Erdoğan, der Demokrat

Frog1(Henryk M. Broder, Wir schaffen das, WELT, 4.8.2016, 3)

(Ein Zitat Erdogans von 1998 ist heute aktueller denn je, Focus online, 19.7.2016)

(Marc Steinau, Satire-Affäre: Erdogan saß selbst schon im Gefängnis – wegen eines Gedichts, The Huffington Post online, aktual. 14.4.2016)

Erdogans Funktionäre agieren in aller Öffentlichkeit, sie setzen lediglich eine Anweisung vom Chef in die Praxis um: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind.“ Wie jeder Despot, der angetreten ist, sein Land zu „retten“, führt auch Erdogan vor, wie man eine Demokratie mit demokratischen Mitteln abschafft. Dazu gehört die organisierte Zustimmung der Massen, die sich mit ihrem Führer solidarisieren, ebenso wie der Kampf gegen fremde Mächte, die das Land zerstören wollen. Die Opposition, die den fremden Mächten zuarbeitet, muss aus Gründen der nationalen Sicherheit ausgeschaltet werden. [Aufgabe des Politbüros: Die eigenen Reihen (der Guten) gegen die Bösen schließen und in Stellung bringen…]

Und weil Europa auf Erdogan angewiesen ist, fallen die Reaktionen verhalten aus. Der Mann sei immerhin demokratisch gewählt worden.“ (Broder; im Original keine Hervorhebungen)

İşte böyle. Spätestens 1998 hätte man/frau wissen können, wohin die Reise geht. Doch als Gutmensch galt und gilt es stets aufs Neue, über alles hinwegzusehen, was dem eigenen Vorurteil überhaupt nur widersprechen könnte. Und so wurde der Islamist Erdoğan husch-husch zum aufrechten Europäer umgedeutet und gekürt. Halleluja!

Frog4

Putins Kaderreserve und Parallelen zur Türkei unter Erdoğan

Frog1(Julia Smirnova, Wladimir Putins Kaderreserve, WELT, 2.8.2016, 7)

(Ehemaliger Istanbuler Gouverneur in U-Haft, Neue Zürcher Zeitung online, 5.8.2016)

In ihrem lesenswerten Artikel legt Julia Smirnova knapp dar, dass Putin Neubesetzungen von Gouverneursposten derzeit verstärkt mit Geheimdienstlern besetzt:

„Von den [neulich] vier ernannten Gouverneuren haben drei bei Geheimdiensten gearbeitet. Igor Wassiljew, der nun an der Spitze des Gebiets Kirow steht, arbeitete beim KGB in der gleichen Abteilung die Putin. Dimitri Mironow, der neue Gouverneur des Gebiets Jaroslawl, […] begann seine Karriere ebenfalls beim KGB“ und war wie „Jewgeni Sinitschew, der neue Gouverneur der russischen Exklave Kaliningrad“ „Mitarbeiter des Geheimdienstes FSO, der Leibgarde des Staatschefs.“ (im Original keine Hervorhebungen)

Smirnova schließt sich der Meinung Jewgeni Mintschenkos an, dass Putin

„seit mehreren Jahren“ dabei sei, „eine neue Version eines Politbüros [zu etablieren], in dem Putin zwischen verschiedenen Interessengruppen moderiert. Nun seien die Geheimdienste in das „Politbüro“ eingezogen.“

These: „Moskau gehe es nicht um Effizienz, sondern um die Kontrolle.

Interessant ist folgender Nebenaspekt:

Als Grund für die Notwendigkeit der Neubesetzungen wurden (der Öffentlichkeit) Korruptionsvorwürfe genannt: „der ehemalige Gouverneur des Gebiets Kirow, Nikita Belych“ soll „Schmiergeld in Höhe von 400.000 Euro von einem Unternehmen erpresst […] haben.“ Im Haus des „ehemalige[n] Leitner des Zolldienstes Andrej Beljaninow“ habe der FSB „Bargeld im Schuhkartons – umgerechnet rund 800.000 Euro“ gefunden. (im Original keine Hervorhebungen)

Da es aber in einem „durch und durch korrupten System“ (wie in Russland) nicht ungewöhnlich ist, etwas Unschönes zu entdecken, so man/frau denn dies auch entdecken will, vermutet Jekaterina Schulman hierin „Zeichen für eine verschärfte Konkurrenz zwischen diversen Machtgruppen um Ressourcen, die angesichts der Rezession immer knapper werden.“ (im Original keine Hervorhebungen)

Parallelen zur Türkei??

Parallele zu Putins Gouverneur-Neubesetzungen: U.a. sind seit dem Putsch in der Türkei auch einige Gouverneursposten vakant geworden, aber (vordergründig) nicht aus Korruptions-, sondern Illoyalitätsverdacht:

„Ein Gericht in Istanbul habe in der Nacht zum Freitag gegen Ex-Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu sowie sieben Provinz-Gouverneure, einen Vize-Gouverneur und drei Distrikt-Gouverneure Haftbefehle erlassen, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu. Den Verdächtigen werde vorgeworfen, der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen anzugehören.“ (im Original keine Hervorhebungen)

Erdoğan und die Geheimdienste: Im Gegensatz zu Putin begann (Sesamkringelverkäufer) Erdoğan seine berufliche Karriere nicht im Geheimdienst. Der Putschversuch (15.7.2016) lässt zudem vermuten, dass die Besetzung der türkischen Geheimdienste mit loyalen Gefolgsleuten bis dahin (zumindest) noch nicht abgeschlossen wurde. Auch für Erdoğan kommt es daher darauf an, eine Art Politbüro zu kreieren, um die Kontrolle über alle Kräfte (zur Festigung und Sicherung der eigenen Macht) zu erlangen. Der Putsch ermöglicht ihm, den Nationalen Sicherheitsrat, Millî Güvenlik Kurulu (MGK), entsprechend zu instrumentalisieren.

Korruptionsvorwürfe gegen Erdoğan und seine Clique: Auch für Erdoğan sind Effizienzaspekte zweitrangig, gleichwohl wichtig: Die gegen Erdoğans Mitstreiter und ihn selbst gerichteten Korruptionsvideos und Anklagen im/ab Winter 2013/14 zeigten spätestens zu diesem Zeitpunkt, dass es (damals) in Judikative und Exekutive starke (innerislamistische) Opposition (Gegenclique) gab – ob mit oder ohne Wissen der Geheimdienste bleibt offen. Erdoğans Horten von Geld in Schuhkartons legt zudem nahe, dass er sich damals (zumindest) nicht sicher war, die Staatsgeschäfte mittel- und langfristig weiterführen und damit seine erworbenen Gelder sowie künftigen Geldquellen (Ressourcen) für sich (aber auch seine Klientel/Clique) sichern zu können:

Die Effizienz des Systems ist wichtig, um den Machterhalt zu sichern…

(Mehr zu den Parallelen unter Erdoğan, der Demokrat)

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Tübingen stellt syrischen Bademeister ein – zur Disziplinierung seiner Landsmänner

Frog1(Auf Arabisch! Mit Autorität!, WELT, 2.8.2016, 1)

(Dieser Bademeister aus Syrien wacht im Freibad, WELT online, 7.8.2016)

Boris Palmer (Die Grünen), Oberbürgermeister von Tübingen:

Die Stadtwerke haben „eine großartige Präventions- und Integrationsmaßnahme ergriffen“ […] „Wir haben einen syrischen Bademeister [Aiham Shalghin], der auf Arabisch und mit Autorität sagen kann, was geht und was nicht.“ (zitiert in der Printfassung)

Einerseits toll. Andererseits traurig, dass man/frau einen Ausländer braucht, um den sunnitischen Herren Flüchtlingen deutsche Regeln überhaupt klar machen zu können…

Und was sagt Aiham Shalghin zu seinen traumatisiert-grapschlüsternen Landsmännern:

„Trifft er [Shalghin] in Deutschland auf Altersgenossen aus dem ländlichen Syrien, verspüre er eher weltanschauliche Klüfte als landsmannschaftliche Vertrautheit“. (Printfassung)

Volle Zustimmung. Aufgrund meiner eigenen Erfahrung möchte ich noch ergänzen: Das ländliche Syrien beginnt bereits in den Vororten der großen Städte (Damaskus,…). Selbst in der Türkei ist das ähnlich. Und für die andern arabischen Länder gilt dies erst recht…

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Wir schaffen das! — Das heute-Journal zweifelt

Frog1(Christoph Röckerath und Ute Laibl, Zu den Attentaten von Ansbach und Würzburg, heutejournal, 8.8.2016)

(Ihre Exzellenz Scheicha al-Majassa bint Hamad bin Chalifa al-Thani, „Die Neugier ist riesig“, Interviewt von Hanno Rauterberg, ZEIT, 4.8.2016, 43)

Auszüge aus einem Bericht zu den Attentaten von Ansbach und Würzburg von Christoph Röckerath und Ute Laibl, ZDF-Studio München:

Guido Steinberg:

„Es sind in den letzten ein bis zwei Jahren weit über eine Million Menschen ins Land gekommen, von denen wir letzten Endes nicht wissen, wer sie sind. In vielen Fällen wissen wir noch nicht einmal vorher sie kommen, und im Fall von Ansbach und Würzburg zeigt sich auch, dass wir es dort mit gefährlichen Personen zu tun hatten.“

Die Autoren: „Defizite zeigen sich auch bei den technischen Möglichkeiten der Ermittler, denen verschlüsselte Chats Schwierigkeiten bereiten:“

„Das ist eigentlich die große Überraschung an diesen Fällen, dass es Kommunikationsverbindungen gegeben hat Richtung Nahen Osten. Vor zehn Jahren wären solche Attentäter wahrscheinlich schon vor der Tat aufgeflogen, ganz einfach deshalb, weil ihre Kommunikation abgehört worden wäre. Das ist jetzt nicht geschehen, und das ist eigentlich ein Warnzeichen.“

Zum Traumatherapeuten des Ansbacher Attentäters sagen die Verfasser: „Dessen Qualifikation als Heilpraktiker wird in der Presse angezweifelt. [Das kennen wir: Abwertung des andern als Rechtfertigung eigenen Versagens…] Doch er ist der einzige, der in einem Gutachten warnt:“

„Herr D     ist ein extremer Geist und es ist ihm durchaus zuzutrauen, dass er selbst seinen Selbstmord noch spektakulär in Szene setzt.“ (Zitat aus dem Gutachten)

Die Autoren: „Die Warnung landet sogar beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, wird aber nicht an die Sicherheitsbehörden weitergeleitet. Datenschutz heißt es.“

Wir wissen doch: Alles nicht so schlimm: Die armen Traumatisierten! Und überhaupt: Was will denn so ein aufgeplusterter (Pseudo-)Heilpraktiker-Gockel…??!! Der soll sich schämen…

Die Autoren. „Mittelfristig bekomme Deutschland gesellschaftliche Probleme, warnen Wissenschaftler. Denn rund ein Viertel der Flüchtlinge gilt als extrem traumatisiert und braucht Hilfe.“ — Selbstverständlich. Aber nur von Gutmenschen, die in jedem Flüchtling a limine NUR das Opfer sehen…

Dazu Thomas Elbert:

„Wenn Sie rechnen, dass wir gut 1 Million Flüchtlinge haben; so sind dabei 200-300.000 Menschen, die eigentlich nicht in das gesellschaftliche Leben finden können. [!!!] Wir haben gar nicht das Fachpersonal, um tatsächlich zu verstehen, was in diesen Personen unter diesen extremen Bedingungen vor sich gegangen ist und vor sich geht. Die sind stecken geblieben im Krieg, in ihrer Gewalterfahrung.“

Fazit der Autoren: „Was bleibt, ist eine Erkenntnis: Wenn Deutschland es schaffen will, muss es wohl genauer hinschauen.

Ja, liebe Gutmenschen, mit ein wenig Verstand und Nachdenken (Vernunft) statt reflexhaft-unreflektierter Willkommenskultur-Emphase nach dem Motto: Ach, die armen Flüchtlinge! und kollektiver Helfersyndrom-Pathologie (als Gegenextrem zum ungenügend verarbeiteten Nazi-Mitläufertum von einst), hätte man/frau schon von Anfang an merken müssen, was da auf uns zurollt… So aber jubilier(t)en bislang (und das von Anfang an) vor allem die IS-Rekrutierer… Allahu akbar! Wie gewohnt und von klein auf anerzogen: Den Westen mit seinem (bloßen) Nächstenliebe-Getue zu hassen, fällt viel leichter als ihn (und sein Pseudo-, sklavenmoralisches Gutmenschentum) zu lieben

Beispiel Erdoğan und die Türken (egal in welchem Land sie sein mögen): Er ist der Herr; und sie alle sind Herren dank ihm. Dass Mutti ihm das Händchen, das Füßchen und das Ä. küsst, ist daher nur recht und billig…

Böhmermann ist vermeintlich – Mutti lässt das noch prüfen – ein Majestätsbeleidiger. Hanno Rauterberg zeigt, wie man ’s stattdessen – weicheihaft – richtig macht: Er spricht „Ihre Exzellenz Scheicha al-Majassa bint Hamad bin Chalifa al-Thani“ mit „Eure Exzellenz“ an. Was für ein Wurm!! In den Staub mit dir, Sklave!!

Frog4


 

Erdoğans Gegenputsch

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(Moritz Rinke, Eylem heißt Widerstand, FAZ, 18.7.2016, 11)

Dass und inwiefern es sich bei Erdoğans Antwort auf das Pütschchen Mitte Juli um einen Gegenputsch handelt, hat der Dramatiker Moritz Rinke („Als Augenzeuge in Antalya“) recht früh und recht hübsch beschrieben:

„Früher Morgen: Präsident Erdogan, der beim Versuch, Mehrheiten für seine präsidiale Verfassung zu finden, in den letzten Wochen immer wieder gescheitert war [!!], steht nun vor der VIP-Zone des Atatürk-Flughafens in Istanbul […]. Er spricht zum Volk, das sich zu Tausenden eingefunden hat – wie 2013, als er von einer Afrika-Reise zurückgekehrt war und am Flughafen die Gezi-Bewegung niederschmetternde wie ein Imperator. […]

Am Atatürk-Flughafen steht der Präsident inmitten seines schreienden Volkes: „Hier die Armee, hier der Kommandeur. [!!] Sag es und wir töten, sag es und wir sterben. Allahu akbar – Gott ist groß.“ (Im Original keine Hervorhebungen)

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Nicolas Hénin: Entstehung und Bekämpfung des IS

Frog1(Nicolas Hénin, Der IS und die Fehler des Westens. Warum wir den Terror militärisch nicht besiegen können. Aus dem Französischen von Sandra Schmidt. Zürich, 2016)

(James Wright, 10 Years After ‚Mission Accomplished,‘ the Risks of Another Intervention, The Atlantic online, 1.5.2013)

(Deniz Yücel, Gute Kurden, böse Kurden. Wer ist Terrorist?, WELT online, 24.2.2016)

Nicolas Hénins Ziel:

„zu zeigen […], dass die Radikalisierung das Ergebnis von Gewalt und Unterdrückung ist. Wenn Gewalt eine Radikalisierung in Gang setzt, müsse es umgekehrt helfen, eine Entradikalisierung zu erzeugen, sofern man der Bevölkerung mehr Sicherheit bietet.“

Doch dieser Aspekt des nation (re-)building wird nur an wenigen Stellen aufgegriffen. Richtlinien für eine Politik, die auf die Wiedergewinnung von Sicherheit zielt, fehlt völlig.

Das Buch wird der Komplexität des Themas nicht gerecht. Zum einen wird al-Assad pauschal als das schlechthin Böse dargestellt. Zum andern wird auf die Verwicklung der Geheimdienste (insbesondere der CIA) und die höchst ambivalente Rolle einiger Schlüsselländer (insbesondere der Türkei) viel zu wenig/nicht ausreichend eingegangen. Zudem wird die Bedeutung der Freien Syrischen Armee (FSA) als Entradikalisierungsinstrument überzogen, extrem positiv dargelegt, ja völlig unrealistisch aufgewertet. Das ist schade. Denn dadurch verliert das Buch insgesamt an Aussagekraft. Dasselbe gilt für die im letzten Satz des Buchs als Imperativ vorgetragene Gutmenschenideologie, der zufolge

„die Flüchtlinge […] unsere wichtigsten Verbündeten [seien], wenn es darum geht, unsere Jugendlichen davon abzuhalten, sich in das Abenteuer des Dschihad zu stürzen!“ …

Gleichwohl: Das Buch bietet viele Hintergründe, um die Gemengenlage im Irak und in Syrien angemessener, weit detaillierter als in den meisten Darstellungen bislang verstehen zu können.

(Einige) wichtige Aussagen des Buchs:

Das Versagen der US-Amerikaner: Dumm, dreist und völlig naiv

Es ist zweifelsfrei erwiesen, dass die USA sofort nach dem Anschlag von 9/11 daraufhin arbeiteten, (u.a.) den Irak und Syrien von ihren „Despoten“ zu „befreien“. Dies wissend, ist nicht nachvollziehbar, dass die (nachfolgend genannten) Äußerungen von Hamdane Ammar als „Hirngespinste“ abgetan werden. Denn de facto ist es tatsächlich so, dass „die Amerikaner […] den Irak den Schiiten übergeben haben [… und nun] versuchen […] Syrien in die Hände der Sunniten fallen zu lassen.“ (15) Denn darauf läuft vor allem die Destabilisierung und Neuordnung Syriens faktisch zu. Allerdings ist hierbei anzumerken, dass der damals amtierende „amerikanische Präsident George W. Bush [ein Primitivling, der die Welt manichäistisch-pauschal in Gut und Böse einteilte und…] den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten [zumindest zur Zeit des Einmarsches in den Irak gar] nicht kannte.“ (98f) !! Wie in Afghanistan alle Kräfte unterstützt wurden, die seinerzeit gegen die russische Okkupation ankämpften/vorgaben anzukämpfen, wurden auch im Irak und in Syrien die Kräfte als „gut“ und vorbehaltlos unterstützenswert angesehen, die gegen die „bösen, bösen“ Diktatoren (durch die CIA) mobilisierbar waren/aufgewiegelt/rekrutiert werden konnten.

Dem Westen – auch den USA?? – wird von Hénin andererseits pauschal vorgeworfen, bei der „Vermarktung des syrischen Regimes als Verteidiger der Christen“ (16) durch al-Assad unkritisch mitzuspielen. Hénin versucht nachzuweisen, dass Yassin al-Haj Saleh Recht hat, wenn er behauptet: „Das Regime benutzt den Laizismus [lediglich] als Instrument, als etwas, das es dem Westen anbieten kann“. (19) Dass aber Verfolgung und Ermordung von Minderheiten (Alawiten, Christen…) definitiv erst nach Ausbruch des Aufstands gegen al-Assad zu beobachten sind, blendet der Autor aus. Auf der einen Seite schließt sich Hénin der Aussage des „Wissenschaftler[s] Aymenn Jawad al-Tamimi“ (127) an, der behauptet, dass nichts darauf hinweise, „dass es eine von den militanten Islamisten organisierte Kampagne zur Verfolgung der Christen in Syrien gäbe“; (128) auf der anderen Seite zitiert er

„die folgende Prophezeiung, die Abu Mussab al-Sarkawi zuteilwird: »Die Flamme wurde im Irak entzündet, und sie wird – mit der Erlaubnis Gottes – immer größer werden, bis sie die Armeen der Kreuzfahrer in Dabip [= Apokalypse] verbrennt.«“ (136)

Gerade durch letzteres Zitat aber ist die Stoßrichtung des IS eindeutig vorgegeben: Er behauptet, den Kampf gegen die Kreuzfahrer wieder aufgenommen zu haben und propagiert/reklamiert für sich, den Endkampf hin auf den prophezeiten endgültigen Sieg des sunnitischen Islam über die Ungläubigen zu führen.

Vorab jedoch gelte es, vor allem die Abtrünnigen zu bestrafen: „Überhaupt lautet der Wahlspruch des Islamischen Staates: »Neun Kugeln für die Abtrünnigen, eine Kugel für die Kreuzritter.«“ (165)

Das aber ist nur ein Grund/eine Rechtfertigung für all die Anschläge gegen die Schiiten… (s.u.)

IS und al-Assad

Hénin schließt sich zudem der Behauptung von Abdullah Abu Moussab al-Souri an: „der Islamische Staat war weitgehend vom syrischen Regime unterwandert.“ (35) Daher habe sich, so Hénin, der „Islamische Staat [… auch] so gut wie nie direkt dem Regime entgegengestellt.“ (36) Selbst wenn dem nicht so ist, so gilt: Dass „Baschar al-Assad […] kein Interesse an dessen [des IS] Verschwinden haben kann, würde dies doch zugleich das Ende einer sehr nützlichen Drohkulisse bedeuten.“ (43)

Fortschreibung der Gespenst-Erzählung des Aufstands der Knechte gegen ihre Herren

Die Aufständischen stammten „aus den ärmsten, meist ländlichen Gebieten und den wenigen Industriestädten im Zentrum. In jedem Fall bestimmt vor allem der Herkunftsort, ob man sich der Regierung oder der Revolution verpflichtet fühlt.“ (65) Dem gegenüber stehen

die „Machthaber [von…] Aleppo und Tartus [… und einigen Stadtteilen von] Damaskus. Sie können sich auf die Treue der Alawiten, der meisten Christen und vieler Geschäftsleute verlassen. Aber sie haben es sich mit der Bevölkerungsmehrheit der Sunniten verscherzt.“ (65)

Dieses Weltverständnis „eine[r] breite[n] Verschwörungstheorie der Starken gegen die Schwachen, [… einem] Märtyrertum der Muslime […] und […] Anprangern des medialen Diskurses, der ihrer [der IS-Aktivisten] Meinung nach mit zweierlei Maß messe“, bestimme die IS-Perspektive. (174)

Zufluchtsort al-Nusra und IS

Die Revolution wird daher als ein „zwangsläufiger Prozess“ der Radikalisierung dargestellt, der (auch) in „der westlichen Untätigkeit“ wurzele:

„»Wenn ihr nichts tut, um uns zu helfen, werden wir alle al-Quaida-Kämpfer.« Wie oft habe ich diesen Satz gehört“. (67)

Und weil der Aufstand zunächst hauptsächlich ökonomisch bedingt gewesen sei/ist, hätten die Dschihadisten, so Zyad Majed, „die meisten Neuzugänge [zu] verzeichnen […]. Sie hatten einfach die besten Sponsoren.“ (69) !!!

Außerdem sei vielen Syrern das ‚autoritäre Gehabe‘ des IS „lieber als die Anarchie in den von der FSA kontrollierten Gegenden.“ (81)

Wenn dem aber so ist, warum sieht Hénin dann die FSA als (sogar alleinigen) Hoffnungsträger??…

Unterschied zwischen al-Nusra und IS

Yassin al-Haj Saleh:

„der Hauptunterschied zwischen der al-Nusra-Front und dem Islamischen Staat [besteht] darin […], dass die al-Nusra zum größten Teil aus Syrern besteht und in erster Linie syrische Themen auf ihrer Agenda hat, während der Islamische Staat internationale Ziele verfolgt und aus zahlreichen Muhajirin [Mudschahedin sind die zugewanderten, nicht syrisch-stämmigen Kämpfer…] besteht.“ (71)

Zwischen al-Nusra und IS bestehe insofern eine „Konkurrenzbeziehung“!! (109)

Entstehung und Erstarken des IS

Der Dschihadismus ist ein junges Phänomen. „Der Dschihadismus existierte im Irak erst mit der Bedrohung durch die Vereinigten Staaten.“ (97) Aus politisch-religiöser Unkenntnis der Region wurden nach dem militärischen Sieg über Saddam Hussein im nation re-building zwei eklatante Fehler begangen:

Es waren „zwei frühe Entscheidungen des Zivilverwalters Paul Bremer, die die Geburtsurkunde für die Aufstände im Irak besiegelten. Es handelt sich um Entscheidungen in Form von Kolonialverordnungen, so genannten executive orders.

Nummer eins: Auflösung der Baath-Partei und Ausschluss all ihrer Mitglieder aus der Verwaltung. Nummer zwei: Zerschlagung der irakischen Armee.“ (101)

Die Umpolung im irakischen Machtapparat – Aufbau und Ermächtigung einer schiitischen Elite bei gleichzeitiger radikaler Entmachtung der bisherigen sunnitischen Kräfte – führte dazu, dass sich die sunnitische „Bevölkerung [… als] von den Sicherheitskräften des eigenen Landes besetzt“ empfand/empfindet (111) !! und sich eine von den Sunniten zumindest tolerierte „fanatisch anti-schiitische Bewegung [etablierte]. Der Einfluss des irakischen Ablegers von al-Quaida, geführt von Abu Mussab al-Sarkawi, tritt [dabei] deutlich zu Tage.“ (103)

„Der Sprengstoffanschlag auf den al-Askari– Schrein, die »Goldene Moschee« der Schiiten in Samarra, am 22. Februar 2006[,] löste eine Welle umfangreicher Repressionen aus.

Zur Erinnerung:

On May 1, 2003, just six weeks after the invasion of Iraq began, President George W. Bush landed on the USS Abraham Lincoln and declared „Major combat operations in Iraq have ended.“ When he spoke on the carrier someone had placed a banner behind him that declared „Mission Accomplished.““ (Wright, 1.5.2013)

Hénin kommentiert trocken und präzise:

„Der Irak gleitet [sodann] in den Bürgerkrieg ab. Die amerikanische Armee ist [völlig] ratlos, verzichtet darauf, sich zwischen die Fronten zu stellen und begnügt sich damit, immer mehr Mauern durch die Stadt zu ziehen.“ (103)

Das von den Amerikanern angestrebte nation re-buildung ist spätestens zu diesem Zeitpunkt gescheitert.

Bedrohungspotenzial der syrischen Zivilbevölkerung in Syrien durch den IS

Fadel Abdul-Ghany: „das [syrische] Regime [unter al-Assad habe] 150 Mal mehr Zivilisten getötet als der islamische Staat!“ (88) Hénin schließt sich dem an: „Die Sicherheitskräfte Syriens verüben heute bei Weitem die meisten Morde und stellen immer noch die größte Bedrohung für die Bevölkerung dar.“ (89)

Diskreditierung der PYD

Die „Milizen der PYD (Partiya Yekitîya Demokrat), die Kobane verteidigten, zu unterstützen sei moralisch fragwürdig. Denn die PYD sei der syrische Zweig der PKK,

„einer Partei mit stalinistischen Strukturen. Die PYD hat unmittelbar nach Beginn der Revolution ein Abkommen mit dem [syrischen] Regime geschlossen. Ihre Strukturen sind mafiös und autoritär. [… Zwar sei] sie weniger kriminell als der Islamische Staat […, doch] das Wohlwollen unserer Medien [habe sie nicht] verdient“. (119)

Das ist eine sehr einfache Sicht der Dinge. Die Bundesregierung (z.B.) sieht das anders:

„Die Bundesregierung sieht die syrisch-kurdische YPG nicht als Terrororganisation. Eine Einschätzung, die der türkischen Regierung nicht gefallen dürfte.“ (Yücel)

Auch in diesem Fall lässt sich keine pauschale gut:böse-Zusprechung vornehmen…

Gründe für die exzessive Gewalt(-Verherrlichung) des IS

„Eine große Zahl der Dschihadisten sind ziemlich lausige Moslems und in der Regel noch gar nicht lange dabei. Sie […] kompensieren den Umstand, dass ihr Glaube erst ganz frisch ist, mit unglaublicher Radikalität.“ (170)

Oliver Roy sei darin zuzustimmen, dass die Dschihadisten „vom Tod fasziniert“ seien – das übrigens versucht auch die AKP den jungen Türken (auch auf deutschem Boden!) einzubleuen – und bei einigen von ihnen

„eine pathologische Disposition zur Morbidität [zu] erkennen [sei]. Bei Daesh [= IS] finden sich die verlorenen, frustrierten oder marginalisierten Kinder der Globalisierung [häufig Konvertiten auf der Flucht aus ihrem bisherigen Dasein] eingehüllt in einem Gefühl der Allmacht wieder, die aus ihrer eigenen, zudem in ihren Augen legitimen Gewalt resultiert.“ (172)

Die künftigen Märtyrer „inszenieren sich als Helden in Videobotschaften, in denen sie erklären, warum sie glücklich sind[,] den Märtyrertod zu sterben.“ (173) Dazu erzogen werden freilich nicht nur die vom IS Angeworbenen. (Übrigens: Eine recht einfühlsam vorgetragene, fiktive Rekrutierungserzählung findet sich in Joakim Zanders Thriller Der Bruder. Lesenswert!) Doch in allen islamisch dominierten Ländern, so auch in Erdoğland wird (durch Diyanet/Ditib) verkündet: Ne güzel şehit olmak!

Diese Märtyrer-Vollzug-Botschaften lassen sich (auch) als Fragmente eines in sich geschlossenen Heldenepos (wie z.B. der Ilias) lesen, indem die Täter selbst – und nicht mehr ein Geschichtenerzähler (z.B. der meddah in Orhan Pamuks Krimi Rot ist mein Name, Kap. 56) – als Erzähler ihrer eigenen Geschichte, als Legendenbildner auftreten.

Vorschläge zur Bekämpfung des IS

„Wenn man den Islamischen Staat auf seine Ausgangslage als Sekte zurückführt, holt man ihn gleichzeitig von seinem Sockel und nimmt ihm das Etikett der »terroristischen Supertruppe«, das seinem eigenen Idealbild entspricht und das auf unsere Regierungen im anzuheften versuchen“. (176)

„Der Islamische Staat hat eine Legende konstruiert und wir kaufen sie ihm ab. […] Bei jedem Ausbruch barbarischer Gewalt sind unsere Medien schnellstens zur Stelle und kommen so dem Wunsch des Islamischen Staates entgegen, sich in unsere Agenda zu drängen.“ (177)

Die Dschihadisten „wollen, […] dass wir in ihre Eskalation einsteigen, dass wir aufhören nachzudenken und dass wir glauben, Gegengewalt sei die einzig mögliche Antwort auf Gewalt.“ (194) „Wichtiger noch als die Ausschaltung der Terroristen ist es [daher], ihre erfolgreiche Propaganda zu zerstören.“ (195)

Hénin empfiehlt zudem, „einen »legalen Dschihad« zu erfinden […:] Ein humanitäres, soziales oder sonst wie geartetes Engagement“. (180)

Frog4

Erdoğan vs. Gülen

Frog1(Türkische First Lady: Emine Erdogan preist Harem – und erntet Kritik, SPIEGEL online, 10.3.2016)

(Britta Zekorn, Mit Macht gegen die Medien, Kulturzeit Kompakt, 28.7.2016)

(Zülfü Livaneli, Lauter Dilettanten?, FAZ, 18.7.2016, 11)

(Mike Szymanski, Die Nächsten, bitte, SZ, 5.8.2016, 7)

(James Jeffrey, Gülen darf nicht bleiben, Aus dem Englischen von Matthias Schulz, ZEIT, 1.9.2016, 11)

In ihrem Bericht Mit Macht gegen die Medien lässt Britta Zekorn den Musiker Marc Sinan zu Wort kommen. Er sagt:

„Ich denke, dass wir unterschätzen, welche Gewalt der Islamismus hat, dem die AKP nahe steht. Wenn man sieht, dass es islamistische Kräfte sind, die bereit sind zu sterben für den großen Führer. Dann hat das eine Dimension, die mir vorher nicht so klar war. Was auch erstaunlich ist, ist, dass der Soundtreck, der dazu läuft, das Vokabular des IS ist. Und ich habe die Befürchtung, dass Erdoğan dabei ist, sich an die Spitze einer islamistischen Bewegung zu stellen, die eine weit größere Bedrohung für den Nahen Osten und auch für Europa ist, als wir momentan uns das eingestehen wollen.“

Tja, mein Lieber, solange, zum einen, ihr Gutmenschen jeden Flüchtling und dessen Islam prinzipiell als Bereicherung empfindet und – unkontrolliert – willkommen heißt, all den Hereinströmenden voll Freude christenfreie Räume (so ‚was, übrigens, nennt ihr in anderem Zusammenhang Parallelwelten…) schafft , damit sie ungestört von euch kuffār unter sich sind (u.a. damit sie – Beispiel: Der Mörder von Ansbach – ungestört Bomben basteln können) und (mehr und mehr) Moscheen baut, ihre Rechtsauffassungen toleriert (Kinderehe, Prügeln von Frauen, Ehrenmorde, etc., alles nicht so schlimm, nicht wahr??) und zum andern unsere EU-Bosse, Mutti und Co., Erdoğan sogar als Partner (!) ansehen, sorgt IHR selbst dafür, dass, und das ist nur ein Beispiel, die Ditib auf deutschem Boden weiter hetzen darf…

Hauptgründe für die Verfolgung der Gülen-Bewegung, auch in Deutschland:

Gülen steht für a) Bildung, und zwar b) von Jungs und Mädchen gleichermaßen, c) für Integrität und d) Staatstreue.

Erdoğan aber a) steht für Imam-Hatip-Schulen. (Das ist seine geistig-geistliche Heimat: Mit der Kaaba als Zentrum. Fremdsprache: Arabisch. Von wegen: Achse Ankara-Brüssel…) — b) Zur Erinnerung: Es war Erdoğans Frau, die dieses Jahr!! sagte: Die Bildungsstätte einer Frau sei der Harem… — c) Die AKP, der komplette, top-down durchstrukturierte Staatsapparat, die von der AKP dominierten Wirtschaftsbereiche, etc. sind durch und durch korrupt (was sowohl Erdoğan als auch dessen – für ihn zu sterben bereiten – Fans jedoch nicht schlimm finden…) Zülfü Livaneli:

„Die Gülen- Bewegung veröffentlichte Mitschnitte von Telefongesprächen und andere Dokumente, die das ganze Ausmaß der Korruption von Erdogan und seiner Regierung belegten. Seitdem ist die Gülen-Bewegung ein Albtraum für Erdogan. Er beschloss, ihre Anhänger aus der Armee und dem Justizdienst zu entfernen und auszuschalten. Nun bietet sich diese Gelegenheit.“ — Ein Geschenk Gottes!

— d) Die AKP arbeitet zudem daran, die Verfassung zu ändern. Erdoğans Lieblingspartner: Die sunnitisch dominierten Scharia-Regime. (Siehe auch: Auch die Bundesregierung sieht Erdoğan insgeheim als Islamisten) Ziel: Schaffung eines neu-osmanischen Reichs. Die Türkei soll wieder dominant, ἡγεμών werden. Und deren ἡγεμών wiederum sei Erdoğan. Was sonst??!! Und dann – hurrah!! – auf gegen Europa!!…

Ja, ihr Gutmenschen, wir Europäer sind durchaus willkommen: Als Dschizya-Zahler

Arbeitsteilung zwischen Erdoğan und Gülen

Mike Szymanski schreibt hierzu treffend:

„Erdoğan hatte die Partei, die islamisch-konservative AKP. Und Gülen hatte sein Netzwerk im Staatsapparat. In der Türkei war das jahrzehntelang so: Wer die Regierung stellt,  regiert das Land noch lange nicht. Man muss die Bürokratie beherrschen, die Polizei, die Armee. Das war Gülens Ansatz, der es immer abgelehnt hatte, selbst mit seiner Bewegung eine Partei zu gründen.“

Interessant ist, dass nun, da Gülen  zum Staatsfeind erklärt wurde, ihm und seiner Bewegung nicht nur die  Enthüllungen der Machenschaften des tiefen Staats (Ergenekon, Balyoz) zur Last gelegt werden,

James Jeffrey, Botschafter der USA in der Türkei bis 2010, erzählt:

„2010 begannen Gülenisten aber, Erdoğan-treue Generale [sic] strafrechtlich zu verfolgen, dann nahmen sie seine engsten Verbündeten und seine Familie ins Visier. Ihr Ziel: der Sturz Erdoğans. 2013 reagierte Erdoğan, indem er die Justiz von Gülenisten säubern ließ.

Dass die Gülenisten auch das Militär unterwandert hatten, war seit Langem gemutmaßt worden, deshalb hatte Erdoğan für den August [2016] geplant, verdächtige ranghohe Offiziere ihrer Ämter zu entheben. Das war der Auslöser für den Staatsstreich im Juli“ 2016.

sondern auch die Ermordung von Hrant Dink:

„Jeder Kummer der vergangenen Jahre, jede empfundene Ungerechtigkeit, jedes größere Verbrechen im Land wird, so bekommt man den Eindruck, gerade mit Gülen und dessen Netzwerk in Beziehung gebracht. Der Mord an Hrant Dink, dem großen armenisch-türkischen Versöhner, aus dem Jahr 2007? Womöglich hätten Gülen-Anhänger die Hand [auch hier] im Spiel. Es heißt, es gebe neue Erkenntnisse. Es gibt Festnahmen.“

Was nicht viel heißen will: Denn Verhaften lässt Erdoğan ja gern…

Frog4

 

 

 

Volker Becks ambivalentes Verhältnis zu Ditib

Frog1(Beck empört über Predigt in Ditib-Moscheen, WELT online, 25.7.2016)

(Beck lobt Ehrenfelder Moschee als „Wahrzeichen“ von Köln, Junge Freiheit online, 23.5.2016

„Grünen-Politiker Volker Beck hat die jüngste Freitagspredigt in Moscheen der Türkisch-Islamischen Union Ditib scharf kritisiert. „Diese Predigt trägt den politischen Konflikt aus der Türkei in die muslimischen Gemeinden nach Deutschland„, heißt es in einer Mitteilung des religionspolitischen Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Das sei gefährlich und störe den inneren Frieden der Bevölkerung in Deutschland, zu der auch viele Türken und Kurden muslimischen oder alevitischen Glaubens gehörten.“ (Beck empört…)

Knapp zwei Monate zuvor zeigte sich Beck noch hellauf begeistert über den Ditib-Prachtbau zu Köln:

„Der religionspolitische [!!] Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, Volker Beck, hat die DITIB-[„Groß“-]Moschee [„mit ihren beiden 55 Meter hohen Minaretten“] im Kölner Stadtteil Ehrenfeld als „neues Wahrzeichen“ der Domstadt gewürdigt. „Als Kölner sage ich: Ich freue mich über die architektonisch gelungene Moschee der DITIB in Ehrenfeld. Es ist ein neues Wahrzeichen unserer Stadt. Auch wenn man sich bei der Fertigstellung anscheinend ein Beispiel am Dom zu nehmen scheint“, schrieb Beck auf Facebook.“ (Beck lobt…)

Soll wohl heißen:

Liebe Ditib, Erdoğan zum Preis bauen sollt ihr, prächtig wie die Pfaffen, doch ihm zum Preis predigen nicht. —

Eine denkwürdige Konstellation…

Ähnlich schizophren ist folgendes (wiederkehrendes) Erlebnis:

Eine (mittlerweile eingedeutschte iranische) Bekannte, deren Glaubensbrüder/-schwestern im Iran verfolgt werden (!!!), wie sie mir bei jedem Treffen erneut sagt, preist mir die Ehrenfelder Moschee ebenfalls als „groß“-artig an. Auch sie findet, dass diese Moschee Köln bestens zu Gesicht steht und ist stolz auf diesen „großen“ Bau. (Vom Dom hat sie noch nie geschwärmt.) — Doch sie geht noch weiter als Beck: Da lebt diese Frau (mit Familie) seit Jahrzehnten notgedrungen im katholisch geprägten Kölner Exil und versucht mir gleichwohl sogar noch einzureden, dass trotz allem der Islam dem Christentum überlegen sei…

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Chronik eines Pütschchens

Frog1(Findet ein Militärputsch in der Türkei statt?, Alles Schall und Rauch (Blog), 15.7.2016)

(Der Beweis, der Putsch war inszeniert, Alles Schall und Rauch (Blog), 17.7.2016)

(Ein Putsch der keiner war und keine Führung hat, Alles Schall und Rauch (Blog), 19.7.2016)

(Erdogans Jet nach Istanbul war nicht getarnt, Alles Schall und Rauch (Blog), 22.7.2016)

(Zülfü Livaneli, Lauter Dilettanten?, FAZ, 18.7.2016, 11)

(Moritz Rinke, Eylem heißt Widerstand, FAZ, 18.7.2016, 11)

(Christian Triebert, “We’ve shot four people. Everything’s fine.” The Turkish Coup through the Eyes of its Plotters, bellingcat (online), 24.7.2016)

(Ex-Luftwaffenchef beschuldigt Gülen-Bewegung, ZEIT online, 18.7.2016)

(Stefan Aust u. Dirk Laabs, Erdogans seltsamer Freund, Welt am Sonntag, 31.7.2016, 10)

Den bislang bekannt gewordenen Daten entsprechend scheint es zwei (relativ) unabhängig von einander agierende Putschistengruppen gegeben zu haben: eine in Istanbul (deren Kommunikationsverlauf von Christian Triebert auf bellingcat nachgezeichnet ist) und eine in Ankara.

(Doch da es ja einen Oberverantwortlichen geben muss, wurde ein zuvor bereits entlassener General, Akın Öztürk, fern des operativen Geschäfts, (nachtragend) zum Sündenbock erklärt.

„Zuerst meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu, der Ex-Luftwaffenchef Öztürk habe seine Beteiligung am Putsch gestanden, er hätte gegenüber Vernehmungsbeamten gesagt, er hätte „mit Absicht gehandelt, den Putsch zu inszenieren„. Interessante Wortwahl der Übersetzung… (Der Putsch, der…)

Öztürk bekannte sich zwar – trotz Prügel – unschuldig, beschuldigte aber seinerseits den, den Erdoğan ohnehin zum Meister alles Bösen auserkoren hatte. Wie praktisch…:

„Meinen Erfahrungen nach denke ich [Öztürk], dass die parallele Struktur (die des Predigers Fethullah Gülen) diesen militärischen Putschversuch durchgeführt hat. Aber ich kann nicht ermessen, wer innerhalb der Türkischen Streitkräfte diese Sache organisiert und realisiert hat. Was das betrifft, habe ich kein Wissen. Ich habe gegen diese Struktur sehr gekämpft.“ (zitiert nach ZEIT)

Der Geheimdienst wusste frühzeitig Bescheid!!

Geheimdienstchef Hakan Fidan „war frühzeitig über den geplanten Putsch informiert. Das geht aus einem Ablaufprotokoll westlicher Nachrichtendienste hervor, das der „Welt am Sonntag“ vorliegt.

Danach habe Hakan Fidan am 15. Juli um 16.00 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit Informationen über den geplanten Putsch erhalten. Um 16:30 Uhr sei der Oberbefehlshaber der türkischen Streitkräfte, General Hulusi Akar darüber informiert worden.“ (Aust u. Laabs)

Interessant ist, dass Fidan Erdoğan (angeblich) nicht informierte:

„Die Regierung Erdogan hat inzwischen erklärt, dass der Präsident nicht von seinem Geheimdienst oder dessen Chef, sondern sozusagen privat von seinem Schwager über den Putschversuch informiert worden sei.“ (Aust u. Laabs)

Doch nun zur Chronik der Putschnacht:

„Den Putschisten blieb nicht verborgen, dass ihre Aktion bekannt geworden war. Deshalb zogen sie den für 3.00 Uhr morgens vorgesehenen Beginn des Putsches auf 21.00 Uhr vor.“ (Aust u. Laabs; im Original keine Hervorhebungen)

On July 15, 2016, at 21:15, Major Murat Çelebioğlu creates a WhatsApp group with the name “Yurtta sulh”.

Der Name der Gruppe spricht deutlich dafür, dass die(se) Putschisten sich in der Tradition Attatürks sehen. Soll heißen, sie putschen, um den inneren Frieden wieder herzustellen. Die meisten in der Gruppe sind Stabsoffiziere. (Bezug zum Putsch von 1960)

„At 21:26, Major Mehmet Murat Çelebioğlu – Istanbuler Gruppe – gives the first instructions for military Action“

Dieser frühe Putschbeginn ist – für sich betrachtet – unbegreiflich. Erwartet würde ein Beginn zu nachtschlafender Zeit. (Und so war es ja auch gedacht; s.o.) Um 4 Uhr morgens wäre es schwierig geworden, die AKP-Aktivisten aus dem Schlaf zu reißen und auf die Straße zu befehlen, um die Demokratie zu retten…

„At 0:05, TRT TV news anchor Tijen Karaş is forced to read a declaration from the coup leaders, who call themselves the “Peace at Home Committee” (again, “Yurtta sulh”).“

Alle Aktionen, soweit bekannt, verliefen halbherzig. Statt (brutal durchgreifende) Eliteeinheiten agierten Milchbubis, Wehrdienstleistende zur Opferung auserkoren: Kurban olsun… (Lynchexzesse)

„Um Mitternacht [vor oder nach dem Verlesen der Deklaration??] wurde auch seine [Erdoğans] Maschine, die Gulfstream 4 mit der Kennung TC-ATA, von Izmir nach Dalaman befohlen. Der Jet hob um 00:18 Uhr in Izmir ab (Der Beweis…)“

„President Recep Tayyip Erdoğan addresses the nation on CNN Türk around 00:26, urging the Turkish citizens to “take the streets”. (Triebert)

Die (vorübergehende) Besetzung von CNN Türk ist ein Beispiel für die Halbherzigkeit der Operation. Statt den Sender mit Waffengewalt komplett abzuriegeln, wurden ein paar wenige Männeken abkommandiert, die (wie auf den Handymitschnitten ersichtlich) im Gebäudeinnern wie aufgescheuchte Hühner herumliefen und sich von den (per Handy hinzugerufenen) Schreiberlingen husch-husch überwältigen ließen…

Den Anruf bei CNN dürfte Erdoğan noch in Marmaris getätigt haben. (Woher wusste er, dass der Sender so rasch befreit wurde??) Danach fuhr er dann, so muss angenommen werden, seelenruhig, entspannt und unbehelligt (im Konvoi??) nach Izmir.

Erdoğans Jet „landete um 00:40 Uhr in Dalaman.“ (Der Beweis…)

1:40 Uhr (Lokalzeit): Erdoğans Maschine startet in Dalaman. (Der Beweis…)

Erdoğans „Flugzeug [wird] von zwei Kampffliegern begleitet. Doch nicht nur das. Zwei F-16, geflogen von Putschisten, hatten die Präsidentenmaschine abgefangen und hätten sie abschießen können. Sie taten es nicht.“ (Aust u. Laabs; im Original keine Hervorhebung) Warum??? Die Putschistengruppe scheint vom MIT infiltriert gewesen zu sein…

Sieht aus wie wenn Erdogan mit einem Regierungsjet von Mamaris nach Istanbul unterwegs ist. Die Maschine kreist schon seit einiger Zeit südlich vom Marmarameer.“ (Findet ein…)

3:19 Uhr (Lokalzeit): E. landet „1 Stunde und 37 Minuten“ später in Istanbul. (Der Beweis…)

Zu Erdoğans nächtlichen Flucht-/Triumph-Flug nach Istanbul merkt Alles Schall und Rauch an:

Das heisst, Erdogan war diese ganze Zeit [eineinhalb Stunden] schutzlos den Kampfjets der Putschisten ausgesetzt.

Oder war er es wirklich???

Die Nachrichtenagentur Reuters meldet:

Am Höhepunkt des türkischen Putsch, hatten Jets der Rebellen Erdogans Flugzeug im Fadenkreuz. Trotzdem konnte er weiter fliegen.

Warum sie die Maschine von Erdogan nicht abgeschossen haben, ist ein Rätsel„, schreibt Reuters.

Für mich ist das kein Rätsel, und für Euch, lieber Leser, auch nicht, nach diesen Fakten.

Den anschließenden Säuberungsexzessen zum Trotz:

„Ausgerechnet der MIT-Chef, der [laut offizieller Version!!] so offensichtlich versagt hat, blieb unbehelligt. […]

Warum Erdogan tatsächlich an Fidan festhält, ist eines der größten Rätsel seit dem Putsch.“ (Aust u. Laabs)

Aber nur, wenn man/frau alles glaubt, was Erdoğan erzählt…

Kritische Stimmen von Literaten (in der FAZ):

Moritz Rinke:

„Erdogan ist angeblich im Flugzeug, von Marmaris, wo man versucht habe, ihn mit Bomben zu töten, [?? Augenzeugenberichte, die dies bestätigen könnten, sind, soweit ich weiß, nicht bekannt…] auf dem Weg nach Istanbul. „Wie kann er fliegen, wenn die Luftwaffe geputscht hat?“, fragt der Vater. An diese Frage werde ich am nächsten Tag noch denken müssen, als ich auf Wikipedia über das Phänomen Selfcoup lese.“ (im Original keine Hervorhebung)

Zülfü Livanelli:

„Die ganze Aktion war plump und absurd. Kampfjets der Putschisten flogen über Ankara und Istanbul, und gegen 22 Uhr wurde die Bosporus-Brücke gesperrt, aber nur in einer Richtung. [!!] In der Vergangenheit fing es meist so an, dass in den frühen Morgenstunden [!!] die Regierung verhaftet wurde. [!!] Diesmal geschah nichts dergleichen. Der Staatspräsident, der Ministerpräsident und sämtliche Minister gaben Fernsehen die ganze Nacht über Statements ab [!!] und appellierten an die Bevölkerung, auf die Straßen zu gehen und zu protestieren. Plötzlich waren Muezzine zu hören, die von Minaretten Koranverse sprachen zum Widerstand gegen den Putsch aufriefen. Bald waren überall organisierte motorisierte Gruppen zu sehen, die Schlagstöcke, türkische Fahnen und Waffen dabeihatten und „Allahu akbar“ skandierten. Inmitten dieses Chaos [!!] landete Erdogan in seinem Präsidentenjet auf dem Istanbuler Flughafen und wandte sich an die Menge. Er hatte keine Angst vor den Kampfjets, die über der Stadt kreisten. [!!] Was für eine und durchsichtige Geschichte!“

 

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Ermutigung zum Putsch – fiktional u. real

Frog1(Joakim Zander, Der Bruder, Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein u. Nina Hoyer, Reinbek, 2016)

(Markus Reinkowski, «Der gescheiterte Putsch ist ein grosses Geschenk für Erdogan», Interviewed von Lea Hartmann, BLICK online, 16.7.2016, aktual. 19.7.2016)

(Udo Steinbach, «Jedes Mittel ist ihm recht, um Macht zu erhalten», Interviewed von Anna Trechsel, NZZ am Sonntag online, 16.7.2016)

Dieser Thriller sei jedem empfohlen, der in die Psychologie der Geheimdienste, der Radikalisierung einzelner und der Unterwanderung von Individuen und Gruppen (man denke z.B. an den NSU…) ein klein wenig, fiktional eintauchen möchte…

Die entscheidenden Stellen finden sich (wie meist) zum Schluss:

„Wenn sie [Klara] in den Medien gelesen hätte, dass die Säpo zusammen mit dem amerikanischen Geheimdienst eine Dschihadisten-Gruppe infiltriert hatte und dadurch ein IS-Führer unschädlich gemacht worden war, wie hätte sie wohl darauf reagiert? Vielleicht hätte sie die Augenbrauen hochgezogen, es jedoch für eine gelungene geheimdienstliche Operation gehalten. Nun aber, nachdem Yasmine diese traurige Geschichte von ihrem kleinen Bruder und ihrer Kindheit berichtet hatte, konnte sie nur Abscheu für das Handeln der Säpo empfinden. Waren sie wirklich so rücksichtslos, [eigene] schwedische Staatsangehörige zu rekrutieren und für ihre eigenen Zwecke zu opfern?“ (399)

Ja, warum denn nicht?? Der gute Zweck heiligt doch jedes Mittel — besonders im Nachhinein, so die Tat erfolgreich war: Ein Geschenk Gottes gar. Zynismus pur.

Dass Erdoğan in das gestrige Nachtereignis selbst involviert war, ist unwahrscheinlich. Das hat er zudem auch gar nicht nötig. Das Geschäft, ein paar ohnehin gewaltverliebte, zum Widerstand entschlossene, aber ihren eigenen Ansprüchen nach (noch zu) machtlose Militär-„Machos“ aufzustacheln, ein entsprechendes Umfeld zu schaffen, damit die ein Pütschchen wagen, das erledig(t)en andere… Wozu sonst gibt es denn (Militär-)Geheimdienste??

Markus Reinkowski:

„Durchaus möglich ist hingegen, dass die Regierung schon ein oder zwei Tage im Voraus von den Plänen der Umstürzler wusste und den Putschversuch bewusst ins Leere laufen liess.“

Udo Steinbach erinnert (sich) an den ersten Militärputsch:

„Auch damals, 1960, war es nicht die Armeeführung, die sich erhob. Vielmehr ging der Aufstand von jungen Offizieren, niedrigeren Rängen aus.“

Doch trotz best practice Anschauungsunterrichts (an der Militärakademie) war den Nachfolgern kein Erfolg beschieden.

Ob die nach Griechenland geflüchteten 8 Putschdilettanten wohl plaudern werden?? Das wär‘ doch nett…

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