Houellebecqs „Unterwerfung“ zu Ende gedacht: Sansals „Das Ende der Welt“

Frog1(Iris Radisch, Letzte Tage der Menschheit, ZEIT, 31.3.2016, 33)

Boualem Sansal schildert in seinem Roman Das Ende der Welt

„eine Glaubensdiktatur im Jahr 2084“;

„es gibt nur noch den Propheten und seine willenlosen Untergebenen.“ (Radisch) —

Michel Houellebecq ging in seinem, im letzten Jahr publizierten Roman nicht so weit in die Zukunft. Er begnügte sich mit einem Blick auf Frankreich im Jahr 2022.

In Iris Radischs lesenswertem Artikel sind insbesondere folgende Stellen als Paradigmen intellektuell-politischen Versagens hervorzuheben:

  • Variante a) Angsthasen-Duckmäusertum

Sansal sollte für die Körber-Stiftung einen „Essay über die Welteroberungspläne des Islamismus“ schreiben. Doch die Stiftung lehnte die Veröffentlichung ab,

„weil der Autor [Sansal] sich weigerte, ihn [seinen Essay] abzumildern. An einer zentralen Stelle des Essays heißt es: »Auch in Europa ist es mit der Meinungsfreiheit nicht weit her, sobald es um den Islam geht. Die bloße Erwähnung des Begriffs würgt jede Diskussion im Keim ab oder lässt sie auf Phrasen und Allgemeinplätze des politisch Korrekten zusteuern.« Der abgelente Essay erschien schließlich unter dem Titel Allahs Narren im Merlin Verlag.“ (im Original keine Hervorhebungen)

  • Variante b) Freiheitsheld-Glorifizierung

„Bis heute kann er [Sansal] nicht fassen, dass Helmut Kohl die Islamisten, die [im algerischen Bürgerkrieg] täglich Tausende umbrachten, für Freiheitskämpfer hielt, in Deutschland aufnahm und unterstützte.“ (im Original keine Hervorhebungen)

  • Variante c) Neue Heimat: Islamisten-Willkommens- und -Förderprogramm

Sansal: „Die Kanzlerin selbst hat alle eingeladen. Und die Deutschen stimmen ihr zu.“ Denn: Leute, die „ein komfortables Leben leben[, können…] das Leid und das Elend [anderer] schwer ertragen.“

„In Deutschland, Frankreich und Belgien gibt es [nach Meinung Sansals] überall Ghettos, das sind abgeschottete Mini-Republiken mit eigenen Clan-Chefs, eigenen Steuern und eigenen Gesetzen. Man hat Moscheen gebaut und an den guten, den sanftmütigen Islam geglaubt. Aber das ist ein naiver und gefährlicher Intellektuellentraum.“ (im Original keine Hervorhebungen)

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Angst der Franzosen vor einem Sieg Le Pens

Frog1(Elisabeth von Thadden, Noch eine Zukunft, ZEIT, 31.3.2016, 37)

(Joseph Hanimann, „Und sagen Sie nicht, Sie hätten es nicht gewusst“, SZ online, 17.3.2016)

Michel Houellebecq prophezeit in seinem Roman Unterwerfung die Liaison von François Bayrou, des ewigen Bewerbers um das Amt des Staatspräsidenten Frankreichs (seit 2002), mit der Muslimbruderschaft:

„Kurz nach vierzehn Uhr schlug dann die Nachricht wie eine Bombe ein: UMP, UDI und PS hatten sich darauf geeinigt, eine Regierungsvereinbarung für eine »erweiterte republikanische Front« zu unterzeichnen und schlossen sich dem Kandidaten der Bruderschaft der Muslime an.“ (129)

Dem setzt Michel Wievorka in Séisme (Erdbeben) die Befürchtung eines Wahlsiegs von Marine Le Pen entgegen:

„Ein Jahr ist es her, da hatte der Schriftsteller Michel Houellebecq in seinem Roman Unterwerfung als ein satireschwarzes Gedankenexperiment erzählt, wie sich im Jahr 2022 die männliche Academia mit Gewinn dem Islam an den Hals wirft“. (von Thadden)

Wievorka reagiert mit dem

„Plot einer Zukunft Frankreichs […], faktensatt: Le Pen an der Macht!“ (von Thadden)

Neu ist dieses Phänomen, French Angst freilich nicht:

„Vorsorgliches Halluzinieren: Comiczeichner, Soziologen und Schrifsteller malen sich ein Frankreich unter Marine Le Pen aus. Die Furcht davor geistert seit Jahren durch den öffentlichen Diskurs.“  (Hanimann)

Hanimann nennt neben Wievorka:

  • den Comicband La Présidente, „eine Politfiktion über das Ergebnis der nächsten Präsidentschaftswahlen in Frankreich“ von François Durpaire und Farid Boudjellal.
  • einen Comic von Charlie Hebdo-Herausgeber LaurentRissSourisseau und Richard Malka, der demnächst erscheinen soll.
  • eine Novellensammlung von Arnaud Vivant als Herausgeber, die ebenfalls mit der Hypothese von Le Pen als nächster Staatspräsidentin spielt.

Hanimanns Fzit:

„Ein so unterhaltsames wie hilfloses Beben geht durchs Land.“

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Das Türkeibild der ZEIT – U. Greiner über Pamuks Roman „Diese Fremdheit in mir“

Frog1(Ulrich Greiner, Istanbul, mon Amour, ZEIT, 23.3.2016, 45)

Zuerst, über dem Text das Foto

Schiffspassagiere, von denen die älteren weiblichen Wesen im Vordergrund ausnahmslos Kopftuch tragen, um den ganzen Kopf rum, festgezurrt, damit Mann ja kein Haar sieht. Das also ist das Istanbul-Bild, das die ZEIT ihren Lesern vors Auge drückt.

Was soll uns das sagen?? — So IST es; oder: So SOLL es sein?? Das Istanbul mon amour

Wahrlich ekelhaft!

Ob nun so oder so; das uns Lesern vorgesetzte Bild – Humble Pie: Eat it! – ist AKP-Propaganda: Es suggeriert: Seht her! Das haben wir schon erreicht: Also: Zurück ins real existierende Mittelalter!! Wiederkehr des ewig Gleichen?? — Danke für Eure Selbstaufklärung, γνῶθι σαὐτόν, liebe ZEIT-Redaktion.

Und dann der süper Text schlechthin:

Die Roman-Rezension von Ulrich Greiner!!

Erster Satz -, zum Auftakt ein wenig Schelte:

„Dass der Nobelpreisträger Orhan Pamuk nicht sonderlich gut schreibt, sieht man auch an seinem neuen Roman [Kafamda Bir Tuhaflık]“… (im Original keine Hervorhebung)

Aber wie, bitte schön, will das jemand beurteilen, der kein Türkisch kann?? — Kleinlaut das Eingeständnis:

„Es mag übrigens sein, dass die Übersetzung an manchen Unbeholfenheiten nicht schuldlos ist. „

Beispiele?? — Fehlanzeige, tabii ki.

Eine Episode, die Greiner schildert ist die wohl jedem in der Türkei lebenden Türken wohl bekannte Unsitte, Strom

„aus Leitungen [zu] beziehen, die am Zähler vorbeiführen. [Kommentar Greiner:] Was offenbar fast die Regel ist.“

Soll heißen: Dem Rezensenten scheint dies eine völlig neue Einsicht zu sein…

Und dann Greiners Schluss-Absatz, das grandiose Finale:

„Dieses Buch ist eine [sülz-sülz…] Liebeserklärung an diese fantastische Stadt Istanbul. [Doch Istanbul spezifische Aussagen fehlen in Greiners Rezension.] Wer die Türkei verstehen will, sollte es [das rezensierte Buch] lesen.“

Was aber ist das, was an Istanbul, der Türkei verstanden werden soll?? — Dass jeder jeden bescheißt?? sofern er die Chance dazu hat?? — So richtig das ist/sein mag…: Soll das alles sein, was Istanbul, die Türkei ausmacht??

Arme ZEIT, dieses QuakQuak als Weisheit auszugeben, den Lesern vorzusetzen, zuzumuten. — Wie einst auf Humble Pie’s Cover: Der Teller ist leer und bleibt leer… Da hatten selbst die dümmsten Sophisten seinerzeit mehr zu bieten…

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Nazım Hikmets 114. Geburtstag, Veranstaltung in Essen, 31.1.2016

Frog1(Kılıçdaroğlu Nazım Hikmet’e geliyor, muhabirce.de, 27.1.2016)

Nazım Hikmet Vakfı ile CHP Köln Derneği Gençlik Kolları 31 Ocak 2016 (Pazar) tarihinde Essen Grugahalle, Nazım Hikmet Kültür Etkinliği düzenliyor.

Kemal Kılıçdaroğlu katılacak

Nazım Hikmet’in 114. doğum günü

Auf der Bühne war auf der rechten Seite, von der die Vortragenden her aufmarschierten, Atatürk zu sehen. Doch ein Foto/Bild/Poster des Autors, dessen Geburtstag (15. Januar) gefeiert wurde, fehlte. Auch in den Reden waren der Dichter und sein Werk durchgängig nur Mittel zum Zweck. Eine literaturwissenschaftliche Würdigung fehlte, schien gar unerwünscht.

31 Ocak’ta Essen Grugahalle’de düzenlenen bir etkinlikle kutlanacak. CHP Genel Başkanı Kemal Kılıçdaroğlu

der die Chance nutzte, Lieblingsgegener Erdoğan als Dieb und Mörder zu beschimpfen, was vom Publikum begeistert aufgenommen wurde,

etkinliğe katılmak için cumartesi günü Almanya’ya geliyor.

Nicht nur, dass Nazım Hikmet von der CHP vereinnamt wurde, nein, der Parteivorsitzende reiste sogar eigens zur Begrüßungsansprache aus der Türkei an. Seine Rede wurde ihm von einem Lakeien vorweg aufs Pult gelegt und nach getaner Arbeit von diesem wieder eingesammlt und fortgetragen. Alle andern Redner mussten (wollten??) ihr auf Papier fixiertes Quakquak selbständig aus- und einpacken.

31 Ocak Pazar günü saat 14:00’te başlayacak olan etkinlik öncesinde ise CHP Genel Başkanı Kemal Kılıçdaroğlu, çeşitli STK’lar, inanç ve kanaat önderleri ve Alman siyasetçilerle biraraya gelecek.

Can Dündar’ın eşi imzaya katılacak

er selbst sitzt ja dank Erdoğan derzeit im Knast,

Saat 12:00 ila 14:00 arası imza etkinliği olacak. Zülfü Livaneli,

Leider sang er diesmal nur zwei, drei Lieder…

Tarık Akan, Rutkay Aziz, Ataol Behramoğlu, Nebil Özgentürk, Sunay Akın kitaplarını imzalarken,  Can Dündar

Von ihm wurde der Film Hikmets Kamera (Nâzım’ın Kamerası) gezeigt, der Filmausschnitte und Erinnerungen von Hikmets Lebensgefährtin Galina Grigoryevna Kolesnikova enthält. Das Filmmaterial selbst ist recht bekannt und auch der Film ist relativ leicht zugänglich. (Also nicht Neues.)

adına Dilek Dündar kitap imzalayacak

Zur Musik: Die Gruppe Kardeş Türküler (dt. „Lieder der Brüderlichkeit“) sorgte für das musikalische Programm (nach all den mehr oder weniger (partei-)politischen Redebeiträgen). Hervorragend. Leider aber wurde wieder mal Lautstärke mit Soundqualität gleichgesetzt…

Fazit:

Eine sehr merkwürdige Dichterfeier…

Atatürk war durchgängig zu sehen (und wurde immer wieder lobend erwähnt), die Redner wurden alle in Großformat gezeigt; doch weder die Musiker, noch der Dichter selbst (mit Ausnahme des gezeigten Films) waren auf der Leinwand präsent.

Immerhin: Knapp 7000 verkaufte Tickets. Keine einzige Kopftuchträgerin. Kaum AKP-Sympathisanten…

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Am Strand von Stralsund

Frog1Stralsund, Mitte Dezember 2015

Als ich am 15.12. abends mit dem Zug im Bahnhof ankam, war es schon stockdunkel. Auf der Fahrt zum Hotel erzählte mir der Taxifahrer, dass es nach der Wende für ihn als Kind toll war, mit den andern Jungs und Mädels durch die verlassenen Häuser zu streichen und auf den Dachböden nach Schätzen zu wühlen. Es wäre gewesen, als ob die nur einmal, aber für immer Ausgereisten sich nur zu Kurzausflügen aufgemacht hätten oder spontan vereist, oder auch Hals über Kopf abgehauen wären, weil sie reichlich Brauchbares, ja, ihr komplettes Alltagsleben zurückließen.

Am nächsten Morgen konnte ich vom Bett aus durch die zwei abgeschrägten Dachfenster meines Zimmers im Rügenblick, 2. Obergeschoß, den Wolken verhangenen Himmel sehen und nach dem Aufstehen geradeaus auf die gegenüberliegenden Häuser. Gegen Mittag ging ich ans Meer hinunter und dann den Sandstrand entlang bis hin zum Hafen. Es waren nur wenige Leute unterwegs. Ein Mann kam mir entgegen, der rückwärts ging. Aus einem Beutel, den er bei sich trug, mit mehreren Litern Fassungsvermögen, wie mir schien, nahm er ab und an etwas heraus, das er an zwei Schwäne verfütterte, die ihn fest im Blick knapp hinter ihm her watschelten. Der eine, der sich näher am Wasser hielt, fraß ihm sogar aus der Hand. Wenig später sah ich eine junge Frau, vielleicht eine Studentin von der nahen Fachhochschule, mit ihrem Hund: Ein zotteliges Wirrwarr in Grau, mit einem Körper kaum größer als zwei ausgewachsene Ratten und einem Paar sehr freundlich-neugieriger Augen. Zum Leidwesen seiner Herrin fand mich der Hund, sobald ich in seinen Spielbezirk kam, wesentlich attraktiver als all die anderen Spuren, denen er zuvor kreuz und quer über den Strand hinterherschnüffelte, so dass sie ihn nach einiger Zeit, als alles Rufen nichts half, auflas und sich mit ihm im Arm in Gegenrichtung zum Wasser eilig davonmachte. Die einzige weitere Person, die mir begegnete, war eine ältere Dame, die mich mit schnellen, zielstrebigen Schritten überholte. Alle drei Personen waren eingemummelt wie in tiefem Winter, obwohl die Temperatur auf mich eher frühlingshaft wirkte.

Auf dem Weg zurück zum Hotel ging ich auf dem asphaltierten, durch Laternen hell ausgeleuchteten Weg, der parallel zum Strand vom Hafen weg bis ans Ende der Stadt verläuft. Diesmal waren vor allem Radfahrer unterwegs. Doch wie schon auf dem Hinweg: Gegrüßt hat keiner. Die Leute an der See scheinen zunächst recht einsilbig verschlossen, als ob sie Paul Dirac nacheiferten, von dem es hieß, er habe stets reiflichst überlegt, um, sofern es ihm überhaupt geboten schien, sich dann zum einen so präzise als möglich zu fassen und zum andern dabei nur so viele Wörter als unbedingt nötig aufzuwenden.

Am Hafen sah ich eine Schiffskarten-Verkaufsbude, die in großen Buchstaben Tagesausflüge nach Hiddensee anpries, aber jetzt im Winter geschlossen war. Da spätestens reifte in mir der Entschluss, Lutz Seilers Kruso zu kaufen und in der zweiten Nacht im Rügenblick und anschließend auf der Rückfahrt nach Köln, noch den Stralsunder Wind und das Meer in der Nase, auszulesen. Doch das Buch erwies sich als zu voluminös und gehaltvoll, um mit ihm so rasch zu Ende zu kommen…

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Henning Mankells Selbstverständnis als Erzähler

Frog1(Kirsten Jacobsen: Mankell über Mankell. Kurt Wallander und der Zustand der Welt, Aus dem Dänischen von Lutz Volke, München 2015, dtv 21599)

Anbei die für Henning Mankell wichtigsten Aspekte des Schreibens:

  1. Der Schriftsteller als Geschichten-/Parabelerzähler

Mankell sah und bezeichnete sich in Vorträgen und Lesungen zumeist “als storyteller”. (9)

In Jacobsens Buch sind vor allem die folgenden drei Erlebnisse aus Afrika widergegeben. Es scheint, dass ihn das Andere der afrikanischen Kultur (die interkulturelle Differenz) besonders prägte:

  • Lehrerzählung/Paradigma 1

Ein, wohl das prägendste Schlüsselerlebnis Mankells schildert Kirsten Jacobsen bereits zu Beginn ihres Buchs, in dem sie ihre Gespräche mit Mankell nachzeichnet, (als Parabel):

“Während des Bürgerkriegs hielt ich [Mankell] mich einmal im Norden von Mosambik auf, in der Provinz Cabo Delgado, an der Grenze Tansania. Eines Tages ging ich auf einen schmalen Pfad auf ein Dorf zu. Das Gebiet war zerstört, die Felder abgebrannt, alles um mich herum roch nach Tod und Verelendung und Leiden.

Plötzlich kam mir ein junger Afrikaner auf dem Pfad entgegen. Er war um die fünfzehn Jahre alt, sehr abgemagert und sicherlich ausgehungert. Er war in Lumpen gekleidet, und als ich auf seine Füße blickte, entdeckte ich etwas, was ich im Leben nie vergessen werde:

Er hatte sich Schuhe auf seine Füße gemalt.

Mit Hilfe von Kräutern und Erdfarben hatte er sich die Schuhe gemalt, die er nicht besaß. Ich dachte: Wie stark sind doch Wille und Kraft des Menschen, wenn es darum geht, seine Würde zu verteidigen, selbst in den schwärzesten Stunden äußerster Not. Das ist seine Art, Würde zu bewahren. Er tut es, indem er Schuhe auf seine Füße malt. Und indem er das tut, setzt er Hoffnung auf die Zukunft. Er ist ein Mann, der sich zur Wehr setzt, a man of resistance.

Ich weiß nicht, wie es weiterging mit dem jungen Mann. Ich kenne seinen Namen nicht. Er ist höchstwahrscheinlich gestorben. Für mich aber lebt er, und er hat mir eines der wichtigsten Dinge im Leben vor Augen geführt: Selbst im tiefsten Elend besitzen wir Menschen eine unglaubliche Kraft, die uns befähigt, unsere Würde zu verteidigen und Widerstand zu leisten.“ (10; im Original kein Fettdruck)

  • Lehrerzählung/Paradigma 2

„Einmal war ich [Mankell] gestolpert, hatte meinen Fuß verstaucht und hinkte. Ein paar Tage später setzte sich ein Vogel, dessen einer Flügel verletzt war, vor mir nieder, flog dann aber bald fort. Am nächsten Tag hinkte ich nicht mehr, die Schwellung und der Schmerz waren verschwunden. Die Afrikaner aber meinten, der Vogel hätte mein Hinken mit sich fort genommen.

Das machte mich zu einem man of witchcraft, und nun hatten Sie Angst vor mir. Denn ein schwarzer Medizinmann kann gefährlich sein, aber ein weißer Medizinmann ist gewiss doppelt so gefährlich!“ (125f)

  • Lehrerzählung/Paradigma 3

„Da saß ich [Mankell] nun auf der Bank vor dem Theater und hörte den alten Männern zu. Und ich fand schnell heraus, dass sie über einen Mann sprachen, der gerade gestorben war.

Einer von ihnen sagte: >Ja, ich habe ihn zu Hause besucht, und er fing an, mir eine wunderbare Geschichte aus seiner Kindheit zu erzählen. Das war eine sehr lange Geschichte, und es war schon spät, sodass wir uns darauf verständigt haben, dass er sie am nächsten Tag zu Ende erzählt. Am nächsten Tag jedoch war er tot.<

Es trat eine Stille ein, und ich beschloss, die Bank nicht zu verlassen, bevor ich den Kommentar des anderen Alten gehört hatte. Er kam nach einer Weile. Er sagte: >Zu sterben, bevor man seine Geschichte zu Ende erzählt hat, ist keine gute Art, eine Geschichte zu erzählen.<“ (94f)

„Genau das sind wir: Geschichten erzählende und Geschichten empfangende Lebewesen. Das trifft nicht nur auf Leute wie mich zu, auf die Schriftsteller, das trifft auf alle zu. Alle haben eine Geschichte zu erzählen …“ (95)

2. Vorbilder der Moderne

„ich war also sechs, sieben oder acht Jahre alt und in der Lage Der alte Mann und das Meer zu lesen, von dem ich vielleicht ein Viertel Verstand. Der alte Fischer Santiago wurde mein Freund. Er lud mich ein, neben ihm im Boot zu sitzen. Vor ihm war es Robinson Crusoe – der beste Roman, der jemals geschrieben wurde.“ (209; Fettdruck im Original kursiv)

3. Vorbild der Antike: Die griechische Tragödie

„die griechische Tragödie [war] ein Porträt der Gesellschaft“. (45)

„Allen Künstlern geht es wurde Johann Sebastian Bach: Wir variieren immer das gleiche Thema, wieder und wieder und wieder. Als Schriftsteller verfügt man vielleicht über drei, vier, fünf Geschichten oder Grundkonflikte, wie man unendlich variiert. Wenn wir uns die klassischen griechischen Dramen ansehen, so finden wir diese Tendenz bereits dort. Ein gewisser Typus von Konflikt wird variiert.“ (81; im Original keine Hervorhebung)

„das klassische griechische Drama handelt in der Hauptsache von Rache. Die Rache der Götter an Menschen, der Menschen Rache an Menschen. Wir hier kennen auch die klassische Form, Blutrache genannt, und genauestens beschrieben in der Literatur Islands, Norwegens, Schwedens und auch Dänemarks. Und in der sizilianischen Vendetta.

Ich glaube, dass die Rache für erlittenes Unrecht aus einer Zeit stammt, in der wir noch einzelnen Sippen angehörten. Als nicht nur die eigene Ehre ungeheuer wichtig war, sondern die Ehre der ganzen Sippe. Die musste um jeden Preis bewahrt werden. Und man ging so weit, wie die Phantasie einen trug, um altes Unrecht an der Sippe zu rächen.

Heute können wir noch in den Einwandererkulturen erleben, dass Väter ihre Töchter töten, weil sie den verkehrten Geliebten haben. […] Es ist nicht nur die eigene Ehre, die er zu verteidigen hat, sondern die einer großen Gruppe. Das ist der Grund, warum Rache ein so starkes Motiv ist und in einer modernen Gesellschaft immer noch existiert.“ (178f; im Original keine Hervorhebung)

4. Der Schriftsteller als a man of resistance

[Siehe Aspekt 1.1]

„Ich sehe die Künstler als Teil einer Art Widerstandsbewegung an. Das ist notwendig, denn ich glaube, wir sind uns einig darüber, dass wir in einer schrecklichen, schrecklichen Welt leben. Einigen Menschen fehlt es an nichts, aber die meisten, die Massen, sind immer noch arm und unterdrückt.“ (96)

[Vgl. Albert Camus: Der Mensch in der Revolte]

„Ich [Mankell] glaube immer noch, dass es eine vernünftige Philosophie ist, solidarisch zu denken und zu handeln. Das kommt nicht nur vom Gefühl her, das ist Vernunft.“ (103)

5. Der Schriftsteller als (spartanisch lebend) Unbehauster

„Ich [Mankell] fühle mich wie ein Nomade. Ich kann im Flieger schreiben, im Hotelzimmer, allein oder im Beisein anderer, an jedem Flecken der Erde.“ (19)

„Der seltsamste Arbeitsplatz, den ich je hatte, war in Stockholm. Ich war jung, knapp zwanzig Jahre alt, arm und hatte eine leere Wohnung gemietet. Keine Möbel, keine Beleuchtung, kein Bett. Ich schlief auf dem Fußboden und entdeckte, dass im Backofen eine kleine Birne anging, wenn man die Klappe öffnete. Dieses Licht war meine Lampe und die Backofenklappe mein Tisch. Da habe ich dann gearbeitet. (19)

6. Der Schriftsteller als sich in viele Rollen/Leben Einfühlender

„Für mich [Mankell] ist Schreiben Sinnerfüllung. Und ich verspüre eine große Freiheit dabei. Das ist der Kern der Kreativität: dass man sich verwandeln kann. Irgendjemand hat ausgerechnet, dass ich in meinen Büchern in zirka zweitausend unterschiedliche Personen geschlüpft bin.“ (20)

7. Der Schriftsteller als Philosoph, der nach Begründung/Sinn sucht

„Am Anfang meiner [Mankells] Bücher steht immer eine Frage, die ich [Mankell] an mich selbst richte: Wie kann es sein, dass …? Ich denke darüber nach, untersuche das Problem, und am Ende weiß ich Bescheid. Wenn ich alles weiß, beginne ich zu schreiben. Manchmal schreibe ich den Schluss zuerst, manchmal den Mittelteil, und ein andermal gehe ich chronologisch vor.“ (20)

[wie u.a. Kafka im Prozess]

„Ich [Mankell] treffe umfangreiche Vorbereitungen, bevor ich anfange. Wenn ich einmal in Gang gekommen bin, kann ich normalerweise sagen: >Dieses Buch wird 510 Seiten lang.< Ich weiß alles über die Geschichte, kenne den Verlauf, die Details und den Aufbau. Die wichtigste Arbeit ist getan, wenn ich die ersten Zeilen schreibe.“ (212)

„das Vergangene, die Vergangenheit [… muss] immer präsent sein […], um die Gegenwart zu verstehen. Das ist die Rückspiegelphilosophie: Um sicher zu fahren, muss man immer wieder in den Rückspiegel schauen. Wenn Afrikaner beispielsweise gezwungen waren, ihr Dorf zu verlassen, exhumierten sie ihre verstorbenen Angehörigen, nahmen die Knochen mit und begruben sie an ihrem neuen Ort. Ein klares Symbol.“ (126)

„Die Handlungen entlarven die Haltungen. Das ist meine [Mankells] Hauptthese.“ (59)

8. Fiktion und Realität

„Schreiben ist ein rationales Handwerk“. (53)

„Ich [Mankell] habe die Probleme anderer miterlebt, ihre Gespräche aufmerksam verfolgt. Ich notierte und registriere, was um mich herum abläuft.“ (53)

[vgl. Peter Drucker: Genaues Beobachten als by-stander ist der Anfang von allem…]

“Fiktion bedeutet, etwas niederzuschreiben, was passiert sein könnte, aber nicht passiert sein muss.” (11)

„Eine fiktive Figur kann einem Leser also genauso lebendig entgegentreten wie der Schriftsteller, der sie geschaffen hat.“ (220)

„Man ist immer an zwei Orten zugleich. Man ist in der Geschichte, und man befindet sich außerhalb der Geschichte. Gleichzeitig.“ (53)

„Ich [Mankell] bin immer auf Landschaften aus, ich bin fasziniert von ihnen und von dem, wie sie auf Menschen einwirken.“ (25) Doch „Romane [sind] keine Landkarten [;…] es [gibt] einen Unterschied […] zwischen dokumentarischem Realismus und Fiktion.“ (32)

„Der kreative Prozess besteht darin, die Existenz zweier verschiedener Welten gleichzeitig zu beherrschen. Sagen wir mal, ich [Mankell] sitze in meinem Arbeitszimmer und beschreibe Wallanders Küche! Bei diesem Vorgang existieren beide Räume parallel in meinem Kopf, lebendig und sichtbar.“ (54) „Ich kann sogar in drei, vier, fünf Räume, Landschaften oder Situationen gleichzeitig abtauchen.“ (54)

„Ich [Mankell] wollte die Welt ohne diesen europäischen egozentrischen Filter sehen. Und um eine lange Geschichte kurz zu machen: Aus demselben Grund fahre ich immer wieder nach Mosambik. So bewahre ich mir die doppelte Perspektive. Ich denke dabei an einen Maler, der an seiner Staffelei dicht vor der Leinwand steht und immer wieder zurücktreten muss, um das Motiv zu erkennen.“ (132; im Original keine Hervorhebung)

9. Über die Kurt Wallander-Krimis

Ich, Mankell, „habe […] seit den Neunzigerjahren eine Serie sozial- und gesellschaftskritischer Kriminalromane mit Kommissar Kurt Wallander geschrieben“. (31)

„die Wallander-Bücher […] waren für mich [Mankell] lediglich der Ausgangspunkt, um auf den beginnenden Rassismus in Schweden aufmerksam zu machen. Ich möchte ein Geschichtenerzähler sein. Und ich bin sehr froh darüber, dass ich für meine übrigen Romane fast genauso viele Leser habe ich für die Wallander-Bücher.“ (211)

„Wie gesagt, soll nicht ich [Mankell] fühlen, wie Kurt Wallander fühlt, sondern der Leser soll es nachempfinden können.“ (53)

„Kurt Wallander wird – falls Mankell sich richtig erinnert – am 20. Mai 1989 »geboren«, nachdem sein Schöpfer beim Blättern im Telefonbuch auf diesen Namen gestoßen war.“ (35)

„Kurt Wallander und ich [Mankell] gleichen uns nur in drei Punkten: Wir sind ungefähr gleich alt, lieben beide die italienische Oper und verbringen unglaublich viel Zeit mit unserer Arbeit. Abgesehen davon sind wir sehr unterschiedlich. Ich glaube nicht einmal, dass wir, wenn er tatsächlich existieren würde, Freunde wären.“ (39)

„Ich [Mankell] habe Kurt Wallander als einen Menschen gestaltet, der Frauen nicht besonders gut behandelt. Er ist verhaftet in einem altmodischen, traditionellen Frauenklischee, und das ist mir fremd. Sowohl als Mann als auch als Mensch. Ich mag auch nicht, wie er sich vernachlässigt. Er isst zu fett und zu viel. Und nicht selten trinkt er zu viel.“ (40)

„Wallander ist ein sehr leidenschaftlicher Mann. Er liebt immer noch seine ehemalige Frau und hat deshalb Probleme mit anderen Frauen. Er vergleicht sie mit Mona. Erst als er begreift, dass die Ehe beendet ist und nie wieder aufgenommen werden kann, ist er imstande, ein Verhältnis mit einer anderen Frau einzugehen.“ (211)

„Ich [Mankell] glaube, dass Wallander menschlich wirkt, weil er so widersprüchlich ist. (41)

„Was mich [Mankell] aber am meisten interessiert, ist, wie die Gesellschaft auf ihn [Wallander] einwirkt; denn sein Beruf als Polizist bringt es mit sich, dass er sich da auffällt, wo die gesellschaftlichen Extreme am stärksten aufeinanderprallen. […] Wie konnte er zu dem Menschen werden, der ist?“ (41)

„ich [Mankell] habe ihm Diabetes dazugegeben, um ihn [Wallander] zu entheroisieren.“ (43)

„Im Gegensatz dazu haben wir nun den Vater [Wallanders], der sich gegen jegliche Veränderung stemmt. Seine Welt steht still und soll immer gleich bleiben, Tag für Tag. […] Wallander und sein Vater repräsentieren also zwei verschiedene Weltsichten. Ich [Mankell] habe sie bewusst einander gegenübergestellt.“ (49)

Das letzte Wallander-Buch ist „eine Geschichte, die von Wallander selbst handelte. In der er nicht Objekt im Verhältnis zu anderen Objekten ist, sondern sowohl Subjekt als auch Objekt. Und so entstand Der Feind im Schatten.“ (50)

„Im Februar 2007 beging die junge schwedische Schauspielerin Johanna Sällström, die die Linda in der schwedischen Fernsehverfilmung gespielt hat, Selbstmord, gleich nachdem Vor dem Frost abgedreht war. Linda Wallander war da als neue Hauptperson eingeführt worden. Danach wolltest du [Mankell] nicht mehr über Linda schreiben, die du, wohl gemerkt, mit einem Selbstmordversuch ausgestattet hattest.“

Mankell: „Als ich das von Johanna hörte, habe ich gedacht: Nein, verdammt nochmal, ich kann das nicht einfach fortführen. Und ich habe dann auch keine Wallander-Bücher mehr geschrieben, wenn man von der Feind im Schatten als Abschluss der Serie absieht.“ (51; Fettdruck im Original nicht hervorgehoben)

10. Über Kinder: Als Leser und Künstler

„Ja, ich [Mankell] schreibe viel über Kinder. Ich war selbst ein einsames Kind und bin immer noch ein einsames Kind. Ich bin gern allein“. (76)

Ich, Mankell, „betone […] immer, dass der wahre Künstler im Kind zu finden ist. Als Kind hat man ein vollständiges, uneingeschränktes Vertrauen zur Einbildungskraft, zur Phantasie.“ (81) „Wenn man sich später im Leben in der einen oder anderen Form künstlerisch betätigen will, muss man zu dem Kind in sich zurückfinden. Zu diesem Zutrauen, dem Schlüssel eines jeden kreativen Prozesses.“ (82) „ich glaube, dass das Kind der wahre Künstler ist. In diesem Abschnitt unseres Lebens gibt es keinen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Phantasie.“ (92)

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