Jim Al-Khalilis Zweiteiler „Alles und Nichts“ (als DVD)

Frog1(Wie aus Nichts Alles wurde (DVD), Grünwald, 2015)

(Stefan Gillessen, Vom ganz Großen und ganz Kleinen, 8.10.2015)

 

Die DVD enthält 2 Filme: „Alles“ und „Nichts“.

Durch beide Erzählungen führt der Physiker Jim Al-Khalili von der University of Surrey (England).

Alles

Der erste Film will eine Antwort auf das Olbersche Paradoxon geben, nämlich auf die Frage: Warum ist es nachts dunkel? (Wenn doch die Sterne alles hell erleuchten…)

Der Begriff Alles wird im Film also (nur) astronomisch gefasst: Auf das Universum bezogen.

Die Erzählung beginnt mitten in der Wissenschaftsgeschichte: 1573 gehen John Dees (1527-1608) Parallaticae commentationis praxeosque nucleus quidam und Thomas Digges’ (1546-1595) Alae seu scalae mathematicae in Druck. Das Revolutionäre ihrer Auffassung liegt darin, dass sie als erste das bisherige Paradigma eines statisch, schalenartig konstruierten Himmelsgewölbes als Illusion verwarfen und stattdessen das Universum als ein dynamisches Geschehen dachten, in dem die Fixsterne nicht auf einer äußeren Schale fest montiert sind. Denn nur so sei erklärbar, dass der Nachthimmel dunkel sei.

1923 dann entdeckte Edwin Hubble (1889-1953) einen Stern, den Cepheiden V1, der nicht Teil unserer Galaxie, der Milchstraße sein konnte, sondern einer weiter entfernten Galaxie zugehörig sein musste (dem Andromeda-Nebel). So musste auch die bis dahin vorherrschende Idee, dass es nur eine einzige, unsere Galaxie (die Milchstraße) gebe, verworfen werden.

Später, 1929, legt Hubble eine Abhandlung vor, in der er ausgehend von Vesto Sliphers (1875-1969) Entdeckung der spektralen Rotverschiebung u.a. „die Relation zwischen Geschwindigkeit der Galaxien und deren Entfernungen“ bestimmt und die Expansion des Universums aufzeigt.

Wenn sich aber das Universum ausdehnt, und zwar immer schneller ausdehnt, dann muss es ursprünglich (aus logischen Erwägungen heraus) sehr klein gewesen sein: Ein Nichts. Die Entstehung erfolgte – dem derzeit vorherrschenden Paradigma entsprechend – aus einem Urknall, der (so die Hochrechnungen) vor 13,7 Milliarden Jahren stattgefunden „hat“/haben soll.

Nichts

Der zweite Film beginnt da, wo der erste aufhörte: Mit der Behauptung, dass Alles aus Nichts entstanden sei. Beide Filme zusammen intendieren, eine Theorie von allem zu komponieren.

Der Film Nichts beginnt daher mit Überlegungen zum Begriff Leere. Während Aristoteles (noch) die Ansicht vertreten habe, dass die Natur Leere verabscheue (horror vacui), zeigten Physiker nach ihm, dass das Universum weitgehend leer ist, aber nicht völlig leer…

Ausgangspunkt des Films sind die Experimente von Evangelista Torricelli (1608-1647) und – im Film übergangen – Vincenzo Viviani (1622-1703), die einen leeren Raum, ein Vakuum erzeugten, indem sie ein Rohr, das an einer Seite geschlossen war, mit Quecksilber füllten und es dann kopfüber in ein Quecksilberbad stellten. Daraufhin sank die Quecksilbersäule, und ein Vakuum entstand. [Unerwähnt bleibt: Das Sinken der Quecksilbersäule auf denselben Stand trotz Verwendung unterschiedlich geformter Röhren legte sodann den Schluss nahe, dass die Kraft, die das Quecksilber am vollständigen Auslaufen hinderte, von außen kommen musste:] Die Quecksilbersäule im Rohr war ein Maß für das Gewicht der Atmosphäre. Torricelli und Viviani wiesen nach, dass Luft ein Gewicht hat.

Insbesondere Blaise Pascals (1623-1662) darauf aufbauende weitere Experimente zeigten, dass der Luftdruck mit zunehmender Höhe abnimmt: Die Erde ist von einer Atmosphäre umschlossen, die mit zunehmender Höhe schnell dünner wird.

Jim Al-Khalili kommentiert:

„Das Nichts ist überall; […] das Vakuum ist der Grundzustand der Natur.“

In der Folgezeit wurden die Eigenschaften des Nichts näher untersucht. Ein Experiment zeigte, dass das Läuten einer Klingel im Vakuum nicht zu hören, aber zu sehen ist. Dies führte zu der Annahme, dass ein Lichtäther existiere. Das sollte ein Medium geringster Dichte sein, das den Raum lückenlos fülle und es (überhaupt erst) ermögliche, dass sich Lichtwellen und andere elektromagnetische Wellen ähnlich ausbreiteten wie Schallwellen in Luft. Die Experimente von Albert Abraham Michelson (1852-1931) und E.W. Morley zur Bestimmung der Relativität der Lichtgeschwindigkeit falsifizierten jedoch die Unterstellung. Die Experimente zeigten statt Divergenz vielmehr Identität und legten so die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit nahe: Dass Licht immer mit identischer Geschwindigkeit unterwegs ist. Doch wenn dem so wäre, bräuchte Licht keinen Äther. Einstein erklärte 1905: Licht kann sich in einem komplett leeren Raum verbreiten.

Hinzu kommt, dass man in der Quantenwelt nie sicher sein kann, was passiert: Die Natur basiert auf Unwägbarkeit. In sehr kleinen Zeitintervallen in sehr kleinen Volumen im Vakuum könnten, so Heisenbergs Unschärferelation, Teilchen (Materie aus dem Nichts) sehr schnell entstehen, sofern sie auch sehr schnell wieder zerfielen. Ein Vakuum sei insofern voller Quantenfluktuationen; „es lebt“ (Al-Khalili).

In 1928 vereinte Paul Dirac Einsteins spezielle Relativitätstheorie mit den Gesetzen der Quantenmechanik. Er entdeckte, dass es im Vakuum nicht nur (virtuelle) Elektronen, sondern auch Anti-Elektronen geben müsse, die sich zu Energie annihilierten. Er erklärte, „wie Materie im Vakuum entstehen kann und sich ebenso schnell wieder auflöst.“ (Al-Khalili)

Der derzeit vorherrschenden Auffassung entsprechend ist das Universum aus einem Vakuum entstanden, das sehr schnell expandiert. Al-Khalili:

„Das heißt, dass die Gesetze der Quantenwelt mit zur Struktur des gesamten Kosmos beigetragen haben. […] Unser Universum ist eine Quantenwelt“.

Fazit:

Beide Filme zeichnen den Werdegang der Wissenschaft sowohl in Astronomie als auch in Vakuum-Forschung in sehr sehr groben Zügen nach. Insbesondere die mathematischen Bezüge sind leider (fast) komplett ausgeblendet. Formeln werden (z.B. im Fall Dirac, Einstein) zwar gezeigt, aber nicht ausführlich besprochen. Formeln und erst recht Zusammenhänge zwischen Formeln werden als so komplex angesehen, dass sie nicht besprochen werden.

Frog4

Donatella Di Cesare: Antisemitismus in der deutschen Philosophie (von Luther zu Hitler)

Frog1(Donatella Di Cesare, Heidegger, die Juden, die Shoah, Frankfurt a. M., 2016)

Im zweiten Kapitel (47-109) ihres höchst lesenswerten Buchs thematisiert Donatella Di Cesare Die Philosophie und der Hass gegen die Juden (nachdem sie im ersten Kapitel – mit Titel Zwischen Politik und Philosophie – zunächst auf die neuere Heidegger-Rezeption eingegangen war.

Es ist erschreckend, bei Di Cesare nochmals nachzulesen/nachlesen zu müssen, wie sich der Antisemitismus nicht nur in der christlichen Religion – gerade in der Reform-Bewegung von Luther, „der als erster die Zerstörung des Judentums gefordert hatte“ (47) –, sondern auch bei Kant und im Deutschen Idealismus (bei Fichte und Hegel) und seiner (Radikal-)Kritik durch Schopenhauer und Nietzsche breitmachte.

Bereits Luther sah die Juden als verlogen und als unbekehrbare „innere Feinde“ an, die zu vernichten seien. (50) Di Cesare zitiert: „das man ire Synagoga oder Schule mit feur anstecke“… (52) Aus heutiger Sicht liest sich das wie die Vorwegnahme der Reichskristallnacht.

Es sind insbesondere die folgenden Zuschreibungen, die immer wieder erhoben und miteinander verquickt werden:

  • Das Judentum als religiös verlogen
  • Das Judentum als Nicht-Religion

Den Vorwurf, dass die Juden Lügner seien, erhebten neben Luther auch Kant, Schopenhauer und Nietzsche. (53) Als Grundlage hierfür nennt Di Cesare die Behauptung (der Hebraisten), dass „das Judentum kein echter Glaube sei.“ (58) Auch Kant ist dieser Auffassung. Di Cesare zitiert:

Das „Judentum […] ist eigentlich gar keine Religion, sondern bloß Vereinigung einer Menge Menschen, die, da sie zu einem besondern Stamm gehörten, sich zu einem gemeinen Wesen unter bloß politischen Gesetzen, mithin nicht zu einer Kirche formten“. (Kant, Die Religion innerhalb…; nach 64)

  • Das Judentum als Staat im Staat / die Juden als politisch verlogen
  • Das Judentum als innerer Feind

Des Weiteren wird das Judentum als das gänzlich Fremde und daher als nicht integrierbarer Fremdkörper in der (werdenden) deutschen Nation stigmatisiert:

„Das Judentum, jene sonderbare, fremde Religion, wird – von Herder bis zu Fichte – zur Religion einer fremden Nation. Dem theologischen folgt unmittelbar das politische Stigma. Die Juden werden als ein Volk angesehen, das einem anderen Kontinent [dem Orient] entstammt.“ (59; im Original keine Hervorhebungen)

Die unterstellte politische Verlogenheit wird (jüngst) u.a.auch von Emmanuel Todd herausgearbeitet:

„Wenn der andere von Natur aus anders ist, kann seine Assimilation nur ein Täuschungsmanöver, ein Trick, eine Lüge oder der Versuch sein, sich in eine gesunde Kultur einzuschleichen, um sie von innen heraus zu verderben.“ (Wer ist Charlie?, Aus dem Französischen von Enrico Heinemann, München 2016, 88)

Dabei wird der sonst gern ins Spiel gebrachte Grundsatz ex oriente lux auf die Juden gerade nicht (vs. in dubio pro reo) angewandt.

Luthers Verdikt, dass die Juden innere Feinde seien, werde, so Di Cesare, von denjenigen (wieder) aufgegriffen, die auf die „kompromisslose Durchsetzung des deutschen Nationalismus“ drängten. (60) So insbesondere von Fichte, der die jüdische Nation als einen Staat im Staate betrachtet und „zum ersten Mal die Idee einer jüdischen Weltverschwörung angedeutet“ habe. (60)

Grundlage dieser Auffassung könnte folgender, von Kant vertretener Argumentationsstrang sein:

Das Judentum bilde, so Kant, die „unterste Stufe“ in der Hierarchie aller „historischen Religionen“. (62) Dabei sei das „Judentum […] eigentlich gar keine Religion, sondern […] ein bloß weltlicher Staat [… mit dem] politische[n] Glaube[n…], ihn [den Staat] (bei Ankunft des Messias) wohl einmal wiederherzustellen.“ (Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen…, 789f; nach 64)

Ausschlaggebend für die Negativwertung des Judentums ist demnach also die Unterstellung, dass die Juden eigentlich einen eigenen Staat wollten, dies aber verleugneten, indem sie nur so täten als ob sie Bürger des deutschen Staates seien. [Vgl. Dolchstoßlegende]

Fichte war wohl der erste, der dann das Ariertum als Gegenbegriff in den Diskurs über das Judentum einbrachte, indem er einen ursprünglich arischen Christus von einem abkünftig asiatischen unterschieden (61) und diese Differenz politisch gedeutet habe:

„Für die Deutschen beansprucht Fichte sowohl das Recht, das Erbe dieses ursprünglichen Christentums anzutreten, als auch die Aufgabe, es zu arisieren und in eine politische Mission zu übertragen.“ (61)

  • Die Juden als Volk von Betrügern
  • Die Juden als Volk unredlicher Kaufleute

Warum Kant bei Di Cesare erst nach Fichte untersucht wird, ist in ihrem Buch nicht näher ausgeführt.

Ein Aspekt, der von Anfang an mit virulent war, wird von Kant gar anthropologisch verankert: Für Kant sind die Juden „eine Nation von [moralisch betrachtet] Betrügern“: (Kant; nach 67)

„Die unter uns lebenden Palästinenser [!!] sind durch ihren Wuchergeist seit ihrem Exil, auch was die größte Menge betrifft, in den nicht unbegründeten Ruf des Betruges gekommen. [… Sie seien als] eine Nation von lauter Kaufleuten zu denken, deren bei weitem größter Teil […danach trachte, seinen] Verlust durch die Vorteile der Überlistung des Volks, unter dem sie [die Kaufleute] Schutz finden, und selbst ihrer untereinander, ersetzen [zu] wollen.“ (Kant, Anthropologie in pragmatischer…, 517f; nach 66f)

  • Das Judentum als perfide
  • Das Judentum als Sklavenmoral

Hegel thematisiert – ob bewusst oder unbewusst, bleibt offen – dieselben Vorurteile wie Fichte. Hegel zufolge

bringe der Jude „die Verheißung, versteht sie aber nicht. Er verrät sie sogar, indem er auf seinem Unglauben gegenüber dem Glauben beharrt, den er nicht anerkennen kann. Deshalb die Anschuldigung der Perfidie.“ (71; Hervorhebung im Original kursiv)

Das Judentum sei der Dialektik des Zu-sich-selbst-kommens des Geistes (d.h. in Freiheit) nicht fähig:

„Auf den drei Stufen, auf denen es [das jüdische Volk] sich allmählich bildet, Abrahams Schnitt, dem Exodus aus Ägypten, der Auferlegung des Gesetzes durch Moses, stellt sich seine Freiheit dreimal als Sklaverei heraus.“ Doch: „für ein Volk, das auch in dem Moment, in dem es frei wird, sich weiter als Sklave bestimmt, kann es keine Hoffnung geben.“ (77)

Das Judentum habe, so die Schlussfolgerung, vor dem τέλος der Geschichte kapituliert.

  • Das Judentum als Urgrund der christlichen Sklavenmoral
  • Die Juden als die Fälscher alles Natürlichen

Für den sich zum Antichrist gemauserten Pfarrerssohn Nietzsche ist das „Christentum […] eine Erfindung der Juden.“ (89) Nietzsche wende sich daher nicht nur gegen das Christentum, weil es Sklavenmoral predige, sondern auch gegen das Judentum als die Grundlage der christlichen Sklavenmoral. Er „bezichtigt [die Juden], ihn [Jesus] hervorgebracht zu haben.“ (89) Ähnlich wie für Hegel sind für Nietzsche, so suggeriert Di Cesare, die Juden „in der Geschichte die Gestalt der Entfremdung selbst.“ (91) Denn „ihr Geist [habe] sich zum starren priesterlichen Codex versteinert“: (91)

Im Antichrist schreibt Nietzsche:

„Die Juden sind das merkwürdigste Volk der Weltgeschichte, weil sie, vor die Frage von Sein und Nichtsein eingestellt, mit einer vollkommen unheimlichen Bewusstheit das Sein um jeden Preis vorgezogen haben: dieser Preis war die radikale Fälschung aller Natur, aller Natürlichkeit, aller Realität, der ganzen inneren Welt so gut als der äußeren.“ (Nietzsche, Der Antichrist, §24; nach 100)

Damit sind die Juden als widernatürlich gebrandmarkt. In Anschluss an Nietzsche sahen die Nazis es dann als ihre geschichtliche Aufgabe, die (vorgeblich von den Juden betriebene) Umwertung alles Natürlichen in Widernatürlichkeit radikal zurückgängig zu machen: Durch Auslöschung der Fälscher:

„Der Nationalsozialismus hat sich berufen gefühlt, die uralte Wertordnung wiederherzustellen: Hatte das Judentum, auch in seiner letzten Version, und zwar im Christentum, die Natur gefälscht und so eine extreme Entartung verursacht, so sei es nun nötig, zur Natur zurückzukehren, die Umwertung rückgängig zu machen und die Verantwortlichen, die Fälscher, auszulöschen.“ (101)

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Flüchtlinge als Chance??

Frog1(Ludger Wößmann, »Zwei Drittel können kaum lesen und schreiben«, Im Gespräch mit Jan-Martin Wiarda, ZEIT, 19.11.2015, 81)

Flüchtlinge als Chance?? – Ja, aber nur um dem Schwund in den Reihen der industriellen Reservearmee entgegenzuwirken… Damit der Agentur für Arbeit die Kunden ja nicht ausgehen…:

Ludger Wößmann, Leiter des Zentrums für Bildungsökonomik, München, stellt fest:

„Wir haben gerade erst für die OECD die Schulbildung in insgesamt 81 Ländern miteinander verglichen [… Daraus] ergibt sich ein niederschmetterndes Bild: In Syrien schaffen 65 Prozent der Schüler nicht den Sprung über das, was die OECD als Grundkompetenzen definiert […] Das heißt, dass zwei Drittel der Schüler in Syrien nur sehr eingeschränkt lesen und schreiben können, dass sie nur einfachste Rechenaufgaben lösen können“ (im Original keine Hervorhebung) und so „nach internationalen Bildungsstandards als funktionale Analphabeten gelten müssen“. (im Original keine Hervorhebung)

Das sei freilich kein neues Phänomen:

Schaut man sich ältere Zahlen der Bundesagentur für Arbeit an, zeigt sich, dass rund zwei Drittel der Asylbewerber aus Kriegsländern keine berufsqualifizierende Ausbildung haben.“ (im Original keine Hervorhebung)

„Für die über 25-Jährigen gilt […], dass rund zehn Prozent Akademiker sind. Und zwei Drittel keinen berufsqualifizierenden Abschluss haben.“ „Zu meinen, dass die erwachsenen Flüchtlinge bei uns den Fachkräftemangel lösen werden, halte ich nicht für realistisch.“ (im Original keine Hervorhebung)

Doch, liebe Gutmenschen, seien Sie beruhigt: Wößmann steht mit seiner Meinung völlig allein und hat ohnehin null Ahnung, und seine Zahlen sind absolut nichtssagend. Also: Weitermachen! „Wir schaffen das!“

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Am Strand von Stralsund

Frog1Stralsund, Mitte Dezember 2015

Als ich am 15.12. abends mit dem Zug im Bahnhof ankam, war es schon stockdunkel. Auf der Fahrt zum Hotel erzählte mir der Taxifahrer, dass es nach der Wende für ihn als Kind toll war, mit den andern Jungs und Mädels durch die verlassenen Häuser zu streichen und auf den Dachböden nach Schätzen zu wühlen. Es wäre gewesen, als ob die nur einmal, aber für immer Ausgereisten sich nur zu Kurzausflügen aufgemacht hätten oder spontan vereist, oder auch Hals über Kopf abgehauen wären, weil sie reichlich Brauchbares, ja, ihr komplettes Alltagsleben zurückließen.

Am nächsten Morgen konnte ich vom Bett aus durch die zwei abgeschrägten Dachfenster meines Zimmers im Rügenblick, 2. Obergeschoß, den Wolken verhangenen Himmel sehen und nach dem Aufstehen geradeaus auf die gegenüberliegenden Häuser. Gegen Mittag ging ich ans Meer hinunter und dann den Sandstrand entlang bis hin zum Hafen. Es waren nur wenige Leute unterwegs. Ein Mann kam mir entgegen, der rückwärts ging. Aus einem Beutel, den er bei sich trug, mit mehreren Litern Fassungsvermögen, wie mir schien, nahm er ab und an etwas heraus, das er an zwei Schwäne verfütterte, die ihn fest im Blick knapp hinter ihm her watschelten. Der eine, der sich näher am Wasser hielt, fraß ihm sogar aus der Hand. Wenig später sah ich eine junge Frau, vielleicht eine Studentin von der nahen Fachhochschule, mit ihrem Hund: Ein zotteliges Wirrwarr in Grau, mit einem Körper kaum größer als zwei ausgewachsene Ratten und einem Paar sehr freundlich-neugieriger Augen. Zum Leidwesen seiner Herrin fand mich der Hund, sobald ich in seinen Spielbezirk kam, wesentlich attraktiver als all die anderen Spuren, denen er zuvor kreuz und quer über den Strand hinterherschnüffelte, so dass sie ihn nach einiger Zeit, als alles Rufen nichts half, auflas und sich mit ihm im Arm in Gegenrichtung zum Wasser eilig davonmachte. Die einzige weitere Person, die mir begegnete, war eine ältere Dame, die mich mit schnellen, zielstrebigen Schritten überholte. Alle drei Personen waren eingemummelt wie in tiefem Winter, obwohl die Temperatur auf mich eher frühlingshaft wirkte.

Auf dem Weg zurück zum Hotel ging ich auf dem asphaltierten, durch Laternen hell ausgeleuchteten Weg, der parallel zum Strand vom Hafen weg bis ans Ende der Stadt verläuft. Diesmal waren vor allem Radfahrer unterwegs. Doch wie schon auf dem Hinweg: Gegrüßt hat keiner. Die Leute an der See scheinen zunächst recht einsilbig verschlossen, als ob sie Paul Dirac nacheiferten, von dem es hieß, er habe stets reiflichst überlegt, um, sofern es ihm überhaupt geboten schien, sich dann zum einen so präzise als möglich zu fassen und zum andern dabei nur so viele Wörter als unbedingt nötig aufzuwenden.

Am Hafen sah ich eine Schiffskarten-Verkaufsbude, die in großen Buchstaben Tagesausflüge nach Hiddensee anpries, aber jetzt im Winter geschlossen war. Da spätestens reifte in mir der Entschluss, Lutz Seilers Kruso zu kaufen und in der zweiten Nacht im Rügenblick und anschließend auf der Rückfahrt nach Köln, noch den Stralsunder Wind und das Meer in der Nase, auszulesen. Doch das Buch erwies sich als zu voluminös und gehaltvoll, um mit ihm so rasch zu Ende zu kommen…

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Henning Mankells Selbstverständnis als Erzähler

Frog1(Kirsten Jacobsen: Mankell über Mankell. Kurt Wallander und der Zustand der Welt, Aus dem Dänischen von Lutz Volke, München 2015, dtv 21599)

Anbei die für Henning Mankell wichtigsten Aspekte des Schreibens:

  1. Der Schriftsteller als Geschichten-/Parabelerzähler

Mankell sah und bezeichnete sich in Vorträgen und Lesungen zumeist “als storyteller”. (9)

In Jacobsens Buch sind vor allem die folgenden drei Erlebnisse aus Afrika widergegeben. Es scheint, dass ihn das Andere der afrikanischen Kultur (die interkulturelle Differenz) besonders prägte:

  • Lehrerzählung/Paradigma 1

Ein, wohl das prägendste Schlüsselerlebnis Mankells schildert Kirsten Jacobsen bereits zu Beginn ihres Buchs, in dem sie ihre Gespräche mit Mankell nachzeichnet, (als Parabel):

“Während des Bürgerkriegs hielt ich [Mankell] mich einmal im Norden von Mosambik auf, in der Provinz Cabo Delgado, an der Grenze Tansania. Eines Tages ging ich auf einen schmalen Pfad auf ein Dorf zu. Das Gebiet war zerstört, die Felder abgebrannt, alles um mich herum roch nach Tod und Verelendung und Leiden.

Plötzlich kam mir ein junger Afrikaner auf dem Pfad entgegen. Er war um die fünfzehn Jahre alt, sehr abgemagert und sicherlich ausgehungert. Er war in Lumpen gekleidet, und als ich auf seine Füße blickte, entdeckte ich etwas, was ich im Leben nie vergessen werde:

Er hatte sich Schuhe auf seine Füße gemalt.

Mit Hilfe von Kräutern und Erdfarben hatte er sich die Schuhe gemalt, die er nicht besaß. Ich dachte: Wie stark sind doch Wille und Kraft des Menschen, wenn es darum geht, seine Würde zu verteidigen, selbst in den schwärzesten Stunden äußerster Not. Das ist seine Art, Würde zu bewahren. Er tut es, indem er Schuhe auf seine Füße malt. Und indem er das tut, setzt er Hoffnung auf die Zukunft. Er ist ein Mann, der sich zur Wehr setzt, a man of resistance.

Ich weiß nicht, wie es weiterging mit dem jungen Mann. Ich kenne seinen Namen nicht. Er ist höchstwahrscheinlich gestorben. Für mich aber lebt er, und er hat mir eines der wichtigsten Dinge im Leben vor Augen geführt: Selbst im tiefsten Elend besitzen wir Menschen eine unglaubliche Kraft, die uns befähigt, unsere Würde zu verteidigen und Widerstand zu leisten.“ (10; im Original kein Fettdruck)

  • Lehrerzählung/Paradigma 2

„Einmal war ich [Mankell] gestolpert, hatte meinen Fuß verstaucht und hinkte. Ein paar Tage später setzte sich ein Vogel, dessen einer Flügel verletzt war, vor mir nieder, flog dann aber bald fort. Am nächsten Tag hinkte ich nicht mehr, die Schwellung und der Schmerz waren verschwunden. Die Afrikaner aber meinten, der Vogel hätte mein Hinken mit sich fort genommen.

Das machte mich zu einem man of witchcraft, und nun hatten Sie Angst vor mir. Denn ein schwarzer Medizinmann kann gefährlich sein, aber ein weißer Medizinmann ist gewiss doppelt so gefährlich!“ (125f)

  • Lehrerzählung/Paradigma 3

„Da saß ich [Mankell] nun auf der Bank vor dem Theater und hörte den alten Männern zu. Und ich fand schnell heraus, dass sie über einen Mann sprachen, der gerade gestorben war.

Einer von ihnen sagte: >Ja, ich habe ihn zu Hause besucht, und er fing an, mir eine wunderbare Geschichte aus seiner Kindheit zu erzählen. Das war eine sehr lange Geschichte, und es war schon spät, sodass wir uns darauf verständigt haben, dass er sie am nächsten Tag zu Ende erzählt. Am nächsten Tag jedoch war er tot.<

Es trat eine Stille ein, und ich beschloss, die Bank nicht zu verlassen, bevor ich den Kommentar des anderen Alten gehört hatte. Er kam nach einer Weile. Er sagte: >Zu sterben, bevor man seine Geschichte zu Ende erzählt hat, ist keine gute Art, eine Geschichte zu erzählen.<“ (94f)

„Genau das sind wir: Geschichten erzählende und Geschichten empfangende Lebewesen. Das trifft nicht nur auf Leute wie mich zu, auf die Schriftsteller, das trifft auf alle zu. Alle haben eine Geschichte zu erzählen …“ (95)

2. Vorbilder der Moderne

„ich war also sechs, sieben oder acht Jahre alt und in der Lage Der alte Mann und das Meer zu lesen, von dem ich vielleicht ein Viertel Verstand. Der alte Fischer Santiago wurde mein Freund. Er lud mich ein, neben ihm im Boot zu sitzen. Vor ihm war es Robinson Crusoe – der beste Roman, der jemals geschrieben wurde.“ (209; Fettdruck im Original kursiv)

3. Vorbild der Antike: Die griechische Tragödie

„die griechische Tragödie [war] ein Porträt der Gesellschaft“. (45)

„Allen Künstlern geht es wurde Johann Sebastian Bach: Wir variieren immer das gleiche Thema, wieder und wieder und wieder. Als Schriftsteller verfügt man vielleicht über drei, vier, fünf Geschichten oder Grundkonflikte, wie man unendlich variiert. Wenn wir uns die klassischen griechischen Dramen ansehen, so finden wir diese Tendenz bereits dort. Ein gewisser Typus von Konflikt wird variiert.“ (81; im Original keine Hervorhebung)

„das klassische griechische Drama handelt in der Hauptsache von Rache. Die Rache der Götter an Menschen, der Menschen Rache an Menschen. Wir hier kennen auch die klassische Form, Blutrache genannt, und genauestens beschrieben in der Literatur Islands, Norwegens, Schwedens und auch Dänemarks. Und in der sizilianischen Vendetta.

Ich glaube, dass die Rache für erlittenes Unrecht aus einer Zeit stammt, in der wir noch einzelnen Sippen angehörten. Als nicht nur die eigene Ehre ungeheuer wichtig war, sondern die Ehre der ganzen Sippe. Die musste um jeden Preis bewahrt werden. Und man ging so weit, wie die Phantasie einen trug, um altes Unrecht an der Sippe zu rächen.

Heute können wir noch in den Einwandererkulturen erleben, dass Väter ihre Töchter töten, weil sie den verkehrten Geliebten haben. […] Es ist nicht nur die eigene Ehre, die er zu verteidigen hat, sondern die einer großen Gruppe. Das ist der Grund, warum Rache ein so starkes Motiv ist und in einer modernen Gesellschaft immer noch existiert.“ (178f; im Original keine Hervorhebung)

4. Der Schriftsteller als a man of resistance

[Siehe Aspekt 1.1]

„Ich sehe die Künstler als Teil einer Art Widerstandsbewegung an. Das ist notwendig, denn ich glaube, wir sind uns einig darüber, dass wir in einer schrecklichen, schrecklichen Welt leben. Einigen Menschen fehlt es an nichts, aber die meisten, die Massen, sind immer noch arm und unterdrückt.“ (96)

[Vgl. Albert Camus: Der Mensch in der Revolte]

„Ich [Mankell] glaube immer noch, dass es eine vernünftige Philosophie ist, solidarisch zu denken und zu handeln. Das kommt nicht nur vom Gefühl her, das ist Vernunft.“ (103)

5. Der Schriftsteller als (spartanisch lebend) Unbehauster

„Ich [Mankell] fühle mich wie ein Nomade. Ich kann im Flieger schreiben, im Hotelzimmer, allein oder im Beisein anderer, an jedem Flecken der Erde.“ (19)

„Der seltsamste Arbeitsplatz, den ich je hatte, war in Stockholm. Ich war jung, knapp zwanzig Jahre alt, arm und hatte eine leere Wohnung gemietet. Keine Möbel, keine Beleuchtung, kein Bett. Ich schlief auf dem Fußboden und entdeckte, dass im Backofen eine kleine Birne anging, wenn man die Klappe öffnete. Dieses Licht war meine Lampe und die Backofenklappe mein Tisch. Da habe ich dann gearbeitet. (19)

6. Der Schriftsteller als sich in viele Rollen/Leben Einfühlender

„Für mich [Mankell] ist Schreiben Sinnerfüllung. Und ich verspüre eine große Freiheit dabei. Das ist der Kern der Kreativität: dass man sich verwandeln kann. Irgendjemand hat ausgerechnet, dass ich in meinen Büchern in zirka zweitausend unterschiedliche Personen geschlüpft bin.“ (20)

7. Der Schriftsteller als Philosoph, der nach Begründung/Sinn sucht

„Am Anfang meiner [Mankells] Bücher steht immer eine Frage, die ich [Mankell] an mich selbst richte: Wie kann es sein, dass …? Ich denke darüber nach, untersuche das Problem, und am Ende weiß ich Bescheid. Wenn ich alles weiß, beginne ich zu schreiben. Manchmal schreibe ich den Schluss zuerst, manchmal den Mittelteil, und ein andermal gehe ich chronologisch vor.“ (20)

[wie u.a. Kafka im Prozess]

„Ich [Mankell] treffe umfangreiche Vorbereitungen, bevor ich anfange. Wenn ich einmal in Gang gekommen bin, kann ich normalerweise sagen: >Dieses Buch wird 510 Seiten lang.< Ich weiß alles über die Geschichte, kenne den Verlauf, die Details und den Aufbau. Die wichtigste Arbeit ist getan, wenn ich die ersten Zeilen schreibe.“ (212)

„das Vergangene, die Vergangenheit [… muss] immer präsent sein […], um die Gegenwart zu verstehen. Das ist die Rückspiegelphilosophie: Um sicher zu fahren, muss man immer wieder in den Rückspiegel schauen. Wenn Afrikaner beispielsweise gezwungen waren, ihr Dorf zu verlassen, exhumierten sie ihre verstorbenen Angehörigen, nahmen die Knochen mit und begruben sie an ihrem neuen Ort. Ein klares Symbol.“ (126)

„Die Handlungen entlarven die Haltungen. Das ist meine [Mankells] Hauptthese.“ (59)

8. Fiktion und Realität

„Schreiben ist ein rationales Handwerk“. (53)

„Ich [Mankell] habe die Probleme anderer miterlebt, ihre Gespräche aufmerksam verfolgt. Ich notierte und registriere, was um mich herum abläuft.“ (53)

[vgl. Peter Drucker: Genaues Beobachten als by-stander ist der Anfang von allem…]

“Fiktion bedeutet, etwas niederzuschreiben, was passiert sein könnte, aber nicht passiert sein muss.” (11)

„Eine fiktive Figur kann einem Leser also genauso lebendig entgegentreten wie der Schriftsteller, der sie geschaffen hat.“ (220)

„Man ist immer an zwei Orten zugleich. Man ist in der Geschichte, und man befindet sich außerhalb der Geschichte. Gleichzeitig.“ (53)

„Ich [Mankell] bin immer auf Landschaften aus, ich bin fasziniert von ihnen und von dem, wie sie auf Menschen einwirken.“ (25) Doch „Romane [sind] keine Landkarten [;…] es [gibt] einen Unterschied […] zwischen dokumentarischem Realismus und Fiktion.“ (32)

„Der kreative Prozess besteht darin, die Existenz zweier verschiedener Welten gleichzeitig zu beherrschen. Sagen wir mal, ich [Mankell] sitze in meinem Arbeitszimmer und beschreibe Wallanders Küche! Bei diesem Vorgang existieren beide Räume parallel in meinem Kopf, lebendig und sichtbar.“ (54) „Ich kann sogar in drei, vier, fünf Räume, Landschaften oder Situationen gleichzeitig abtauchen.“ (54)

„Ich [Mankell] wollte die Welt ohne diesen europäischen egozentrischen Filter sehen. Und um eine lange Geschichte kurz zu machen: Aus demselben Grund fahre ich immer wieder nach Mosambik. So bewahre ich mir die doppelte Perspektive. Ich denke dabei an einen Maler, der an seiner Staffelei dicht vor der Leinwand steht und immer wieder zurücktreten muss, um das Motiv zu erkennen.“ (132; im Original keine Hervorhebung)

9. Über die Kurt Wallander-Krimis

Ich, Mankell, „habe […] seit den Neunzigerjahren eine Serie sozial- und gesellschaftskritischer Kriminalromane mit Kommissar Kurt Wallander geschrieben“. (31)

„die Wallander-Bücher […] waren für mich [Mankell] lediglich der Ausgangspunkt, um auf den beginnenden Rassismus in Schweden aufmerksam zu machen. Ich möchte ein Geschichtenerzähler sein. Und ich bin sehr froh darüber, dass ich für meine übrigen Romane fast genauso viele Leser habe ich für die Wallander-Bücher.“ (211)

„Wie gesagt, soll nicht ich [Mankell] fühlen, wie Kurt Wallander fühlt, sondern der Leser soll es nachempfinden können.“ (53)

„Kurt Wallander wird – falls Mankell sich richtig erinnert – am 20. Mai 1989 »geboren«, nachdem sein Schöpfer beim Blättern im Telefonbuch auf diesen Namen gestoßen war.“ (35)

„Kurt Wallander und ich [Mankell] gleichen uns nur in drei Punkten: Wir sind ungefähr gleich alt, lieben beide die italienische Oper und verbringen unglaublich viel Zeit mit unserer Arbeit. Abgesehen davon sind wir sehr unterschiedlich. Ich glaube nicht einmal, dass wir, wenn er tatsächlich existieren würde, Freunde wären.“ (39)

„Ich [Mankell] habe Kurt Wallander als einen Menschen gestaltet, der Frauen nicht besonders gut behandelt. Er ist verhaftet in einem altmodischen, traditionellen Frauenklischee, und das ist mir fremd. Sowohl als Mann als auch als Mensch. Ich mag auch nicht, wie er sich vernachlässigt. Er isst zu fett und zu viel. Und nicht selten trinkt er zu viel.“ (40)

„Wallander ist ein sehr leidenschaftlicher Mann. Er liebt immer noch seine ehemalige Frau und hat deshalb Probleme mit anderen Frauen. Er vergleicht sie mit Mona. Erst als er begreift, dass die Ehe beendet ist und nie wieder aufgenommen werden kann, ist er imstande, ein Verhältnis mit einer anderen Frau einzugehen.“ (211)

„Ich [Mankell] glaube, dass Wallander menschlich wirkt, weil er so widersprüchlich ist. (41)

„Was mich [Mankell] aber am meisten interessiert, ist, wie die Gesellschaft auf ihn [Wallander] einwirkt; denn sein Beruf als Polizist bringt es mit sich, dass er sich da auffällt, wo die gesellschaftlichen Extreme am stärksten aufeinanderprallen. […] Wie konnte er zu dem Menschen werden, der ist?“ (41)

„ich [Mankell] habe ihm Diabetes dazugegeben, um ihn [Wallander] zu entheroisieren.“ (43)

„Im Gegensatz dazu haben wir nun den Vater [Wallanders], der sich gegen jegliche Veränderung stemmt. Seine Welt steht still und soll immer gleich bleiben, Tag für Tag. […] Wallander und sein Vater repräsentieren also zwei verschiedene Weltsichten. Ich [Mankell] habe sie bewusst einander gegenübergestellt.“ (49)

Das letzte Wallander-Buch ist „eine Geschichte, die von Wallander selbst handelte. In der er nicht Objekt im Verhältnis zu anderen Objekten ist, sondern sowohl Subjekt als auch Objekt. Und so entstand Der Feind im Schatten.“ (50)

„Im Februar 2007 beging die junge schwedische Schauspielerin Johanna Sällström, die die Linda in der schwedischen Fernsehverfilmung gespielt hat, Selbstmord, gleich nachdem Vor dem Frost abgedreht war. Linda Wallander war da als neue Hauptperson eingeführt worden. Danach wolltest du [Mankell] nicht mehr über Linda schreiben, die du, wohl gemerkt, mit einem Selbstmordversuch ausgestattet hattest.“

Mankell: „Als ich das von Johanna hörte, habe ich gedacht: Nein, verdammt nochmal, ich kann das nicht einfach fortführen. Und ich habe dann auch keine Wallander-Bücher mehr geschrieben, wenn man von der Feind im Schatten als Abschluss der Serie absieht.“ (51; Fettdruck im Original nicht hervorgehoben)

10. Über Kinder: Als Leser und Künstler

„Ja, ich [Mankell] schreibe viel über Kinder. Ich war selbst ein einsames Kind und bin immer noch ein einsames Kind. Ich bin gern allein“. (76)

Ich, Mankell, „betone […] immer, dass der wahre Künstler im Kind zu finden ist. Als Kind hat man ein vollständiges, uneingeschränktes Vertrauen zur Einbildungskraft, zur Phantasie.“ (81) „Wenn man sich später im Leben in der einen oder anderen Form künstlerisch betätigen will, muss man zu dem Kind in sich zurückfinden. Zu diesem Zutrauen, dem Schlüssel eines jeden kreativen Prozesses.“ (82) „ich glaube, dass das Kind der wahre Künstler ist. In diesem Abschnitt unseres Lebens gibt es keinen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Phantasie.“ (92)

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Nachtrag zur Verhaftung von Can Dündar und Erdem Gül

Frog1(Halil Gülbeyaz, Das Ende der Pressefreiheit – Türkei verhaftet Top-Journalisten, ttt, 6.12.2015)

(Knut Rauchfuss, Private Killer im Regierungsauftrag, Zusammenarbeit von Staat und Organisiertem Verbrechen in der Türkei, 15.4.2003)

(Luise Sammann, Türkische Regierungskritiker fühlen sich von EU verraten, Deutschlandfunk, 18.12.2015)

(Thomas Seibert, Hier renoviert die Mafia, Der Tagesspiegel, 28.8.2004)

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Die ttt-Moderatorin verkündet: „Die EU bezahlt die Türkei, damit die Flüchtlinge dort bleiben und drückt gegenüber der Politik Erdoğans die Augen zu.“

In der Tat: Das Hofieren Erdoğans ist die größte, EU-weite Verarsche, die derzeit vor unser aller Augen, in aller Öffentlichkeit abläuft, inszeniert wird. Politik: Ein allseits schmutziges Geschäft. Und alle Kontrollgremien ducken sich weg. Keiner, der die Macht dazu hätte, gebietet Einhalt. Das ist das Ende der EU als „Wertegemeinschaft“.

Die Verhaftung auf Wusch des Staatspräsidenten

Anlass des ttt-Berichts ist die Verhaftung des Cumhuriyet-Chefredakteurs Can Dündar und seines Mitarbeiters Erdem Gül, des Leiters des Cumhuriyet-Büros in Ankara, am 26.11.2015. Seine Nelkenhochzeit verbrachte Dündar im Gefängnis.

Halil Gülbeyaz schrieb den Text zum ttt-Beitrag (als Video verfügbar bis zum 6. 6.2016). In keinem andern deutschsprachigen Bericht wurden die Hintergründe der Untersuchungshaft so detailliert entfaltet. Hier einige Auszüge:

„Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan persönlich ließ Strafanzeige gegen das Blatt [Cumhuriyet] und seinen Chefredakteur Dündar stellen, nachdem „Cumhuriyet“ Ende Mai Fotos und ein Video veröffentlicht hatte, die eine Beteiligung des türkischen Geheimdienstes an Waffenlieferungen an Islamisten in Syrien nahelegen.

Daraufhin drohte Erdogan im TRT [1]-Fernsehen [am 31.5.2015], die Journalisten würden einen hohen Preis für die Veröffentlichung bezahlen und nicht ungestraft davonkommen.“

Wie im Putin-, so auch im Erdoğan-Reich. Doch für Putin gibt‘s Sanktionen, für Erdoğan Milliarden-Geschenke… Das ist ausgleichende EU-Gerechtigkeit: Was man dem ach so bösen Putin nimmt, muss man dem ach so lieben Erdoğan geben. Das hat er sich verdient…

Jetzt, nach der Wahl, in der die AKP die absolute Mehrheit errang (wobei in einem Wahlbezirk schon mal mehr Stimmen für die AKP gezählt wurden als überhaupt Stimmen abgegeben wurden; aber sonst ging wirklich alles mit rechten Dingen zu…) scheint Erdoğan der Tag der Rache günstig…

Grund der Verhaftung:

„Schon im Januar 2014 wurden drei Lkw nahe der syrisch-türkischen Grenze angehalten, beladen angeblich mit Babynahrung für Kriegsopfer. Wie zynisch. Denn bei der Durchsuchung entdeckten Sicherheitskräfte Kriegsmaterial für Islamisten: Hunderte von Raketen und Granaten. Hatte jemand den Kontrolleuren einen Tipp gegeben? Die Begleiter der Fracht, die festgenommen wurden, waren nicht irgendwelche Leute, sondern türkische Geheimdienstler.“

Der Bezug zu den Grauen Wölfen

Das weckt doch Erinnerungen an den Verkehrsunfall nahe Susurluk (in der Provinz Balıkesir, im Westen der Türkei) am 3.11.1996, gegen 19.30 Uhr. Im (selben) Unfallwagen (Mercedes 600) – unterwegs nach Istanbul – verstarben damals Hüseyin Kocadağ, der stellvertretende Polizeipräsident von Istanbul, Abdullah Çatlı, ein führendes Mitglied der Grauen Wölfe und steckbrieflich gesuchter Drogenhändler und Mörder sowie dessen Geliebte, die ehemalige Schönheitskönigin Gonca Us; Sedat Edip Bucak, Parlamentsabgeordneter der DYP, Großgrundbesitzer und Führer von mehreren Dorfschützereinheiten (gegen die PKK), überlebte schwerverletzt… Tja, wenn es gegen die böse, böse PKK geht, war man sich schon immer einig…

Doch zurück zur Jetzt-Zeit.

„“Präsident Erdogan wollte die Macht nicht teilen“, sagt Aydin Engin von der Tageszeitung „Cumhuriyet“. „Er hat sich Feinde gemacht, indem er alte Weggefährten abservierte. Die haben das Filmmaterial vom Waffentransport allen Medien zugespielt und wollten so einen Gegenangriff auf Erdogan starten. Aber nur die Tageszeitung Cumhuriyet war so mutig, dieser Story nachzugehen, ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen und sie zu veröffentlichen. Alle anderen Medien bekamen es mit der Angst zu tun.“

„Inzwischen sitzt [sic] nicht nur er [Dündar], sondern auch jene Sicherheitskräfte und Staatsanwälte in Haft, die die Kontrolle der Lkw angeordnet und durchgeführt hatten: wegen Spionage.“

„Es ist ein Skandal, dass der Präsident des Landes hier als Mitkläger auftritt“, sagt der Anwalt von Cumhuriyet, Tora Pekin. „Es gibt einen Gesetzesartikel, der das verbietet. Er besagt, dass niemand der Justiz Anweisungen, nicht einmal Ratschläge erteilen darf. Der Präsident hat aber gesagt: ‚Dündar wird zur Rechenschaft gezogen.‘ Somit hat er den Richtern und Staatsanwälten schon die Richtung vorgegeben. Das ist ein weiteres Zeichen dafür, dass das Land leider ganz schlimmen Zeiten entgegen geht.“

Der Tiefe Staat (derin devlet) feiert fröhliche Urständ

„Der Abgeordnete von der Oppositionspartei CHP Eren Erdem hat mehrere Dossiers über den sogenannten „Islamischen Staat“ und dessen Beziehung zur Türkei erarbeitet. Seine Entdeckungen sind alarmierend: „Eindeutiger geht es nicht. Ein Journalist muss ins Gefängnis, weil er seine Arbeit macht. Aber einen Islamisten, der auf Abhörprotokollen sogar ein Selbstmordattentat auf einer Friedensdemo der Opposition ankündigt, [gemeint ist der Anschlag in Ankara am 10.10.2015] den lässt man machen. Dann sagt unser Ministerpräsident, solange er sich nicht in die Luft gesprengt hätte, sei er ja unschuldig gewesen. Hier sehen wir, dass der Staat gegenüber dem IS sehr tolerant ist, ihn sogar beschützt.““

Einen Tag vor dem Anschlag in Ankara sprach Sedat Peker, ein den Grauen Wölfen nahestehender, verurteilter Mafiosi als Unterstützer Erdoğans auf einer AKP-Veranstaltung in Rize, der Stadt, aus der Erdoğan zufolge seine Familie stammen soll, die prophetischen Worte: „oluk oluk kan akacak“: Blut wird fließen in Strömen… (‘Oluk oluk kan akacak’)

Glauben Sie an Zufälle? Cumhuriyet und andere türkische oppositionelle Medien taten es nicht. (Deutsche Medien hingegen ignorierten das Vorkommnis unisono…)

Luise Sammann lässt in ihrem Beitrag Dilek Dündar, Can Dündars Ehefrau zu Wort kommen. Sie sagt:

„Wir haben die Verhaftung eigentlich erwartet.“ […] „Seit dem letzten AKP-Wahlsieg wussten wir, dass es jederzeit so weit sein kann. Schließlich hat der Präsident ihn öffentlich bedroht. Und in den Erdogan-nahen Medien stand damals, die CIA erledige Leute wie Can normalerweise durch einen plötzlichen Autounfall‘! Die Frage war also: Werden sie ihn umbringen oder nur verhaften. Wir lebten in ständiger Angst.“

Dass die Todesbedrohung durchaus real ist, zeigt die Ermordung von Uğur Mumcu, eines Cumhuriyet-Redakteurs, der mittels Autobombe (mit C4-Sprengstoff) in der Nähe seiner Wohnung am 24.1.1993 in die Luft gejagt wurde. Verantwortlich hierfür sei, nach Ansicht von Knut Rauchfuss, Alaattin Çakici, einer der bekanntesten Mafiakiller der Türkei, der früher – Sie ahnen es – für die Grauen Wölfe aktiv war. (Er wurde am 17.8.1998 im Ausland verhaftet.)

Einige unschöne Details hierzu hat Thomas Seibert:

„Ein berüchtigter Ganove lässt das Sommerhaus eines ranghohen Richters renovieren. Ein Spitzenbeamter des Geheimdienstes bittet denselben Richter, das Verfahren gegen den Ganoven in die Länge zu ziehen. Die Polizei hört alle Telefonate ab, lässt den Verbrecher aber trotzdem ins Ausland entkommen. [Susurluk lässt grüßen…] Was sich anhört wie ein schlechter Krimi, beschäftigt in der Türkei Staatsanwalt, Presse und Politik. Der Präsident des obersten Berufungsgerichts in Ankara, Eraslan Özkaya, steht im Zentrum eines Justizskandals, der die Grundfesten des türkischen Staates erschüttert.“

Und – wie könnte es anders sein – auch der Geheimdienst macht mit:

„Unterdessen bat ein ebenfalls wegen seiner Nähe zum Gangsterboss ins Gerede gekommener Spitzenmann des türkischen Geheimdienstes MIT den Richter, die Entscheidung im Fall des Mafioso aufzuschieben.“

Für den Mord an Mumcu verurteilt freilich wurden Islamisten der (realen oder nur fiktiven?) Organisationen Kudüs Ordusu (Armee von Jerusalem) und Tevhid-i Selam, die sich nicht rechtzeitig wegducken konnten. – Übrigens: Auch dem Schriftsteller Doğan Akhanlı wurde die Mitgliedschaft in einer Partei angedichtet, von der er zuvor nie gehört hatte… – Auf die Islamisten aufmerksam geworden sei man bei einer Hausdurchsuchung von Hüseyin Velioğlu, des Führers der kurdischen Hizbullah, im Januar 2000. Der Bereitschaft zu gestehen wurde jedoch durch Folter ein wenig nachgeholfen, so dass nicht klar ist, ob die Verurteilten wirklich schuldig sind…

Fazit:

Das spricht doch wohl alles für eine Mitgliedschaft der Türkei in der EU, oder?

Was für vortrefflich integre Freunde Sie doch haben, Frau Merkel… Glückwunsch!

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