Merkels und de Maizières Schmusekurs mit Erdoğan

Frog1(Schmusekurs mit Erdogan: „Wir sollten aufhören, die Türkei zu kritisieren, monitor, 4.2.2016)

Danke für die klaren Worte, liebes Monitor-Team!!

Georg Restle, Moderator:

„Das Schweigen der deutschen Bundesregierung wird von der Türkei dabei [beim Krieg gegen die PKK] offenbar als Freibrief verstanden, als Freibrief für einen brutalen Krieg, als Freibrief aber auch für die Unterdrückung der Opposition im eigenen Land.“

Erdoğan am 12.1.2016 zur Petition von (ca. 1000) Intellektuellen gegen den Krieg und für den Frieden im eigenen Land:

„Wir stehen hier einem Verrat der sogenannten Wissenschaftler gegenüber, die ihr Gehalt mehrheitlich vom Staat erhalten und denen es, was ihre Lebensqualität angeht, besser geht als dem Durchschnittsbürger.“

Konsequenz: Sofortige (baş üstüne) Umsetzung durch Exekutive und Justiz: Einige Unterzeichner wurden verhaftet, einige entlassen…

Merkel äußerte sich zum Besuch und im Beisein von Ahmet Davutoğlu gut eine Woche später, am 22.1.2016 in Berlin:

„Das Gemeinsame hat heute in den Beratungen doch sehr stark auch überwogen.“

Thomas de Maizière wurde deutlicher:

„Alle, die uns jetzt sagen, man muss die Türkei von morgens bis abends kritisieren, denen rate ich mal, jetzt das nicht fortzusetzen. Wir haben einen Interessenausgleich [welch Euphemismus!] mit der Türkei vor uns. Wir haben Interessen. Die Türkei hat Interessen. Das ist ein wichtiger Punkt.“

„Aber die Türkei, wenn wir von ihr etwas wollen, wie dass sie die illegale Migration unterbindet, dann muss man auch Verständnis dafür haben, dass es dann im Wege des Interessenausgleichs [das scheint de Maizières Lieblingsfloskel zu werden…] auch Gegenleistungen gibt.“

Danke, dass Sie, Herr de Maizière, wenigstens zugeben, dass Sie ein Heuchler sind, während Ihre Chefin nur, äh, äh, drum ‚rum druckst…

Wie gut daher, dass Monitor im Beitrag nochmals die Rede von Merkel am 27.6.2013 einblendete. Damals sagte sie:

„Die Türkei ist ein wichtiger Partner. Doch unsere europäischen Werte der Demonstrationsfreiheit, der Meinungsfreiheit, der Rechtsstaatlichkeit, der Religionsfreiheit, die gelten immer, die sind nicht verhandelbar [nix Interessenausgleich!] für uns.“

Welch‘ Differenz!! Welch‘ Dreistigkeit!! Welch‘ Verlogenheit!! Welch‘ Verarsche!! Und von solch‘ Subjekten werden wir regiert… Zum Kotzen!!

Vielleicht liebt unser‘ Mutti Sultan Tayyip neuerdings ja deshalb so sehr, weil sie letztlich recht ähnlich tickt…: Das freilich wäre höchst fatal…

Arme Türkei!! Armes Deutschland!!

Read More

Vs. Hyperkritik und Hypermoral in der Flüchtlingsfrage

Frog1(Matthias Geis, Nach dem Tabu, ZEIT, 21.1.2016, 3)

(Jens Jessen, Das Flüchtlingsspiel, ZEIT, 28.1.2016, 40)

(Ijoma Mangold, Der Verlust der Mitte, ZEIT, 21.1.2016, 37f)

(Özlem Topçu, Wo sind ihre toten Kinder?, ZEIT, 21.1.2016, 7)

Diskursnorm: Die Gutmenschsicht der kulturalistischen Linken

Ijoma Mangold zeigt in seinem Aufsatz sehr schön, wie sich – am Beispiel Flüchtlingsthematik – der öffentliche Diskurs an der Norm der politischen Korrektheit – vorgegeben durch die kulturalistische Linke – ausrichtet(e). Durch die Ausrichtung an deren Norm gerieten/geraten alle davon abweichenden Meinungen pauschal unter Verdacht, rechts der Mitte, d.h. (mehr oder weniger) braun beheimatet zu sein. Die so – zumindest aus ihrer Sicht – Diffamierten ihrerseits unterstell(t)en (dann) der Gegenseite, verlogen zu sein. Sie sehen sich als (z.B. Pegida) die wahren Bürger und titulier(t)en die, die die Diskurshoheit in Politik und (herkömmlichen) Medien besitzen als Lügenpresse. Wer dabei außen vor bleibt, sind die Flüchtlinge qua Dasein: Sie interessieren stattdessen nur als Vor– und Zuhandenheit (Heidegger), als Gegenstand eines Spiels (Jessen), eines Theaterstücks, einer Diskursinszenierung…

Mangold:

„Die kulturalistische Linke […] ist vor allem auf dem Feld der Identitätspolitik zugange. Jede ethnische, kulturelle oder sexuelle Differenz soll unter staatlichen Schutz gestellt werden […]. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass die neue Rechte auf demselben Feld, nur unter entgegengesetzten Vorzeichen, unterwegs ist und in den vergangenen Jahren am ehesten in der identitären Bewegung zugreifen war. Sie ist das Pendant zur kulturalistischen Linken. Wo die Linke die fremde Identität, das andere, die Abweichung vergötzt, berauscht sich die Rechte an der Norm des Eigenen.“ (37)

„Die kulturalistische Linke […] hat diskursstrategisch auf ganzer Linie gesiegt.“ „Tea Party plus religiöser Fundamentalismus auf der einen Seite, akademische Hyperkritik auf der anderen. Jetzt hat dieser Trend Deutschland erreicht.“ (37)

„In der Flüchtlingskrise […] wurde ethnisch-kulturelle Diversität zur neuen Norm erhoben, die per se wünschenswert sei und keiner demokratischen Billigung bedürfe.“ (37)

Doch der Diskurs ist nicht als Kampf zwischen zwei festen Blöcken arrangiert. Frontenwechsel (nach rechts) sind möglich. Denn anders als im Diskurs ist das Wahlvolk (noch) nicht politisch korrekt ein-normiert, gleichgeschaltet. Populismus lautet der Vorwurf der politisch Korrekten, der kulturalistischen Linken.

Geis:

„die Trennlinie zwischen verantwortungsvollen Demokraten und skrupellosten Populisten verläuft nicht ganz so säuberlich, wie es manchmal scheint. […] Horst Seehofer inszeniert sich seit Monaten als Kritiker einer Politik, die er als CSU-Vorsitzender mitverantwortet. […] Dass nicht erst die AfD Populismus in die deutsche Politik bringt, demonstriert auch SPD-Chef Sigmar Gabriel. Das Publikum mit scharfen Sprüchen bei der Stange zu halten hat bei ihm Methode.“ (3; im Original keine Hervorhebungen)

Ein (diskurstranszendentes) Ereignis dann reicht/wirkt als (Paradigma eines) Gegenbeweis(es),

„Und dann kam Köln. Aller Überschwang des Sommers rächte sich. Das Pendel schlug auf erschreckende Weise zurück – und zwar weit nach rechts. Die [/] schlimmsten Demagogen wie Björn Höcke haben nun Oberwasser. Eine Mitte, die gleich weit entfernt ist von Diversity-Rhetorik wie von xenophobem Hass, muss ich erst wieder neu konstituieren.“ (37f; im Original nichts hervorgehoben)

… doch nicht aus Sicht der dialektisch Geschulten:

Es scheint, als ob „politische Korrektheit […] nur um den Preis des Wirklichkeitsverlusts zu haben [sei]. Wer über die kulturell-religiöse Herkunft der Täter spreche, so war vielerorts zu lesen, instrumentalisiere das Leid der Opfer, der Frauen – und verhalte sich mithin typisch patriarchal.“ (38)

Die Macht des Faktischen

Die Technik der Verblendung der Realität durch die Kulturindustrie, die public intellectuals, versagt gegenüber der Macht des Faktischen (u.a. manifestiert in der ständig immer noch steigenden Zahl an Migranten; im Problem der begrenzten Kapazitäten in der Unterbringung, in der Integration, etc.). Der Wille zur Macht über den Diskurs, das Gerede, ist das eine, die Macht des Faktischen das andere; und letztere wird die Politik bestimmen: Je mehr Flüchtlinge aufzunehmen sind, umso mehr wird Merkels Credo Wir schaffen das. zur Frage…

Jessen:

„Mag es auch noch viele Deutsche geben, die hilfsbereit und voller Erbarmen den Flüchtlingen gegenüberstehen – die Menge der Ablehnenden ist zu groß, um sie zu ignorieren oder durch Meinungsmacht von ihrer Einschätzung abzubringen. Die Politik muss mit ihnen rechnen.

Sie muss aber auch mit den Flüchtlingen rechnen, die schon da sind oder noch kommen werden und die man ebenfalls nicht ignorieren kann.“ (40)

Die Macht des Faktischen, so Jessen, ist sogar so stark, dass sie die das Politdiskurstheater als Ganzes, komplett zernichten könnte:

„Es geht um die Abwägung zwischen der Not der Flüchtlinge einerseits und der Furcht vor einer gefährlich gereizten deutschen Bevölkerung andererseits, die leicht zum Mob entgleisen und nicht nur die Flüchtlinge auch hierzulande bedrohen, sondern die hergebrachten Formen der Politik hinwegfegen könnte.“ (40)

Das ist Merkels Angst und Grund für ihre Anbiederung an Brandstifter Erdoğan

Die deutsche Regierung „wird zum Krieg in der Türkei weiter schweigen. Die Bundeskanzlerin braucht Erdoğan, damit nicht noch mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen.“ (7)

Frog4

Zum Symmetrieprinzip (Todd)

Frog1

„Eines der wirksamsten Instrumente der wissenschaftlichen Forschung ist das Symmetrieprinzip. Stabile Systeme weisen fast immer Gleichgewichte auf, bei denen sich Kräfte und Formen gegenüberstehen, Elemente einer umfassenden Struktur, in der eine Abweichung in Richtung «A» unweigerlich in einer anderen, in Gegenrichtung «minus A» verlaufenden ihre symmetrische Entsprechung findet.“ (E. Todd, Wer ist Charlie?, 123)

Frog4

Emmanuel Todd: Frankreichs/Europas Verrat des Egalitätsprinzips

Frog1(Emmanuel Todd, Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens, Aus dem Französischen von Enrico Heinemann, München, 2016, C.H.Beck 6224)

Anlass/Ausgangspunkt des jüngsten Buchs von Emmanuel Todd ist der Protestmarsch vom 11.1.2015 anlässlich des einige Tage zuvor erfolgten Anschlags auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo (am 7.1.2015):

„Wir müssen wissen, welche Art Gesellschaft es vermochte, 3 bis 4 Millionen Menschen auf die Straßen zu bringen, um Solidarität mit einer Zeitschrift zu zeigen, die mit einer Mohammed-Karikatur identifiziert wird und sich auf die Thematisierung einer Minderheitsreligion spezialisiert hat“. (28)

„Millionen Franzosen drängte es auf die Straßen, um das Recht, auf die Religion der Schwachen zu spucken, als das vordringliche Bedürfnis ihrer Gesellschaft zu definieren.“ (70) „Charlie [… setze] die nationale Identität Frankreichs mit dem Recht auf blasphemische Äußerungen über Mohammed gleich[…]“. (166)

Grundlegend für Todd ist die Differenz der Ideale von Einheit vs. Gleichheit: Diese waren in der Französischen Revolution, in der Idee der (ersten) Republik gleichwertig/-rangig, entwickelten sich aber in der Folgezeit auseinander.

Dystopie:

„Frankreich […] Ist auf dem besten Weg, zu einem oligarchischen System zu mutieren.“ (111) Es „bildet sich eine Massenoligarchie heraus, die sich durch ein gehobenes Bildungsniveau und akzeptable Einkommen auszeichnet. Diese besitzt das Land, zwingt ihm seine Werte und seine Träume auf“. (111)

Kap. 1: Eine religiöse Krise

  1. Die Französische Revolution als ἐποχή: Die Ablösung des christlich determinierten Ungleichheitsparadigmas

Das „Fernziel [des christlichen Paradieses – exklusiv für Gläubige! – verwandelte sich] 1789 in die Forderung nach Freiheit und Gleichheit schon im Hier und Jetzt des irdischen Lebens.“ (35)

Folge:

Die „Entchristianisierung“, die „im 18. Jahrhundert im Zentrum der egalitären Systeme des Pariser Beckens und der Mittelmeerküste ein[setzte].“ (44)

Todd unterscheidet zwischen zwei Formen des christlichen Ungleichpostulats: Protestantismus vs. Katholizismus:

  1. Die „Lutherische Prädestinationslehre betonte insofern die Ungleichheit der Menschen, als sie schon vor ihrer Geburt durch ein unwiderrufliches Urteil des Allmächtigen für das Heil auserwählt oder von ausgeschlossen wurden.“ (35)
  2. „Die katholische Kirche, ist der Tradition [nach…] universell, was schon in ihrem Namen – katholikós für »allumfassend« oder »universell« – zum Ausdruck kommt.“ (37)

Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie“ (42)

„Diesen Gegensatz [zwischen Gleichheit und Ungleichheit] gab es aufgrund unterschiedlicher Familienstrukturen schon seit Ende des Mittelalters.“ (42)

  1. Im Zentrum „überwog traditionell eine bäuerliche Familienstruktur mit egalitärer Ausrichtung.“ (43)
  2. „Dagegen war im peripheren Frankreich die Familienstruktur aus verschiedenen Gründen nicht egalitär ausgerichtet. Eine echte Vorliebe für die Ungleichbehandlung zeigte sich allerdings nur in den Landstrichen, die das Recht der Erstgeburt praktizierten“. (43)

Vom einzigen Gott zur einzigen Währung“ (46)

  • Verlust und Leere

„Der endgültige Untergang der Kirche hinterließ im Leben des weltlich orientierten Franzosen eine Leere.“ (56)

  • Die Währungsutopie als Einheits- und zugleich Ungleichheitsutopie

Feindbild Euro

„Vor etwas mehr als 20 Jahren versetzte der Vertrag von Maastricht den Großteil Westeuropas in den Traum von der Einheit per Gemeinschaftswährung.“ (46)

„Der Rückzug der Religion [führte] zur Annahme einer Ersatzideologie, in dem Fall zur Schaffung eines monetären Idols, das man […] gleichermaßen Euro wie Goldenes Kalb nennen könnte.“ (49)

„Die Währungsutopie war eine sozialistische Idee, der sich die Rechte mit unterschiedlicher Begeisterung dann anschloss. (50)

„Auf den einzigen Gott und sein Paradies folgten die Einheitswährung und ihr Europa“. (54)

„Ohne Ausstieg aus dem Euro ist keine Wirtschaftspolitik möglich, welche die Arbeitslosigkeit senkt und die Lage der wirtschaftlich Schwächsten verbessert, der Jungen in der Gesellschaft mit muslimischen Wurzeln oder ohne.“ (187)

  • „Das zombie-katholische Frankreich“ (57) auf der Suche nach einem neuen Gegner

„Seit Anfang der 1990er Jahre tritt das Grundproblem des Unglaubens ans Licht.“ (57)

Nach dem Wegfall der christlichen Geistlichkeit als Gegner „gleitet“ das „zombie-katholische Frankreich […] übergangslos in die endlose Leere einer gottlosen, atheistischen Welt ab.“ (57)

Doch Hilfe ist in Sicht: Auf „der Suche nach einem haltgebenden Gegner“ entdeckte „Frankreichs Bevölkerung“ den Islam als neue „Zielscheibe“. (57)

„Hypothese“/“Annahme“,

„dass das religiöse Frankreich, um sein seelisches Gleichgewicht wiederzuerlangen, einen Sündenbock benötigt, den es an die Stelle des ausgefallenen Katholizismus setzen kann.“ (58)

Kap. 2: Charlie – Soziologie der Jetztzeit

„Einer von zehn französischen Stadtbewohnern [„überwiegend die Mittelschicht“ (61)] identifizierte sich mit Charlie – eine beachtliche Größenordnung.“ (60)

Der Protest als Ereignis und Paradigma „eines Republikanismus der Ausgrenzung“ (80)

„Die sozialen Kräfte, die sich am 11. Januar zu Wort meldeten, sind dieselben, die auch dem Vertrag von Maastricht zum Durchbruch verhalfen. Die Empörung, die am 11. Januar über das Massaker an den Redakteuren von Charlie Hebdo losbrach, bedeutete keine Rückbesinnung auf die Werte der Republik, sondern vielmehr ein Wiederaufleben jener Koalition, die für deren Auflösung innerhalb einer neuen europäischen Ordnung gestimmt hatte.“ (65)

Die „neuen Anschauungen – die europäistischen wie die republikanischen aus jüngerer Zeit – [werden] von Schichten und Regionen getragen […], die dem Prinzip der Gleichheit am wenigsten oder überhaupt nicht anhängen.“ (66)

„Weit davon entfernt, Freiheit und Gleichheit zum Triumph zu verhelfen, endete Maastricht im Sieg der Ungleichheit unter der transzendenten Herrschaft der grausamen Göttin Währung.“ (68)

„Das Ideal, das zum Maastricht-Vertrag führte, das uns nach wie vor beherrscht und in den Werten Autorität und Ungleichheit ankert, ist tatsächlich eines der Hierarchie. Es speist sich eher aus dem Katholizismus und dem Geist des Vichy Regimes als aus dem der Französischen Revolution.“ (69)

Hypothesen:

  1. Es ist „schon heute zu prognostizieren, dass Charlie ein auf Autorität und Inegalität bedachtes Monster hervorbringen wird.“ (70f)

  2. Ohne Gegenintervention wird sich „der Neorepublikanismus ganz sicher als ein Neovichysmus erweisen.“

„So marschiert der Zombie-Katholizismus und nicht die Revolution in der ersten Reihe gegen den Islam.“ (71)

Analyse-Befund:

Zwei „Grundelemente“: Das französische Modell fußt auf einem der Staatsidee nach „aus der Vergangenheit kommenden liberalen und egalitären Überbau und einem die Gegenwart [die real existierenden Verhältnisse] prägenden autoritären und inegalitären mentalen Unterbau.“ (79)

„»Einhelligkeit der Mittelschicht«“ (83)

„die einzelnen Teile der Mittelschicht [… sind] gerade dabei, ihre endgültige ideologische und emotionale Fusion zu vollziehen. Sozialisten und Anhänger Sarkozys sowie Mélenchons marschierten gemeinsam, bekannten sich zu ein und demselben Sockel an Grundwerten“. (83)

„in einem Frankreich, das unter die Kontrolle einer zombie-katholischen Peripherie geraten ist, entwickelt sich ein Klima der religiösen Obsession […]: eine Islamfeindlichkeit in der ursprünglich christlichen Gesellschaft, ein Antisemitismus in der ursprünglich islamischen Gesellschaft.“ (89)

Kap. 3: Die unglückliche Gleichheit

„Der Niedergang Zentralfrankreichs und sein gegenwärtiger Pessimismus sind zu einem Teil auf dem Zusammenbruch der Kommunistischen Partei zurückzuführen.“ (99) „Ohne die[…] Krise des egalitären zentralen Frankreichs hätten die entgegengesetzten Werte der Peripherie niemals die Oberhand gewonnen.“ (99)

Anthropologie des Kapitalismus in der Krise

Historische Betrachtung:

„der Kapitalismus [bildete sich] frühzeitig in denjenigen Nationen heraus […], deren anthropologische Basis, wenn schon nicht inegalitär, so zumindest doch nicht egalitär ausgerichtet war. Dies gilt für die Gesamtheit der angloamerikanischen Welt.“ (100)

„Die zweite Welle des wirtschaftlichen Aufschwungs fand in Ländern der Stammfamilie – Deutschland, Schweden, Japan und Korea – statt, in denen die Familienstruktur die Prinzipien der Ungleichheit und der Autorität begünstigte.“ (100) „Auf Anhieb leuchtet ein, dass die Akzeptanz eines schon vorhandenen Prinzips der Unterschiede zwischen Brüdern, Menschen und Klassen die Differenzierung nach Funktionen in einer sich entwickelnden industriellen Welt erleichterte“. (101)

Hierarchisierung des Kontinents“ (102; im Original nicht hervorgehoben) – Deutschland als Hegemon

„In Europa bringt das inegalitäre und wirtschaftlich dominante germanische Zentrum die egalitäre Peripherie unter seine Kontrolle.“ (102) „Blickt man auf den europäischen Raum als Ganzes, so zeigt sich ein Zombie-Katholizismus, der den gesamten Kontinent überspannt und mit den dort jeweils vorherrschenden familiären Werten zusammenwirkt.“ (102) „Ihres Glaubens an Gott verlustig gegangen, brachte die katholische Kultur den Euro hervor.“ (103) „Europa […] ist […] ein hierarchisches System, das von einer Nation – Deutschland – dominiert wird, während sich die anderen in einer feinen Abstufung unterordnen, die von der freiwilligen Knechtschaft Frankreichs bis zur ganz einfachen Knechtschaft der Südländer reicht.“ (181)

Zombie-Protestantismus

„Finnland […] ist ein Musterbeispiel für den Zombie-Protestantismus.“ (166f)

Dem Zombie-Katholizismus ist „eine zweite, zombie-protestantische Konstellation weiter im Norden hinzu[zu]fügen, die ebenso inegalitär ausgerichtet ist, aber das islamophobe Gedankengut aktiver aufnimmt. Und dabei spielt das lutherische Deutschland eine ähnliche Rolle wie einst beim Vormarsch des Antisemitismus. In der Zombieform, in welcher der Protestantismus seinen eigenen Tod überlebt hat, wirkt ein Inegalitarismus nach, der vom Dogma der Prädestinationslehre herrührt.“ (109) „Im Deutschland der Zwischenkriegszeit verschafften die protestantischen Regionen des Nordens dem Nationalsozialismus die Masse seiner Wählerstimmen und die katholischen des Südens seine Führer, angefangen mit Hitler.“ (131)

Zombie-Islam

Todd postuliert in Analogie zur „Existenz eines Zombie-Katholizismus und Zombie-Protestantismus […] das Vorhandensein eines Zombie-Islam“. (168)

Detaillierte Ausführungen hierzu fehlen.

Statt Xenophobie Xenophilie

Es seien zwei miteinander konkurrierende, sich aber auch vereinende Xenophobien zu konstatieren: Die egalitäre und die hierarchisierende (104) „eine im Prinzip der Ungleichheit verankerte «differentialistische» und eine im Prinzip der Gleichheit wurzelnde «universalistische»“. (119) „Die differentialistische Motivation der Peripherie und die universalistische des Zentrums bringen im Zusammenwirken eine zwar gemischte, aber sehr gefährliche Form des Rassismus hervor.“ (139)

Die Xenophobie des Front National wurzele „auf egalitärem Boden“ und setze sich „in denjenigen Regionen fest[…], die einst die Französische Revolution getragen haben.“ (123)

Der Islam als Chance: Zur Wiederbelebung des Ideals der Egalität

Todd behauptet, dass der Islam republikanisch-egalistische Grundzüge aufweise. Zum Gleichheitspostulat des Islam merkt Todd an:

„Ein Islam der Gleichstellung zwischen den Geschlechtern existiert bereits und wird von 250 Millionen Indonesien praktiziert.“ (189)

Es sei „freudig anzuerkennen, dass es in der französischen Kultur, in unserem nationalen Wesen, inzwischen auch eine muslimische Provinz gibt. […] Der Islam als unsere neue Provinz glaubt an die Gleichheit – im Gegensatz zur Kirche, die auf einem hierarchischen Prinzip gründete, das in allen Punkten das Gegenteil des republikanischen Ideals war. Eine positive Integration des Islam würde die republikanische Kultur folglich eher stärken als ihren Zusammenbruch herbeiführen.“ (190)

Der Islam sei grundsätzlich integrations-/assimilationswillig:

„Little Italy oder Chniatown mögen die Illusion nähren, dass es solche [„kulturelle“] Inseln tatsächlich gibt, aber in Wahrheit sind sie nur Landepisten, geschützte Räume der Anpassung für die erste Generation der Ankömmlinge“. (117) „Dabei muss klar sein, dass die Assimilation dort, wo sie ausbleibt, stets an der Aufnahmegesellschaft und niemals an der Gruppe der Zugewanderten scheitert: Dass diese die Assimilation verweigern, ist eher unwahrscheinlich“. (117)

Das gilt wohl nur für den Zombie-Islam…

Frog4

Nazım Hikmets 114. Geburtstag, Veranstaltung in Essen, 31.1.2016

Frog1(Kılıçdaroğlu Nazım Hikmet’e geliyor, muhabirce.de, 27.1.2016)

Nazım Hikmet Vakfı ile CHP Köln Derneği Gençlik Kolları 31 Ocak 2016 (Pazar) tarihinde Essen Grugahalle, Nazım Hikmet Kültür Etkinliği düzenliyor.

Kemal Kılıçdaroğlu katılacak

Nazım Hikmet’in 114. doğum günü

Auf der Bühne war auf der rechten Seite, von der die Vortragenden her aufmarschierten, Atatürk zu sehen. Doch ein Foto/Bild/Poster des Autors, dessen Geburtstag (15. Januar) gefeiert wurde, fehlte. Auch in den Reden waren der Dichter und sein Werk durchgängig nur Mittel zum Zweck. Eine literaturwissenschaftliche Würdigung fehlte, schien gar unerwünscht.

31 Ocak’ta Essen Grugahalle’de düzenlenen bir etkinlikle kutlanacak. CHP Genel Başkanı Kemal Kılıçdaroğlu

der die Chance nutzte, Lieblingsgegener Erdoğan als Dieb und Mörder zu beschimpfen, was vom Publikum begeistert aufgenommen wurde,

etkinliğe katılmak için cumartesi günü Almanya’ya geliyor.

Nicht nur, dass Nazım Hikmet von der CHP vereinnamt wurde, nein, der Parteivorsitzende reiste sogar eigens zur Begrüßungsansprache aus der Türkei an. Seine Rede wurde ihm von einem Lakeien vorweg aufs Pult gelegt und nach getaner Arbeit von diesem wieder eingesammlt und fortgetragen. Alle andern Redner mussten (wollten??) ihr auf Papier fixiertes Quakquak selbständig aus- und einpacken.

31 Ocak Pazar günü saat 14:00’te başlayacak olan etkinlik öncesinde ise CHP Genel Başkanı Kemal Kılıçdaroğlu, çeşitli STK’lar, inanç ve kanaat önderleri ve Alman siyasetçilerle biraraya gelecek.

Can Dündar’ın eşi imzaya katılacak

er selbst sitzt ja dank Erdoğan derzeit im Knast,

Saat 12:00 ila 14:00 arası imza etkinliği olacak. Zülfü Livaneli,

Leider sang er diesmal nur zwei, drei Lieder…

Tarık Akan, Rutkay Aziz, Ataol Behramoğlu, Nebil Özgentürk, Sunay Akın kitaplarını imzalarken,  Can Dündar

Von ihm wurde der Film Hikmets Kamera (Nâzım’ın Kamerası) gezeigt, der Filmausschnitte und Erinnerungen von Hikmets Lebensgefährtin Galina Grigoryevna Kolesnikova enthält. Das Filmmaterial selbst ist recht bekannt und auch der Film ist relativ leicht zugänglich. (Also nicht Neues.)

adına Dilek Dündar kitap imzalayacak

Zur Musik: Die Gruppe Kardeş Türküler (dt. „Lieder der Brüderlichkeit“) sorgte für das musikalische Programm (nach all den mehr oder weniger (partei-)politischen Redebeiträgen). Hervorragend. Leider aber wurde wieder mal Lautstärke mit Soundqualität gleichgesetzt…

Fazit:

Eine sehr merkwürdige Dichterfeier…

Atatürk war durchgängig zu sehen (und wurde immer wieder lobend erwähnt), die Redner wurden alle in Großformat gezeigt; doch weder die Musiker, noch der Dichter selbst (mit Ausnahme des gezeigten Films) waren auf der Leinwand präsent.

Immerhin: Knapp 7000 verkaufte Tickets. Keine einzige Kopftuchträgerin. Kaum AKP-Sympathisanten…

Frog4

Zur Pathologie Merkels und der Deutschen

Frog1

(Matthias Krupa und Bernd Ulrich, Wird sie springen?, ZEIT, 28.1.2016, 3)

(Anant Agarwala, Christian Bangel, Philip Faigle, Götz Hamann, Caterina Lobenstein und Felix Rohrbeck, Was kostet die Angst?, ZEIT, 28.1.2016, 19)

(Peter Kümmel, Ihr [Merkels] Moment der Wahrheit, ZEIT, 28.1.2016, 39)

(Matthias Geis, Nach dem Tabu, ZEIT, 21.1.2016, 3)

(Beeindruckt von deutscher Flüchtlingshilfe, KULTURZEIT, 27.1.2016)

Als Merkel sich – doch noch – auf ihre pastorale Herkunft besann, jubelte das Volk. Matthias Krupa und Bernd Ulrich erklären sich das so:

„»Du kriegst die Frau aus dem Pfarrhaus, aber du kriegst das Pfarrhaus nicht aus der Frau.« Jahrelang betreibt sie [Merkel] empathielose Realpolitik, lässt sich von darbenden griechischen Rentnern so wenig rühren wie von Ukrainern, die nach Waffen verlangen, und plötzlich, BAMM!, fängt sie unvermittelt an zu lächeln, macht Selfies mit Syrern und holt Millionen Flüchtlinge ins Land.

Plötzlicher Ausbruch angestauter Mitleidsgefühle – so etwa wird derzeit Angela Merkels merkwürdige Flüchtlingspolitik erklärt, die in Europa fast niemand mehr unterstützt. Und auch auf die Frage, warum das Land sich diesem Irrsinn zunächst völlig ergeben hat, gibt es eine psychoanalytische Antwort: Die an ihrer traumatischen Vergangenheit leidenden Deutschen wollten sich von ihrem Makel befreien und haben sich darum in eine völlig irrationale Willkommenskultur gestürzt. Gewissermaßen von Auschwitz direkt zum Münchner Hauptbahnhof.“

Merkel als Mäeutiker UND Mutti:

Merkel verhalf uns, den immer noch und immerzu (zumindest unterschwellig) in Selbstmitleid und -kasteiung gefangenen Deutschen, den in ihnen (allen und trotz allem) schlummernden Gutmenschen stellvertretend für sie – in ihrer Zwitterfunktion als zugleich vernünftig-aufklärerische Hebamme UND existenzial-fürsorgliche Mutti der Nation – hervorzukehren.

EXKURS: Dieses Moment der Ambivalenz/Zwitterhaftigkeit/Schizophrenie des Zugleichs von Gegensätzen zeigt sich auch in/an andern Hauptakteuren, z.B. Seehofer:

      „Im Grunde inszeniert Seehofer sich ganz offen als Doppelspieler zum Wohle des Volks: ein Mann, unabkömmlich zugleich in der Regierung und in der Opposition: brüderlicher Partner der Schwesterparteiführerin und deren präsentester Gegner.“ (ZEIT, 39)

Dankend nahmen die in ihrer Unmündigkeit Verharrenden (Angsthasen) das Geschenk an: Sich (dank Mutti) der Welt gegenüber als Volk von Gutmenschen a) zu sehen, b) zu feiern und c) feiern lassen zu dürfen.

Letzteres, die Bedeutung, nämlich: des Wohlgefühl-Effekts, des Sich-(von-andern-)feiern-Lassens wurde exemplarisch im Gedenken des 71. Jahrestags der Auschwitz-Befreiung (am 27.1.2016) klar, als die KZ-Überlebende Ruth Klüger an diesem Tag im Bundestag sagte:

„Deutschland, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich gewesen sei, habe heute [ab jetzt Zitat] „den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großzügigkeit, mit der Sie syrische und andere Flüchtlinge aufgenommen haben und noch aufnehmen““ (Kulturzeit)

UND just an dieser Stelle die Abgeordneten (sich selbst) spontan und doch verhalten applaudierten…

Wie das Kaninchen vor der Schlange…

Dass es mit dem altruistisch überzuckerten Selfie-Gepose (ach, was bin ich doch für ein Gutmensch) jedoch jederzeit/recht schnell zu Ende sein kann, zeigt die rasch und zunehmend wieder erstarkende (vs. nur kurz, von außen, fremd-überzuckerte) German Angst

„Aus einem zuversichtlichen Land ist fast über Nacht wieder eine verunsicherte Nation geworden.

Die Experten der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) sehen Anzeichen dafür, dass die »German Angst« zurückkehrt.“ (ZEIT, 19; im Original keine Hervorhebung)

– z.B in Gestalt der AfD: Schreckgespenst der etablierten, besser: sich als solche gerierenden (Gutmensch-)Parteien und in ihrer Wähler, sprich: aller sonstigen Gutmenschen. In der ZEIT vom 21.1.2016 hieß es beiläufig:

„Die AfD ist nur das sichtbarste Symptom einer sich verändernden gesellschaftlichen Stimmungslage.“ (Geis, 3)

Eine Woche später, am 28.1.2016 eröffnete die ZEIT ihre Ausgabe gar, die erste Seite lang unter Bild und Schlagzeile (obere Hälfte) mit nichts als zwei Texten (untere Hälfte) zu Pro und Contra AfD-Beteiligung in (TV-)Elefantenrunden.

Soll wohl heißen: Das ist es, was die Nation bewegt… Wirklich???

Frog4

Erdoğan, der Friedensfeind II

Frog1(Erdogans Hexenjagd auf die kurdische Kultur, ttt, 24.1.2016, KULTURZEIT, 27.1.2016)

Moderatorin Evelyn Fischer:

„Krieg gegen die Kurden, und Europa schaut weg.“

Leider!!

„Krieg im eigenen Land [Türkei]. Wir zeigen Ihnen Bilder, die derzeit sonst nicht zu sehen sind.“

Dank sei Hexenmeister Erdoğan !!

Im Video heißt es u.a.:

„Seit einem halben Jahr, seit Präsident Erdoğan die Friedensverhandlungen mit der PKK einseitig [!!] beendet hat, tobt Krieg in den kurdisch bewohnten Gebieten“ der Türkei.

Vielen herzlichen Dank für die klaren Worte!

Nicht nur Syrien, auch der Osten der Türkei versinkt in Menschenleben verachtendem Chaos. Ich fürchte nur, Merkel und Co. wird das nicht kitzeln. Denn für sie ist das Wichtigste, die Außengrenzen der EU dicht zu machen (um nach innen weiter heile, heile, gute Welt vorgaukeln zu können.) Zauberlehrling Merkel weiß, dass ihr politisches Überleben davon abhängt, Mitspieler außerhalb der EU zu finden, die die Drecksarbeit machen, die den Zufluss immer weiterer Flüchtlingspulks stoppen (wie auch immer), die die Bösen, den Hexenmeister mimen, damit ihr naiv-dümmliches Gutmensch-Zauber-Slogan-Gebräu (aus „Wir schaffen das!“ – WillkommenskulturIhr „Flüchtlinge“ kommet doch all !!! – Gesäusel) sich und damit sie selbst nicht zu sehr zersetzt…

Hier der Link zu Goethes (dank Merkel aus meiner Schulvergangenheit erinnerten, reanimierten) Gedicht Der Zauberlehrling… Und so jemand führt Europa: Armes Europa !!

Frog4

 

 

Erdoğan, der Friedensfeind I

Frog1(Akademiker wegen Friedensaufrufs festgenommen, ZEIT online, 15.1.2016)

(„Schlimmer als ein Albtraum“, ZEIT online, 10.10.2015)

(Kritik an Erdogan: Deutsche Wissenschaftler solidarisieren sich mit türkischen Intellektuellen, SPIEGEL online, 21.1.2016)

Einer der Staatsgründer Atatürk zugeschriebenen Sprüche, die in der Zeit vor und zu Erdoğan jedes Kind (und damit auch Erdoğan selbst) in der Türkei zu lernen hatte, lautet:

„Yurtta barış dünyada barış“ (Frieden im eigenen Land, Frieden in der Welt).

Doch damit scheint nun endgültig Schluss zu sein. Wie weit sich Erdoğan von Atatürks Ideal, das freilich kaum je für Minderheiten galt, entfernte, kann man/frau nicht zuletzt daran ablesen, wie er derzeit mit der Friedensbewegung à la Türkiye umspringt.

Fall 1:

Am 10. Oktober 2015 sprengten sich auf einer Friedenskundgebung in Ankara mit Wissen und unter Zuschauen der türkischen Geheimdienste zwei dem IS zugerechnete Selbstmordattentäter in die Luft. Kommentar der AKP-Führung: Man musste den Verdächtigen zusehen, konnte nicht eingreifen, solange sie kein Verbrechen verübten, ihre Bomben noch nicht zündeten. Immerhin: Mindestens ein weiteres canlı bomba wurde nach den ersten beiden (nun doch) vorsorglich erschossen, bevor er/sie sich ebenfalls als Bombe zünden konnte…

Merkel kommentierte damals (laut ZEIT online):

„Die Teilnehmer einer Kundgebung für Ausgleich und Gewaltlosigkeit anzugreifen, sei „ein gezielter Anschlag auf den Zusammenhalt der Gesellschaft“. Sie sei überzeugt, „dass die türkische Regierung und die gesamte türkische Gesellschaft in diesem Moment zusammenstehen und dem Terror eine Antwort der Geschlossenheit und der Demokratie entgegensetzen“, schrieb Merkel weiter.“

Fall 2:

Am 11. Januar 2016

„hatten mehr als 1.000 Akademiker – darunter auch der US-Amerikaner Noam Chomsky – einen Aufruf unterzeichnet, in dem der islamisch-konservativen Regierung eine „Vernichtungs- und Vertreibungspolitik“ im kurdisch geprägten Südosten der Türkei vorgeworfen wird. Die Unterzeichner forderten die Wiederaufnahme des Friedensprozesses mit den Kurden. Staatspräsident Erdoğan hatte die Intellektuellen daraufhin als „Bande, die sich selbst Akademiker nennt“, bezeichnet.“ (ZEIT; im Original keine Hervorhebung)

 

„Der Staatschef warf den Akademikern vor, die „Einheit der Nation“ zu bedrohen und „ihren Hass auf Werte und Geschichte der Türkei“ zu verbreiten. Mit ihrem „komfortablen Leben“ aufgrund des vom Staat gezahlten Gehalts sei es nun vorbei, sagte Erdogan.“ (SPIEGEL)

So also sieht aus, was Erdoğan unter üniter başkanlık sistemi versteht: 18 Widerspenstige wurden verhaftet, einige von den – AKP-gleichgeschalteten – Hochschulen bereits entlassen. Gegen etliche laufen Verfahren…

Doch: Deutsche (nur beamtete?) Wissenschaftler solidarisieren sich:

„Inzwischen haben sich deutsche Wissenschaftler in einer Online-Petition mit ihren Kollegen in der Türkei solidarisiert. Initiiert wurde die Aktion von der Frankfurter Professorin Christine Huth-Hildebrandt und dem Hildesheimer Professor Gazi Çaglar. Ihre Überschrift lautet: „Für eine friedliche Lösung des kurdischen Konflikts – keine Repression für die Akademikerinnen und Akademiker des Friedensaufrufs in der Türkei.“ Die Petition hat bereits rund 1800 Unterzeichner.“ (SPIEGEL; im Original keine Hervorhebungen)

Und was spricht Erdoğan-Fan Merkel diesmal?? –– Nichts. Sie übt sich: In (diplomatischem) Schweigen…

Wie sagte Heidegger so schön:

Das Nichts nichtet.

Könnte heißen: … alles, was war…: Merkel einst und jetzt.

Jetzt ahnt mir, was Heidegger meinte…

Frog4

Erdoğans Bezug auf Hitler als Paradigma in der ZEIT

Frog1(Erdoğan soll Regierungssystem von Hitler-Deutschland gelobt haben, ZEIT online, 1.1.2016)

(Erdoğan: Hitler Almanya’sında da üniter başkanlık sistemi var, CUMHURIYET online, 31.12.2015)

Nach der Rückkehr aus der Vorzeigedemokratie Saudi-Arabien (31.12.2015) begann Staatspräsident Erdoğan die Frage eines Journalisten nach einer Präsidialverfassung in der Türkei (in seinem Primitivtürkisch, yani) wie folgt zu beantworten:

„Es ist wahr. Dass es keine Einheits-/Präsidialsysteme gibt, stimmt nicht. Denn es gibt auf der Welt Beispiele dafür. Auch was die Vergangenheit betrifft gibt es Beispiele. Wenn Sie sich Hitler-Deutschland ansehen, werden Sie es sehen. Danach werden Sie auch in anderen Ländern dasselbe in weiteren Beispielen sehen.“

In der Schlagzeile auf ZEIT online liest sich das dann so:

Erdoğan soll Regierungssystem von Hitler-Deutschland gelobt haben

Der türkische Staatschef will die Türkei zu einem Präsidialsystem umbauen. Als positives Beispiel soll er die Regierung Hitlers angeführt haben. Sein Büro dementiert.

1. Januar 2016, 17:05 Uhr / Aktualisiert am 1. Januar 2016, 20:42 Uhr

Die Aussage Erdoğans wird in der ZEIT relativiert, abgeschwächt, in die Schwebe, in Frage gestellt, ja bewusst zu einer Pseudo-Aussage umgedeutet. Heißt wohl: Wenn man/frau schon nicht Erdoğans Gestottere selbst dementieren kann – es ist ja über das Internet zugänglich (wie schade, nicht wahr?) –, so soll zumindest die Botschaft, die all die Bösmenschen (die Erdoğan ja a priori immer nur Böses unterstellen/andichten wollen) darin lesen, als irreal ausgewiesen werden. Soll heißen: So soll es erscheinen, doch in Wahrheit ist es nicht so. Nein, nein. Nie und nimmer würde Erdoğan so etwas in den Sinn kommen…

Erst nach der als-ob-Meldung, der (vorgezogenen) Interpretation, wird auf das Ereignis selbst, den auslösenden Fakt, Bezug genommen:

Mit einem Verweis auf Hitler-Deutschland hat der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan sein Streben nach dem Ausbau seiner Machtbefugnisse verteidigt. „In einem Einheitssystem (wie in der Türkei) kann ein Präsidialsystem sehr gut bestehen. Es gibt aktuell Beispiele in der Welt und auch Beispiele in der Geschichte. Sie sehen das Beispiel dazu in Hitler-Deutschland“, sagte er am Donnerstagabend vor Journalisten, nachdem er von einer Reise nach Saudi-Arabien zurückgekehrt war.

Auch hier wieder die Relativierungstendenz: Kein Wort dazu, dass Erdoğan zuallererst und ausschließlich Hitler-Deutschland als konkretes Beispiel in den Sinn kommt. Auch durch Verschweigen kann man/frau sich der Gutmensch-Lügenpresse unterwerfen. Höchst verräterisch!!

Erdoğan will eine Verfassungsreform durchsetzen, um seine Position als Präsident zu stärken und die Türkei zu einem Präsidialsystem umzubauen. Dabei stellt er sich eine Rolle als Staatschef wie in den USA, Russland oder Frankreich vor.

Wie verniedlichend ist diese Interpretation des/der Journalisten. Reine Spekulation: Erdoğan wählt Hitler zum Vergleich. Schon vergessen? Von USA, Russland, Frankreich ist mit keinem Wort die Rede…

Erdoğans Büro teilte am Freitag mit, es komme für ihn nicht infrage, Hitler-Deutschland als gutes Beispiel für ein Präsidialsystem zu bezeichnen. Erdoğan war am Donnerstag von Reportern gefragt worden, ob der von ihm angestrebte Umbau der türkischen Verfassung mit mehr Macht für den Präsidenten innerhalb eines „Zentralstaates“ existieren könne.

Daraufhin hatte er gesagt: „Wenn Sie sich Hitlers Deutschland anschauen, können sie es sehen.“ Es sei eines von mehreren historischen Beispielen für ein funktionierendes Präsidialsystem. Sein Büro teilte nun mit, Erdoğan habe den Holocaust, Antisemitismus und Islamhass als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet. Er habe die Ära Hitlers als negatives Beispiel angeführt, um zu erklären, dass schlimme Herrschaft bei Missbrauch in allen politischen Systemen – ob parlamentarisch oder präsidial – auftreten und in Katastrophen enden könne. Es sei nicht hinnehmbar, das Statement des Präsidenten als positiven Verweis auf Hitler-Deutschland wiederzugeben.

Auch hier wieder: Die Aussagen werden unkommentiert stehen gelassen, statt deutlich zu machen, dass sich Erdoğan im Interview in seiner Bezugnahme auf Hitler von diesem nicht einmal andeutungsweise distanziert…

Trotz der absoluten Mehrheit seiner islamisch-konservativen AKP im Parlament fehlt der Partei aber die nötige verfassungsändernde Mehrheit. Die Oppositionsparteien lehnen das vorgeschlagene Präsidialsystem geschlossen ab, sie werfen Erdoğan schon jetzt ein Abgleiten in eine autoritäre Herrschaft vor. Sie fürchten, dass er sich mit der von ihm angestrebten Verfassungsänderung weitreichende Vollmachten sichern will.

Der deutsche Reichstag hatte im Frühjahr 1933 seine Gesetzgebungskompetenz auf den Reichskanzler Adolf Hitler übertragen und ihm zugleich das Recht eingeräumt, bei seinen Gesetzeserlassen die Verfassung zu missachten. Gut ein Jahr nach dieser Selbstentmachtung des Parlaments sicherte sich Hitler per Volksabstimmung auch das Amt des Reichspräsidenten.

Die Addition des letzten Abschnitts an den Artikel ist unverständlich. Denn es wird nicht gesagt, warum und wozu die Entwicklung in Deutschland von 1933 – als Parallele zur Jetztzeit in der Türkei – angehängt wird. Soll (auch) das suggerieren: Erdoğan ist ein Guter: Ein Demokrat?? Oder soll die Passage eher vor Erdoğan warnen?? Das bleibt offen, unentschieden, ambivalent (wie schon die Schlagzeile).

Vielleicht gar, könnte man/frau vermuten, zählt sich die ZEIT vorbehaltlos ins Gutmensch-Merkel-Lager: Ihr Flüchtlinge kommet, doch kommet nicht all !!!… Soll heißen: Seit und da Erdoğan neuerdings Flüchtlingsbegrenzungs-Liebling von Merkel, Juncker und Co. ist, müsse man/frau ihn gewähren lassen, sich in vorauseilendem Gehorsam unterwerfen… Lang lebe der erste des neu-türkischen (yeni Türkiye) Sultangeschlechts: Tayyip I…

Frog4

Gleichschaltung und Selbstzensur – Die Kölner Silvesternacht 2015/16 in der Presse

Frog1

(Selbstzensur oder politisches Kalkül?, Kulturzeit, 14.1.2016)

(Joumana Haddad, Mama, die Macho-Macherin, ZEIT, 14.1.2016, 5)

 

Selbstzensur aus Gutmenschenperspektive

Eingangstext zum Beitrag:

„Die Chaosnacht von Köln. Vier lange Tage dauert es, bis deutschlandweit öffentlich wird, was geschehen ist. Und noch immer ist vieles unklar. Zeitungen, Radio und Fernsehsender sprechen zunächst von Männern. Wer sich da am Kölner Bahnhof versammelt hat, dass es vor allem Migranten und auch Flüchtlinge sind, bleibt unerwähnt. Schon bald heißt es Zensur.“

So ist es. Nachweihnachtliche Stimmlosigkeit, – Gutmensch-Einlull-Stille:

Wir singen Leise rieselt der Schnee, die 2. Strophe bitte [auf Befehl von „oben“]:

In den Herzen ist’s warm

Still schweigt Kummer und Harm

Sorge des Lebens verhallt

Freue dich, Christkind kommt bald

Birgit Kelle, eine der ersten Journalistinnen, die regional wahrheitsgemäß berichtete:

„Ich glaube nicht daran, dass irgendjemand den Redaktionen verbietet zu berichten. Ich glaube eher, dass das eine Art Selbstzensur im Kopf schon ist.“

„Ich glaube, die [Nichtberichter/Falschmünzer] meinen ‘s eigentlich gut. Das Problem ist: Es ist aber eine Zensur von Nachrichten, die sie da machen. Sie sortieren quasi aus, was für ihre Leser oder was für ihre Zuschauer zumutbar ist und was nicht.“

Wo ist dann der Unterschied zur Nachrichtenpolitik à la Putin, Erdoğan, etc.??

Oh, ich vergaß: Letzterer ist ja seit neulich, hurra, vom Nichteuropäer zum EU-, Flüchtlings- und Merkel-Freund avanciert: Muss er doch in der Allianz der Willigen/Korrupten helfen, Muttis „Wir schaffen das!“-Großmäuligkeit nicht im Desaster, sprich ihrem Rücktritt enden lassen zu müssen.

Frank Schneider, BILD-Chefredakteur, vom allerersten Medium, das sich traute, überregional wahrheitsgemäß zu berichten:

„Man hat nicht nur verschwiegen, man hat noch bewusst das Gegenteil behauptet.“

„Politik ist nicht dafür da, Dinge zu vertuschen oder schönzureden, sondern dafür da, Probleme zu lösen.“

Schau mal an! BILD vorne weg: Als Aufklärer!!

Frank Überall, Journalismusverband-Vorsitzender, hingegen gibt sich immer noch als bedächtiger Gutmensch-Vereinseitiger:

„Es wurde manchmal natürlich auch abgewogen, will man das jetzt so in den Mittelpunkt stellen oder nicht, weil: Das kann in der Tat brandgefährlich sein.“

Horst Pöttker, Journalismusforscher:

„Man hat gemerkt, dass da eine große Unsicherheit war, was man eigentlich mitteilen soll und dass da einfach Barrieren waren, die was mit der politischen Situation zu tun haben.“

„Der Journalismus als Beruf zur Öffentlichkeit darf nicht davon ausgehen, dass er ein unmündiges Publikum hat, sonst wird er eben zur Volkspädagogik, zum Gesinnungsjournalismus. Das wollen wir eigentlich nicht.“

So ist es. Wie sagte Kant so schön: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

„Wenn wir die Vorstellung haben, die sind alle ganz lieb und das sind bessere Menschen: Das muss natürlich ins Gegenteil umschlagen, in dem Moment wenn sich herausstellt, dass es nicht bessere Menschen sind, sondern dass es Menschen sind mit Schwächen und Fehlern usw. Dann muss es ins Gegenteil umschlagen. Dann sind es plötzlich die ganz Bösen. Und ich glaube, wir brauchen eine kontinuierliche, wahrhaftige, offene Berichterstattung.“

Und dann: Gutmensch Antje Schrupp, als „Philosophin“ vorgestellt:

„Gerade aus Angst davor, die Rassisten sozusagen damit zu bedienen, scheut man sich natürlich, bestimmte Sachen zu sagen und ich auch.“

Was ist das für eine armselige Person, gar Philosophin, die so wenig elaboriert ihre Angst vor (statt Liebe zur) Wahrheit bekennt…

„Ich finde diese Scheu auch richtig, weil tatsächlich ich der Ansicht bin, dass Rassismus momentan ein größeres Problem ist für den Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft als sexuelle Übergriffe aus bestimmten migrantischen Zusammenhängen heraus.“

Tja, meine lieben Damen, die ihr angegrapscht und bestohlen wurdet: Ihr müsst euch getäuscht haben. Es waren bestimmt als Nordafrikaner verkleidete Deutsche. Oder wart ihr bereits so besoffen und unzurechnungsfähig, dass ihr das nicht (mehr) gemerkt habt?? Und selbst wenn es Migranten, gar Flüchtlinge gewesen waren/sein sollten: So ein bisschen Angebagger ist ja nun wahrlich nicht der Rede wert: Wir wollen doch schließlich alle nicht das Rassismus-Vorurteil bedienen, nicht wahr?? Also kuscht gefälligst, ihr hündisches kuffar-Pack!!

Zudem: Irgendwer sollte Philosophin Schrupp mal Nachhilfe geben und ihr das Symmetrieprinzip erklären. Sie scheint da echt Nachhilfebedarf zu haben…

(Nicht nur Frau Schrupp) sehr zu empfehlen in Sachen Symmetrie und Dialektik ist Joumana Haddads Volkspädagogik (Pöttker), in Imperativform formuliert:

„Anstatt eurer Tochter zu erzählen, dass sie Beute ist, versucht eurem Sohn zu sagen, dass er kein Jäger ist. Anstatt eure Tochter zu lehren, den Mund zu halten, versucht eurem Sohn beizubringen zuzuhören. Anstatt eurer Tochter zu verbieten, dieses T-Shirt zu tragen, macht eurem Sohn klar, dass dieses T-Shirt keine offene Einladung zum Sex ist. Anstatt eure Tochter zu zwingen, sich zu verhüllen, erklärt eurem Sohn, dass eine Frau mehr ist als ihr Körper. Anstatt eurer Tochter zu beweisen, dass Männer Feinde sind, beweist eurem Sohn, dass Frauen wertvolle Partner auf Augenhöhe sind. Anstatt eure Tochter in Angst vor Männern und euren Sohn zum Frauenverächter zu erziehen, versucht sie beide in Vertrauen, Wertschätzung und Liebe zueinander groß werden zu lassen.“

Ihr Wort in Gottes Ohr, liebe Frau Haddad.

So sei es!!

Frog4