Die Islamisten, die Gutmenschen und das Islamophobie-Sprachspiel

(Richard Gutjahr, „An Deiner Stelle würde ich mir in die Hose scheissen, dass meiner Tochter auch mal was passieren könnte.“, ZEIT, 18.1.2018, 6)

(Rassismusvorwürfe nach „Kameltreiber“-Rede, ZEIT online, 15.2.2018)

Journalist Richard Gutjahr, nach eigener Aussage „Augenzeuge des Terroranschlags in Nizza“, was in den sozialen Medien zum Teil vehement bestritten wird, leidet seit damals unter Angriffen von Truthern. Truther: das sind (nach Definition Gutjahr) „die Wortführer, die Verschwörungstheoretiker“, die meinen, nicht nur die Wahrheit zu kennen, sondern sie auch gegen all die, die sich gegen sie verschworen haben, durchsetzen zu müssen; sie wähnen sich im Recht, im Kampf des Guten gegen das Böse das Gute, für das sie stehen, durchsetzen zu dürfen, ja müssen.

Ein Schelm, der dabei nicht an den IS denkt oder an die diversen, zum Teil selbst ernannten, Islam-(Verbands-)Führer und die von ihnen Geführten, die sich, obschon sie untereinander zum Teil heillos zerstritten sind, in einem Punkt Einigkeit demonstrieren: Sie behaupten, von aufmüpfigen kuffār bedroht zu sein. Und so werfen sie all ihren Kritikern vor, auf islamistische Schandtaten, mit denen sie selbstredend nichts zu tun haben, islamophob (über-)zureagieren.

Dieser Vorwurf verfehlt seine Wirkung nicht. Kein Gutmensch, der ja per se multikulti eingestellt ist, der sich vorwerfen lassen will, islamophob zu sein. Denn islamophob ist doch das Gegenteil von multikulti. Gemäß des Grundsatzes Nicht sein kann, was nicht sein darf heißt das: Von Islamisten begangene Gräueltaten sind die Taten einzelner, fehlgeleiteter Individuen, Psychopathen. Alles halb so schlimm. Die Ausnahme ist lediglich die Bestätigung der Regel. Die Flüchtlinge mit ihrem Primitiv-Islam sind eine Bereicherung. Jawohl! Und wehe dem, der dem widerspricht: Der wird mit dem Vorwurf islamophob zu sein in die rechte Ecke gestellt. Schande über ihn!

Ganz anders die Gutmensch-Argumentation, wenn es darum geht einen, der der Gruppe der in der rechten Ecke Stehenden (per Vorverurteilung) bereits zugewiesen ist, sich unflätig äußert. Beispiel die Aschermittwoch-Rede des AfD-lers André Poggenburg, in der er

„Türken in Deutschland als „Kümmelhändler“ und „vaterlandsloses Gesindel“ bezeichnet. „Diese Kameltreiber sollen sich dorthin scheren, wo sie hingehören, weit, weit, weit, hinter den Bosporus, zu ihren Lehmhütten und Vielweibern. Hier haben sie nichts zu suchen und zu melden““ (ZEIT online)

Hier ist dann nicht mehr von einem Einzeltäter die Rede. Vielmehr wird das Verhalten dieses einzelnen und damit seine Widerlichkeit zu einem Vorwurf pars pro toto: AfDler per se sind böse. So äußerte sich beispielsweise

Aydan Özoğuz, die auch [!!] Integrationsbeauftragte der Bundesregierung ist [und deren Brüder bekennende Islamisten sind, was freilich nie erwähnt wird], warf Poggenburg vor, sich „außerhalb unserer demokratischen Grundordnung“ zu stellen. [Um dann zum Pauschalurteil überzuleiten:] „Der bürgerliche Putz der AfD bröckelt immer stärker, ihr Fundament ist braun“, sagte Özoğuz ebenfalls dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.“ (ZEIT online; im Original kein Fettdruck)

Dabei hätte Özoğuz durchaus die Möglichkeit gehabt, die AfDler als Gruppe anzugreifen: da das Publikum seinem Redner applaudierte und sogar „Abschieben!“ forderte.

Ach, was wären all die Meinungsführer von rechts wie links qua Amt ohne die, die ihnen wie Hammel hinterher traben und mit-blöken.

Über das weite Feld der Mitläufer schreibt Gutjahr:

„Der Großteil derer, die Truther- und Hass-Videos liken oder teilen, sind harmlose Mitläufer. Doch man sollte ihre Rolle nicht unterschätzen. Erst dadurch, dass sie den Hass weiterverbreiten, werden die Wortführer in die Lage versetzt, Macht über ihre Verleumdungsopfer zu gewinnen.“

Ach, ihr Gutmenschen, die ihr euch über die AfDler so herrlich in Rage reden könnt. — Eure Scheinheiligkeit ist mittlerweile so eklatant, dass euch immer weniger glauben: Nach Umfragen derzeit 15 Prozent für die AfD. Das habt ihr (mit) zu verantworten. Und je mehr ihr Probleme leugnet, schön redet, umettiketiert, desto mehr wächst die Gruppe derer an, die von euch rechts verortet wird und die dann bei nächster Gelegenheit per Wahlzettel gegen euch aufbegehren…

Am Fall Özoğuz kann man zudem lernen, wie frau trotz islamistischer Familien-Vorbelastung zur Sauberfrau wird. Gutjahr zeigt das Argumentationsmuster auf:

Argumentationstrick: sich selbst zum Opfer stilisieren

„Tatsächlich gelingt den Hass-Tätern ein erstaunlicher Trick, den ich schon oft bei meinen Bemühungen, mit den Mitläufern zu kommunizieren, beobachtet habe: die Anführer suggerieren ihren Anhängern, nicht Täter, sondern Opfer zu sein.

[Im Fall von Özoğuz geht das so: Ich bin eine (bekennende) Muslima. Habt mich gefälligst lieb, ihr kuffār! Und falls ihr mich nicht lieb habt, so sage ich euch geradeheraus: Das macht ihr nur, weil ich Muslima bin. Pfui! Ihr seid ja islamophob! Schande über euch! Möget ihr im Höllenfeuer schmoren, wie Allah es für euch vorbestimmt hat!! –– Sie sehen, es ist höchst belebend, sich aus der eigenen Opferrolle heraus echauffieren zu können:]

Das senkt die eigene Hemmschwelle und rechtfertigt Hetze als adäquate Selbstverteidigung gegen ein übermächtiges System.“

In Deutschland ist das System, gegen das die mehr oder weniger radikal-fanatischen Moslems aufbegehren, das der zahlenmäßig (noch) überlegenen dhimmi.

Doch zum Glück leben wir Menschen in der Ambivalenz und so gilt Hölderlins Aussage:

Wo aber Gefahr ist, wächst

das Rettende auch.

Und so könnten ja demnächst die Kirchen, die wegen Unterfüllung eigentlich geschlossen werden müssten, husch husch zu Moscheen umgerüstet, umfunktioniert werden. Das bringt Geld in die Kasse der Kirche und spart zudem Ausgaben des Staats. Welch win-win-Potenzial!

Wann werden wir es endlich schaffen, Jenseits von gut und böse zu kommen, um dann in einen herrschaftsfreien Diskurs eintreten zu können. –

Die alten Griechen waren da schon weiter. Ihre Götter waren per se ambivalent angelegt. Kein Schablonendenken in gut und böse, Gläubige und Ungläubige, Paradies und Höllenfeuer (wie im Koran). Und, Frau Özoğuz, die sie ja behaupten, Deutschland habe keine Kultur (außer Deutsch als Sprache), sei entgegnet: Schauen Sie sich mal um in unseren Städten und sie werden sehen…

Den Haupteingang der Universität Freiburg flankieren zwei Statuen: Homer und Aristoteles: Literatur und Wissenschaft fußend in der von den Vorsokratikern kreierten Geisteswelt: Das ist unsere, das ist europäische Kultur(-Tradition). Ihren geistlosen (Primitiv-)Islam (nebst Kodex: Heirat mit 9 Jahren, wie nun auch in der Türkei wieder erlaubt werden soll, Vielehe, Köpfen, Steinigen, etc. und Logik: Analogieschlüsse, die es jedem Taliban durch Zitieren irgendwelcher Koranstellen erlauben, eine Fatwa zu erlassen) brauchen wir wahrlich nicht zur Bereicherung.

Michel Houellebecqs Bezug zu Schopenhauer (Nietzsche und Comte)

(Michel Houellebecq, In Schopenhauers Gegenwart, Aus dem Französischen von Stephan Kleiner, Köln, 22017)

Was mit Nietzsches Bekenntnis zu Schopenhauer als Erzieher — der dritten unzeitgemäßen Betrachtung (1874) — einst begann, von Horkheimer unter Bezug auf Die Aktualität Schopenhauers (1960) fortgeführt wurde, findet nun also in Michel Houellebecqs  Behauptung der Zeitgenossenschaft eine weitere Fortsetzung…

Für das Verständnis von Houellebecqs Romanen ist dabei vor allem das, den sechs Kapiteln vorgelagerte Bekenntnis bedeutsam. Kurz gesagt ist es Houellebecqs Denkweg:

Von Nietzsche zu Schopenhauer zu Comte

  1. Ausgangspunkt: Nietzsche

Zu Beginn gesteht Houellebecq:

„Was die Philosophie anging, wäre ich um ein Haar bei Nietzsche geblieben, obwohl unsere Beziehung eigentlich bereits gescheitert war. Ich fand seine Philosophie unmoralisch und abstoßend, aber seine Geisteskraft imponierte mir. […] in intellektueller Hinsicht musste ich mich ihm geschlagen geben.“ (8)

  1. Abkehr von Nietzsche und Zuwendung zu Schopenhauer

Die erste Erschütterung erfährt Houellebecqs Nietzsche-Begeisterung durch die Lektüre Schopenhauers;

  1. Abkehr von Schopenhauer und Zuwendung zu Comte

„etwa zehn Jahre später“ begegnete ihm Auguste Comte. Nun hieß die Frage:

„Schopenhauer oder Comte? Letztlich musste ich mich für eine Seite entscheiden, und so wurde ich schrittweise, begleitet von einer Art ernüchterndem Enthusiasmus, zum Positivisten und hörte damit sukzessive auf, Schopenhauerianer zu sein.“ (9)

Trotz der Zuwendung zu Comte ist für Houellebecq jedoch weiterhin

„Schopenhauers Geisteshaltung […] noch immer dazu geeignet […], allen nachfolgenden Philosophen als Vorbild zu dienen“. (10)

Dies ist der Grund für die Abfassung des vorliegenden Buchs.

Schopenhauers Einzigartigkeit: seine Methodik

Das Einzigartige, der Vorrang Schopenhauers besteht für Houellebecq darin, dass

„das Kernstück seiner [Schopenhauers] Philosophie, ihr wahres Grundprinzip, nicht dem Reich der Konzepte [entstammt]; es gründet ganz im Gegenteil auf einer einzigartigen Intuition, die ihrem Wesen nach künstlerischer Natur ist und vermutlich seit Mitte der 1810er-Jahre existiert.“ (34)

Kurz gefasst:

„das gesamte System [Schopenhauers] basiert [… auf der] Anwendung der Introspektion als metaphysische Untersuchungsmethode.“ (39)

Die Psychologie des IS

(Jan İlhan Kızılhan u. Alexandra Cavelius, Die Psychologie des IS. Die Logik der Massenmörder, Berlin, München, Zürich, Wien, 2016)

(Samuel Schirmbeck, Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen. Warum wir eine selbstbewusste Islamkritik brauchen, Zürich, 22016)

Aufgrund der vielen Fall-Geschichten, der zahlreichen mit (ehemaligen) IS-Kämpfern und Jesidinnen, denen die Flucht aus den Fängen ihrer IS-Sklavenhalter gelang, geführten Interviews ist die Psychologie des IS in diesem Buch von İlhan Kızılhan, einem Experten für transkulturelle Psychiatrie und Traumatologie, und Alexandra Cavelius, einer Journalistin, nicht deduktiv, aus einem theoretischen Konzept heraus, entfaltet. Dies erschwert es, aus den aus den Fallgeschichten entwickelten, hie und da gezogenen Schlüssen und verallgemeinernden Aussagen eine Systematik zu destillieren.

Grundkonzept

Im Kapitel „Interview mit dem IS-Terroristen Abu Dschihad: Wie ein Henker erklärt, was richtig auf der Welt ist“ (58-102), entfalten die Autoren auf wenigen Seiten anhand dieses einen, als Paradigma dienenden Falls die Psychologie des IS.

Laut den Autoren ist der IS dem entsprechend vor allem Manifestation des Protests und der Rebellion von Jugendlichen in islamisch geprägten Gesellschaften gegen die als „schwach“ erlebten Väter, die Patriarchen ihrer traditionell patriarchalischen Gesellschaften, in denen sie aufwuchsen/aufwachsen. Als moralisch und politisch „schwach“ erlebt werden dabei nicht nur die eigenen Väter, sondern auch der Staat als Über-Vater:

„Der Vater, der als Symbol für einen mündigen Staat steht, kann den Kindern, seinen Bürgern, keinen ausreichenden Schutz und keine Perspektive bieten, weil er selbst schwach, möglicherweise korrupt und in einer Doppelmoral lebend, keine wirkliche Vorbildfunktion mehr erfüllt.“ (83)

Regression in die gute alte Zeit: Der Ur-Islam als Ideal von Gemeinschaft

Folglich wenden sich viele Jugendliche von ihrem als „schwach“ erlebten Staat ab und suchen nach einem Gegenentwurf an Stärke. Zugleich manifestiert sich im Erlebnis der Schwäche der Autoritäten auch das Erleben der eigenen Schwäche.

IS-Rekrutierer sind daher gezielt auf der Suche nach Jugendlichen/Heranwachsenden, die labil, nicht-festgestellt sind. Bekanntermaßen findet die Rekrutierung u.a. vornehmlich in Gefängnissen statt, indem (einstige) Gesetzesbrecher, Kämpfer-gegen, Kämpfer der Destruktion zu (künftigen) Kämpfern-für, zur Wiedererrichtung eines Gottesstaats umgepolt werden:

„Das führt dazu, dass sich viele junge Menschen auf der Suche nach einem islamischen Ideal fast romantisch nach der »alten Zeit« sehnen, ohne wirklich zu wissen, was in Überlieferungen und Geschichtsbüchern darüber berichtet wird. Auf diese Weise sind die Einhaltung der islamischen Regeln und die alte Art, sich nach islamischer Tradition zu kleiden, wieder »modern« geworden. Sie folgen einer Idee, die geprägt ist durch die patriarchalische, arabisch-islamische Vision des »Ur-Islams« aus den Anfangsjahren um 622.“ (83)

Daher wollen die IS-Fanatiker den Ur-Islam re-institutionalisieren. Der Gottesstaat ist keine Utopie, ist nicht etwas (völlig) Neues, sondern zielt im Gegenteil auf die Wiedererrichtung, auf den Sprung in den Anfang. (Wobei wir seit Herklit bereits wissen, dass es nicht möglich ist, zweimal in denselben Fluss zu steigen.) Es handelt sich um eine regressive Bewegung, die die Jetztzeit als Verfall und den einstigen Anfang als Ideal ansieht:

„Die IS-Banden […] wollen eine neue Kultur mit einer neuen Jahresrechnung beginnen und alles zurück auf »null« stellen.“ (95)

in den Köpfen dieser dem IS verfallenen Jugendlichen

„findet eine ideologische Neuorientierung statt. Die jungen Leute sind davon überzeugt, den schwachen Vater [und ihre vormals eigene Schwäche] durch ihre eigenen Aktivitäten zu ersetzen und gleichzeitig dadurch Traditionen und Werte, die ein starker Vater ursprünglich verkörpert hat [und verkörpern sollte] gegen den Feind zu schützen und zu bewahren.“ (84)

Hierdurch kommt es zu einer Umwertung der Werte, einer Art negativer Dialektik:

  • In der Selbstwahrnehmung…

„Die eigene Person wird idealisiert, aus dem Versager von einst, dem Marginalisierten und Perspektivelosen, wird der überlegene Befreier der menschlichen Ehre.“ (357)

  • … und dadurch im gesellschaftlichen Rang:

„Ab sofort gilt nicht mehr der [schwache] Vater, sondern der junge [starke] Terrorist, der bereit ist für seine Ideale im Krieg zu sterben, als das neue Vorbild.“ (85)

Das gilt auch für die IS-Bräute. Eine von ihnen drückt ihre damalige IS-Hochstimmung so aus:

Wir „berauschten uns an dem Gefühl, Teil einer auserwählten Gemeinschaft zu sein.“ (373)

Beibehalten wird dabei das „Fundament der patriarchalischen Macht“ (87) in einem Klima der Angst:

Islamic Angst

Den Autoren zufolge war in der urislamischen Gesellschaft der Tod und damit die Angst vor dem Tod allzeit gegenwärtig. Der Tod markierte die Schwelle zwischen einem stets gefährdeten Leben und dem Jenseits:

„Unterschwellig herrschte eine tiefe Existenzangst in der islamischen [Ur-]Gesellschaft. Diese Angst äußerte sich paradoxerweise in einer Todessehnsucht. Das Verstümmeln der Feinde, das Mitschleppen ihrer Köpfe oder Körperteile, wie Ohren und Nasen, sind nur einige Beispiele dieser krankhaften Morbidität aus dem 7. Jahrhundert. Der Tod war im Leben stets gegenwärtig.“ (405)

Je mehr das Leben als bedrohlich erlebt wurde, desto stärker wurde die Sehnsucht nach dem Gegenteil. Das Jenseits wurde entsprechend aufgewertet und zu einem Sehnsuchtsort. Der Tod wurde und wird gesucht, um das Jammertal des Lebens hinter sich lassen und ins Paradies eingehen zu können. Im Koran heißt es dazu:

  • „und wer Allah und seinem Gesandten gehorcht, den führt Er in Gärten ein, durch die Ströme fließen; darin sollen sie weilen; und das ist die große Glückseligkeit.“ (Sure 4,14; diese Paradiesbeschreibung, nur ausführlicher, findet sich bereits in Sure 2,26)

    und

  • „Sprich: »Wenn die Wohnstatt im Jenseits bei Allah nur für euch ist unter Ausschluss der anderen Menschen [!], dann wünschet den Tod, wenn ihr wahrhaft seid.«“ (Sure 2, 95)

Heute erleben und inszenieren sich die IS-Kämpfer als gottgefällige Krieger. Sie führen Krieg (dschihād) u.a. gegen die eigenen Regierungen. Doch so wie diese setzen auch sie auf Gewalt (gemäß dem Gebot Gleiches mit Gleichem zu vergelten):

„Diktatoren und Militärregimes im Mittleren Osten verzichten nur auf Gewalt, wenn die Schwachen gehorchen. Und die Schwachen gehorchen nur, weil sie Angst vor der Gewalt der Diktatoren haben.“ (259)

Erst aus Angst vor den Mächtigen zeigen die Untertanen

„Ehrfurcht und Respekt. Das erleichtert dem IS, den Menschen seine islamisierte Ideologie nahezubringen, da sie dem alten Erziehungsmuster nicht allzu fremd ist.“ (87)

Um die neue „hierarchische Ordnung“, die Über-Ich– bzw. Gott-Fixierung, anschließend zu zementieren, wird den IS-Kämpfern „jegliche Art von Individualität und Autonomie“verweigert: (88)

„Persönliche Wünsche werden im IS förmlich abgetötet, es geht immer um das Interesse der »Umma«, der islamischen Gesellschaft.“ (88)

Die IS-Anhänger leben zwar aus Kant-ischer Sicht in selbstverschuldeter Unmündigkeit, erleben diese aber als Befreiung:

Selbstunterwerfung als Befreiung (von der Angst)

IS-Anhänger halten an der patriarchlichen Gesellschaftsordnung fest, nur dass sie das Führungspersonal austauschen: Nicht mehr die (eigenen schwachen) Väter, sondern die IS-Herrscher erteilen nun die Befehle. Ihnen haben sich die Kämpfer zu unterwerfen Zur Minderung eigener Angst/Ohnmacht:

„Wer sich unterwirft, braucht keine Angst vor Repressionen oder negativen Konsequenzen zu haben. Die jungen Leute nehmen das [real existierende IS-]System nicht nur als von Gott gegeben hin, sondern sie identifizieren sich damit.“ (88)

IS-Anhänger definieren sich also vornehmlich durch Gegnerschaft, durch Ablehnung. Diese Haltung rechtfertigen sie aus ihrem narzistischen Selbstverständnis (165), aus moralischer Überlegenheit, die sie aus der Gegnerschaft generieren und die ihrer Auffassung nach dadurch gegeben sei, dass nur sie „allein im Besitz der Wahrheit und über alle anderen Menschen erhaben“ seien. (165) Denn sie allein seien die wahren Hüter des Seins: des Islam, nämlich des Ur-Islam als des Ideals des Islam, der von Gott gegründeten und gelebten Ur-Gemeinschaft, also der einzig wahren Gemeinschaft der Gläubigen (umma).

Das Frauenbild des IS

Dem Selbstunterwerfungsgebot gegenüber der IS-Führung korrespondiert das Selbstermächtigungsgebot gegenüber Frauen, insbesondere ungläubigen Frauen wie den Jesidinnen, die zu Sklaven degradiert und als solche gehalten werden.

Empirische Grundlage des Buchs sind, laut Aussage der Autoren, u.a. über 1400 Interviews mit Frauen in IS-Geiselhaft. (206) Einige, besonders drastische Fälle wie es scheint, werden im Buch detailliert geschildert. Doch nicht nur der IS praktiziert sein auf eigenem Minderwertigkeitsempfinden fußendes Frauenverständnis.

Zum Thema Sexualität im Islam schreiben die Autoren unmissverständlich:

„Bis heute ist Sexualität im Islam [allgemein!] stark vom frühmittelalterlichen Vorbild Mohammeds und dessen Frauenbeziehungen geprägt.“ (209; im Original kein Fettdruck)

Und da hilft auch alles Leugnen und Schönreden nicht, ihr Gutmenschen.

„Die Frau gilt als Verführerin, die ihr sexuelles Verlangen schwerer als der Mann zügeln kann.“ (213) Hieraus resultiere, „dass die Frau ihre Weiblichkeit verbergen muss, damit der Mann ihr nicht zum Opfer fällt.“ (214)

Also: Im Grunde müßte mann/frau den Islam als solchen auf die Coach legen…

Selbstaufwertung durch exzessive Gewalt

Aggression erleichternd wirkt auf die IS-Klientel also, dass sie sich in einer Bedrohungssituation wähnen, bzw. faktisch (aufgrund des von den USA ausgerufenen war on terror) sogar sind, z.B. durch die Besetzung Afghanistans und Iraks durch die USA, die – und dazu scheint ihnen jedes Mittel recht zu sein – eine andere, un-islamistische Gesellschaftsordnung anstreben. (92)

Als innere Feinde sieht der IS also die schwachen Väter und die Nicht-Sunniten; als äußere Feinde sieht er die Kreuzritter, die die muslimische Welt erneut besetzen und unterjochen wollen. Aus der erlebten Schwäche (der Väter) heraus und um diese zu kompensieren entwickelt die Terrormiliz „Wut und Hass auf die Ungläubigen und Kreuzfahrernationen“: (351)

„die Grausamkeit soll wie ein Medikament gegen die[… erlebte] Kränkung helfen.“ (352)

Auch der IS strebt die Endlösung an.

„Die Vernichtung richtet sich dabei selektiv gegen jene Personen, die sich dagegen [gegen die Rückkehr zum Ur-Islam] wehren. Wie zu Zeiten des Propheten Mohammed in Medina legitimiert der IS diese rohe Gewalt gegen Andersgläubige und Andersdenkende.“ (95)

Klar und deutlich sprechen die Autoren aus, was unsere Islamverbände und all die in ihrer Multikulti-Höhle gefangenen Gutmenschen wider alle Fakten nicht wahrhaben wollen, dumm-dreist leugnen:

„Leider aber ist schon seit der Entstehung des Islams ein tiefes und fundamentales Gewaltpotenzial im strukturellen Kern dieser Religion angelegt.“ (162)

Allein in Sure 2 des Koran ist im Grunde nur, ausschließlich von gottesfürchtigem vs. frevelhaftem Handeln die Rede und von (qualvoller bzw. demütigender) Strafe des Feuers gegen die Ungläubigen und Frevler in 27 der 287 Verse explizit die Rede (Verse 8, 11, 25, 40, 82, 86, 87, 91, 97, 105, 115, 127, 160, 162, 163, 166, 167, 168, 175, 176, 179, 202, 207, 212, 218, 258, 276).

Insbesondere die immer wieder gern bemühte Floskel des ach so friedlichen, friedvollen und friedliebenden Islam ist schlechthin Euphemismus pur:

„Im Islam ist die Geschichte der Enthauptungen so alt wie die Religion selbst. So soll Mohammed in seiner ersten Biografie »As-sîra an-nabawiyya« laut Ibn Ishaq (704-768 n. Chr.) und anderer Autoren offenbart haben, dass nach der Schlacht in Medina bis zu 900 Gefangenen der Kopf abgeschlagen wurde. Die meisten Enthauptungen soll Ali, Schwiegersohn des Propheten Mohammed, vollzogen haben.“ (247; im Original kein Fettdruck)

Die Autoren zitieren zudem eine Stelle aus der Sure Mohammad, in der es heißt:

„Begegnet ihr im Krieg Ungläubigen, schlagt ihnen die Köpfe ab (…) wenn Allah wollte, hätte er sich auf andere Weise an ihnen gerächt [Gebot der Blutrache!]; er will aber damit die einen von euch durch die anderen prüfen. Und diejenigen, die auf Allahs Weg getötet werden, wird er ihre Werke nicht fehlgehen lassen.“ (Sure 47,5; zitiert nach Kızılhan u. Cavelius, 248)

Später zitieren die Autoren auch den Vers:

„Und tötet sie (die Ungläubigen), wo immer ihr sie trefft…“ (Sure 2, 191; zitiert nach Kızılhan u. Cavelius, 406)

Pathologisch wird die Aggression zudem, wenn sie sich zu einer appetitiven steigert:

„Diese Form der Aggression muss sich nicht immer durch Angst und Bedrohung rechtfertigen, sondern entsteht unter anderem auch durch Lustempfinden. […] Je deutlicher Menschen in einer an Glücksmomenten armen Umwelt merken, dass Gewalt ihnen zu einem Überlegenheitsgefühl und einem Lustgewinn verhilft, desto häufiger werden sie diese Aggression ausüben und desto eher suchen sie diesen erregenden Zustand“. (93)

Das Köpfen wird im IS gar zum alleinigen Wertmaßstab eines „Kämpfers“:

„IS-Emir ist automatisch derjenige geworden, der mindestens sechzehn Menschen geköpft hatte.“ (277)

Nicht zuletzt durch die Auszeichnung von Gewalt gegenüber anderen gelingt es denen, die sich als unterdrückt empfinden, „sich aus der eigenen Bedeutungslosigkeit in die Position des Mächtigen zu katapultieren.“ (348)

Fazit

Die Psychologie des IS ist eine Psychologie des Ur-Islam, wie er insbesondere im Koran verfasst wurde. Und da der heute praktizierte Islam lediglich ein abkünftiger Modus des Ur-Islam ist, zeigt der gelebte IS-Islam paradigmatisch auf, was uns droht, wenn wir den islamistischen Tendenzen, die sich u.a. auch aus Gutmenschentum und political correctness bei uns breit machen, (immer weiter) nachgeben. Dies lässt sich in Samuel Schirmbecks Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen, au détail nachlesen…

„In Deutschland leben so viele Salafisten wie nie zuvor“

Frog1Eckart Lohse, In Deutschland leben so viele Salafisten wie nie zuvor, faz.net, 10.12.2017

Mona Jaeger, „Deutsche Leitkultur nicht identifizierbar“, faz.net, 31.8.2017

„Die Zahl der Salafisten in Deutschland ist weiter gestiegen. Nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) liegt sie derzeit bei 10.800 Personen. Im September hatten die Verfassungsschützer noch 500 Salafisten weniger gezählt, vor einem Jahr lag der Wert bei 9700, vor sechs Jahren noch bei weniger als 4000. BfV-Präsident Hans-Georg Maaßen sprach in Berlin von einem „Allzeit-Hoch“. Das zeige die „anhaltende Attraktivität der salafistischen Ideologie“.

[Woher kommt das bloß??

Nicht nur, dass viele unserer türkischen Mit-Bürgerinnen und MitBürger (ehrlicher, aber politisch inkorrekt: Neben-Bürgerinnen und Neben-Bürger) nicht integriert sind, sondern – der Multikulti-Ideologie der Bundesregierung sei (mit) dank – sich mittlerweile pudelwohl in ihren staatlich gehätschelten Parallelmilieus bewegen.

Nein: Mutti sieht es als ihre Meta-Christenpflicht – da das Christentum in Deutschland im Aussterben sei – sich dem Islam – der das Christentum in Deutschland zu beerben scheine – hörig zu machen. So machte sie das SPD-Gewächs Aydan Özoğuz, eingebürgert 1989, das bekanntlich bekennende Islamisten zu Brüdern hat, zu ihrer und damit unser aller Integrationsbeauftragten. Seitdem heißt es, der Islam sei eine Bereicherung für Deutschland. Nicht die Zugereisten, sondern wir müßten uns anpassen: Boko haram! Wir kuffar müßten endlich einseh‘n: Sie, die muslimischen Zuwanderer, bringen uns das Heil, auf dass wir es freudig begrüßen: Kein Schweinefleisch mehr! Umkleidekabinen gesondert für muslimische und nicht-muslimische Jungs! Kein gemeinsamer Schwimmunterricht für Mädchen und Jungs! Keine gemeinsamen Schulfahrten für Mädchen und Jungs! Kopftuch für Mädchen und Frauen! Kinderehe!

Ist doch unsere Kultur eine Un-Kultur. Hat doch, laut Özoğuz, unsere Kultur nichts vorzuweisen, außer Deutsch – als Sprache.

Özoğuz:

„Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“

Ist doch klar: Wir Kulturlosen brauchen die muslimischen Zuwanderer zur Bereicherung: Sie sind es, die uns Banausen Kultur beibringen: Müslüman kültürü! Küsst ihnen den Arsch, ihr kuffar!

Ist doch klar: dass, wie Mona Jaeger schreibt, über Özoğuz‘ Satz „nur wenig gesprochen“ wurde. Diese ihre Auffassung ist schließlich mainstream. Wer das Gegenteil behauptet: dass deutsche Kultur mehr sei als nur deutsche Sprache, ist doch per definitionem rechts, gehört zu den Bösen. So wie der böse, böse AfD-ler Alexander Gauland: Der und seinesgleichen, die sind doch alle nur Pack, alles nur Deutschtümler, Nazis, Ewig-Gestrige, Rassisten…

Ach, wie ist die Welt doch so schön (und) einfach, wenn man/frau tumb ist und (pseudo-)links.]

Die Behörde beobachtet in der Salafisten-Szene einen Trend zum Rückzug aus der Öffentlichkeit ins Private. Sogenannte Straßenmissionierung, die öffentlich sichtbar sei, finde nur noch selten statt. Das sei mutmaßlich auch eine Folge staatlicher Ermittlungserfolge, heißt es seitens des Bundesamtes.

[Na ja, wer’s glaubt…]

„Die Radikalisierung findet weniger in Moscheen oder in größeren überregionalen salafistischen Organisationen, sondern in kleinen, konspirativen Zirkeln und vor allem im Internet statt“, geht aus einer Mitteilung des BfV hervor. Häufiger bildeten sich Netzwerke von Frauen heraus, zu den[en] die Nachrichtendienste nur schwer Zugang hätten.

[Frauen-Power! Endlich! Hurrah!]

Maaßen sprach von einer „Fragmentierung und Privatisierung“ des Salafismus in Deutschland. „Das ist eine besondere Herausforderung für den Verfassungsschutz.“

Eine erhebliche Bedrohung geht nach Einschätzung des BfV von Islamisten aus dem Nordkaukasus aus.

[Wie?? Sind die denn nicht auch Bereicherung?]

Deren „Affinität zu Gewalt und Waffen“ erfordere die Aufmerksamkeit der deutschen Sicherheitsbehörden, sagte Maaßen. „Extremistische Nordkaukasier waren, neben dem Tschetschenienkrieg in ihrer Heimat, aktuell auch an den Kämpfen in Syrien und Irak maßgeblich beteiligt. Sie sind kampferprobt und stellen ein hohes Gefährdungspotenzial dar“, sagte Maaßen.“ (Im Original kein Fettdruck im Text, nur zu Beginn der erste Buchstabe)

Gefährdung? Wieso Gefährdung? Das sind doch die Guten, unsere Befreier. Die bringen uns kuffar endlich auf Linie. Sie lösen unsre Fesseln und führen uns Gefangene aus unserer Höhle des Unglaubens, aus unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit endlich ans Licht, endlich. Seit Platon warten wir und seine ihm nachgefolgten Verkünder der Vernunft wie der Selbstüberwindung des Menschen, wir alle, wir Delphier, sehnsuchtsvoll darauf, nur darauf: Auf dass wir endlich erkennen und einsichtig werden mögen:

γνῶθι σ’αυτόν:

Die Antwort auf all unsere Fragen, hier ist sie, endlich:

Boko haram!

„Allah ist der Freund der Gläubigen: Er führt sie aus den Finsternissen ans Licht. Die aber nicht glauben, deren Freunde sind die Verführer, die sie aus dem Licht in die Finsternis führen; sie sind die Bewohner des Feuers; darin müssen sie bleiben.“ (Sure 2, 258)

„Sprich zu denen, die ungläubig sind: „Ihr sollt übermannt und in der Hölle versammelt werden; und schlimm ist die Ruhestatt!““ (Sure 3, 13)

Frog4

Erdoğan schwingt weiter die Faschismus- und Demographie-Keule II

(Erdogan behauptet, Europa denke über „Gaskammern“ nach – traue sich aber nicht, Huffington Post online, 19.3.2017)

(Erdoğan, Merkel! Başta sen…, Sabah online, 19.3.2017)

I

Erdoğan schwingt weiter die Faschismus-Keule. Jetzt ist die Kanzlerin persönlich dran…

„Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) [die er herablassend mit Du anspricht, was sie bislang zumindest nicht moniert hat! Schließlich ist er doch ihr Schatziputzi…] persönlich „Nazi-Methoden“ vorgeworfen. In einer im Fernsehen übertragenen Ansprache am Sonntag sagte er an Merkel gerichtet: „Du wendest auch gerade Nazi-Methoden an.“ [„Merkel. Sen de şuanda Nazi uygulaması yapıyorsun.„]

Er fuhr fort: „Bei wem? Bei meinen türkischen Geschwistern [und auch Verwandten] in Deutschland [„Kime? Almanya’daki kardeşlerime de vekillere de.“ …] sagte Erdogan.

Mit Blick auf Europa sagte der türkische Staatschef, dort könnten „Gaskammern […]“ wieder [… errichtet] werden [„gaz odalarını kuracak yeniden“ ], aber „das trauen sie sich nur nicht.“ Offen ließ Erdogan, wen er mit „sie“ genau meinte.

Erdogan gebraucht Nazi-Vergleiche inflationär

Erdogan gebraucht Nazi-Vergleiche derzeit inflationär. Allein im Konflikt um die Wahlkampfauftritte er mindestens schon fünf Mal öffentlich gewütet, wenn man die jüngsten Angriffe einrechnet.

  • Am 5. März sagte Erdogan:“Ich habe gedacht, der Nationalsozialismus in Deutschland ist vorbei, aber er geht noch immer weiter.“ Und: „Eure Praktiken machen keinen Unterschied zu den Nazi-Praktiken in der Vergangenheit.“ Er war erbost gewesen, weil deutsche Kommunen Wahlkampfauftritte türkischer Politiker abgesagt hatten.
  • Am 11. März sagte er über die niederländische Regierung: „Sie sind so befangen, so ängstlich“. Und: „Das sind Überbleibsel der Nazis, das sind Faschisten.“ Die niederländische Regierung hatte zuvor einen türkische Minister nicht einreisen lassen.
  • Am 15. März sagte Erdogan auf einer Rede in der zentraltürkischen Provinz: „Der Geist des Faschismus geht um in den Straßen Europas.“
  • Am 16. März sagte er: „Das ist der neue Nationalsozialismus.“ Er bezog sich in seiner Rede vor Anhängern im westtürkischen Sakarya wieder auf die Niederlande.“ (im Original kein Fettdruck)

— Fragt sich nur, worin die jüngste (Faschismus-)Eskalationsspirale enden soll??

— Und wer oder was in der Klimax-Strategie als nächstes aus dem Pandora-Sack gelassen werden wird??

II

Doch auch die Demographie-Keule wird wieder mal geschwungen. Erdoğan:

„Şimdi bizi Hollanda’da sayımızı azaltmakla tehdit ediyorlar. [etzt drohen sie uns, unsere Zahl in Holland zu reduzieren.] O zaman ben de Hollanda’daki kardeşlerimize diyorum ki [Daher sage ich unseren Geschwistern in Holland:] bak ben Türkiye’de 3 çocuk diyorum. Siz 5 çocuk yapın. [Schaut, in der Türkei sag ich 3 Kinder. Ihr aber sollt 5 Kinder zeugen.] Bunlar tabi rahatsız oldular. [Klar, das macht sie unruhig.] Bunlara şuurlu bir şey söyleyin hopluyorlar.“ Redet mit ihnen vernünftig und sie hopsen. (im Original kein Fettdruck)

Gerade der letzte Satz offenbart Erdoğans Strategie:

Die Spitzenpolitiker Europas als Schwächlinge demaskieren und am Nasenring durch die Manege ziehen…

Und die Dhimmis kuschen und hopsen mit…

Dem Untergang entgegen…

Also sprach der Dhimmi zum Herrn:

»Wenn du die Wahrheit sprichst«, sagte er dann, »so verliere ich nichts, wenn ich das Leben verliere. Ich bin nicht viel mehr als ein Tier, das man tanzen gelehrt hat, durch Schläge und schmale Bissen.« (Nietzsche, Zarathustras Vorrede, 6)

 

 

 

M. Hampe: Zur postfaktizistischen Katerstimmung bei (den Gutmenschen) der KWL

Frog1(Michael Hampe, Katerstimmung bei den pubertären Theoretikern, Zeit, 15.12.2016, 48)

Michael Hampes These (zur Kritik der KWL) lautet:

„Seitdem die Rechte postfaktisch geworden ist, hat die kulturwissenschaftliche Linke [(KWL)] ein echtes Problem“. (Untertitel)

Den Grund hierfür sieht Hampe im Mangel an theoretischer Durchdringung der aus der Tradition der Vorgänger (Nietzsche, Heidegger, Foucault) unkritisch übernommenen Theoreme:

„Warum geht es der KWL schlecht? Das liegt nicht an der Ärmlichkeit und Widersprüchlichkeit ihrer theoretischen Praxis. Für die kann sie nichts. Denn die hat sie sich ja nicht selbst ausgedacht, sondern von Nietzsche, Heidegger, und Foucault geerbt, die sie nicht recht verdauen konnte, deren Theoreme sie jedoch bei sich geistig auf Dauer gestellt hatte.“

Der Mangel an sowohl Reflexionsbereitschaft als auch Reflexionsvermögen zeige sich insbesondere unter Bezug auf die eingeschränkte Gültigkeit des Faktischen: Könne doch das Faktische nur historisch: im historischen Kontext Gültigkeit beanspruchen:

„die KWL [hat sich] jahrelang nur selbst gefeiert, weil sie von Großonkel Nietzsche gelernt und richtig verstanden hat, dass es keine absolute Wahrheit und keine nicht in historischen Situationen beschriebenen Tatsachen gibt“.

Laut Heideggers Existenzialanalytik hat die Faktizität gar nur Entwurf-Charakter: Das Dasein west im (hermeneutisch ausgelegten) Zeitlichkeitskontext des (je-meinigen) Verstehens:

„Und nur weil das Sein des Da durch das Verstehen und dessen Entwurfcharakter seine Konstitution erhält, weil es ist, was es wird bzw. nicht wird, kann es verstehend ihm selbst sagen: »werde, was du bist!«.“ (SuZ, § 31, Abs. 9)

Insofern mutet es grotesk und absurd an, dass (ausgerechnet) die KWL ihren von ihr zu Populisten erklärten Widersachern vorwirft, (im Gegensatz zu ihren eigenen Positionen) a priori nur (zugleich) postfaktisches und amoralisches Geschwätz vorzutragen. Doch die Angegriffenen – welch Graus – reagieren nicht (länger) als in unredlichem Handeln Ertappte:

„Doch jetzt schert sich der Gegner nicht mehr um die Korrekturversuche, sondern sagt: »Wir lassen uns von euch kein schlechtes Gewissen mehr einreden, weil wir diese oder jene Wörter verwenden und damit angeblich Mikroaggressionen ausüben! Glaubt ihr, euer Versuch, uns zu sagen, wie wir zu sprechen haben, sei keine Aggression? Wer ist hier eigentlich der bully: wir mit unserer ungehobelten Rede oder ihr, die ihr uns als naive Rassisten entlarven und einsortieren wollt? Ihr habt doch bei eurem Hausheiligen Nietzsche ganz genau gelernt, wie Schwache die Starken unterdrücken: indem sie ihnen ein schlechtes Gewissen einreden! […]«“

Also sprach der Anti-KWLer:

„Nun, wenn [ohnehin] alles nur konstruiert ist, dann konstruiere ich mir jetzt eben mal“

meine Welt à la Pipi Langstrumpf: Wie sie mir gefällt…

Tja, ihr Gutmenschen, ihr blasierten Apologeten der Postfaktizität, damit habt ihr wohl nicht gerechnet…

Frog4

B. Sansal: Strategie des Europäischen Islamismus zu Vertiefung und Ausweitung

Frog1(Boualem Sansal, Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert, Deutsch von Regina Keil-Sagawe, Gifkendorf, 72016)

In seinem als Essay bezeichneten schmalen Buch (inkl. Anhang 164 Seiten) intendiert der Algerier Boualem Sansal, „das Aufkommen [nahda] des Islamismus in der Arabischen Welt“ zu beschreiben. (9) Dabei geht er bereits zu Beginn auf die Bedeutung der Moscheen als Orte der Indoktrination (Vertiefung) und der territorialen Expansion (Erweiterung) des dar al-islam ein. (Das sei hier eigens betont, um all den noch nicht völlig vom Gutmenschen-Geschwätz Eingelullten klar zu machen, was Sache ist und derzeit auf dem Spiel steht.)

Moscheen als Orte der Indoktrination

Über die Islamisierung in Algerien schreibt Sansal:

„Einige Jahre später entdeckten wir unversehens, dass dieser Islamismus, der uns [Algeriern zunächst] so armselig und kläglich erschienen war, sich über das Netz der Märkte und Moscheen, von wo aus er seine Predigten und Lehrwerke unters Volk brachte, im ganzen Land ausgebreitet und die Herzen der Menschen erobert hatte. […] Nun bewunderten wir die Kraft, die im Blick dieser „Narren Allahs“ [les fous d’Allah (85)] lag und die imstande schien, Berge zu versetzen.“ (13; im Original kein Fettdruck)

Zwei Waffen seien es, die die Stärke des Islamismus heute ausmachen: „Predigt und Terror“. (14) — Eine der  historisch bedeutendsten Salafisten-Gruppen (die sich 1998 formierte) nannte sich Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat; aus ihr ging (in 2007) Al-qaïda au Maghreb islamique hervor. (20)

Moscheen als territorialer (geopolitischer) Anspruch

Moscheen sind aber nicht nur Orte der Indoktrination, sie markieren zu dem territoriale Ansprüche:

„Durch die Sakralisierung (etwa den Bau einer Moschee) erfolgt per se die Anbindung ans „Haus des Islam“ (dar al-islam), die Gesamtheit aller Gebiete unter islamischer Herrschaft“. (55; im Original kein Fettdruck)

Aus lokaler Perspektive ist die Moschee ein Machtzentrum, das [nicht nur] religiöse, [sondern auch] ökonomische, kulturelle und erzieherische Funktionen erfüllt [!!], sich als vermittelnde Instanz zu den staatlichen Behörden versteht [!!] und das Monopol in der Beschaffung von Geldern aus dem In- und Ausland für sich in Anspruch nimmt.“ (86; im Original kein Fettdruck)

Den Gegensatz hierzu bildet dar al-kufr, das Haus des Unglaubens:

„Hier die Welt des Islam, die es zu schützen, dort die Welt des Bösen, die es zu bekriegen gilt. [Dar al-kufr ist zugleich dar al-harb, das Haus des Kriegs.] Für den friedlichen, toleranten Muslim haben diese Begriffe [mehr oder weniger] symbolischen Charakter; man bekämpft das Böse, indem man es ablehnt. [!!] Für den radikalen Islamisten hingegen besteht das Ziel der Kriegsführung darin, den anderen, jenen, der gegen die Gesetze des Islam verstößt, zu töten.“ (56; im Original kein Fettdruck)

Terror als Wille zur Macht

„Die Aufgabe, Hüter des Islam zu sein, denen es zusteht, über Leben und Tod jedes anderen zu richten, übt eine morbide Faszination auf die radikalen Islamisten (Taliban, […], Boko Haram) aus. Sie gestattet ihnen, ihren niedersten Instinkten freien Lauf zu lassen und sich danach mit gutem Gewissen zur Ruhe zu betten. Sie plündern, verwüsten, vergewaltigen, verurteilen und töten mit stolzgeschwellter Brust im Namen Allahs.“ (124; im Original kein Fettdruck)

Die Legitimierung des Dschihad wird häufig auf Koran, Sure 9 (Die Reue), Vers 73 gestützt:

„O du Prophet! Kämpfe gegen die Ungläubigen und Scheinheiligen und verfahre mit ihnen hart. Die Hölle sei ihre Herberge, und schlimm ist die Fahrt (dorthin).“ (zitiert nach Sansal, 29)

Kampfplatz Europa

Sansal zeichnet dem entsprechend für Europa, das der Islam (u.a. per Islamismus) für sich erobern will, ein düsteres Zukunftsbild:

In Europa […] wird es immer wahrscheinlicher, dass es zu einem Bruch zwischen den Muslimen und den nationalen Mehrheitsgesellschaften, in denen sie leben, kommt„. (66; im Original kein Fettdruck)

An die Adresse der in ihre Multikulti-Traumwelt versponnen Gutmenschen schreibt Sansal:

der Trend zum „politisch Korrekten“ [„infolge von Einschüchterung oder Zensur, Selbstzensur oder allzu verbrämter Ausdrucksweise“ (80) …] ist das Ende einer jeden echten Debatte. […] In den Augen der Radikalen ist diese selbstauferlegte Zurückhaltung nurmehr der Beweis dafür, dass die Gesellschaft kapitulationsreif ist“!! (78f; im Original kein Fettdruck)

((Leider!! — Eine weitere Kommentierung erübrigt sich…

Frog4

Die Gutmenschen feiern sich selbst: Verleihung des Friedenspreises an C. Emcke

Frog1(Carolin Emckes Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2016, Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V., 2016)

Anfangen

Carolin Emckes Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises 2016 – Der Text folgt dem gesprochenen Wort. [Wie auf der Homepage des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels widergegeben:]

I.

Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus…

Angedeutete Perspektivwechsel in der Hierarchie-Bewegung:

  • Wissender/Eltern/Über-Ich (oben), Dummchen/Kind/Ich (unten): Aus der top-down – wird eine bottom-up-Hinwendung, die in der Einnahme der Kanzel, in dieser Rede (ex cathedra) mündet.

All die ersten Jahre, seit der Auszeichnung an George F. Kennan 1982, schaute ich die Verleihung des Friedenspreises von unten nach oben: Meine Eltern hatten eigenwilligerweise nur zwei Fernseh-Sessel, Kinder mussten sich unterhalb arrangieren und so lag ich auf dem Teppich und hörte gebannt die Reden der Preisträger.

  • Mann (oben), Frau (unten)

Soll wohl heißen: Schaut her; ich hab‘ es sogar als Frau geschafft, auf Euch herabzusehen. (Endlich…) Kriecht vor mir, ihr Würmer.

Ich sage »Preisträger«, denn die ersten dreizehn Jahre, die ich von unten nach oben blickte, waren es ausschließlich Männer. Auch als ich längst eine eigene Wohnung hatte, behielt ich dieses Ritual bei: Ich betrachtete den Friedenspreis vom Fußboden aus. Irgendwie schien das auch angemessen zu sein. Seit der Preisverleihung an David Grossman saß ich dort, wo Sie jetzt sitzen.

  • Selbstinszenierung als Rebellin

Letztes Jahr noch bin ich mit einem Freund am Vorabend der Verleihung nachts in den Festsaal im Frankfurter Hof geschlichen, um die Tischordnung für das Festessen zu manipulieren… (wobei wir peinlicherweise erwischt wurden) und jetzt das hier…

Soll wohl heißen: Es tut gar nicht not zu rebellieren: Es gibt effektivere Methoden – auch für Frauen – die Perspektive zu wechseln (und die Kanzel zu erobern…)

Meine Damen und Herren, ich bedanke mich beim Stiftungsrat des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels für diese Auszeichnung. Sie erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und

einem glücklichen Staunen.

  • Selbstinszenierung: Die (Pseudo-)Überraschte
  • Selbstinszenierung: Die (Pseudo-)Bescheidene,
  • Selbstinszenierung: Die, die das Wir-Gefühl betont existenzial (allgemein)…

Niemand wächst allein. Einige, die vor mir hier an dieser Stelle standen, waren für mein Denken existentiell. Die Werke vieler Friedenspreisträger*innen, aber auch die Begegnung mit manchen haben mich zu der gemacht, als die ich heute vor Ihnen stehe: Martin Buber und Nelly Sachs, David Grossman und Jorge Semprún, und in besonderer Weise Jürgen Habermas und Susan Sontag. Nach ihnen in einer Reihe zu stehen, lässt mich diesen Preis weniger als Auszeichnung denn als Aufgabe begreifen.

… und im Schreiben (speziell)…

Niemand schreibt allein. Zwei Menschen waren für mein Schreiben unverzichtbar und ihnen möchte ich ausdrücklich danken: der Photograph und Freund Sebastian Bolesch, der mich über 14 Jahre auf allen Reisen ins Ausland begleitet hat und ohne den kein Text so entstanden wäre. Und mein Verleger und Lektor Peter Sillem vom S. Fischer Verlag, der mich seit dem ersten Manuskript über alle Zweifel hinwegträgt und ohne den kein Buch so erschienen wäre. Vielen Dank.

… und so tut, als ob sie nicht begreife, dass der Rekurs auf das Wir als Mittel zum Zweck der Abgrenzung intendiert ist.

II.

Wir: Das impliziert immer auch…

Nicht alle, aber viele, die vor mir hier standen, haben nicht allein als Individuen, sondern sie haben auch als Angehörige gesprochen. Sie haben sich selbst verortet in einem Glauben oder einer Erfahrung, in der Geschichte eines Landes oder einer Lebensform – und darauf reflektiert, was das heißt, als chinesischer Dissident, als nigerianischer Autor, als Muslim, als Jüdin hier in der Paulskirche zu sprechen, in diesem Land, mit dieser Geschichte.

… eine Perspektive der Ab- und Ausgrenzung einzunehmen: Identität ist ohne Differenz nicht zu haben…

Für diejenigen, die hier oben, mit dieser Perspektive sprechen durften, bedeutete es oft auch, aus und von einer besonderen Perspektive zu erzählen. Sie wurden ausgezeichnet, weil sie sich für ein universales Wir einsetzten –

… und das impliziert immer auch: Wir: Das sind die Guten (woraus folgt: Alle andern: Das sind die Bösen).

und doch haben sie oft auch als Angehörige einer bedrängten Gruppe, eines marginalisierten Glaubens, einer versehrten Gegend gesprochen.

Doch dieser Aspekt wird ausgeblendet: Im Rekurs/Rückzug auf das jemeinig pseudo-idyllische Für-sich-sein.

Das ist durchaus bemerkenswert, denn es ist keineswegs gewiss, was das heißt: angehörig oder zugehörig zu sein.

Das moderne hebräische Wort für »angehören«, »shayach«, stammt ursprünglich aus dem Aramäischen – ist gleichsam zugewandert, aus einer Sprache in eine andere, um dann ironischerweise die Bezeichnung für „Angehörigkeit“ zu bilden. Das Wort shayach verweist auf nichts anderes. Anders als die meisten anderen Begriffe im Hebräischen birgt es in sich keine Anteile eines anderen. Es gehört gleichsam sich selbst. Etwas als shayach zu bezeichnen, bedeutet: es ist relevant, angemessen, wichtig. Das wäre eine schöne Spur: sich zugehörig zu zählen zu einem Glauben oder einer Gemeinschaft, hieße: ich bin für diese Gemeinschaft relevant, in ihr zähle ich als wichtiges Element.

Aber Angehörigkeit lässt sich auch in die andere Richtung denken: nicht nur ich bin für diese Gemeinschaft wichtig, sondern auch der Glaube für mich. Jüdisch zu sein oder katholisch oder muslimisch, das macht etwas aus. Es strukturiert mein Denken, meine Gewohnheiten, meinen Tag.

Doch der folgende Satz verrät, dass Identität (der einen) zugleich immer auch Differenz (zu den andern) mit setzt:

Almosen zu geben, das gehört zu den einen, wie das Beten bei Tisch oder das Anzünden der Kerzen zu den anderen.

Im Deutschen kennt der Begriff »gehören« mehrere Verwendungen: i) jemandes Besitz zu sein, aber auch ii) Teil eines Ganzen zu sein, zu etwas zu zählen, sowie iii) »gehören« als an einer bestimmten Stelle passend zu sein und iv) für etwas erforderlich zu sein.

  • Selbstinszenierung: Die Fragende I:

Bin ich, wenn ich fromm bin, im Besitz des Glaubens? Ist Religiosität etwas, das mir gehört? Oder ist Glaube etwas, das sich im und durch das Hadern bestätigt? Was heißt also an-gehören in Bezug auf den Glauben? Gehört mir mein Glaube oder gehöre ich dem, an den ich glaube?

Damit ist noch nicht einmal berührt, ob diese Angehörigkeit etwas ist, zu dem es sich bewusst entscheiden lässt. Ab wann jemand zu einer Kirche oder Gemeinschaft gehört, das lässt sich festmachen an den jeweiligen Riten der Aufnahme. Aber ab wann der Glaube zu einer Person gehört, das ist weniger eindeutig.

Ganz ohne Heidegger scheint’s wohl nicht zu gehen: Zunächst Identität und Differenz; jetzt der (existenzialhermeneutische) Imperativ: Werde, was Du bist!

Hatten mich die Passionen und Kantaten von Bach nicht schon durchdrungen und von innen heraus geformt, bevor ich von einem Glaubensbekenntnis auch nur wusste? Gehörte das nicht zu mir, und das heißt: bildete das nicht schon eine Voraussetzung für die, die ich werden sollte, bevor ich mich überhaupt zu einer Gemeinschaft hätte zugehörig erklären können?

Nun kennt das Wort »Angehörigkeit« keine Schattierungen. Es suggeriert eine einheitliche Empfindung. Als ob es uns immer gleich relevant sei, jüdisch oder protestantisch oder muslimisch zu sein. Als ob es sich an jedem Ort gleich anfühlte, kurdisch zu sein oder polnisch oder palästinensisch. Als ob es nicht in unterschiedlichen Situationen ganz unterschiedlich prägnant sein könnte. Mein Freund, der Regisseur Nurkan Erpulat, hat einmal auf die Frage, was es für ihn bedeute, muslimisch zu sein, geantwortet: »Das kommt auf den Kontext an.«

Manchmal ist die argentinische Herkunft besonders deutlich im glücklichen Blick auf die leuchtend lilafarbenen Blüten der Jacaranda. Aber manchmal ist sie besonders deutlich fern von dort, in Berlin, wenn ein Hubschrauber über der Stadt nicht von einem Militär-Putsch kündet, sondern nur von einem Stau – und die eingeübte Angst eine Weile braucht, bis sie sich verzieht.

Für manche wird das eigene Judentum besonders spürbar, wenn sie die Süße von Äpfeln mit Honig an Rosh ha’shana schmecken. Für andere dagegen, wenn sie in der Paulskirche sitzen und einer Rede zuhören müssen, in der das furchtbare Leid der eigenen Angehörigen von einem Menschheitsverbrechen, an das bis heute zu erinnern ist, zu einer bloßen »Moralkeule« verstümmelt wird. Ich kann hier nicht stehen, ohne an diesen nicht nur für Ignaz Bubis furchtbar schmerzlichen Moment in der Geschichte des Preises zu erinnern.

  • Selbstinszenierung: Die Fragende II:

Ist Zugehörigkeit also etwas, das aufscheint im Zusammensein mit anderen oder etwas, das aufscheint, wenn man als einziger aus einer Gemeinschaft herausfällt? Weil die jüdische Perspektive als eine, die zu dieser Gesellschaft gehört, einfach ausgeblendet wird. Ist Zugehörigkeit also mit Glück oder mit Trauer verbunden? Ist zugehörig, wer als zugehörig erkannt wird und ist anders zugehörig, wem diese Anerkennung verweigert wird?

Wem gehört also dieses An-gehören – einem selbst oder den anderen? Gibt es das nur in einer Form oder in verschiedenen? Und vor allem: wieviele Kontexte und Verbindungen können für mich in diesem Sinne relevant und wichtig sein? Wieviele Schnittmengen gibt es von Kreisen, in denen ich passend bin und aus denen ich mich als Individuum zusammensetze?

  • Selbstinszenierung/-offenbarung: Die Lesbin:

Ich bin homosexuell und wenn ich hier heute spreche, dann kann ich das nur, indem ich auch aus der Perspektive jener Erfahrung heraus spreche: also nicht nur, aber eben auch als jemand, für die es relevant ist, lesbisch, schwul, bisexuell, inter*, trans* oder quer zu sein. Das ist nichts, das man sich aussucht, aber es ist, hätte ich die Wahl, das, was ich mir wieder aussuchte zu sein. Nicht, weil es besser wäre, sondern schlicht, weil es mich glücklich gemacht hat.

Als ich mich das erste Mal in eine Frau verliebte, ahnte ich – ehrlich gesagt – nicht, dass damit eine Zugehörigkeit verbunden wäre. Ich glaubte noch, wie und wen ich liebe, sei eine individuelle Frage, eine, die vor allem mein Leben auszeichnete und für andere, Fremde oder gar den Staat, nicht von Belang. Jemanden zu lieben und zu begehren, das schien mir vornehmlich eine Handlung oder Praxis zu sein, keine Identität.

Der Anspruch/Imperativ: Auf Mitgliedschaft im Gutmenschkreis: Anders sein zu dürfen und trotzdem zu den Guten gezählt zu werden…

Es ist eine ausgesprochen merkwürdige Erfahrung, dass etwas so Persönliches für andere so wichtig sein soll, dass sie für sich beanspruchen, in unsere Leben einzugreifen und uns Rechte oder Würde absprechen wollen. Als sei die Art, wie wir lieben, für andere bedeutungsvoller als für uns selbst, als gehörten unsere Liebe und unsere Körper nicht uns, sondern denen, die sie ablehnen oder pathologisieren. Das birgt eine gewisse Ironie: Als definierte unsere Sexualität weniger unsere Zugehörigkeit als ihre.

… soll nicht nur für Lesben, sondern auch für Muslime gelten – in manichäistischer Positionierung: Wir, die Guten: Das sind die Islamfreunde; alle andern: Das sind die Islamfeinde:

Manchmal scheint mir das bei der Beschäftigung der Islamfeinde mit dem Kopftuch ganz ähnlich. Als bedeute ihnen das Kopftuch mehr als denen, die es tatsächlich selbstbestimmt und selbstverständlich tragen.

  • Selbstinszenierung: Ich als Teil einer von mehreren unterdrückten Minderheiten, als Teil des Gutmenschen-Kreises:

So wird ein Kreis geformt, in den werden wir eingeschlossen, wir, die wir etwas anders lieben oder etwas anders aussehen, dem gehören wir an, ganz gleich, in oder zwischen welchen Kreisen wir uns sonst bewegen, ganz gleich, was uns sonst noch auszeichnet oder unterscheidet, ganz gleich, welche Fähigkeiten oder Unfähigkeiten, welche Bedürfnisse oder Eigenschaften uns vielleicht viel mehr bedeuten. So verbindet sich etwas, das uns glücklich macht, etwas, das uns schön oder auch angemessen erscheint, mit etwas, das uns verletzt und wund zurücklässt. Weil wir immer noch, jeden Tag, Gründe liefern sollen dafür, dass wir nicht nur halb, sondern ganz dazugehören. Als gäbe es eine Obergrenze für Menschlichkeit.

Es ist eine merkwürdige Erfahrung:

  • Selbstinszenierung: Die Fragende III:

Wir dürfen Bücher schreiben, die in Schulen unterrichtet werden, aber unsere Liebe soll nach der Vorstellung mancher Eltern in Schulbüchern maximal »geduldet« und auf gar keinen Fall »respektiert« werden?

Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht?

Manchmal frage ich mich, wessen Würde da beschädigt wird: unsere, die wir als nicht zugehörig erklärt werden, oder die Würde jener, die uns die Rechte, die uns gehören, absprechen wollen?

Verweis auf die Universalität der Menschenrechte:

Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel. Niemand verliert seine Rechte, wenn sie allen zugesichert werden. Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden. Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird. Zuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentwürfen, sozialen Praktiken oder religiösen Überzeugungen dürfen keine Rolle spielen. Das ist doch der Kern einer liberalen, offenen, säkularen Gesellschaft.

Differenz wird zugegeben, ist zuzugestehen:

Verschiedenheit ist kein hinreichender Grund für Ausgrenzung.

Ähnlichkeit keine notwendige Voraussetzung für Grundrechte.

Es leben die Paralleluniversen! (der Multikulti-Apologeten):

Das ist großartig, denn es bedeutet, dass wir uns nicht mögen müssen. Wir müssen einander nicht einmal verstehen in unseren Vorstellungen vom guten Leben. Wir können einander merkwürdig, sonderbar, altmodisch, neumodisch, spießig oder schrill finden.

Um es für Paulskirchen-Verhältnisse mal etwas salopp zu formulieren: ich bin Borussia Dortmund-Fan. Ich habe, nun ja, etwas weniger Verständnis dafür, wie man Schalke-Fan sein kann. Und doch käme ich nie auf die Idee, Schalke Fans das Recht auf Versammlungsfreiheit zu nehmen.

»Die Verschiedenheit verkommt zur Ungleichheit«, hat Tzvetan Todorow einmal geschrieben, »die Gleichheit zur Identität.« Das ist die soziale Pathologie unserer Zeit: dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identität und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.

Deswegen haben die, die vor mir hier standen und wie ich von dieser merkwürdigen Erfahrung der Zugehörigkeit zur Nichtzugehörigkeit gesprochen haben, doch beides betont: die individuelle Vielfalt und die normative Gleichheit.

Die Freiheit, etwas anders zu glauben, etwas anders auszusehen, etwas anders zu lieben, die Trauer, aus einer bedrohten oder versehrten Gegend zu stammen, den Schmerz der bitteren Gewalterfahrung eines bestimmten Wirs – und die Sehnsucht, schreibend eben all diese Zugehörigkeiten zu überschreiten, die Codes und Kreise in Frage zu stellen und zu öffnen, die Perspektiven zu vervielfältigen und immer wieder ein universales Wir zu verteidigen.

 

III.

Zur Zeit grassiert ein Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa. Pseudo-religiöse und nationalistische Dogmatiker propagieren die Lehre vom »homogenen Volk«, von einer »wahren« Religion, einer »ursprünglichen« Tradition, einer »natürlichen« Familie und einer »authentischen« Nation. Sie ziehen Begriffe ein, mit denen die einen aus- und die anderen eingeschlossen werden sollen. Sie teilen willkürlich auf und ein, wer dazugehören darf und wer nicht.

Alles Dynamische, alles Vielfältige an den eigenen kulturellen Bezügen und Kontexten wird negiert. Alles individuell Einzigartige, alles, was uns als Menschen, aber auch als Angehörige ausmacht: unser Hadern, unsere Verletzbarkeiten, aber auch unsere Phantasien vom Glück, wird geleugnet.

Inkonsequenz und Selbstwiderspruch: Gutmenschen, die sich selbst als Gutmenschen sehen, aber nicht wollen, dass sie von den andern, den Bösmenschen, als solche bezeichnet werden:

Wir werden sortiert nach Identität und Differenz, werden in Kollektive verpackt, alle lebendigen, zarten, widersprüchlichen Zugehörigkeiten verschlichtet und verdumpft.

Die Definition der (latenten) Bösmenschen:

Sie stehen vielleicht nicht selbst auf der Straße und verbreiten Angst und Schrecken, die Populisten und Fanatiker der Reinheit, sie werfen nicht unbedingt selbst Brandsätze in Unterkünfte von Geflüchteten, reißen nicht selbst muslimischen Frauen den hijab oder jüdischen Männern die Kippa vom Kopf, sie jagen vielleicht nicht selbst polnische oder rumänische Europäerinnen, greifen vielleicht nicht selbst schwarze Deutsche an – sie hassen und verletzen nicht unbedingt selbst. Sie lassen hassen.

Unterstellung: Nur die andern sind voll Ressentiments und Vorurteilen; Gutmenschen sind (qua Gegenteil) nicht so:

Sie beliefern den Diskurs mit Mustern aus Ressentiments und Vorurteilen, sie fertigen die rassistischen Product-Placements, all die kleinen, gemeinen Begriffe und Bilder, mit denen stigmatisiert und entwertet wird, all die Raster der Wahrnehmung, mithilfe derer Menschen gedemütigt und angegriffen werden.

  • Selbstinszenierung als Opfer (der Bösmenschen)

Dieser ausgrenzende Fanatismus beschädigt nicht nur diejenigen, die er sich zum Opfern sucht, sondern alle, die in einer offenen, demokratischen Gesellschaft leben wollen. Das Dogma des Homogenen, Reinen, Völkischen verengt die Welt. Es schmälert den Raum, in dem wir einander denken und sehen können. Es macht manche sichtbar und andere unsichtbar. Es versieht die einen mit wertvollen Etiketten und Assoziationen und die anderen mit abwertenden. Es begrenzt die Phantasie, in der wir einander Möglichkeiten und Chancen zuschreiben.

Der folgende Satz, obwohl (zunächst) universalistisch formuliert…

Mangelnde Vorstellungskraft und Empathie aber sind mächtige Widersacher von Freiheit und Gerechtigkeit.

… relativiert/unterstellt: Gutmenschen sind empathisch; Bösmenschen sind das Gegenteil:

Das ist es eben, was die Fanatiker und Populisten der Reinheit wollen: sie wollen uns die analytische Offenheit und Einfühlung in die Vielfalt nehmen. Sie wollen all die Gleichzeitigkeiten von Bezügen, die uns gehören und in die wir gehören, dieses Miteinander und Durcheinander aus Religionen, Herkünften, Praktiken und Gewohnheiten, Körperlichkeiten und Sexualitäten vereinheitlichen.

Sie wollen uns weißmachen, dass es das nicht gäbe, Verfassungspatriotismus und demokratischen Humanismus. Sie wollen Pässe als Ausweise der inneren Verfasstheit missdeuten, nur um uns gegeneinander auszuspielen. Das hat auch etwas Groteskes: Jahrzehntelang hat diese Gesellschaft geleugnet, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein, jahrzehntelang wurden Migrantinnen und Migranten und ihre Kinder und Enkel als »Fremde« angesehen, nicht als Bürgerinnen und Bürger, jahrzehntelang wurden sie behandelt als gehörten sie nicht dazu, als dürften sie nichts anderes sein als Türken – und jetzt wirft man ihnen vor, sie wären nicht deutsch genug und besäßen einen zweiten Pass?

Das zeigt nur die Scheinheiligkeit der Integrationsdebatte: Multikulti, das Befürworten des Zugleichs von Parallelweltuniversen, ist zwar a priori nicht auf Integration hin intendiert, doch die Faktizität mangelnder Integration(sbereitschaft) wird abgewertet: wird als Fiktion/Unterstellung der Bösmenschen (am von den Gutmenschen als überlegen unterstellten Gutmensch-Paradigma) diffamiert.

Die Familie meiner Mutter ist vor dem Krieg ausgewandert nach Argentinien. Alle in ihrer Familie besaßen zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Pässe, mal einen argentinischen, mal einen deutschen, manchmal beide. Ich habe sie zuhause bei mir aufgehoben: den Pass meines Großvaters, den mir mein Onkel geschenkt hat, und den meiner Mutter. Meine Nichte Emilia, die heute hier ist und die wie alle ihre Geschwister in den USA geboren ist, hat auch einen amerikanischen Pass. Mehrsprachig waren und sind alle.

  • Selbstinszenierung: Die Fragende IV:

Aber glauben die Neonationalisten wirklich, irgendjemand in meiner Familie wäre weniger demokratisch gewesen, hätte deswegen weniger Respekt vor der Freiheit jedes Einzelnen und dem Schutz menschlicher Würde? Glauben die wirklich, der Pass sage etwas aus über die eigene Abneigung gegen Verrohung und die Bereitschaft, sich demokratisch für eine offene Gesellschaft zu engagieren – und zwar, egal wo?

Gutmenschvermutung: Die Flüchtlinge, das sind die wahren Demokraten…

Ich vermute eher, alle, die einmal vertrieben wurden, die Flucht oder auch nur Migration kennen, alle, die an verschiedenen Orten in der Welt sich zuhause fühlen, alle die mit Heimweh oder Fernweh geplagt sind, alle, die die verschiedenen Klangfarben der Ironie und des Humors lieben, die sich abwechseln und vermischen, wenn man die Sprache wechselt, alle, die Kinderlieder erinnern, die die nächste Generation nicht mehr kennt, alle, die die Brüche der Gewalt und des Kriegs miterlebt haben, alle, denen die Furcht vor Terror und Repression unter die Haut gezogen ist, wissen doch um den Wert stabiler rechtstaatlicher Institutionen und einer offenen Demokratie. Vielleicht sogar etwas mehr als diejenigen, die noch nie darum bangen mussten, sie zu verlieren.

… doch die Bösmenschen wollen das nicht wahrhaben/ignorieren und sogar dagegen hetzen:

Sie wollen uns einschüchtern, die Fanatiker, mit ihrem Hass und ihrer Gewalt, damit wir unsere Orientierung verlieren und unsere Sprache. Damit wir voller Verstörung ihre Begriffe übernehmen, ihre falschen Gegensätze, ihre konstruierten Anderen – oder auch nur ihr Niveau. Sie beschädigen den öffentlichen Diskurs mit ihrem Aberglauben, ihren Verschwörungstheorien und dieser eigentümlichen Kombination aus Selbstmitleid und Brutalität. Sie verbreiten Angst und Schrecken und reduzieren den sozialen Raum, in dem wir uns begegnen und artikulieren können.

Sie wollen, dass nur noch Jüdinnen und Juden sich gegen Antisemitismus wehren, dass nur noch Schwule gegen Diskriminierung protestieren, sie wollen, dass nur noch Muslime sich für Religionsfreiheit engagieren, damit sie sie dann denunzieren können als jüdische oder schwule »Lobby« oder »Parallelgesellschaft«, sie wollen, dass nur noch Schwarze gegen Rassismus aufbegehren, damit sie sie als »zornig« diffamieren können, sie wollen, dass sich nur Feministinnen gegen Machismo und Sexismus engagieren, damit sie sie als »humorlos« abwerten können.

In Wahrheit geht es gar nicht um Muslime oder Geflüchtete oder Frauen. Sie wollen alle einschüchtern, die sich einsetzen für die Freiheit des einzigartigen, abweichenden Individuellen.

Deswegen müssen sich auch alle angesprochen fühlen.

Appell an die Gutmenschen: Dagegen Widerstand zu leisten!

Deswegen lässt sich die Antwort auf Hass und Verachtung nicht einfach nur an »die Politik« delegieren. Für Terror und Gewalt sind Staatsanwaltschaften und die Ermittlungsbehörden zuständig, aber für all die alltäglichen Formen der Missachtung und der Demütigung, für all die Zurichtungen und Zuschreibungen in vermeintlich homogene Kollektive, dafür sind wir alle zuständig.

Was wir tun können?

»Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden«, schrieb Hannah Arendt in der Vita Activa, »und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.«

Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen. Wir können sprechen und handeln. Wir können die Verantwortung auf uns nehmen.

  • Selbstinszenierung als Minderheit: Die Bösmenschen sind auf dem Vormarsch:

Und das heißt: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt.

Plädoyer: Es gilt anzufangen:

Dazu braucht es nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen. Wir können hinausgehen und etwas unterbrechen. Wir können neu geboren werden, in dem wir uns einschalten in die Welt. Wir können das, was uns hinterlassen wurde, befragen, ob es gerecht genug war, wir können das, was uns gegeben ist, abklopfen, ob es taugt, ob es inklusiv und frei genug ist – oder nicht.

Wir können immer wieder anfangen, als Individuen, aber auch als Gesellschaft. Wir können die Verkrustungen wieder aufbrechen, die Strukturen, die uns beengen oder unterdrücken, auflösen, wir können austreten und miteinander suchen nach neuen, anderen Formen.

Wir können neu anfangen und die alten Geschichten weiterspinnen wie einen Faden Fesselrest, der heraushängt, wir können anknüpfen oder aufknüpfen, wir können verschiedene Geschichten zusammen weben und eine andere Erzählung erzählen, eine, die offener ist, leiser auch, eine, in der jede und jeder relevant ist.

Das geht nicht allein. Dazu braucht es alle in der Zivilgesellschaft. Demokratische Geschichte wird von allen gemacht. Eine demokratische Geschichte erzählen alle. Nicht nur die professionellen Erzählerinnen und Erzähler. Da ist jede und jeder relevant, alte Menschen und junge, die mit Arbeit und die ohne, die mit mehr und die mit weniger Bildung, Dragqueens und Pastoren, Unternehmerinnen oder Offiziere, Rentnerinnen und Studenten, jede und jeder ist wichtig, um eine Geschichte zu erzählen, in der alle angesprochen und sichtbar werden. Dafür stehen Eltern und Großeltern ein, daran arbeiten Erzieher und Lehrerinnen in den Kindergärten und Schulen, dabei zählen Polizistinnen und Sozialarbeiter sowie Clubbesitzerinnen und Türsteher. Diese demokratische Geschichte eines offenen, pluralen Wir braucht Bilder und Vorbildern, auf den Ämtern und Behörden ebenso wie in den Theatern und Filmen – damit sie uns zeigen und erinnern, was und wer wir sein können.

Wir dürfen uns nicht nur als freie, säkulare, demokratische Gesellschaft behaupten, sondern wir müssen es dann auch sein.

Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.

Selbstwiderspruch: Das Plädoyer für Säkularisierung…

Säkularisierung ist kein fertiges Ding, sondern ein unabgeschlossenes Projekt.

… gilt eben nicht universal: Die Parallelwelt des (fundamentalistischen/reinen) Islams lehnt dies ab. Die Flüchtlinge, vorgeblich die wahren Demokraten, sind fast ausschließlich sunnitisch. Sie trennen zwar wie Gutmensch Emcke die Welt in Gut (Gläubige) und Böse (Ungläubige), aber säkular eingestellt sind sie deswegen noch lange nicht, im Gegenteil…

Demokratie ist keine statische Gewissheit, sondern eine dynamische Übung im Umgang mit Ungewissheiten und Kritik.

Eine freie, säkulare, demokratische Gesellschaft ist etwas, das wir lernen müssen. Immer wieder. Im Zuhören aufeinander. Im Nachdenken über einander. Im gemeinsamen Sprechen und Handeln. Im wechselseitigen Respekt vor der Vielfalt der Zugehörigkeiten und individuellen Einzigartigkeiten. Und nicht zuletzt im gegenseitigen Zugestehen von Schwächen und im Verzeihen.

Ist das mühsam? Ja, total. Wird das zu Konflikten zwischen verschiedenen Praktiken und Überzeugungen kommen? Ja, gewiss. Wird es manchmal schwer sein, die jeweiligen religiösen Bezüge und die säkulare Grundordnung in eine gerechte Balance zu bringen? Absolut. Aber warum sollte es auch einfach zugehen?

Wie tröstlich:

Wir können immer wieder anfangen.

Was es dazu braucht?

Nicht viel: etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern, damit es häufiger geschieht, dass wir alle sagen:

Alles ist relativ…

Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus.

… das gilt auch für die Einteilung in Gut und Böse. Doch eine Perspektive jenseits von Gut und Böse (wie unter Nietzsche) einzunehmen, daran scheitern die Gutmenschen rein prinzipiell. Diese Perspektive kennen sie nicht und sie wollen sie auch nicht.

Frog4

Hakan Günday liest aus seinem Roman „Flucht“

Frog1(Hakan Günday, Flucht, München, 2016)

(HAKAN GÜNDAY – LESUNG, Depot, Programm-Vorankündigung)

(„Flucht“ von Hakan Günday, ttt, 4.9.2016)

(Luise Sammann, Als würde er seinen Ekel vor der Welt erbrechen, Deutschlandradio Kultur (online), 30.8.2016)

Am 20. September 2016 beantwortete Hakan Günday im „Theater im Depot“, Dortmund Fragen zu seinem 2013 auf Türkisch erschienenen achten Roman Daha und las daraus (zum Abschluss der Veranstaltung die Einleitungspassage) vor. Hannes Krauss stellte den Roman inhaltlich (verkürzt) vor und stellte die Expertenfragen an den Autor. Oliver Kontny las eine Passage (S. 77-82) auf Deutsch vor und übersetzte – wie stets – gekonnt souverän.

Gündays Antworten gingen kaum über das hinaus, was in einer ttt-Sendung in Interview-Einblendungen bereits gesagt hatte (Link s.o.) und die (z.T. zumindest) von Luise Sammann in ihrem Beitrag widergegeben sind (Link s.o.).

Im Folgenden ist der Ankündigungstext der Veranstaltung des Depots kommentiert widergegeben: (Doch: Der Roman ist in seiner Struktur so komplex gebaut, dass diese Kommentare zum Wesentlichen kaum vorzudringen vermögen…)

„Eine Veranstaltung der Reihe „Ausgebootet. Macht & Subversion in der Literatur“

[Inwiefern dies im Roman eine Rolle spielt, blieb unbeantwortet.]

und in Kooperation mit dem Interkulturellen Bildungszentrum e. V.

Gazâ

[„mein Name mag Gazâ sein, Glaubenskrieg …“ (16; im Original kein Fettdruck) Doch:

„Der Überlebenskampf des Guten gegen das Böse, der angeblich bis zur Apokalypse fortdauerte, war der größte Betrug an der Menschheit.“ (20) „Es ging darum, gehorsame Hunde gegen gehorsame Hunde aufzustacheln!“ (21)]

ist neun Jahre alt, als er vom Beruf seines Vaters erfährt:

[Besser: Von seinem Vater in dessen Schleusergeschäft als Hilfskraft eingespannt und eingearbeitet wird. Das Geschäft wird ihm bis dahin wohl nicht ganz verborgen geblieben sein:

„Als Mutter starb, war die Reihe an mir, in das freigewordene Netz zu gehen.“ (59)]

Ahad [daha, nur rückwärts gelesen (worauf Krauss mich aufmerksam machte)] ist Schleuser und Menschenhändler[,

„ein gnadenloser Mann“ (28)].

Und Gazâ wird ihm ein eifriger Schüler.

[Besser: Gazâ verrichtet Handlangerdienste:

„Vater hatte einen Lehrling gesucht. Einen Lehrling, der mit Haut und Haaren und Knochenmark ihm gehörte.“ (14)

Gazâ hat seine ihm vom Vater gestellten Aufträge abzuarbeiten. Denen kommt er jedoch nicht immer nach. Das erste, einschneidende (Schlüssel)-Erlebnis, auf das (auch) Günday in seiner Lesung zu sprechen kommt, ist der erste von Gazâ verursachte Tod:

„Weil ich die Lüftung nicht eingeschaltet hatte, erstickte ein Afghane. Er war 26 Jahre alt gewesen und hatte mir einen Frosch aus Papier gebastelt. Einen Frosch, der knüpfte, wenn ich ihn mit dem Finger antippte. Er hieß Cuma: Freitag. Nicht der Frosch, der Afghane. Jahre später erfuhr ich, dass auch dieser Robinson einen Freitag an seiner Seite hatte. Da er aber ein Romanheld war, galt er nicht als Cuma. Denn weder konnte er im Kasten eines Lkw tot aufgefunden werden noch einem Jungen, der ihn wie eine Schlange behandelte, einen Papierfrosch schenken!“ (34; im Original kein Fettdruck)

Dieses Ereignis sieht Günday als Doppelschock des jungen Helden an: Zum einen erkennt der Junge, dass sein Fehlverhalten den Tod eines Menschen bedingte, er also die Schuld eines Mörders auf sich geladen habe und diese von nun an mit sich tragen müsse. (In ihm wiederholt sich die Geschichte seines Vaters, der ja auch ein Mörder ist…) Zum anderen zeigt ihm die Reaktion seines Vaters, dass der Tod eines Menschen, dieses einen Flüchtlings, nicht sonderlich von Wert sei. Der Tote schmälere zwar den Mehr-Wert. – Im Original lautet der Titel des Romans ‚Daha‘ (Mehr):

Die Depotlinge „sagten stets: »Mehr!« […] Es ging dabei aber nicht darum, dass [z.B.] zu wenig Wasser da war, sondern darum, dass sich mein Gewinn minderte. Ich hatte begonnen, das Wasser, das wir normalerweise gratis austeilten, zu verkaufen. Selbstverständlich ohne Vaters Wissen. Immerhin war ich mittlerweile zehn Jahre alt.“ (22f) —

Doch sei der Verlust eines Stücks Ware Fleisch nicht erheblich. —

„alles, wirklich alles [wurde] zum Stückpreis berechnet“ (27) —

Der Verlust könne aus der Portokasse bezahlt werden. Günday betont ausdrücklich: Die Summe sei so gering gewesen, dass der Vater sie aus seinem Portmonee herausnehmen konnte. Er hätte nicht mal zur Bank gehen müssen. So wenig sei das Leben eines Depotlings wert.

Günday betont zudem, dass es ihm beim Schreiben vor allem auf diese persönlichen Erfahrungen (am liebsten von Kindern) und deren Umsetzung in eine Erzählung angekommen sei.

Denken, so Günday, heißt Schreiben. Schreiben sei ein Prozess, der verhindere, dass man/frau sich gedanklich „wiederhole“: Es wäre sinnlos, ein und denselben Satz zu wiederholen und zu wiederholen und zu wiederholen…: Denken sei nur im Schreiben vollziehbar: In der Addition von Neuem.]

Gemeinsam nehmen sie die „Ware“ entgegen, lagern sie im „Depot“ im Garten zwischen

[Gazâs Aufgabe ist es dabei, die Flüchtlinge, die Ware transportfähig zu erhalten. Gazâ ist der Herr des Depots. Er übernimmt die Flüchtlinge und hat sie vollständig und lebend, körperlich unversehrt zu dem Zeitpunkt zu übergeben, an dem ihre Weiterreise (per LKW) ansteht:

„Die Anzahl der lebend angelieferten Menschen musste mit der abgelieferten übereinstimmen.“ (21)

„Für die Arbeit, die ich [hierzu] verrichtete, brauchte ich allerdings keine geistige Gesundheit. […] Ich reinigte die Kloake! [„die Kloake des Dienstleistungssektors“ (77)] Und war das nun einmal mein Job, dann sollte ich der Gott der Kloake sein! Und er wurde ich.“ (82; im Original kein Fettdruck)

Wie Gazâ mit den Flüchtlingen umgeht, was er mit ihnen anstellt, so er sie denn am Leben lässt, interessiert Gazâs Vater (und Herrn) nicht. Denn Richtschnur allen Handelns ist allein:

„Die einzig wahre Lebenslehre: Überlebe!“ (13)]

und transportieren sie dann weiter zur Ägäisküste. Je älter Gazâ wird, umso professioneller geht er vor. Er führt Statistiken, dokumentiert akribisch das Verhalten der Flüchtlinge und stellt anthropologische Studien [zur „Macht der Macht“ (151)] an.

[Dafür nicht das Leben leben zu können, das er gern möchte, beginnt Gazâ die Depotlinge zu hassen:

„Aber erdreiste dich nicht, mein Leben kaputtzumachen, nur weil du ans andere Ende der Welt willst!“ (79)]

Gazâs Schicksal scheint sich erst zu wenden, als es zu einem Unfall kommt, bei dem sein Vater stirbt. Tagelang begraben unter einem Berg von Leichen überlebt Gazâ und flieht nach Istanbul. Er will Anthropologie studieren. Doch auf einmal bricht das Trauma auf. Gazâ ist außerstande, Menschen zu berühren. Nur allein oder in der Masse fühlt er sich noch sicher. Gelingt ein Leben ohne die Begegnung von Mensch zu Mensch?

[Günday stimmt Krauss darin zu, dass dieser Roman u.a. als Bildungsroman gelesen werden könne. Bildung dürfe hierbei aber nicht als auf Schulbildung restringierter Begriff verstanden werden. Gazâ wird als intelligenter, wissensdurstiger Junge vorgestellt, auch als Schachmeister. Gerade dieses Spiel scheint ihn zu faszinieren. (Jeder Zug eröffnet ja nur eine regelbestimmte, begrenzte Möglichkeitspalette an Reaktionen, die unter Hinsicht auf den Gewinn des Spiels mehr oder weniger sinnvoll sind.)

Günday betont, dass ihm Mathematik, mathematische Gleichungssysteme wichtig seien:

„Alles war Mathematik. Eine bloße Subtraktionsaufgabe.“ (100) —:

„Der Unterschied zwischen Ost und West ist die Türkei. Ich weiß nicht, welches man von welchem abstrahiert, so dass die Türkei dabei herauskommt, aber der Abstand zwischen beiden beträgt so viel wie die Türkei, da bin ich mir sicher.“ (19) —

Im Gespräch erwähnt er die recht einfach zu verstehenden, mit Pfeilen symbolisierten Relationen zwischen Waffengeschäft, Waffenexport aus dem Westen in den Nahen Osten und den kriegsbedingten Migrationsströmen als Gegenbewegung aus dem Nahen Osten in den Westen. Auf Nachfrage bejaht Günday, dass er ggf. Determinist sei. Günday:

Mich beschäftigt eine einfache Frage: Kann ein Individuum aus der Zelle, in der es steckt – sei es die Familie, ein religiöser Orden, die Armee, irgendein geschlossenes System eben… Kann man daraus ausbrechen? Und wenn ja, wie? Denn die dicksten Wände dieser Systeme bestehen nicht aus Granit, sondern aus unserem eigenen Fleisch… Und wenn du es schaffst, wegzurennen. Was sind die Kosten? Was also ist das Ergebnis der Gleichung: Individuum minus Gesellschaft? Das ist es, wonach ich suche.“ (widergegeben von Sammann; ohne Hervorhebungen)

Unter Bezug auf Bildung ist Günday wichtig, den Wert der Treue als moralischen Leitfaden menschlichen Lebens zu erkennen. Gazâs Vater möchte nicht, dass sein Sohn sich zu stark auf die Schule konzentriert. Gazâ soll es als seine einzige Aufgabe ansehen, ihm (als Knecht) zu helfen (dienen):

„»Bitte, Papa, lass uns fortgehen!« Er [Vater] sah mir in die Augen. »Unser Job«, sagte er, »ist der Transport derer, die fortgehen. Nicht, selbst fortzugehen!« Es war, als sagte er, unser Job sei das Töten, nicht das Sterben …“ (78)

Zu viel Bildung könnte seinen Sohn dazu verführen fortzulaufen, ihn zu verlassen. Gazâs Vater unternimmt daher alles, was in seiner Macht steht, um die schulische Weiterentwicklung, die mit einem Wegzug Gazâs verbunden wäre, zu verhindern. Doch auch der Sohn stellt die Treue zu seinem Vater, das Beim-Vater-Bleiben, über seinen Wunsch nach schulischer Weiterbildung:

„Denn eigentlich waren Vater, ich und das Depot die Trinität höchstselbst!“ (134)

Cumas Tod ist zudem für Konstitution und Konstruktion des Romans essenziell. (Erst) Cumas Tod veranlasst den Helden, sich auf die Reise zu dessen Geburtsort zu machen. Das Leben als Odyssee:

„Ich übergab Cuma, den ich seit dem Tag, da ich ihm das Leben genommen hatte, in mir trug, seinem Zuhause.“ (477)

Krauss und Günday kamen überein, das Ende, den Romanschluss nicht zu verraten. Da dieser für die Erzählung jedoch essenziell ist, soll er hier ausgesprochen werden. Gazâs (Bildungs-)Reise endet mit seinem Tod. Der Tod steht am Anfang und am Ende der Geschichte. – Günday betont dies eindrucksvoll, indem er zuletzt, die Veranstaltung schließend, den Romanbeginn (auf Türkisch) vorliest, ihn wie Schauspiel aufführt:

„Wäre mein Vater kein Mörder gewesen, hätte ich nie das Licht der Welt erblickt. […]

Wäre mein Vater kein Mörder gewesen, hätte weder er mir diese Geschichte erzählt noch ich ihm gelauscht.“ (11 bzw. 12)

Das Dasein ist ein Vorlauf in den Tod (Heidegger): Nichts weiter.

Im Existenzial des Vorlaufens gründe alles Erzählen, Sein und Zeit:

„Du bist am Leben, weil du jede Sekunde stirbst. Das ist das ganze Geheimnis. Der Sinn deines Lebens lautet: Angst vor dem Tod!“ (139)

„Nun aber ist die Zeit gekommen, alles, woran ich mich erinnere, auf einmal zu erzählen und zu versiegeln. Denn nun ist Schluss! Nie wieder werde ich mich umdrehen und in die Vergangenheit zurückblicken. […] Vertilgen werde ich sie, indem ich erzähle. Anschließend kratze ich sie mir mit einem Zahnstocher aus den Zähnen und zermalme sie unter meinen Sohlen. Das ist die einzige Möglichkeit, nur mehr aus »Jetzt« zu bestehen. Sonst tut dieser Körper, in dem ich stecke, alles, um die Zeit aufzuhalten! Denn er weiß alles: dass er sterben wird, dass er verrotten wird …“ (17)

Kein Heiliger Gral in Sicht. Das Leben am Kandağı, Blutberg, (Ölberg, Schädelstätte des Geistes…) endet mit dem Tod des Vaters und dem Überleben Gazâs in einer Höhle (siehe Platons Höhlengleichnis) flankiert von Leichen. Die beiden Höhlen in Bamiyan, der Gegend, aus der Cuma stammt (s. 136f), in denen einst zwei riesige Buddha-Statuen standen,

„eine 53, die andere 35 Meter hoch“ (137)

sind leer. Die Taliban zerstörten sie in 2001. Gazâ wird von einem Taliban erschossen. Vergebung von Schuld und Auferstehung durch Gott sind für niemanden in Sicht, schon gar nicht für die, die auf der Flucht sind:

„Niemand will im Bus neben dir sitzen. Niemand will mit dir allein im Fahrstuhl fahren. Niemand wird den Gruß erwidern, den du mit diesem blöden, unausrottbaren Akzent aussprechen wirst. Niemand wird dich zum Nachbarn wollen. Niemand will, dass sein Kind mit d sich  für einem befreundet ist. Niemand will auch nur ein Fitzelchen über deine Religion hören oder gar sehen. Niemand will die üblen Gerüche deiner Speisen riechen. Niemand will, dass du Geld verdienst. Niemand will, dass du glücklicher bist oder länger lebst als er. Niemand will in einer Schlange hinter dir stehen. Niemand will, dass du da, wo du hingehst, deine Stimme abgibst. Niemand will mit dir schlafen. Niemand will dir in die Augen sehen. Niemand will dich als Mensch betrachten. Niemand wird deinen Namen wissen wollen.“ (79f)

Erzählen, um zu vergessen:

„Man musste vergessen, bis man spürte, dass man jeden Tag zum ersten Mal erlebte. Und brüllen: »In welcher Religion es kein Déjà-vu gibt, an die will ich glauben!« Und schweigen: Wo es keine Auferstehung gibt, da will ich sein…“ (82)

Nietzsche: „Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!“ (Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 125, KSA 3, 481, 15f)

Hakan Günday, geboren 1976 [auf Rhodos, wo er die ersten vier Jahre lebte], studierte Französisch in der Türkei und in Brüssel, anschließend Politikwissenschaften in Ankara. Diplomatensohn, Bestsellerautor, Drehbuchautor, Provokateur, Enfant terrible der jungen türkischen Literatur.“ (Im Original kein Fettdruck)

Fazit: Ein Roman, der sich zu lesen lohnt!! — Und das gewiss nicht wegen der Flüchtlingsproblematik, zumindest nicht ausschließlich…

(siehe auch: H. Günday zum Flüchtlingsdeal EU-Türkei)

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Salazars „Sprache des Terrors“ des IS

Frog1(Philippe-Joseph Salazar, »Kampf der Symbole«, Im Gespräch mit Elisabeth von Thadden, ZEIT, 1.9.2016, 37)

(Philippe-Joseph Salazar, Die Sprache des Terrors. Warum wir die Propaganda des IS verstehen müssen, um ihn bekämpfen zu können, München 2016)

Im Interview formuliert Philippe-Joseph Salazar sein Hauptanliegen, das Projekt der Aufklärung fortzusetzen, wie folgt:

„Wir füllen die Ideen der Aufklärung nicht mehr substantiell aus. […] Wir haben sie zu Managementvokabeln verkommen lassen. [… Das] heißt zuerst, dass gegenwärtig in einem Staat wie Frankreich die Aufklärung offenbar nicht mehr stattfinden soll. Wir Bürger werden nicht informiert. Die heiklen Quellen werden von uns ferngehalten, ob durch staatliche Zensurpolitik, Beschwichtigen der Medien [Lügenpresse…] oder die geheimdienstliche Auswahl von zugänglichen Informationen. Wir werden nicht ernst genommen. Aber wir sind der Souverän. Lesen wir endlich die Quellen des Gegners! Unsere französischen Schullehrer sind doch alle dafür ausgebildet, Texte zu analysieren: Warum machen wir die Texte und Videos des Kalifats nicht zur Schullektüre,

[statt den Schülern und Schülerinnen Islamunterricht durch Organisationen wie Ditib anzubieten, die das Geschäft des IS betreiben, indem sie Aussagen treffen wie: Es gibt nichts Schöneres als Märtyrer zu sein/werden!]

um sie zu entdämonisieren, zu falsifizieren, ihre Widersprüche, Irrtümer und Manipulationen aufzudecken? Das ist und bleibt die beste Waffe, über die wir verfügen: uns auf die Urteilskraft zu verlassen und sie in Anspruch zu nehmen. Die schlechtestmögliche Verteidigung des Landes hingegen besteht darin, die Bürger für dumm zu halten.“

Doch die Gutmensch-Eliten machen exakt dieses. Qua gegenseitige Selbstermächtigung und gegenseitiges Schulterklopfen dominieren sie (Funktionäre, Parteigänger und Sympathisanten von – in Deutschland – CDU, SPD, Die Linke, die Grünen; FAZ, SZ, ZEIT…) den öffentlichen Diskurs in Presse und Fernsehen. Sie bestimmen die Diskursregeln und tragen für deren Exekution Sorge. Daher ist es schwierig, ihnen, diesen manichäisch vor-eingestellten Bevormundern (Wir sind die Guten und ihr seid die schlechthin, scheiß Bösen. Seht es doch endlich ein und kuscht gefälligst!) nicht genehme Informationen überhaupt zu beschaffen. – Zum Glück gibt es ein noch (!) weit gehend nicht-domestiziertes Internet und ab und an Anti-Pauschalisten (wie Juli Zeh, Markus Lanz…). –
Zudem ist es schier unmöglich, sich in den Diskurs einzubringen, ohne a priori aus der Schlechtmensch-Perspektive heraus als zum kleinen, großen oder gar absoluten Arschloch auserkoren (gegen das als das höchste Gute – bonum, τἀγαθά (Platon) – a priori Vorgegebene uns ins Göttliche Entrückte: To άξιον εστί Willkommenskultur!, und zwar: Gemäß der Maxime: Kαθ᾽ ἑαυτόν „Keine Obergrenzen!“) an-argumentieren zu müssen.

Leider konnten sich die – insbesondere radikalenAufklärer (siehe Philipp Bloms großartiges Buch hierzu) nicht durchsetzen… Und nicht nur das: Die Aufklärung (qua perennierender Imperativ über alle Generationen hinweg) scheint obsolet.

Letztlich sind wir Zombie-Christen (Emmanuel Todd) in der Ambivalenz stehen geblieben: Da die Sklavenmoral des Christentums, in der wir sozialisiert wurden, in unserem Unbewussten weiterlebt (wie Todd am Fall Frankreich zeigt), sind wir immer noch höchst empfänglich für Unterwerfungsappelle. (In der Hinsicht stehen wir dem IS weit näher als all die Gutmenschen wahrhaben wollen.)

Also sprach (schon) Nietzsche (siehe Vorrede Zarathustra): Die Bereitschaft sich (unter dem Imperativ der Gutmenschen – welcher Couleur auch immer!) zu versklaven ist in unserm Zeitalter (noch? zu?) stark ausgeprägt; der Wille zur Gegenwehr ist schwach und wird diskursethisch (zu Tode) nihiliert.

Ein einziges Bild eines einzigen toten Buben (Ailan Kurdi) genügt —: Und schon verfängt die alles, in toto nihilierende Mitleidsethik (Schopenhauer contra Nietzsche).

Das ist der Vorlauf in den Tod des anderen, des Fremden – sei es anonym (à la Albert Camus) oder benamt (à la Kamel Daoud) – SOWIE des europäischen Menschen.

Ihr seid Verächter EURER Freiheit! Ihr, die ihr da ruft:

Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!
Halleluja / Halelu Yah / Alhamdulillah! (Psalm 118:26) –;

sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum —;
egal, ob auf Deutsch, Jüdisch oder Arabisch…;

und wer nicht mitmacht, für den gelte: Rübe ab! —: Sei es nun bloß im Diskurs, oder gar existenziell:
Das allein sei die zur Wahl stehende Differenz;

amen.

(siehe auch: J. Zeh zu Merkels ‚Wir schaffen das.‘)

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