warnt vor Islamisten in Eisenhüttenstadt, Märkische Allgemeine online, 21.8.2016)

(Drei IS-Verdächtige in Schleswig-Holstein verhaftet, onvista.de, 13.9.2016)

(IS-Mitglieder mit Verbindung zu Paris-Terroristen verhaftet, DiePresse.com, 13.9.2016)

(Holger Münch, „Wir schätzen 420 Personen als Gefährder ein“, Im Gespräch mit Florian Flade, Martin Lutz u. Uwe Müller, WELT online, 16.9.2016)

(16-Jähriger Flüchtling bei SEK-Einsatz festgenommen, Kölner Stadt-Anzeiger online, 20.9.2016)

(Festgenommener Syrer plante Sprengstoffanschlag, ZEIT online, 21.9.2016)

(Mutmaßliches IS-Mitglied am Düsseldorfer Flughafen verhaftet, katehon.com, 25.9.2016 – zugegriffen am 24.9.2016, 18.30 Uhr)

Anbei ein wenig Statistik:

420 islamistische Gefährder, davon 70 IS-Rückkehrer soll es in Deutschland geben:

„Daneben gibt es aber auch eine wachsende islamistische Szene in Deutschland mit derzeit rund 43.000 Personen. Davon schätzen wir inzwischen etwa 420 Personen als Gefährder ein. […]

Wir haben bislang über 750 Ausreisen von Islamisten in diese Regionen registriert. Aber die Ausreisewelle scheint langsam abzuebben. Zumindest steigen die Zahlen nicht mehr so rasant, wie noch vor einigen Monaten. Gleichzeitig müssen wir uns mit einer wachsenden Zahl von Rückkehrern beschäftigen. Von mindestens 70 Rückkehrern wissen wir, dass sie in einem Ausbildungslager waren oder vor Ort Kampferfahrung gesammelt haben.“ (Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes)

Mindestens 11 Verhaftungen wurden im Bundesgebiet in den letzten ca. 8 Wochen bekannt:

1 Verhaftung

„Zuvor war bekannt geworden, dass ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei in der Pfalz einen mutmaßlichen Islamisten festgenommen hat. Der 24 Jahre alte Asylbewerber sei bereits am vergangenen Freitag in Mutterstadt aufgegriffen worden, teilte das Innenministerium in Düsseldorf mit.“ (RTL Next, 10.8.2016)

3 Verhaftungen

„Vier in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz festgenommene mutmaßliche Islamisten sollen nach Erkenntnissen der Duisburger Staatsanwaltschaft einen Anschlag auf ein Spiel der Fußball-Bundesliga verabredet haben. «Wir haben aber bislang keine konkreten Hinweise auf Ort und Ziel», sagte Behördensprecherin Anna Christiana Weiler. Es sei nicht klar, ob es um ein Spiel der ersten oder zweiten Liga gegangen sei. Die Polizei hatte vergangenen Freitag einen Verdächtigen in Mutterstadt in Rheinland-Pfalz und am Mittwoch drei weitere Männer im nordrhein-westfälischen Dinslaken festgenommen.“  (nachrichten.de, 11.8.2016)

2 Verhaftungen

„Überraschend waren am Freitagabend Haftbefehle gegen einen 27-jährigen mutmaßlichen IS-Sympathisanten und einen tatverdächtigen Komplizen erlassen worden. Ihnen wird vorgeworfen, sich zu einer Sprengstoffexplosion abgesprochen zu haben.

Es habe sich herausgestellt, dass sich beide Männer in Chats über „mögliche Ziele und Methoden von Anschlägen gegen Personen und Sachen“ austauschten, teilten die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) und das Polizeipräsidium Brandenburg mit. […]

Der Terrorismusexperte und Undercoverjournalist Shams Ul-Haq fühlt sich angesichts des aktuellen Falls an seine Recherchen in Eisenhüttenstadt in diesem Frühjahr erinnert. Damals war er inkognito in die Erstaufnahme in Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) gegangen. Er warnt davor, dass radikale Salafisten bei den Flüchtlingen um neue Unterstützer werben. „ Als ich in Eisenhüttenstadt war, standen ständig solche Männer vor dem Heim und haben versucht, die Flüchtlinge für sich zu gewinnen“, sagte Haq. „Das ist eine echte Gefahr. Denn die Flüchtlinge sind einsam und anfällig für Propaganda.““ (Märkische Allgemeine online, 21.8.2016)

3 Verhaftungen

„Spezialkräfte der Polizei haben in einem Großeinsatz drei mutmaßliche Mitglieder der Extremistengruppe Islamischer Staat (IS) in Schleswig-Holstein festgenommen.

Die drei Syrer würden dringend verdächtigt, mit einem Auftrag des IS nach Deutschland gekommen zu sein oder sich für weitere Anweisungen bereitzuhalten, teilte der Generalbundesanwalt am Dienstag mit. Ihnen werde vorgeworfen, Mitglieder einer ausländischen terroristischen Vereinigung zu sein. Die drei 17, 18 und 27 Jahre alten Männer seien mit Pässen, vierstelligen Dollar-Beträgen und Handys mit einem besonderem Kommunikationsprogramm ausgestattet worden.“ (onvista.de, 13.9.2016)

„Spezialkräfte der Polizei nahmen die Männer am Dienstag in drei Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge fest und flogen sie anschließend zur Bundesanwaltschaft nach Karlsruhe.“ (DiePresse.com, 13.9.2016)

1 Verhaftung

„Bei einem SEK-Einsatz in einer provisorischen Flüchtlingsunterkunft in Porz sind am Nachmittag drei Menschen verletzt worden. Laut Polizei haben die Spezialeinsatzkräfte in der Turnhalle des Stadtgymnasiums Porz an der Dorotheenstraße einen 16-jährigen Syrer festgenommen, der sich in den vergangenen Wochen radikalisiert haben soll.“ (Kölner Stadt-Anzeiger online, 20.9.2016)

1 Verhaftung

„Die Bundesanwaltschaft hat am Düsseldorfer Flughafen ein mutmaßliches Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat festnehmen lassen. Der 22jährige soll in Syrien für den bewaffneten Kampf geschult worden sein.

Gegen den 22jährigen habe ein Haftbefehl vorgelegen, teilte die Behörde am Samstag in Karlsruhe mit. Der Mann sei am Vortag bei seiner Rückkehr aus der Türkei gefasst worden.“ (katehon.com, 24.9.2016)

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Dressed to impress Allah

Frog1(Kulturzeit vom 22.09.2016)

(Swantje Hirsch u. Eric Beres, Wer steckt hinter den Shops für verschleierte Frauen?, REPORT Mainz, 13.9.2016)

In ihrem Bericht Dress to impress Allah zeigen Swantje Hirsch und Eric Beres, wie sich die islamistische Szene in Deutschland auch in Bezug auf Kleidungsvorschriften offen manifestiert. Ein neuer Modestil, die Hijabis entstand.

Susanne Schröter sieht „Hijabi-Läden“ (z.B. Hijabi Store) als Ausdruck einer „extremistischen Konsumkultur“, die sich (auch) in Deutschland mittlerweile etabliert habe:

„Wir haben eine ganz, ich sage mal, solide salafistische Infrastruktur mittlerweile in Deutschland, eine gewachsene Infrastruktur. Sie ist klar extremistisch und sie ist beunruhigend.“

In diesen Läden kann man u.a. auch Vollverschleierungsartikel für Mädchen ab zwei Jahren kaufen; z.B. bietet der Laden Hoor al-Ayn in Berlin: „Kinder Khimar Set 2 Jahre“ an.

Beworben werden diese Läden u.a. von in der Szene einschlägig bekannten Größen wie Pierre Vogel (Abu Hamsa) und Sven Lau (Abu Adam).

Abdel-Hakim Ourghi fordert daher:

„Solche Läden sind eine Gefahr für unsere Gesellschaft und müssen einfach observiert werden.“

Gutmenschen freilich wird all dies Experten-Gewarne nicht jucken. Für sie steht längst fest, dass Kleidungsvorschriften zu machen, für eine aufgeklärte Gesellschaft per se obsolet sei. Basta! Wenn die, die unsern Staat zerstören wollen, jedoch (sich) Kleidungsvorschriften setzen, um sich (von den andern: die sie für die Ungläubigen erachten) abzugrenzen: Wer die Kleidung des Kufr trägt, der ist kein Muslim!, bitte sehr! Das, Parallelweltbildungen gingen uns nichts an. Denn: Es lebe die Toleranz! Die sich ja gerade gegenüber den absolut Intoleranten zu bewähren habe. Wie sagte schon Jesus Opferlamm:

„Wenn dich einer auf die linke Backe schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Mt 5,39)

Auf dass Ihr geschlachtet werden möget, Ihr Schafe!!

Rübe ab!! Waltet Eures Amts, Schlächter des IS!!

 Kurban olsun!!

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Hakan Günday zum Flüchtlingsdeal: EU-Türkei

Frog1(Luise Sammann, Als würde er seinen Ekel vor der Welt erbrechen, Deutschlandradio Kultur (online), 30.8.2016)

Hakan Günday:

 „Alle Schriftsteller, die ich bewundere, haben mich verstört. Sie haben dafür gesorgt, dass ich meine Augen offen halte, Fragen stelle und zweifele…Ich glaube, dass die Aufmerksamkeit wie ein Muskel funktioniert. Wenn ich heute aufhöre hinzuschauen, den Muskel zu trainieren, dann fühle ich ein Jahr später nichts mehr beim Blick in die Zeitung. Ich kann mir dann den aktuellen Flüchtlingsdeal zwischen der Türkei und der EU ansehen, ohne etwas dabei zu spüren. Ohne dabei zu denken, wie zynisch es ist, wenn Türken durch diesen Deal bald visafrei in den Schengen-Raum reisen könnten, um den zu erreichen in den letzten Jahren mehr als 5.000 Menschen gestorben sind! Erst wegen dieser Leichen dürfen wir vielleicht bald am Brandenburger Tor Touri spielen.“ (im Original ohne Hervorhebungen)

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Juli Zeh zu Merkels Diktum: „Wir schaffen das.“

Frog1(„Markus Lanz“ vom 8. September 2016)

Markus Lanz (greift in seiner Sendung Juli Zehs vorausgehende Aussagen auf und) plädiert (im Anschluss) für die Entdämonisierung der AfD:

„Ist unser Problem auch, dass wir nur noch in diesen Klischees, in diesen Stereotypen denken? Was dann auch dazu führt, dass wir zum Beispiel so eine Partei wie die AfD dämonisieren von morgens bis abends und damit erst groß machen.“

Darauf hin Juli Zeh:

„[…] Ich bin einfach 100-prozentig sicher, dass nicht 100 Prozent dieser Menschen vor acht Monaten oder zwölf entschieden haben, Ausländerfeinde zu werden. Sondern das sind genau dieselben Menschen, die in den letzten 20, 30, 50, 60 Jahren, wo sie etwas anderes gewählt haben, oder gar nicht, auch waren. Das waren sie, die ganze Zeit; und jetzt wählen sie AfD. Und das, finde ich, muss man bedenken. […] Was die nicht mochten, war, und jetzt kommt wieder dieser Satz, den man auch schon nicht mehr hören kann –: „Wir schaffen das.“ –, weil: Dieser Satz wurde gehört als: Wir machen das. Und wir machen das, bedeutet: Ihr werdet nicht gefragt; es wird auch nicht darüber geredet. Das ist ein Imperativ. Wir können das schon; wir kriegen das hin. Bleibt ihr mal schön sitzen zuhause und wählt in 2 Jahren wieder Merkel, und der Rest. Und da glaube ich, war der Bogen einfach überspannt. […]“

In dieser kurzen Dialog-Passage wird paradigmatisch deutlich, dass und inwiefern die von Salazar (in Sprache des Terrors) betonten Aspekte:

  • Entdämonisierung [bei Salazar: des IS, hier: der AfD und ihrer Klientel…] unter Bezug auf
  • Performanz (bei Salazar insbes. der Appellfunktion) von Sprechakten

wertrelevant sind.

Sie sind Teil aller sprachpragmatisch intendierter Lokutionen (John L. Austin) — z.B. in den Predigten des Kalifen Ibrahim zur Gründung, Aufrechterhaltung, Bestätigung, Vertiefung… einer Wertegemeinschaft: Der Gläubigen.— Doch sie sind bzw. sollten auch in den Sprachäußerungen/Diskurs(-kontext-)en relevant sein, die a priori analytisch, i.e. wertneutral/herrschaftsfrei intendiert sind. (Husserl: Akte qua Bewusstseinsakte können als solche nicht intentionsfrei sein.) Die Differenz besteht darin, ob und/oder inwiefern innerhalb von Diskursgemeinschaften dämonisiert/entdämonisiert wird/werden soll…

Im vorliegenden Fall sind es Zeh und Lanz, die insbes. eine Entdämonisierung in ihrer Diskussionsrunde anstreben (vs. das sonst übliche AfD-Bashing)…

Interessant ist hierbei/zudem Zehs transaktionsanalytische Deutung des Satzes: Wir schaffen das. ——
Merkel, so Zeh, entmündige mit diesem Satz (qua Imperativ) das Volk, indem sie es (als ‚Eltern-Ich‘: Mutti) wie Kinder, nicht wie Erwachsene anspricht. Und diese Kinder bzw. zu Kindern (‚Kinder-Ichs‘) degradierten Erwachsenen (‚Erwachsenen-Ichs‘) reagieren, indem sie AfD wählen: Ggf. nicht aus Zustimmung, sondern einzig aus Trotz
Salazar plädiert daher für Aufklärung (vs. Entmündigung)…

(siehe auch: Salazars ‚Sprache des Terrors‘)

Frog4

 

 

Salazars „Sprache des Terrors“ des IS

Frog1(Philippe-Joseph Salazar, »Kampf der Symbole«, Im Gespräch mit Elisabeth von Thadden, ZEIT, 1.9.2016, 37)

(Philippe-Joseph Salazar, Die Sprache des Terrors. Warum wir die Propaganda des IS verstehen müssen, um ihn bekämpfen zu können, München 2016)

Im Interview formuliert Philippe-Joseph Salazar sein Hauptanliegen, das Projekt der Aufklärung fortzusetzen, wie folgt:

„Wir füllen die Ideen der Aufklärung nicht mehr substantiell aus. […] Wir haben sie zu Managementvokabeln verkommen lassen. [… Das] heißt zuerst, dass gegenwärtig in einem Staat wie Frankreich die Aufklärung offenbar nicht mehr stattfinden soll. Wir Bürger werden nicht informiert. Die heiklen Quellen werden von uns ferngehalten, ob durch staatliche Zensurpolitik, Beschwichtigen der Medien [Lügenpresse…] oder die geheimdienstliche Auswahl von zugänglichen Informationen. Wir werden nicht ernst genommen. Aber wir sind der Souverän. Lesen wir endlich die Quellen des Gegners! Unsere französischen Schullehrer sind doch alle dafür ausgebildet, Texte zu analysieren: Warum machen wir die Texte und Videos des Kalifats nicht zur Schullektüre,

[statt den Schülern und Schülerinnen Islamunterricht durch Organisationen wie Ditib anzubieten, die das Geschäft des IS betreiben, indem sie Aussagen treffen wie: Es gibt nichts Schöneres als Märtyrer zu sein/werden!]

um sie zu entdämonisieren, zu falsifizieren, ihre Widersprüche, Irrtümer und Manipulationen aufzudecken? Das ist und bleibt die beste Waffe, über die wir verfügen: uns auf die Urteilskraft zu verlassen und sie in Anspruch zu nehmen. Die schlechtestmögliche Verteidigung des Landes hingegen besteht darin, die Bürger für dumm zu halten.“

Doch die Gutmensch-Eliten machen exakt dieses. Qua gegenseitige Selbstermächtigung und gegenseitiges Schulterklopfen dominieren sie (Funktionäre, Parteigänger und Sympathisanten von – in Deutschland – CDU, SPD, Die Linke, die Grünen; FAZ, SZ, ZEIT…) den öffentlichen Diskurs in Presse und Fernsehen. Sie bestimmen die Diskursregeln und tragen für deren Exekution Sorge. Daher ist es schwierig, ihnen, diesen manichäisch vor-eingestellten Bevormundern (Wir sind die Guten und ihr seid die schlechthin, scheiß Bösen. Seht es doch endlich ein und kuscht gefälligst!) nicht genehme Informationen überhaupt zu beschaffen. – Zum Glück gibt es ein noch (!) weit gehend nicht-domestiziertes Internet und ab und an Anti-Pauschalisten (wie Juli Zeh, Markus Lanz…). –
Zudem ist es schier unmöglich, sich in den Diskurs einzubringen, ohne a priori aus der Schlechtmensch-Perspektive heraus als zum kleinen, großen oder gar absoluten Arschloch auserkoren (gegen das als das höchste Gute – bonum, τἀγαθά (Platon) – a priori Vorgegebene uns ins Göttliche Entrückte: To άξιον εστί Willkommenskultur!, und zwar: Gemäß der Maxime: Kαθ᾽ ἑαυτόν „Keine Obergrenzen!“) an-argumentieren zu müssen.

Leider konnten sich die – insbesondere radikalenAufklärer (siehe Philipp Bloms großartiges Buch hierzu) nicht durchsetzen… Und nicht nur das: Die Aufklärung (qua perennierender Imperativ über alle Generationen hinweg) scheint obsolet.

Letztlich sind wir Zombie-Christen (Emmanuel Todd) in der Ambivalenz stehen geblieben: Da die Sklavenmoral des Christentums, in der wir sozialisiert wurden, in unserem Unbewussten weiterlebt (wie Todd am Fall Frankreich zeigt), sind wir immer noch höchst empfänglich für Unterwerfungsappelle. (In der Hinsicht stehen wir dem IS weit näher als all die Gutmenschen wahrhaben wollen.)

Also sprach (schon) Nietzsche (siehe Vorrede Zarathustra): Die Bereitschaft sich (unter dem Imperativ der Gutmenschen – welcher Couleur auch immer!) zu versklaven ist in unserm Zeitalter (noch? zu?) stark ausgeprägt; der Wille zur Gegenwehr ist schwach und wird diskursethisch (zu Tode) nihiliert.

Ein einziges Bild eines einzigen toten Buben (Ailan Kurdi) genügt —: Und schon verfängt die alles, in toto nihilierende Mitleidsethik (Schopenhauer contra Nietzsche).

Das ist der Vorlauf in den Tod des anderen, des Fremden – sei es anonym (à la Albert Camus) oder benamt (à la Kamel Daoud) – SOWIE des europäischen Menschen.

Ihr seid Verächter EURER Freiheit! Ihr, die ihr da ruft:

Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!
Halleluja / Halelu Yah / Alhamdulillah! (Psalm 118:26) –;

sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum —;
egal, ob auf Deutsch, Jüdisch oder Arabisch…;

und wer nicht mitmacht, für den gelte: Rübe ab! —: Sei es nun bloß im Diskurs, oder gar existenziell:
Das allein sei die zur Wahl stehende Differenz;

amen.

(siehe auch: J. Zeh zu Merkels ‚Wir schaffen das.‘)

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