Hakan Günday liest aus seinem Roman „Flucht“

Frog1(Hakan Günday, Flucht, München, 2016)

(HAKAN GÜNDAY – LESUNG, Depot, Programm-Vorankündigung)

(„Flucht“ von Hakan Günday, ttt, 4.9.2016)

(Luise Sammann, Als würde er seinen Ekel vor der Welt erbrechen, Deutschlandradio Kultur (online), 30.8.2016)

Am 20. September 2016 beantwortete Hakan Günday im „Theater im Depot“, Dortmund Fragen zu seinem 2013 auf Türkisch erschienenen achten Roman Daha und las daraus (zum Abschluss der Veranstaltung die Einleitungspassage) vor. Hannes Krauss stellte den Roman inhaltlich (verkürzt) vor und stellte die Expertenfragen an den Autor. Oliver Kontny las eine Passage (S. 77-82) auf Deutsch vor und übersetzte – wie stets – gekonnt souverän.

Gündays Antworten gingen kaum über das hinaus, was in einer ttt-Sendung in Interview-Einblendungen bereits gesagt hatte (Link s.o.) und die (z.T. zumindest) von Luise Sammann in ihrem Beitrag widergegeben sind (Link s.o.).

Im Folgenden ist der Ankündigungstext der Veranstaltung des Depots kommentiert widergegeben: (Doch: Der Roman ist in seiner Struktur so komplex gebaut, dass diese Kommentare zum Wesentlichen kaum vorzudringen vermögen…)

„Eine Veranstaltung der Reihe „Ausgebootet. Macht & Subversion in der Literatur“

[Inwiefern dies im Roman eine Rolle spielt, blieb unbeantwortet.]

und in Kooperation mit dem Interkulturellen Bildungszentrum e. V.

Gazâ

[„mein Name mag Gazâ sein, Glaubenskrieg …“ (16; im Original kein Fettdruck) Doch:

„Der Überlebenskampf des Guten gegen das Böse, der angeblich bis zur Apokalypse fortdauerte, war der größte Betrug an der Menschheit.“ (20) „Es ging darum, gehorsame Hunde gegen gehorsame Hunde aufzustacheln!“ (21)]

ist neun Jahre alt, als er vom Beruf seines Vaters erfährt:

[Besser: Von seinem Vater in dessen Schleusergeschäft als Hilfskraft eingespannt und eingearbeitet wird. Das Geschäft wird ihm bis dahin wohl nicht ganz verborgen geblieben sein:

„Als Mutter starb, war die Reihe an mir, in das freigewordene Netz zu gehen.“ (59)]

Ahad [daha, nur rückwärts gelesen (worauf Krauss mich aufmerksam machte)] ist Schleuser und Menschenhändler[,

„ein gnadenloser Mann“ (28)].

Und Gazâ wird ihm ein eifriger Schüler.

[Besser: Gazâ verrichtet Handlangerdienste:

„Vater hatte einen Lehrling gesucht. Einen Lehrling, der mit Haut und Haaren und Knochenmark ihm gehörte.“ (14)

Gazâ hat seine ihm vom Vater gestellten Aufträge abzuarbeiten. Denen kommt er jedoch nicht immer nach. Das erste, einschneidende (Schlüssel)-Erlebnis, auf das (auch) Günday in seiner Lesung zu sprechen kommt, ist der erste von Gazâ verursachte Tod:

„Weil ich die Lüftung nicht eingeschaltet hatte, erstickte ein Afghane. Er war 26 Jahre alt gewesen und hatte mir einen Frosch aus Papier gebastelt. Einen Frosch, der knüpfte, wenn ich ihn mit dem Finger antippte. Er hieß Cuma: Freitag. Nicht der Frosch, der Afghane. Jahre später erfuhr ich, dass auch dieser Robinson einen Freitag an seiner Seite hatte. Da er aber ein Romanheld war, galt er nicht als Cuma. Denn weder konnte er im Kasten eines Lkw tot aufgefunden werden noch einem Jungen, der ihn wie eine Schlange behandelte, einen Papierfrosch schenken!“ (34; im Original kein Fettdruck)

Dieses Ereignis sieht Günday als Doppelschock des jungen Helden an: Zum einen erkennt der Junge, dass sein Fehlverhalten den Tod eines Menschen bedingte, er also die Schuld eines Mörders auf sich geladen habe und diese von nun an mit sich tragen müsse. (In ihm wiederholt sich die Geschichte seines Vaters, der ja auch ein Mörder ist…) Zum anderen zeigt ihm die Reaktion seines Vaters, dass der Tod eines Menschen, dieses einen Flüchtlings, nicht sonderlich von Wert sei. Der Tote schmälere zwar den Mehr-Wert. – Im Original lautet der Titel des Romans ‚Daha‘ (Mehr):

Die Depotlinge „sagten stets: »Mehr!« […] Es ging dabei aber nicht darum, dass [z.B.] zu wenig Wasser da war, sondern darum, dass sich mein Gewinn minderte. Ich hatte begonnen, das Wasser, das wir normalerweise gratis austeilten, zu verkaufen. Selbstverständlich ohne Vaters Wissen. Immerhin war ich mittlerweile zehn Jahre alt.“ (22f) —

Doch sei der Verlust eines Stücks Ware Fleisch nicht erheblich. —

„alles, wirklich alles [wurde] zum Stückpreis berechnet“ (27) —

Der Verlust könne aus der Portokasse bezahlt werden. Günday betont ausdrücklich: Die Summe sei so gering gewesen, dass der Vater sie aus seinem Portmonee herausnehmen konnte. Er hätte nicht mal zur Bank gehen müssen. So wenig sei das Leben eines Depotlings wert.

Günday betont zudem, dass es ihm beim Schreiben vor allem auf diese persönlichen Erfahrungen (am liebsten von Kindern) und deren Umsetzung in eine Erzählung angekommen sei.

Denken, so Günday, heißt Schreiben. Schreiben sei ein Prozess, der verhindere, dass man/frau sich gedanklich „wiederhole“: Es wäre sinnlos, ein und denselben Satz zu wiederholen und zu wiederholen und zu wiederholen…: Denken sei nur im Schreiben vollziehbar: In der Addition von Neuem.]

Gemeinsam nehmen sie die „Ware“ entgegen, lagern sie im „Depot“ im Garten zwischen

[Gazâs Aufgabe ist es dabei, die Flüchtlinge, die Ware transportfähig zu erhalten. Gazâ ist der Herr des Depots. Er übernimmt die Flüchtlinge und hat sie vollständig und lebend, körperlich unversehrt zu dem Zeitpunkt zu übergeben, an dem ihre Weiterreise (per LKW) ansteht:

„Die Anzahl der lebend angelieferten Menschen musste mit der abgelieferten übereinstimmen.“ (21)

„Für die Arbeit, die ich [hierzu] verrichtete, brauchte ich allerdings keine geistige Gesundheit. […] Ich reinigte die Kloake! [„die Kloake des Dienstleistungssektors“ (77)] Und war das nun einmal mein Job, dann sollte ich der Gott der Kloake sein! Und er wurde ich.“ (82; im Original kein Fettdruck)

Wie Gazâ mit den Flüchtlingen umgeht, was er mit ihnen anstellt, so er sie denn am Leben lässt, interessiert Gazâs Vater (und Herrn) nicht. Denn Richtschnur allen Handelns ist allein:

„Die einzig wahre Lebenslehre: Überlebe!“ (13)]

und transportieren sie dann weiter zur Ägäisküste. Je älter Gazâ wird, umso professioneller geht er vor. Er führt Statistiken, dokumentiert akribisch das Verhalten der Flüchtlinge und stellt anthropologische Studien [zur „Macht der Macht“ (151)] an.

[Dafür nicht das Leben leben zu können, das er gern möchte, beginnt Gazâ die Depotlinge zu hassen:

„Aber erdreiste dich nicht, mein Leben kaputtzumachen, nur weil du ans andere Ende der Welt willst!“ (79)]

Gazâs Schicksal scheint sich erst zu wenden, als es zu einem Unfall kommt, bei dem sein Vater stirbt. Tagelang begraben unter einem Berg von Leichen überlebt Gazâ und flieht nach Istanbul. Er will Anthropologie studieren. Doch auf einmal bricht das Trauma auf. Gazâ ist außerstande, Menschen zu berühren. Nur allein oder in der Masse fühlt er sich noch sicher. Gelingt ein Leben ohne die Begegnung von Mensch zu Mensch?

[Günday stimmt Krauss darin zu, dass dieser Roman u.a. als Bildungsroman gelesen werden könne. Bildung dürfe hierbei aber nicht als auf Schulbildung restringierter Begriff verstanden werden. Gazâ wird als intelligenter, wissensdurstiger Junge vorgestellt, auch als Schachmeister. Gerade dieses Spiel scheint ihn zu faszinieren. (Jeder Zug eröffnet ja nur eine regelbestimmte, begrenzte Möglichkeitspalette an Reaktionen, die unter Hinsicht auf den Gewinn des Spiels mehr oder weniger sinnvoll sind.)

Günday betont, dass ihm Mathematik, mathematische Gleichungssysteme wichtig seien:

„Alles war Mathematik. Eine bloße Subtraktionsaufgabe.“ (100) —:

„Der Unterschied zwischen Ost und West ist die Türkei. Ich weiß nicht, welches man von welchem abstrahiert, so dass die Türkei dabei herauskommt, aber der Abstand zwischen beiden beträgt so viel wie die Türkei, da bin ich mir sicher.“ (19) —

Im Gespräch erwähnt er die recht einfach zu verstehenden, mit Pfeilen symbolisierten Relationen zwischen Waffengeschäft, Waffenexport aus dem Westen in den Nahen Osten und den kriegsbedingten Migrationsströmen als Gegenbewegung aus dem Nahen Osten in den Westen. Auf Nachfrage bejaht Günday, dass er ggf. Determinist sei. Günday:

Mich beschäftigt eine einfache Frage: Kann ein Individuum aus der Zelle, in der es steckt – sei es die Familie, ein religiöser Orden, die Armee, irgendein geschlossenes System eben… Kann man daraus ausbrechen? Und wenn ja, wie? Denn die dicksten Wände dieser Systeme bestehen nicht aus Granit, sondern aus unserem eigenen Fleisch… Und wenn du es schaffst, wegzurennen. Was sind die Kosten? Was also ist das Ergebnis der Gleichung: Individuum minus Gesellschaft? Das ist es, wonach ich suche.“ (widergegeben von Sammann; ohne Hervorhebungen)

Unter Bezug auf Bildung ist Günday wichtig, den Wert der Treue als moralischen Leitfaden menschlichen Lebens zu erkennen. Gazâs Vater möchte nicht, dass sein Sohn sich zu stark auf die Schule konzentriert. Gazâ soll es als seine einzige Aufgabe ansehen, ihm (als Knecht) zu helfen (dienen):

„»Bitte, Papa, lass uns fortgehen!« Er [Vater] sah mir in die Augen. »Unser Job«, sagte er, »ist der Transport derer, die fortgehen. Nicht, selbst fortzugehen!« Es war, als sagte er, unser Job sei das Töten, nicht das Sterben …“ (78)

Zu viel Bildung könnte seinen Sohn dazu verführen fortzulaufen, ihn zu verlassen. Gazâs Vater unternimmt daher alles, was in seiner Macht steht, um die schulische Weiterentwicklung, die mit einem Wegzug Gazâs verbunden wäre, zu verhindern. Doch auch der Sohn stellt die Treue zu seinem Vater, das Beim-Vater-Bleiben, über seinen Wunsch nach schulischer Weiterbildung:

„Denn eigentlich waren Vater, ich und das Depot die Trinität höchstselbst!“ (134)

Cumas Tod ist zudem für Konstitution und Konstruktion des Romans essenziell. (Erst) Cumas Tod veranlasst den Helden, sich auf die Reise zu dessen Geburtsort zu machen. Das Leben als Odyssee:

„Ich übergab Cuma, den ich seit dem Tag, da ich ihm das Leben genommen hatte, in mir trug, seinem Zuhause.“ (477)

Krauss und Günday kamen überein, das Ende, den Romanschluss nicht zu verraten. Da dieser für die Erzählung jedoch essenziell ist, soll er hier ausgesprochen werden. Gazâs (Bildungs-)Reise endet mit seinem Tod. Der Tod steht am Anfang und am Ende der Geschichte. – Günday betont dies eindrucksvoll, indem er zuletzt, die Veranstaltung schließend, den Romanbeginn (auf Türkisch) vorliest, ihn wie Schauspiel aufführt:

„Wäre mein Vater kein Mörder gewesen, hätte ich nie das Licht der Welt erblickt. […]

Wäre mein Vater kein Mörder gewesen, hätte weder er mir diese Geschichte erzählt noch ich ihm gelauscht.“ (11 bzw. 12)

Das Dasein ist ein Vorlauf in den Tod (Heidegger): Nichts weiter.

Im Existenzial des Vorlaufens gründe alles Erzählen, Sein und Zeit:

„Du bist am Leben, weil du jede Sekunde stirbst. Das ist das ganze Geheimnis. Der Sinn deines Lebens lautet: Angst vor dem Tod!“ (139)

„Nun aber ist die Zeit gekommen, alles, woran ich mich erinnere, auf einmal zu erzählen und zu versiegeln. Denn nun ist Schluss! Nie wieder werde ich mich umdrehen und in die Vergangenheit zurückblicken. […] Vertilgen werde ich sie, indem ich erzähle. Anschließend kratze ich sie mir mit einem Zahnstocher aus den Zähnen und zermalme sie unter meinen Sohlen. Das ist die einzige Möglichkeit, nur mehr aus »Jetzt« zu bestehen. Sonst tut dieser Körper, in dem ich stecke, alles, um die Zeit aufzuhalten! Denn er weiß alles: dass er sterben wird, dass er verrotten wird …“ (17)

Kein Heiliger Gral in Sicht. Das Leben am Kandağı, Blutberg, (Ölberg, Schädelstätte des Geistes…) endet mit dem Tod des Vaters und dem Überleben Gazâs in einer Höhle (siehe Platons Höhlengleichnis) flankiert von Leichen. Die beiden Höhlen in Bamiyan, der Gegend, aus der Cuma stammt (s. 136f), in denen einst zwei riesige Buddha-Statuen standen,

„eine 53, die andere 35 Meter hoch“ (137)

sind leer. Die Taliban zerstörten sie in 2001. Gazâ wird von einem Taliban erschossen. Vergebung von Schuld und Auferstehung durch Gott sind für niemanden in Sicht, schon gar nicht für die, die auf der Flucht sind:

„Niemand will im Bus neben dir sitzen. Niemand will mit dir allein im Fahrstuhl fahren. Niemand wird den Gruß erwidern, den du mit diesem blöden, unausrottbaren Akzent aussprechen wirst. Niemand wird dich zum Nachbarn wollen. Niemand will, dass sein Kind mit d sich  für einem befreundet ist. Niemand will auch nur ein Fitzelchen über deine Religion hören oder gar sehen. Niemand will die üblen Gerüche deiner Speisen riechen. Niemand will, dass du Geld verdienst. Niemand will, dass du glücklicher bist oder länger lebst als er. Niemand will in einer Schlange hinter dir stehen. Niemand will, dass du da, wo du hingehst, deine Stimme abgibst. Niemand will mit dir schlafen. Niemand will dir in die Augen sehen. Niemand will dich als Mensch betrachten. Niemand wird deinen Namen wissen wollen.“ (79f)

Erzählen, um zu vergessen:

„Man musste vergessen, bis man spürte, dass man jeden Tag zum ersten Mal erlebte. Und brüllen: »In welcher Religion es kein Déjà-vu gibt, an die will ich glauben!« Und schweigen: Wo es keine Auferstehung gibt, da will ich sein…“ (82)

Nietzsche: „Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!“ (Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 125, KSA 3, 481, 15f)

Hakan Günday, geboren 1976 [auf Rhodos, wo er die ersten vier Jahre lebte], studierte Französisch in der Türkei und in Brüssel, anschließend Politikwissenschaften in Ankara. Diplomatensohn, Bestsellerautor, Drehbuchautor, Provokateur, Enfant terrible der jungen türkischen Literatur.“ (Im Original kein Fettdruck)

Fazit: Ein Roman, der sich zu lesen lohnt!! — Und das gewiss nicht wegen der Flüchtlingsproblematik, zumindest nicht ausschließlich…

(siehe auch: H. Günday zum Flüchtlingsdeal EU-Türkei)

Frog4

 

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